KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2/2009
über
Andreas Hepp, Rainer Winter (Hg.):

Kultur – Medien – Macht.
Cultural Studies und Medienanalyse
4. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008 (1. Aufl. 1997, ISBN ) 978 3 531 16277 5. 468 S.
Dieter Kramer
Es wird noch einige Zeit dauern

Die vierte Auflage von 2008 ist die anscheinend unveränderte dritte Auflage von 2006, die im Vergleich zur ersten Auflage von 1997 durchgängig aktualisiert, z., T. erweitert ist. Die Herausgeber summieren eingangs den Boom der Cultural Studies als transdiziplinäres Projekt. Ihre besondere Bedeutung liegt, folgt man dem Band, vor allem in der Analyse der Mediennutzung. Im ersten Teil werden Theorien, Begriff und Perspektiven der Cultural Studies abgehandelt, im zweiten Teil deren Rezeption im deutschsprachigen Raum, im dritten schließlich geht es um Beispiel von Zugängen zur Analyse der heutiger Medienkultur.

Für Lawrence Grassberg (S. 23-40) antworten die Cultural Studies auf eine Anzahl von aktuellen Herausforderungen wie Deterritorialisierung und darauf folgende Re-Territorialisierung in der Globalisierung. Weitere Herausforderungen sieht er in der Politik um Identität und Differenz (häufig auch in anderen Beiträgen aufgegriffen), in der Bedeutung des Nicht-Bedeuteten (der Symbolik und des Irrationalismus), der Neukonstitution einer konservativen Bewegung und Ideologie, der Infragestellung von Handlungsmächtigkeit sowie der Definition von „Moderne“, schließlich in der Verbindung des politischen Kampfes mit ethischen Diskursen. Er stellt fest: „Die Ökonomisierung (Kapitalisierung) von allem erfordert nicht nur, dass die Cultural Studies zu ökonomischen Fragestellungen zurück kehren, die sie oft nur am Rand behandelt haben, sondern dass sie ihren eigenen Ansatz für die politische Ökonomie finden …“ (S. 27) Andere bestätigen diese Lücke: Die „Audience Studies“ dürfen die „Analyse ökonomischer, soziokultureller wie technologischer Faktoren gesellschaftlicher Entwicklung nicht ausblenden“ (Göttlich, S. 96). Auch Andreas Hepp beklagt die „Vernachlässigung (makro)politischer und ökonomischer Fragestellungen“ (S. 155) in den Cultural Studies.

John Fiske, „Klassiker“ der Cultural Studies, fragt, was zur Populärkultur wird und warum dies geschieht, wie man sie analysiert und wie man der unterschiedlichen Rezeption in den „verschiedenen sozialen Klassen“ (S. 57) (Milieus) gerecht wird. Die Australierin Ien Ang, geht aus von einer Krise der Medienrezeptionsforschung und schlägt vor, ihr durch eine konsequentere Berücksichtigung der Uneinheitlichkeit des Medienpublikums zu begegnen.

Bei englischsprachigen Autoren kann man nicht erwarten, dass sie deutschsprachige Literatur rezipieren. Trotz der immer wieder beschworenen Interdisziplinarität werden z. B. die Europäische Ethnologie und die Empirischen Kulturwissenschaften auch dort, wo sie hingehörten, nicht wahrgenommen, ja auch ein Soziologe wie Gerhard Schulze, mit dessen „Lebensstilgesellschaft“ man sich bei den Cultural Studies ja durchaus auseinander setzen könnte, erscheint nur einmal. (S. 107) Umso mehr erstaunt, dass Lothar Mikos den Tübinger Europäischen Ethnologen Hermann Bausinger hier als Impulsgeber für Medienforschung nennt (181/182), und zwar mit einem in Englisch veröffentlichten Aufsatz „Media, Technology and Daily Life“ von 1984 (in Media, Culture & Society 6 (4) 1984, 343-351).

Rainer Winter postuliert: „Epistemologisch betrachtet, vertreten Cultural Studies wie der Pragmatismus oder der soziale Konstruktionismus eine anti-objektivistische Sicht des Wissens.“ (81) Das Interesse an der Bedeutung zeitlicher, räumlicher und sozialer Faktoren wie auch die Motivation durch Ideologien, Interessen und Begehren sowie die Verankerung in Machtstrukturen, zeichnen diesen Ansatz aus, „der nicht ‚Objektivität’ im klassischen Sinne, sondern Dialog, Reflexivität und Selbstreflexivität anstrebt.“ (S. 81). Als „begriffliche Verarbeitung des ‚Alltagslebens’ (McRobbie 1995, zit. S. 187) sind die Cultural Studies „in Konkurrenz zur Deutungshoheit der ‚kritischen Theorie’ im deutschsprachigen Raum getreten“ (S. 187, vgl. S. 11), freilich nicht ohne politischen Anspruch: Sie wollen die Medienproduktion verbessern (S. 76) oder die gesellschaftlichen Kontexte verändern (S. 205).

