KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2010
über Horst Groschopp (Hrsg.):
Humanistische Bestattungskultur
Isolde Dietrich
Asche und Diamant
Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2010. 180 S., ISBN 978-3-86569-058-6
Benjamin Franklin (1706-1790) verfügte in seinem Testament: „Meinen Leib ordne ich zu begraben mit so wenig Unkosten und Ceremonien als möglich ist.“ Wird heute ein Verstorbener nach dieser puritanischen Maxime beigesetzt, so ist schnell vom Niedergang der Bestattungskultur, von Werteverfall, gar von „Sozialverscharre“ die Rede. Ein erstaunliches Urteil, etliche Jahrhunderte nach der Aufklärung.

Dabei gerät in den Hintergrund, dass weniger die gewählte Bestattungsart oder der dabei betriebene Aufwand Aufschluß geben über einen würdevollen Abschied, als vielmehr die Verständigung der Zurückbleibenden über den Toten. Was wird vermisst, wenn es sie oder ihn nicht mehr gibt? Wie werden sie erinnert, welcher Platz wird ihnen in der kleinen und großen Welt, in der Abfolge der Geschlechter zugeschrieben? Insofern weist solch eine endgültige Trennung immer über den Verstorbenen hinaus – nach Auffassung der Humanisten nicht ins Jenseits, sondern ins Gedächtnis der Angehörigen, Freunde, Weggefährten, möglicherweise auch künftiger Generationen. Die Art der Bestattung kann ein Zeichen der Wertschätzung sein, muß es aber nicht, da Erinnerung nicht zwangsläufig an solche Äußerlichkeiten gebunden ist.

Die Bestattungskultur der Deutschen ist im Umbruch begriffen. Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie in der Hauptstadt Berlin, die auch in diesem Bereich Trendsetter sein dürfte. In Berlin werden 80 % aller Verstorbenen verbrannt und über 40 % anonym beigesetzt. In mehr als 10 % aller Fälle handelt es sich um sogenannte Sozialbestattungen, also um Armenbegräbnisse, bei denen die Kommune die Kosten trägt.

In der Hauptstadt der "Gottlosen" wird die übergroße Mehrheit der Toten weltlich bestattet. 23 % der Berliner sind evangelische Christen, 9 % Katholiken und 8 % Mitglieder der islamischen Gemeinde. 60 % der Einwohner fühlen sich keiner der genannten Konfessionen zugehörig, damit auch nicht deren Beisetzungsformen und Trauerritualen verpflichtet. Aber welchen dann?

Über Jahrhunderte haben in Deutschland Angehörige und Geistliche die Beerdigung Verstorbener unter sich geregelt. Vor 200 Jahren setzte mit dem Entstehen kommunaler Friedhöfe und eines gewerblichen Bestattungswesens eine zunehmende Säkularisierung ein. Bei allen regionalen Unterschieden gibt die christliche Kirche auf diesem Gebiet inzwischen nicht mehr den Takt vor. Allerdings haben sich auch keine neuen konfessionsübergreifenden bzw. religionsfernen Formen dauerhaft etabliert. Das wird besonders sichtbar, wenn in Katastrophenfällen – etwa nach Flugzeugabstürzen, Bahnunglücken oder Amokläufen – der Getöteten öffentlich gedacht werden soll. In der Regel wird dann auf einen ökumenischen Gottesdienst zurückgegriffen, weil keine anderen Ausdrucksformen zur Verfügung stehen. Auch Notfallseelsorger sind nach wie vor meist Mitarbeiter der Kirchen. Die Klagen sowohl über solcherart „Eingemeindung“ von Atheisten wie über einen vermeintlichen Sittenverfall im Umgang mit Verstorbenen, über eine angeblich sich ausbreitende Entsorgungsmentalität machen deutlich, dass eine gesellschaftliche Verständigung über „die letzten Dinge“ offenbar Not tut.

Vor diesem Hintergrund hat die Humanistische Akademie Deutschlands im Sommer 2009 eine Tagung zum Thema „Humanistische Bestattungskultur – Geschichte und Perspektiven weltlichen Abschiednehmens“ durchgeführt. Die Beiträge der Veranstaltung sowie weitere einschlägige Texte sind im vorliegenden Band veröffentlicht worden.

