KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2010
über Werner Faulstich (Hrsg.):
Die Kultur der 50er Jahre
Dietrich Mühlberg
Die Medienkultur war der Motor des Wandels

München: Wilhelm Fink 2002, 292 S.,
Und: Ders.: Die Kultur der 60er Jahre (2003), Die Kultur der 70er Jahre (2004), Die Kul-tur der 80er Jahre (2005) und Die Kultur der 90er Jahre (2010); alle jeweils 42,90 €
Vor zehn Jahren konzipierte der Medienwissenschaftler Werner Faulstich eine in Deka-denschritten abzuarbeitende „Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts“, die der Münchener Wilhelm Fink Verlag als Reihe betreute. Um dieses umfangreiche Vorhaben zu bewältigen, organisierte er für den Lüneburger Studiengang „Angewandte Kulturwissenschaften“ Jahr für Jahr eine Ringvorlesung, deren jeweils etwa 16 Beiträge dann (mehr oder weniger überar-beitet und erweitert) den Fundus an Texten bereitstellten. Es begann mit einem Rückblick auf den die auf den kulturellen Wandel in den Gründerjahren der Bundesrepublik. Das Er-gebnis erschien 2002 unter dem Titel „Die Kultur der 50er Jahre“. Danach ist es Werner Faulstich und Mitarbeitern gelungen, die folgenden Jahrzehnte auf die gleiche Weise in Jah-resschritten abzuarbeiten. Dabei gab es einen Zeitsprung: nach der Kultur der 80er Jahre (2005 erschienen) waren erst einmal die (hier nicht berücksichtigten) Bände zur ersten Jahr-hunderthälfte an der Reihe, sodass der lange erwartete abschließende Band „Die Kultur der 90er Jahre“ erst in diesem Jahre erscheinen konnte.

 Faulstich50er

Auch hier also wieder ein Jahrzehnt. Es war nicht arm an verwandten kulturhistorischen Publikationen. So hat sich Hermann Glaser (2004) mit seiner „Kleinen deutschen Kulturge-schichte“ erneut zum Thema gemeldet, ähnlich auch Jost Hermand mit einer „Deutschen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts“ (2006). Und es erschien 2009 eine „Deutsche Kul-turgeschichte“ mit dem Untertitel „Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart“: Ge-meinsam mit Detlef Siegfried von Axel Schildt verfasst, der 2002 noch für Werner Faulstich die sozialgeschichtliche Einleitung für den ersten Band geschrieben hat („Die „westdeutsche Gesellschaft der fünfziger Jahre“).

Als produktiver Medienwissenschaftler ist Faulstich bekannt für seinen weit angelegten, kulturwissenschaftlichen Medienbegriff. Auch als Leiter des Instituts für Angewandte Medien-forschung sind ihm die diversen gesellschaftlichen Kontexte der Medien vertraut – und dies nicht nur für die Gegenwart - siehe seine vielbändige Mediengeschichte. In diesem Sinne bündelt er auch die Beiträge der diversen Spezialisten, indem er von ihnen (mit Hinweis auf Talcott Parsons „gesellschaftliches Teilsystem Kultur“) erwartet, dass sie auf diverse Wech-selbeziehungen der von ihnen betrachteten medialen Kulturformen hinweisen. Axiom ist da-bei – hier zunächst nur für die 50er Jahre behauptet, dann bis zum abschließenden Band wiederholt – dass es die Medienkultur war, „die als Motor des gesellschaftlichen Wandels fungierte“ (I/8).

Dies systematisch und konsistent durchgeführt zu sehen, ist vom Protokoll einer Ring-vorlesung mit mehr als 15 beteiligten Autoren nicht zu erwarten. Zumal sie oft bemüht sind, ihre Fachkompetenz nicht zu überschreiten. Doch diese spezielle Sichtweise kann an vielen Beispielen und in fast kompletter Übersicht zeigen, in wie weit das Feld der kulturellen Insti-tutionen, Inhalte und Praktiken nur als ein medialer Vermittlungszusammenhang verstanden werden kann. Wer es auf sich nimmt, die knapp 1500 Seiten tatsächlich zu lesen, bekommt einen Eindruck davon, wie sich die Kanäle der gesellschaftlichen Kommunikation, die Orte und Räume der Öffentlichkeit, der Umgang mit Informationen in Nachkriegsdeutschland (west) gewandelt haben. Da mag der Zehnerschritt der Darstellung konzeptionell unbefriedi-gend sein, kennen wir doch aus den universalen Übersichten der diversen Spartenhistoriker jeweils andere Periodisierungen. Doch die werden hier von den Spezialisten für Musik, Lite-ratur, Sport, Design, Journalismus, Briefpost und Telefon, von Religion, Tourismus, Radio, Fotografie, Reklame, Flugblätter, Internet, Kino, Mode, Bildung, Körperkult und Wer-bung hintan gestellt. Das erschwert ihnen mitunter eine stringente Argumentation, und der knapp bemessene Textumfang verbietet sowohl theoretische Erörterungen als auch gesell-schaftshistorische Exkurse. Doch der Vorteil für den Leser besteht in einer größeren Infor-mationsdichte, denn die meisten Autoren sind so viel näher an der Empirie ihres Faches, an den tatsächlichen Veränderungen ihrer „Medien“. Jedenfalls wird auf diese Weise eine Fülle an Belegen für die zentrale Aussage beigesteuert, dass die Kultur der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts durch die Revolution der elektronischen Medien geprägt war.