Den Aufsatz von Karl H. Hörning und Julia Reuter über „Material Culture“ und Soziale Praxis nimmt man mit großen Erwartungen zur Hand, wird aber enttäuscht: Was Ethnologen (auch Europäische aus der einstigen Volkskunde) bei „Praxis“ erwarten, nämlich eine Auseinandersetzung mit der Rolle der materiellen Kultur für die Entwicklung der symbolischen Weltaneignung sozialer Gemeinschaften, findet nicht statt. Wenn die „sinnhaften Dimensionen des Sozialen“ erschlossen werden sollen, dann „erscheint die soziale Welt allzu leicht als ‚Text’, als Muster von Zeichen und Regeln oder als symbolisch strukturierte Kommunikations- und Diskurssysteme, in der die sozialen Praktiken der Gesellschaftsmitglieder kulturell vorbestimmt und gerade nicht als kreative Hervorbringungen eben dieser kulturellen Sinn- und Bedeutungsmuster in den Blick kommen.“ (S. 109) Das wird zwar kritisiert, und gesagt wird auch, dass die soziale Ordnung sich interpretieren lässt als „Netzwerk von Individuen und Artefakten, von Individuen und Objekten.“ (S. 115) Davon gingen einst die Volkskundler auch immer aus. Die Kulturtheoretiker nähern sich nur ganz vorsichtig diesen Verhältnissen: „So fungieren etwa Möbelstücke wie Stühle als Stabilisatoren sozialer Ordnung: Sie weisen dem Einzelnen einen ziemlich festen Platz im Raum und im Verhältnis zu anderen …zu.“ (S. 116) Und die Autoren müssen eingestehen: „Die Welt existiert nicht nur aus symbolischen Formen, Bedeutungsstrukturen, Texten und Diskursen.“ Ja, sie gehen sogar noch einen Schritt weiter: „Die Häuser, die Landschaften und Städte, die wir bewohnen, … beeinflussen unsere Erfahrungsweisen und deren symbolische Verarbeitung. Vor allem beeinflussen sie unsere Praktiken.“ (S. 116) Daher sie erkennen auch: „Die materielle Welt ist nicht bloß ‚passive’ Ressource für soziales Handeln, sondern mischt in den sozialen und kulturellen Prozessen der Wirklichkeitskonstruktion mit.“ Aber einen weiteren entscheidenden Schritt wagen sie nicht: Was bedeutet es, dass alle materiellen Umwelten in weiten Bereichen auch Produkt menschlicher Praxis sind, die ihrerseits indirekt die natürlichen Voraussetzungen angewiesen ist: „Naturstoffwechsel“ hat man das genannt. Sie beschäftigen sich statt dessen mit Techniksoziologie, zitieren Latours „Akteur“ (S. 120/121) und beziehen sich auf ein eher banales Beispiel wie die unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen für den Kölner Dom (Anm. S. 122).

Teil 2 (175ff.) beginnt mit Hinweisen auf die Rezeption der Cultural Studies im deutschsprachigen Raum. Immerhin weist Lothar Mikos (S. 177 ff.) darauf hin, dass sie 1976 mit Heft 24 von Ästhetik und Kommunikation in der kritischen Jugend(subkultur)- und Arbeiterkulturforschung begann und die dann mit Rolf Lindner fortgesetzt wurde.

Cultural Studies und Gender Studies interessieren sich beide für Alltagskultur. Die übliche Zuordnung von Konsum, Privatleben und Familie zur „weiblichen Sphäre“ (Elisabeth Klaus) wird relativiert durch das feministische Interesse an Macht, Ideologie und Ungleichheit. Die Abwertung der Medien, die sich an Frauen als Zielgruppen wenden, verdeckt, „wie vielschichtig und kreativ dabei die Medienaneignungsprozesse verlaufen.“ (202)

Wenn Jannis Androutsopoulos Cultural Studies und Sprachwissenschaft (237f.) bearbeitet und die Soziolinguistik, Jugendsprache, die Ethnografie der Gesprächsanalyse und „language crossing“ (244) bearbeitet, dann wäre hier sicher auch der Kontakt mit der Mundart (Dialekt-)Forschung interessant, die seit Jahren z. B. im Marburger Sprachatlas mit Soziolinguistik arbeitet. An manchen Stellen vermisst man so Hinweise auf andere Disziplinen, etwa auch, wenn Frank Wittmann westafrikanische Weltmusik behandelt ohne Hinweise auf die damit befassten Ethnologen.