Bestattungskultur

Reiner Sörries referierte über die Zukunft deutscher Friedhöfe zwischen Säkularisierung, Wertorientierung und Kommerzialisierung. Er konstatierte, dass Friedhöfe heute keine „heiligen“ Orte mehr seien, sondern dass hier die Gesetze des Marktes ebenso gelten würden wie im übrigen Leben. Der Bestattungsmarkt mit einem Jahresvolumen von 18 Milliarden Euro sei einerseits Schauplatz härtester Konkurrenzkämpfe und mitunter auch übler Geschäftemacherei. (Über 4000 Beerdigungsunternehmen stehen bereit, die 2300 täglich eintretenden Sterbefälle zu regeln.) Andererseits sei dieser Markt mit seiner Flexibilität und mit seiner eindeutigen Kundenorientierung zugleich der Garant dafür, dass jeder die von ihm gewünschte Form der Verabschiedung finde, sofern er sie bezahlen könne. Dabei werde Spiritualität vom Kommerz nicht verdrängt, sondern im Gegenteil als wunderbare Marketingstrategie genutzt.

Hubert Cancik sprach über die reich differenzierte Bestattungskultur der griechischen und römischen Antike sowie über deren Rezeption in der Neuzeit. Humanistische Grundzüge im Menschenbild, in den Todesvorstellungen und Begräbnissitten der Antike seien durch das Christentum teilweise entsäkularisiert worden. Es lohne daher, heute wieder an ihre ursprüngliche Form anzuknüpfen.

Hartmut Kreß verortete die Bestattungskultur im Kontext des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus der Gegenwart, plädierte dabei für gesellschaftliche Toleranz und persönliches Selbstbestimmungsrecht als ethische Maßstäbe. Am Beispiel der Feuerbestattung machte er sichtbar, wie durch gesellschaftliche Realitäten und staatliche Normierungen Kulturkämpfe überwunden wurden und wie diese Bestattungsform inzwischen auch von den christlichen Kirchen hingenommen wird. Vergleichbaren Respekt mahnte Kreß gegenüber der Erdbestattung ohne Sarg (nach muslimischer Tradition) und gegenüber der anonymen Bestattung an.

Jane Redlin betrachtete weltliche Bestattungskulturen aus ethnologischer Sicht. Sie untersuchte dabei besonders den Stellenwert von Symbolen und Ritualen. Im Unterschied zu religiösen Bestattungskulturen hätte sich im weltlichen Bereich keine übergreifende kulturelle Trägerschaft etablieren können, die Rituale für private Totenfeiern ausgebildet und tradiert hätte. In der DDR wäre dies dem Bestattungs- und Friedhofswesen überlassen geblieben, das im Interesse rationeller Betriebsabläufe bzw. aus wirtschaftlichen Erwägungen zunehmend die Feuerbestattung und die sogenannte Einfachfeier an der Urne favorisiert hätte. Die Beisetzung in einer Urnengemeinschaftsanlage, die sogenannte „stille Feier“ ohne Trauerrede bzw. Musik und schließlich das feierlose Bestatten der sterblichen Überreste „auf der grünen Wiese“ allein durch das Friedhofspersonal – in Abwesenheit persönlich nahestehender Menschen – wären weitere Schritte in diese Richtung gewesen. Man mag mit der Autorin bedauern, dass dadurch das Kreieren neuer, innovativer Ritualformen ausgeblieben ist. Man kann aber auch der Ansicht sein, dass solcherart Minimalismus den Franklinschen Vorstellungen nahe kam und durchaus dem Selbstverständnis aufgeklärter Geister entsprechen konnte.

Norbert Fischer gab einen kurzen Abriß der Geschichte weltlicher Bestattungskultur, berichtete dabei von Krematisten, Sozialisten und anderen. Er stellte dar, wie die im 19. Jahrhundert wiederentdeckte und dann als dezidiert anti-christlich begriffene Feuerbestattung aus weltanschaulichen, sozialen und wirtschaftlichen Gründen - unter dem Einfluß der Arbeiterbewegung – in die Gründung eines großen Volks-Feuerbestattungsvereins mündete und wie spezielle Friedhöfe zu Orten weltlicher Trauerkultur wurden.