Wenn diese These auch etwas schwach ist, um die diversen „Momentaufnahmen“ des jeweiligen Jahrzehnts zum Bilde eines Stadiums dieser Kulturentwicklung zu synthetisieren, kann man doch in solchem Versuch den großen Vorzug des aufwendigen Projekts sehen. Und man gesteht zu, dass dabei andere Aspekte der Kulturgeschichte unberücksichtigt blei-ben oder eben nur in ihren medialen Kontexten erwähnt werden. So etwa die Strukturen der Lebensweise und die Wandlungen im Alltag der sozialen Großgruppen oder die Ebene der „politischen Kultur“. Das wäre inzwischen besser in der Kulturgeschichte von Schildt und Siegfried nachzulesen (siehe die Rezension von Hermann Glaser in Deutschlandarchiv 43 (2010) 2.)

 Faulstich60er

Faulstich beschränkt sich darauf, einleitend „wirtschaftliche, politische und soziale Eck-daten“ (IV/7) des jeweiligen Jahrzehnts als Hintergrundinformation zu skizzieren, an die dann einige seiner Autoren auch anknüpfen. Faulstich hat selbst eine Reihe von materialrei-chen Artikeln beigesteuert, die dann freilich wenig von den angedeuteten sozialgeschichtli-chen Hintergründen und Determinanten aufnehmen. Etwa wenn er die neue Jugendkultur der 50er skizziert und deren historische Vorfahren in der Bündischen Jugend und Gustav Wyneken sucht. Zwar wird nebenbei angemerkt, dass die aufbegehrenden „Halbstarken“ der 50er aus dem Arbeitermilieu kamen und auch Detlev Peukert wird erwähnt. Doch dessen Studie „Grenzen der Sozialdisziplinierung“, in der die sozialen Ursachen für die Entstehung des Phänomens „Jugendlicher“ dargestellt sind, das am Ende des 19. Jahrhunderts als eine große und unbedingt einzudämmende Gefährdung galt, werden für die Erklärung dieser „so-zialgeschichtlichen Reprise“ in den 50ern nicht herangezogen. Dabei wäre es aufschluss-reich gewesen, die wilhelminischen Kontroll- und Strafmaßnahmen mit denen von Staat und Establishment in den 50ern zu vergleichen. Zumal in den Halbstarken „die Speerspitze, das subkulturelle Ferment der neuen jugendlichen Medienkultur“ (I/288) gesehen wird. Auch in den Folgebänden werden soziale Hintergründe für den Wandel der Jugendkulturen besten-falls angedeutet, dafür aber eine Fülle an Informationen über deren mediale Entdeckung und Verbreitung wie über ihren zwangsläufigen Niedergang durch ihre (gleichfalls mediale) Ver-wertung ausgebreitet.

Insgesamt ist eine gewisse „sozialgeschichtliche Abstinenz“ nicht zu übersehen und Faulstich begründet sie mit der „kulturgeschichtlichen Sichtweise“. Ausdrücklich werde das „kulturelle System“ in die Mitte gerückt, weil hier „Sinnkonzepte, Wertmuster und Leitbilder entwickelt“ werden, „die dann im wirtschaftlichen, politischen und sozialen System wieder wirksam werden“ (II/8). Sein Anliegen ist es, Kultur als „gestaltenden Faktor“ zu zeigen. Und darum heißt es zugespitzt (in der Einleitung zum zweiten Band): „Der gesellschaftliche Wan-del der sechziger Jahre erklärt sich aus dem Funktionswandel sich ausdifferenzierender Me-dienkulturen“ (II/8).

