KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
RezensionKulturation 1/2010
über
Dian Hanson (Hrsg.):
The Big Butt Book.
The Dawning of the Age of Ass.
Volker Gransow
Big Butt - oder Big Sister?
Das moderne weibliche Hinterteil im Bildband
Köln / Berlin / Los Angeles: Taschen Verlag Klaus Wagenbach, 2010,
Hardcover, 30 x 30 cm, 372 Seiten, ISBN: 978-3-8365-1115-5€ 39.99 - mehrsprachige Ausgabe.
Der Taschen Verlag ist in seinen Marktsegmenten einer der erfolgreichsten Verlage nicht nur im Stammland Deutschland, sondern auch international. Das hängt wohl mit den aufwändig produzierten Büchern zusammen, bei denen der (mehrsprachige) Text sicher nicht unwichtig ist, aber gewiß nicht so bedeutend wie die oft farbigen Illustrationen. Das Verlagsprogramm umfasst u.a. Architektur, Design, Film, Fotografie, Kunst, Mode, Lifestyle. Und auch eine Sparte namens “Sexy Bücher” mit Dauersellern wie “Erotische Kunst des 20. Jahrhunderts”. Zunehmend finden sich im Verlagsprogramm neben preiswerten Klassikern des jeweiligen Genres auch manchmal sehr teure großformatige Bildbände, die sogenannten “Coffee Table Books”. Das hat sich nicht dadurch geändert, dass Angelika Taschen sich inzwischen von ihrem Mann und Mitverleger Benedikt Taschen nicht nur privat, sondern auch beruflich getrennt hat und nunmehr mit dem Berliner Kunstbunker - Galeristen Christian Boros gemeinsam den vom Programm her nicht völlig unähnlichen “Distanz Verlag” betreibt. Immerhin ist statt Frau Taschen mit Klaus Wagenbach ein renommierter Kleinverleger neuer Taschen - Partner geworden.

Zum Markterfolg haben die “Sexy Books” vermutlich entscheidend beigetragen. Dazu gehört auch eine Serie über Körperteile mit bisher drei Titeln: “The Big Book of Breasts”, “The Big Book of Legs” und “The Big Penis Book”. Jetzt kommt mit dem “Big Butt” der Hintern dazu.

Die Herausgeberin Dian Hanson beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Fetisch - Sex und sieht sich selbst als Kennerin männlicher (nicht unbedingt weiblicher) Sexualität. Ihr neuester Bildband beeindruckt zunächst quantitativ: über 400 oft farbige Abbildungen, Großformat 310 x 314 x 37 mm, 3130 Gramm Gewicht - “gefühlte 15 kg”, wie das Berliner Stadtmagazin “tip” spottete. Und das bei einem Preis von 39,90 €.

Buffy

Wie aber ist es qualitativ? Einer Einleitung folgen chronologisch strukturierte Kapitel. Obwohl Material aus dem gesamten zwanzigsten Jahrhundert ausgewertet wurde, stehen die vierziger / fünfziger Jahre am Anfang. Dann kommt ein eigener Abschnitt für die besonders ergiebigen sechziger Jahre. Anschließend geht es um die Zeit von 1970 bis 1990. Beendet wird das Buch mit einem Kapitel “2001. An Ass Odyssey”. Es sind viele der bekanntesten Erotik-Fotografen des vorigen Säkulums vertreten, darunter Elmer Batters, Ellen von Unwerth, Jean-Paul Goude, Ralph Gibson, Richard Kern, Jan Saudek, Ed Fox, Terry Richardson sowie Sante d’Orazio. Fotomodelle mit kleinem Po wie Pamela Anderson sind ebenso repräsentiert wie Serena Williams mit ihrem voluminösen Hinterteil. Dazu kommen Zeichnungen von Eric Stanton u.v.a.m. Es gibt Interviews mit Autoren wie dem aus einschlägigen Porno-Filmen bekannten John Stagliano (“Buttman”), dem Filmemacher Tinto Brass oder dem Karikaturisten Robert Crumb. Auch Modelle sind Gesprächspartner, etwa Buffie the Body, Coco, Watermelon Woman aus Brasilien und Eve Howard, die als Spanking - Objekt zu (relativer) Prominenz kam.

Der dreisprachige Text ist parallel angeordnet, die Übersetzungen aus dem amerikanischen Englisch sind ausgezeichnet (deutsch von Egbert Baqué, Berlin; Französisch von Alice Pétillot, Paris). Quasi - kultursoziologische und kulturgeschichtliche Themen sind zwar implizit meist präsent, werden aber explizit eher gestreift (wenn überhaupt). So etwa die Frage, ob der von Busen dominierten (US -)Kultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Renaissance des Popos folgte, wofür die Kehrseite der Schauspielerin Jennifer Lopez symbolisch stehen könnte (vgl. Untertitel). Überlegungen zum Allerwertesten als “Proletariat der Körperteile” im Kontext bürgerlicher Arbeitsethik (Hans-Jürgen Döpp) oder als Symbol politischer Passivität (so schon Paul Levi) lassen sich nicht finden. Exkurse in die Kunstgeschichte sind minimal. Zwar wird Man Rays berühmte Fotostudie des eiförmigen Hinterns reproduziert, aber Pablo Picasso oder George Grosz sind so wenig vertreten wie Max Ernst oder André Masson.

Die (gerade fürs männliche Publikum) oft real von Angst und Scham besetzte Thematik wird durch Scherz, Satire, Humor, Ironie u.ä. heiter, effektvoll und vielleicht sozial sanktionsfrei präsentierbar dargeboten. Eine wesentliche Funktion des Werks ist vermutlich, eine Masturbations - Vorlage von Format zu bieten. So sehen es jedenfalls Verleger und Herausgeberin. Und sicherlich ist das Niveau dieses auf vielen Couchtischen vorstellbaren Buches sehr viel höher als das schmuddeliger Porno-Hefte oder entsprechender Sex-Seiten im Internet. Dennoch sollte angemerkt werden, dass die Konzentration auf prospektive männliche heterosexuelle Leser zu einer Dominanz des weiblichen Gesäßes führt, die zumindest Frauen und Homosexuelle nicht absolut goutieren dürften. Es gibt keine Diskussion über eine mögliche Androgynität des größten menschlichen Muskels. Nackte Männerhintern? Fehlanzeige. Die Frauenärsche wirken ubiquitär und omnipräsent, eine “totalitäre” Vision von “Big Brother” (oder vielleicht besser “Big Sister”) wie sie George Orwell in seiner Dystopie des allgegenwärtigen Big Brother in “!984" noch nicht vorgeschwebt haben dürfte. “Acknowledgements” sind wohl aus rechtlichen Gründen vorhanden, aber recht knapp und kleingedruckt. Ein Sach- und ein Personenregister fehlen wie ein Quellenverzeichnis. Der Rezensent empfiehlt die konsekutive Lektüre in Intervallen oder auch die von Stichproben, um Ermüdungserscheinungen vorzubeugen.

http://www.taschen.com/pages/de/community/video/33874.the_big_butt_book.htm