Stephan Hadraschek ging „neuen Bestattungsformen“ in unserer Gesellschaft nach.
Er konstatierte, dass sich immer weniger Menschen auf einem „normalen“ Friedhof beerdigen lassen wollten und der Trend zu alternativen Bestattungsformen zu gehen scheine. „Exotische“ Möglichkeiten spielten zwar in den Medien eine große Rolle, seien aber – schon auf Grund ihres Preises – absolute Ausnahme- und Randphänomene. Die meisten von ihnen wären in Deutschland noch nicht zugelassen, im Zuge des internationalen Bestattungstourismus aber bereits möglich. Man könne Asche von Verstorbenen in den Weltraum transportieren lassen oder – zum Diamanten gepresst – als Schmuckstück tragen. Beerdigungsunternehmen bieten an, die Asche im Wasser, in der Luft, im Lavastrom eines Vulkans, auf gewaltigen Gletschern oder in stillen Bergtälern auszubringen. Verbreiteter und kostengünstiger sei es, sie auf speziellen Plätzen in einem öffentlichen Friedhof auszustreuen oder in sogenannten Friedwäldern beizusetzen.
Andere Verfahren würden vor allem aus ökologischen Gründen propagiert. So ließen sich tote Körper durch Gefriertrocknung in ein Granulat und anschließend in Humus verwandeln bzw. unter Zusatz von heißen Laugen organisch abbauen und in die Kanalisation entsorgen. Ob derlei Prozeduren, die aus der Tierkörperbeseitigung bekannt sind bzw. Mafiamethoden ähneln, eine Perspektive haben, ist offen. Schließlich war die Feuerbestattung nicht zuletzt wegen der Erinnerung an die Hexenverbrennungen einst ebenso geächtet.

Joachim Kahl versuchte, durch philosophische Überlegungen eine weltlich-humanistische Bestattungs- und Trauerkultur zu begründen. Dabei konzentrierte er sich auf rhetorische Metaphern und Denkfiguren, die von Philosophen vorgegeben wurden und von Trauerrednern als geistiges Erbe angesehen werden könnten.

Andrea Richau wandte sich mit Vorschlägen für eine spezielle Sterbe- und Abschiedskultur an Pflegekräfte in Altenheimen. Dieser Beitrag enthält viele gutgemeinte Anregungen. Offen bleibt allerdings zweierlei: Einmal die Frage, ob eine derart innige Kultivierung des Abschieds durch die Pflegekräfte überhaupt erstrebenswert oder ob die sachliche Distanz das angemessenere Verhalten wäre. Zum anderen die Frage, was davon angesichts einer knappen Personalausstattung und eines äußerst rigiden Zeitregimes im Alltag des Pflegeheims realisiert werden könnte.

Andreas Henschel benannte Voraussetzungen einer humanistischen Trauerkultur. In den Mittelpunkt seiner Überlegungen rückte er dabei die Trauerfeier, die gemäß dem humanistischen Menschenbild ganz dem Irdischen gewidmet sein sollte. Nach Meinung des Autors besteht deren Sinn darin, „den verstorbenen Menschen und dessen einmaliges, unverwechselbares Leben noch einmal aufleben zu lassen, die Erinnerung an ihn im Herzen zu bewahren und darin Trost zu finden, dass man ihn kannte, von ihm lernte, ein Stück des Lebensweges gemeinsam mit ihm gehen konnte. So wird in der Feier auf die Spuren verwiesen, die der Verstorbene vermutlich in den Weiterlebenden hinterlässt“ (S. 127).
Ferner gehörten zu den Voraussetzungen „liberale, von überholten religiösen Vorbehalten und Bevormundungen befreite gesetzliche und kommunale Vorgaben in den Friedhofs- und Bestattungssatzungen und Gesetzen“, darunter die Aufhebung des Friedhofszwanges für Urnen. Außerdem sei – analog zur kirchlichen Praxis - eine staatlich geförderte wissenschaftliche Begleitung erforderlich, um Leitlinien einer humanistischen Trauerkultur zu erarbeiten und ihnen eine theoretische Fundierung zu geben.

