KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2/2009
über Christoph Links und Kristina Volke (Hg.):
Zukunft erfinden
Dietrich Mühlberg
Erfinde deine Zukunft


Christoph Links und Kristina Volke (Hg.)
Zukunft erfinden
Kreative Projekte in Ostdeutschland
Berlin: Christoph Links Verlag, 2009, 239 S., Abb., ISBN 9783861535423, 18,90 €.

Die Ostdeutschen sind offenbar keine selbstgerechten Jammerlappen, die vom reichen Westen ausgehalten werden müssen. Sie sind krisenerfahrene Praktiker, die nicht auf Hilfe von oben warten, sondern sich auch tätig selbst zu helfen wissen. Und weil sie schon seit zwei Jahrzehnten erleben, was sich im Westen erst seit Kurzem intensiver andeutet, sind ihre Praktiken und Handlungsstrategien aufschlussreich für Wissenschaftlerteams, die nach möglichen gesellschaftlichen Entwicklungslinien bei den Deutschen forschen. Eine „Initiativgruppe“, die „für neue politische Strategien im Umgang mit der Krise“ (227) plädiert, hat darum im Osten nach Menschen gesucht, die gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen, indem sie ihre guten Absichten in Taten umsetzen. Ein spannendes Vorhaben, dessen erste Ergebnisse nun vorliegen.

Über ihre Zielpersonen heißt es: „In der internationalen Debatte werden sie changemakers genannt, also Akteure, die den Wandel selbst in die Hand nehmen und damit das Leben oft nachhaltiger verändern als die großen Player aus Politik und Wirtschaft.“ (13) Die forschende Gruppe teilt den Optimismus der weltweiten Bewegungen zur Selbsthilfe und sympathisiert auch mit Bill Drayton, dessen vor drei Jahrzehnten gegründete Organisation Ashoka „soziales Unternehmertum“ - Social Entrepeneurship - fördert. Und dies auch, weil Drayton den Wendepunkt für erreicht hält: (wirtschaftlicher) Erfolg könne und dürfe nicht mehr am Gewinn, sondern nur noch am bewirkten gesellschaftlichen Wandel gemessen werden. Sympathie mit Drayton auch, weil er sagt: „Everyone a Changemaker“ , jeder von uns kann Changemaker sein und durch sein Tun echte Veränderungen herbeiführen. Ohne Frage ist dieser moralische Impetus so einnehmend wie er notwendig ist. Gemeinsam mit den Black Eyed Peas möchte man auch gleich deren „Yes We Can!“ anstimmen. Ob jedoch eine vernünftige Marktwirtschaft (wie Drayton meint) durch Gegenwirkungen von unten tatsächlich möglich ist, das wird sich erst noch erweisen müssen und soll hier nicht diskutiert werden. Als sicher aber kann angenommen werden, dass die hiesigen kulturellen Standards nicht gehalten werden können, wenn staatliche und kommunale Leistungen mit Hinweis auf „bürgerschaftliches Engagement“ gestrichen oder der Marktwirtschaft überantwortet werden. „Auch das größte Engagement in kleinen Bürgerinitiativen kann den Staat nicht ersetzen und will ihn auch nicht aus der Pflicht zur Daseinsvorsorge entlassen. Er muss die Rahmenbedingungen für das Handeln der Bürger schaffen und jene Grundfunktionen des Zusammenlebens sichern, die nicht über den Markt geregelt werden können und dies auch nicht sollten. (228)

Dass das „Yes We Can“ kein Wunschbild der „Initiativgruppe“ ist, bewies die Resonanz auf ihren öffentlichen Aufruf: in kurzer Zeit meldeten sich dutzende ostdeutsche Akteure, die ihre Projekte vorstellten. 30 davon haben Christoph Links und Kristina Volke für das jetzt vorliegende Buch ausgewählt, noch einmal doppelt so viele werden auf der Internetseite des Projekts vorgestellt (www.zukunft-ostdeutschland.de) , die als Grundstock für ein Netzwerk der changemakers in Ost- und Westdeutschland gedacht ist.