In Teil 3 vermisst man bei den Analysen der heutigen Medienkulturen Beispiele dafür, was amibtiöse Cultural Studies (die ja mit „emanzipatorischer Praxis“ legitimiert werden) im Zusammenhang mit heutigen Kommunikationsprozessen leisten können: Analysen von solchen Prozessen, in denen erkennbar wird, wie diese Kommunikation im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung zu werten ist und gestaltet werden kann – bezogen auf Informationsökologie, Zukunftsfähigkeit, Wissens(Bewusstseins-)Ökonomie. Vielleicht bieten die Cultural Studies interessante Wege, der verbreiteten Hilflosigkeit beim Umgang mit populären Medien jenseits von arroganter Blasiertheit und naiver Begeisterung zu begegnen. Ansatzweise können dabei die Analysen von Mitmach-Kommunikationsmodellen, von Medien- und Werbebotschaften als Konstrukteuren von Authentizität usf. helfen. Die Analyse populärer Zeitungen zeigt, wie „sich das Phänomen des Populären mittlerweile quer durch sämtliche medialen Genres zieht, das System Journalismus zunehmend ‚an den Rändern zerfranst’“ (Rudi Renger S. 280).

Den Veränderungen und neuen Entwicklungen z. B. in den Jugendkulturen hinterherlaufend, interpretieren Studien die Welt der Gothics oder die Handyaneignung von Jugendlichen usf. „Verhandlungssache Geschlecht“ wird beobachtet bei der Rezeption von Musikvideo (Ute Bechdolf). Waldemar Vogelgesang fragt nach kulturellen und medialen Praxisformen Jugendlicher. Weder euphorische Heilserwartungen noch apokalyptische Ängste sind ausreichende Leitlinien in aktuellen Prozessen, wenn es um „Jugendszenen als Orte kultureller Produktivität und Differenzierung“ (S. 447) geht.

Probleme der Interkulturalität behandeln andere Beiträge. Mark Terkessidis begleitet den „langen Abschied von der Fremdheit“: Das Modell der nebeneinander lebenden Gruppen mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen („Multikulti“) ist der Realität in Deutschland nicht angemessen. „Es geht um die Differenz innerhalb der sichtbaren Differenz, um die Brüche, um jene Überlappungen, wo die angeblich voneinander geschiedenen kulturellen Entitäten in einem verschwiegenen gemeinsamen Prozess produziert werden. Daher kann es im ‚Zusammenleben’ in der Einwanderungsgesellschaft nicht nur um Toleranz gehen – das wäre eine Toleranz für Ungleichheit. Es geht um Veränderung. Der Ansatzpunkt ist dabei eben nicht Kultur, sondern der gesamte Prozess – der Kontext, in dem kulturelle Ausdrucksformen ihre Bedeutung entfalten.“ (S. 324)

Siegfried Jäger spricht von der Begegnung „unterschiedlicher Kulturen“ (S. 351) und macht dabei, wie das ganze Gerede vom „Dialog der Kulturen“ und wie die „Multikultur“, diese Kulturen zu Subjekten, obwohl doch eigentlich immer nur Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung miteinander agieren. Dass diese Begegnung nicht zwangsläufig zu Konflikten führen muss, braucht nicht immer wieder betont zu werden; dass ihnen Macht und Rassismus eingeschrieben sind, kann alltäglich erfahren werden. „Auch Nationen sind diskursive Realitäten“ (S. 333). Sie so zu verstehen hat Ernest Renan schon vor weit mehr als 100 Jahren vorgeschlagen. Er wird ebenso wenig zitiert wie Vertreter der Migrationsforschung in den Ethnologien, die seit vielen Jahren dazu beitragen, dass „völkisches“ Denken längst nicht mehr so verbreitet ist wie unterstellt wird (S. 337). Siegfried Jäger selbst und J. Link sind anscheinend die wichtigsten Autoren des interkulturellen Diskurses. Das muss man wenigstens ihren häufigen Nennungen im Literaturverzeichnis entnehmen (nicht einmal Klaus Bade wird erwähnt). Hier wie in anderen Beiträgen deutschsprachiger Autoren wundert man sich ohnehin über die Selbstreferentialität und die Inselhaftigkeit der Referenzen (am häufigsten nennen viele Autoren in den Literaturverzeichnissen ihre eigenen Beiträge).

Bis die eigentlich recht spannenden Interpretationsansätze und Ergebnisse der Cultural Studies für die außeruniversitäre kultur- und medienpolitische Diskussion und Programmatik verwendbar werden, wird es, geht man von diesem Buch aus, noch einige Zeit dauern.