Jürgen Springfeld skizzierte Anforderungen an humanistische Trauerredner und Trauerrednerinnen. Ausgehend von den Ausbildungsinhalten der Sprecherlehrgänge des Humanistischen Verbandes NRW stellte der Autor die Standesregeln für humanistische Sprecher vor. Dieser Kodex liege allen Arbeitsvereinbarungen zugrunde.

Regina Malskies ging auf den Humanistischen Bestattungshain auf dem Waldfriedhof Berlin-Zehlendorf ein. Seit 2007 verfüge der Humanistische Verband Berlin dort über ein eigenes Areal, auf dem etwa 2000 anonyme Urnenbestattungen von Mitgliedern und ihnen nahe stehenden Personen möglich würden.

Der Herausgeber Horst Groschopp versuchte in einem Abschlußbeitrag, sich der humanistischen Bestattungskultur in ihren verschiedenen Dimensionen anzunähern und die Ergebnisse der Tagung zusammenzufassen.

Demnach unterschieden sich humanistische Bestattungskulturen von anderen nicht nur durch ihren weltlichen Charakter, sondern zugleich dadurch, dass sie den Prinzipien von Individualität, Selbstbestimmung, Toleranz, Solidarität und Barmherzigkeit verpflichtet wären. Dabei würden zwei weltanschauliche Grundannahmen beachtet: „erstens, dass alle Menschen gleich sind als Tote; und zweitens, dass die Erklärung des Todes und der Trauer keiner Berufung auf einen Gott oder auf transzendentale Axiome bedarf“ (S. 175).

Die Tagung habe gezeigt, dass Elemente humanistischer Bestattungskultur in der Gesellschaft weit verbreitet und nicht an die Zugehörigkeit zu bestimmten Organisationen gebunden seien. Der Humanistische Verband Deutschlands könne hierfür zwar in bescheidenem Umfang auch eigene Angebote machen. Die Arbeit mit Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen, die Schulung spezieller Sprecher für Trauerfeiern oder auch das Bereitstellen eines verbandseigenen Urnenfeldes auf einem städtischen Friedhof seien Beispiele dafür. Viel wichtiger sei es, den Wandel der Bestattungskultur in seiner ganzen Breite aufmerksam zu verfolgen und in gesellschaftlichen Debatten humanistische Positionen zu vertreten. Das beträfe etwa die Liberalisierung des Bestattungsrechts, die Diskussion um Standards einer Ordnungsbehördlichen bzw. Sozialbestattung, um die Ausgestaltung öffentlichen Totengedenkens wie um die Zukunft der Friedhöfe als kulturelle Einrichtungen.

Im Übrigen sei auf die Kraft des Faktischen zu verweisen. Wenn sich Kirchen der Feuerbestattung nicht mehr verschließen und auf ihren Friedhöfen auch anonyme Beisetzungen zulassen, wenn Beerdigungsunternehmen weltliche Bestattungen nach humanistischen Prinzipien ausrichten, wenn Pfarrer selbst aus der Kirche Ausgetretene bestatten, dabei nur noch die Rolle des Zeremonienmeisters übernehmen und von den Angehörigen verfasste, rein weltliche Trauerreden verlesen – dann ist das nicht das Ergebnis atheistischer Propaganda. Es zeigt nur an, dass sich die deutsche Gesellschaft insgesamt gewandelt hat. Horst Groschopp erwähnte an anderer Stelle den Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr. Da dort die Mannschaftsdienstgrade und damit auch die in Kampfhandlungen Getöteten überproportional aus dem gottlosen Ostdeutschland kommen, musste das herkömmliche Ritual der Totenehrung geändert werden. Selbst Militärseelsorger stünden vor völlig neuen Aufgaben, wenn sie das christliche Menschenbild nicht mehr als selbstverständlich voraussetzen können. Vielleicht macht dieses Beispiel Schule, so dass künftig in öffentlichen Trauerbekundungen mehr Abstand zu religiösen Deutungen gehalten wird.