KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2010
über
Jörn Rüsen u. Henner Laass (Hrsg.):

Interkultureller Humanismus.
Menschlichkeit in der Vielfalt der Kulturen
Schwalbach/Ts.: Wochenschauverlag 2009, 368 S., ISBN 978-3-89974523-8, 19.80
Horst Groschopp
Für eine moderne Humanismustheorie

„Auf Menschlichkeit, so Konfuzius, ‘kann man selbst dann nicht verzichten, wenn man unter den Barbaren weilt’ (Lunyu: 13.19)“, steht im Text von Heiner Roetz über konfuzianischen Humanismus (S.99) zu lesen. Muhammad Arkoun schreibt über humanistische Traditionen im Islam und findet Anfänge im Werk von Tawhîdî (gest. 1023), wenn dieser schreibe, Menschen seien ein Problem für Menschen (S.154).

Diese Zitate sind dem vor wenigen Wochen erschienen der Sammelband „Interkultureller Humanismus“ entnommen (Inhalt siehe unten). Er veröffentlicht vierzehn Texte aus dem Zusammenhang des nun abgeschlossenen vierjährigen Forschungsprojektes „Humanismus in der Epoche der Globalisierung“ des „Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen“ (KWI), mit fast einer Million EURO gefördert durch die „Stiftung Mercator“. Unter Leitung des Historikers Jörn Rüsen (u.a. hervorgetreten durch Studien über „Geschichtskultur“) wurden unterschiedliche Denkschulen ermuntert, über Humanismus in verschiedenen Kulturräumen nachzudenken. Das nebenstehende Inhaltsverzeichnis gibt einen Einblick in die Breite des Herangehens und die Fülle der Ergebnisse.

Die Definition von Humanismus, die der Herausgeber Jörn Rüsen eingangs vorstellt, kommt den Bedürfnissen derer entgegen, die sich praktisch für Humanismus einsetzen. Er komme überall auf der Welt vor als Nachdenken über die Qualität des Menschseins. Seine „westliche Prägung“ sei eine „kulturelle Orientierung der Lebenspraxis“, die ihre leitenden „Gesichtspunkte einer bestimmten Deutung des Menschseins des Menschen entnimmt“ (S.16).

„Welche Orientierungsgröße menschlicher Selbstverständigung könnte allgemeiner sein als das Menschsein des Menschen? Es gibt keine Kultur, in der dieses Menschsein nicht mit besonderen Qualitäten hervorgehoben würde, die den Menschen vor allen anderen Lebewesen auszeichnen .... Von dieser anthropologischen Basis aus haben sich dann in den verschiedenen Kulturen – langfristig und unter besonderen Bedingungen – unterschiedliche humanistische Traditionen herausgebildet.“ (S.15) Einige dieser Traditionen werden im vorgestellt und der Frage unterworfen, an was in ihnen angeknüpft werden könnte.

Wenn Hubert Cancik – der im Buch wieder einmal einige gängige Vorurteile der Geburt des Humanismus in der Rezeption der Antike als Legenden entlarvt – feststellt, Humanismus sei „keine Philosophie, kein geschlossenes, nur mit sich selbst kompatibles System aus Anthropologie und Ethik, sondern die Lehre [hier zitiert er Ernst Mach 1883], ‘eine unvollendete Weltanschauung zu ertragen’“ (S.47), dann setzt er sich dafür ein, in ihm auch ein pädagogisches Programm zu sehen, aber eben ein anderes, als der Erfinder des Begriffs Niethammer 1808 meinte.

Humanismus, so schließt Heiner Roetz seine Ausführungen über konfuzianischen Humanismus, sei „kein Proprium des biblisch-griechischen Abendlandes“ (S.114). Er sei sowieso kein Schatz von irgendwem, sondern eine Aufgabe. Diese Annahme impliziert drei Fragen:

Erstens, wie kann ursprüngliches regionales humanistisches Denken (z.B. im arabischen Raum oder in China) von dem geschieden werden, was (z.B. in Folge des Kolonialismus) sozusagen auf Nebenwegen sich nach dort ausbreitete. Im Buch geben Umesh Chattopadhyaya, Elisio Macamo und Oliver Kozlarek Auskünfte über Indien, Afrika und Lateinamerika.

Die zweite Frage besteht darin, wie nicht-deutsche Humanismustheorien zum Agnostizismus und Atheismus stehen, die für viele hiesige Humanismusvorstellungen, nach deren Emanzipation von christlichen Vorstellungen selbstverständliche Annahme ist: entweder Offenbarungen oder vom Menschen selbst ausgehen.