 Faulstich70er

In den ersten vier Bänden kommt die Kultur der Ostdeutschen nur in Randbemerkungen vor. Anders dann das letzte Jahrzehnt. Da erklärt schon die Einleitung die „Wiedervereini-gung“ zum politischen Schlüsselereignis des Jahrzehnts mit gravierenden sozialen und kul-turellen Folgen. Nadine Freund übernahm (als wohl Jüngste unter den Dozenten) die Eröff-nungsvorlesung zur Erinnerungspolitik. Darin macht sie eine Mixtur aus Nichtteilnahme und Nichteinbeziehung dafür verantwortlich, dass Ostdeutsche so gut wie gar nicht an den erin-nerungspolitischen Auseinandersetzungen mitgewirkt haben, „die Möglichkeit zur Infragestellung in Westdeutschland etablierter Deutungshoheiten war den ‚Neubürgern’ auf den entscheidenden Plattformen nicht geboten worden“. (V/39) Das ist die einzige Passage, in der angedeutet wird, was bei Besichtigung der deutschen Medienkultur hätte auffallen müssen: es gibt außer dem gelegentlichen Treffen der Ministerpräsidenten der „neuen“ Bundesländer kein Forum für die Artikulation ostdeutscher Interessen. Alle „großen“ Medien befanden (und befinden) sich „in westdeutschen Händen“. Und selbst Knut Hicketier, der über das Fernsehen in den 90ern vorträgt, nennt zwar „die große Erwartungshaltung an eine neue mediale Kultur, die durch das Ende des Ost-West-Kontrasts entstand“ (V/255), kann dann aber nur die verheerenden kulturellen Folgen beklagen, die der Übergang zum „dualen System“ hatte. Wobei er die besondere Vorliebe der Ostdeutschen für das Privatfernsehen ihren Konsumerwartungen zugute hält und den empirischen Befund nicht berücksichtigt, dass Ostdeutsche die öffentlich-rechtlichen Programme (fälschlich) für das Staatsfernsehen der Bundesrepublik hielten. Nahezu problemlos dagegen kam es zu kultureller Einheit im Sachgebiet des langjährigen Tourismusforschers Karlheinz Wöhler. Seine Überschrift (und zugleich Resümee): „Vereint in Freizeit und Reisen“. Hier haben in den Teilpopulationen schon länger angelegte „Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse“ (V/74) einen sehr ähnlichen Übergang in die Freizeitgesellschaft der 90er Jahre folgen lassen. Sieht man von dem Beitrag Dagmar Bussieks ab, die die unterschiedlichen weiblichen Perspektiven diskutiert, spielen kulturelle Ost-West-Unterschiede in diesem Rückblick weiter keine große Rolle. Denn die wichtigsten Veränderungen in der Medienkultur waren für alle Deutschen gleich und wurden ähnlich erlebt: das Privatfernsehen, die Funktionsausdehnung des Computers, die Aneignung des Internets, die Digitalisierung der Musik, die Publikumserfolge der neuen Kinotechnik, der Aufstieg des Videos und seine beginnende Ablösung durch die DVD, die neuen Formen der Werbung und die Wandlung des „Kulturguts Sport“ zur Wirtschaftsware.

 Faulstich80er

Wie es bei der großen Zahl an mitwirkenden Autoren nicht anders zu erwarten ist, sind die Texte von unterschiedlicher Qualität. Doch da alle bemüht sind, den aktuellen Sach- und Erkenntnisstand für ihr Feld auszuweisen, bieten die Bände in jedem Falle Erkenntnisgewinn und regen zu übergreifenden Betrachtungen an. Einigen Texten wurde der argumentative Vortragsstil belassen, in dem sie das Anliegen fachübergreifend verständlich zu erklären bemüht waren. Launige Wendungen und apodiktische Resümees erinnern an diese Hörsaal-Herkunft und können das Lektürevergnügen fördern. So etwa wenn Faulstich amüsiert refe-riert, was die einschlägigen Fachleute über die Literatur der 90er Jahre zu sagen wissen und dann alles das vorstellt, was sie in ihrer Fixierung auf die Hochliteratur gar nicht in den Blick bekommen. Oder wenn er in „Facetten der Körperkultur“ berichtet, wie es zum Gebot wurde, „Körperbehaarung bei Frauen möglichst auszumerzen“ und sein Auditorium dann (in Klam-mern) darüber informiert, dass sich das nach der Jahrtausendwende nun „auch auf die Schamhaare erstrecke“: Junge Frauen und teils auch junge Männer sind heute im Intimbe-reich häufig komplett rasiert.“ (V/243) Werner Faulstich schreckt auch vor kategorisch kauzig launigen Urteilen über Kunst nicht zurück. Die mag man diesem Kenner des realen Um-gangs mit den Künsten nachsehen. Weniger tolerant dürfte mancher Leser gegenüber den von ihm hier herangezogenen Fachleuten für die Künste sein.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass zu jedem der Themen eine recht ausführliche Auswahlbibliographie beigegeben ist und für jedes Jahrzehnt die wichtigste Forschungslite-ratur zusammengestellt wurde. Zu einigen Beiträgen gibt es Illustrationen, doch da mochte der Verlag nicht viel investieren. Auch für ein Sachregister, ein Personenverzeichnis und für Informationen zu den Autoren reichte das Budget nicht. Dennoch ein gutes – freilich nicht sehr preiswertes – Material für Studierende und alle anderen, die auf die Kulturgeschichte des vorigen Jahrhunderts neugierig sind.

 Faulstich90er