Eine Bezeichnung freilich, die nicht von jedermann auf Anhieb verstanden werden dürfte. Vielleicht denkt mancher bei „Change“ erst einmal an den Mann am Wechselschalter einer Bank und nicht an einen „Neuerer“. Da wäre der „Aktivist“ schon ein besseres Wort, das im behördlichen Deutschen ja einst den anarchistischen Rebellen bezeichnete, alltagssprachlich aber den, der rüstig Hand anlegt. In der DDR kam eine dritte Bedeutung dazu: einer der zum Wohle aller mehr leistet als andere. Eine gute begriffliche Trinität, aber deutsch-deutsch kaum vermittelbar, international erst recht nicht.

Wie auch immer – die hier vorgestellten „Akteure“ waren/sind allesamt in einer problematischen Situation, setzen der Krise etwas entgegen und sichern dadurch Brauchbares, öffnen neue Möglichkeiten und verändern die Situation in ihrem Wirkungskreis. Die Palette der Objekte ist breit: Altbauten werden gerettet, Kleinbetriebe schaffen Ausbildungsplätze oder stellen gemeinsam Fachleute ein, die jeder für sich nicht bezahlen könnte. Gemeinden machen sich energieautark, sichern die Versorgung durch eine eigene Konsumgenossenschaft, machen Erfahrungen mit „Bürgerarbeit“, legen eine Regionalwährung auf oder leisten sich einen Bürgerbus. Die industrielle Anwendung der Photovoltaik in Bitterfeld und die Anstrengungen der Fahrradwerker von Nordhausen werden vorgestellt. Erfahrungen mit bürgerschaftlichem Engagement werden diskutiert: gerichtet gegen Rechts oder für Landschafts- und Stadtkultur und (mehrere Versuche) für neue Formen des Zusammenlebens. Ungenutzte oder gefährdete Bauten werden belebt: die größte Feldsteinscheune Europas, eine Kirche in Sondershausen, die Dessauer Brauerei. Mehrere Beispiele zeigen, wie erfolgreich öffentliche Räume gesichert oder neu geschaffen werden. An mehreren Modellen wird sichtbar, was die Künste als Medium von Öffentlichkeit und Gemeinschaft leisten können: wie ein Schweinestall zum Theatersaal wird, öffentliche Bibliotheken doch noch überleben und wie alte Bücher Leser finden. Und dann legen die Herausgeber selbstverständlich Wert auf die Projekte, die gleich ihnen an der Förderung und Vernetzung der Neuerer und Aktivisten arbeiten: so etwa das „Büro für Landschaftskommunikation“ im Oderbruch, die Arbeitgeberzusammenschlüsse in Brandenburg, die verschiedenen Bürgerstiftungen, und zum guten Ende wird auch der wohl erfahrenste und erfolgreichste Förderverein für dezentrale Kulturprojekte vorgestellt, die Kulturinitiative Förderband in Berlin.

43 Autoren lieferten die instruktiven Texte. Den Schluss bildet ein fünfseitiges Plädoyer der Initiativgruppe „für neue politische Strategien im Umgang mit der Krise – nicht nur für Ostdeutschland“: weil die praktischen Experimente zur Zukunftsgestaltung immer wichtiger werden, brauchen sie finanzielle und ideelle Hilfe, sind sie zu einem neuen Politikfeld geworden. Die Politik solle einen Fonds auflegen, der Akteure fördert, die mit eigenen Visionen und Handlungsstrategien Probleme vor Ort lösen wollen, solle eine Plattform für den Erfahrungsaustausch der changemakers bei einem Bundesministerium etablieren und müsse auch neue Wege bei der Absicherung der freiwilligen sozialen Arbeit finden.

Eine überaus lohnende Lektüre für alle, die sich für das Geschehen im Lande interessieren und über die Zukunft der deutschen Gesellschaft nachdenken.