Eine dritte Frage ist die nach „antihumanistischen Humanismustheorien“. Im Gefolge des dem Nationalsozialismus sich andienenden „dritten“ Humanismus und diversen staatssozialistischen Vereinfachungen humanistischen Denkens gab es (z.B.) einen Antihumanismus von Michel Foucault, der humanitätsduselnden Idealismen über „Selbstbestimmung“ die Analyse von realen Macht- und Kulturstrukturen entgegenstellte. Humanismus wäre also auch dort zu suchen, wo Theoretiker den Begriff aus guten Gründen zweckorientiert ablehnten bzw. dort abzulehnen, wo er in vordergründigem politischem Zweckgebrauch stand.

Der aktuelle organisierte Humanismus – um auf die Ende Januar 2010 veröffentlichten Empfehlungen des „Deutschen Wissenschaftsrates“ zur Etablierung einer islamischen Theologie zu reagieren – hat an einer Humanistik ein praktisch-wissenschaftliches und auch ein politisches Interesse, zumal der Wissenschaftsrat feststellt, falls der Berliner „Tagesspiegel“ vom 31.01.10 (S.4) richtig zitiert: „Konfessionalisierung wie im Christentum ist nicht nötig“. Was dies nun für den „Humanistischen Verband Deutschlands“ und seine Praxis im Schulfach Lebenskunde und in Beratungsqualifikationen bedeutet, insoweit dieser ebenfalls an Universitäten präsent sein sollte, die bisher kein Fach Humanismus kennen, ist gründlich zu prüfen. Wobei es doch schon seltsam zugeht in der Hochschulpolitik, dass Humanistik erst nach islamischer Theologie zum Zuge kommen soll – wenn überhaupt.

Der Begriff „Humanistik“ (in der „Humanistischen Akademie“ vor einigen Jahren in ersten Anfängen diskutiert) ist in Holland und Belgien bereits „normal“. Als Theorie und Geschichte des Humanismus ist das Wort parallel zur Kategorie der Germanistik gebildet und mit dem der Urbanistik vergleichbar. Letztere kennt einen „Urbanismus“, kann „urbane“ Zustände erkennen und bewerten, weiß in etwa, was „Urbanität“ ist usw.

Gleiches kann für den Humanismus angenommen werden: „Humanität“ bedeutet „Menschlichkeit“, benennt „humane“ Zustände, Handlungen und Personen. Die Literatur kennt, und einige Spezialitäten stellt das vorliegende Buch näher vor, Humanismus (in alphabetischer Reihenfolge und die Liste von Cancik [S.47] hier erweiternd) als abendländischen, afrikanischen, alten, anthropologischen, anthropozentrischen, anthropozentristischen, antiken, atheistischen, bürgerlichen, christlichen, dritten, ersten, ethischen, evolutionären, indischen, interkulturellen, islamischen (bzw. arabischen), jüdischen, klassischen, konfuzianischen, kritischen, lateinamerikanischen, multikulturellen (diesen mehrfach), naturalistischen, ökologischen, pädagogischen, philosophischen, praktischen, realen, sozialistischen (nicht immer zugleich proletarischen), super-humanistischen, trans-humanistischen, weltanschaulichen, weltlichen (säkularen), zeitgenössischen, zweiten ... Sogar von einem sexuellen Humanismus ist die Rede in einem Buch, 1988 von Prostituierten veröffentlicht.

Humanistik wäre die wissenschaftliche Beschäftigung mit Humanismus bzw. (in Parallele und Kontrast zur Theologie als „das Reden über Gott“) „das Reden über Menschen und ihre Würde“ als einer überregionalen und historischen Kulturströmung, einer „unvollständigen“ Weltanschauung und breiten Praxis. Hier geht es um Zukunftsfragen des modernen Humanismus – und abgeleitet daraus um die nähere Bestimmung des Platzes eines organisierten Humanismus hier im Lande.

Abschließend will ich auf den älteren Cato im Alten Rom verweisen, der ständig „im Übrigen“ der Meinung war, „dass Karthago zerstört werden muss“. Es soll auch hier „im Übrigen“ die Forderung nach humanistischen Lehrstühlen erhoben werden – nur ein Prozent der Zahl der staatlich besoldeten Theologenprofessoren in Deutschland würde (zunächst) völlig ausreichen, eine moderne Humanismustheorie zu betreiben. Das wären, nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2007, sieben Professuren: Welche Üppigkeit!