KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2009
über Andrea Hausmann, Jana Körner (Hrsg.):
Demografischer Wandel und Kultur
Isolde Dietrich
Die Oper im Schweinestall. Oder: Wie die Demografie unser Kulturverständnis verändert

Andrea Hausmann, Jana Körner (Hrsg.), Demografischer Wandel und Kultur. Veränderungen im Kulturangebot und der Kulturnachfrage. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2009, 230 S.


Der Sammelband enthält Beiträge des Symposiums „Demografischer Wandel und Kultur“, das 2007 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) stattfand. Er richtet sich vorrangig an Mitarbeiter öffentlicher Kulturbetriebe, die angesichts des demografischen Wandels die Marketingkonzepte ihrer Einrichtungen zu prüfen und den sich abzeichnenden Veränderungen anzupassen haben.

Zu Wort kommen Theoretiker und Praktiker aus den Bereichen Tourismus, Kreativwirtschaft, kommunale und regionale Kulturpolitik, Demografieforschung und Kulturmanagement. Allen gemeinsam ist die Zuversicht: Wir werden älter, weniger und bunter – na und? Mit den richtigen Strategien werden wir unsere kulturelle Infrastruktur schon „demografiefest“ machen.

Es gehört zu den Verdiensten der Veranstalter bzw. Herausgeber, den Blick konsequent auf das Publikum zu richten: auf Besucher, auf Zuschauer und Zuhörer, Rezipienten, Teilnehmer, Nutzer, Kunden. Diese Sicht versteht sich in Kulturpolitik und Kulturarbeit nicht von selbst. Lange Zeit lag das Gewicht eher auf den kulturellen Einrichtungen selbst, ihrem Platz in der Gesellschaft, ihren Aufgaben, ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Finanzierung. Die demografische Entwicklung hat diese Art Nabelschau beendet, weil bislang als gegeben angenommene Rezeptionsbedingungen so nicht mehr existieren.

Christian Kutzner skizziert einleitend die absehbaren Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur Deutschlands. Er mahnt an, dass nicht nur bei der Energie- und Wasserversorgung, im Verkehrs- und Bildungswesen, sondern auch bei Kinos, Bibliotheken, Theatern, Museen usw. insgesamt sinkende Einwohnerzahlen zu berücksichtigen sind. Dieser Aspekt werde in der Kulturplanung ungenügend beachtet. So seien etwa in Ostdeutschland Kulturdenkmäler in Regionen aufwändig saniert worden, die besonders stark von Bevölkerungsverlusten betroffen sind und die nicht von Touristenströmen berührt werden (Görlitz, Quedlinburg u.a.).

Matthias Dreyer diskutiert angesichts eines partiellen Überangebots an kulturellen Einrichtungen mit bekanntermaßen hohen Fixkosten den Kampf der Anbieter um Besucher bzw. Nutzer. Gestaltungsmöglichkeiten sieht er in der Kooperation von Partnern aus dem Kultur-, Bildungs- und Sozialbereich, in der Verknüpfung von kultureller Grundversorgung mit speziellen Nischenangeboten sowie in einer stärkeren Ausrichtung auf langfristige Trends.

Norbert Sievers geht vor allem auf kulturpolitische Herausforderungen in einer alternden Gesellschaft mit zunehmender sozialer Polarisierung ein. Er hinterfragt das einseitige Bild einer Seniorengeneration, die mehr als alle früheren über Zeit, Geld, Bildung, Gesundheit verfüge und damit das ideale Kulturpublikum abgebe. Gewiß gebe es diese Klientel, und ihr Potential sei noch längst nicht ausgeschöpft. Seniorenkulturarbeit habe aber auch jenen das Recht auf Kulturteilhabe zu sichern, deren Zugang auf Grund von Geldknappheit und/oder Krankheit eingeschränkt sei. Sievers macht zudem auf einen Sonderfall verbreiteter Altersarmut aufmerksam – auf die bescheidene finanzielle Situation von alten Künstlern und von Akteuren der Soziokultur. Die Absicherung dieser kreativen Köpfe im Alter müsse ein Thema der Kulturpolitik werden.

Kristina Volke wendet sich der kulturellen Praxis in „abgehängten“ Regionen Ostdeutschlands zu. Wo Arbeit und Ausbildung keine Gemeinschaft mehr stiften, gelingt das mitunter Kulturprojekten. Volke gibt Einblick in die Vielfalt solcher Initiativen: Ein ehemaliger Schweinestall wird zum „Festspielhaus“ umfunktioniert, wo Profis und Dorfbewohner gemeinsam agieren, sogar Oper und Schauspiel zur Aufführung bringen. Ein Museum bezieht die Menschen vor Ort in eine Ausstellung ein, zeigt nicht nur die Schätze der Vergangenheit, sondern auch die wirtschaftlichen, sozialen, demografischen und kulturellen Verluste der Gegenwart, schafft so Raum für Visionen. Bei derartigen Unternehmungen wird Kultur nicht „an den Mann gebracht“ (oder an die Frau). Sie entsteht erst im Miteinander von kulturellen Akteuren und beteiligten Bürgern.

Iken Neisener beschäftigt sich mit Problemen kultureller Planung. Sie macht geltend, dass es nicht vorrangig um den Rückbau einer überdimensionierten kulturellen Infrastruktur gehen dürfe, sondern um den Erhalt und um die Entwicklung zukunftsfähiger Einrichtungen. Auf der Grundlage von Bestandsanalysen sei hierbei eine Abstimmung mit privaten und freigemeinnützigen Anbietern erforderlich.

Gerhard Mahnken plädiert dafür, ganze Regionen als kulturelle Räume zu begreifen und zu vermarkten. Am Beispiel Brandenburgs führt er vor, wie dabei Eigenverantwortung und Identität der Bürger gestärkt werden können.

Andrea Hausmann stellt klar, dass jede Kultureinrichtung für sich genommen ein effizientes Marketingkonzept entwickeln muss, da sich die Bedingungen je nach Standort, Zielgruppe und Leistungsangebot erheblich unterscheiden.

Susanne Keuchel gibt Aufschluss über die innere Differenziertheit der „kulturell aktiven Bevölkerung“. Über deren Umfang gibt es keine gesicherten Ergebnisse. Norbert Sievers ging in seinem Beitrag davon aus, dass 50 Prozent der Bevölkerung keinen Gebrauch von öffentlichen Kulturangeboten machen, 40-45 Prozent diese gelegentlich nutzen und 5-10 Prozent den Besucherstamm ausmachen. Als wesentliches Merkmal der kulturell aktiven Bevölkerung nennt Keuchel eine hohe Schulbildung. Allerdings gebe es darüber hinaus erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Altersgruppen und zwischen den Geschlechtern. Vor allem bei klassischen Kulturangeboten sei der Besuch überwiegend Frauensache, Männer würden weniger aus eigenem Interesse, vielmehr als „Begleitperson“ in Erscheinung treten.

Kim de Groote und Flavia Nebauer betonen unter der Überschrift « Die Phantasie ist ewig jung », dass kulturelle Bildung keine reine Angelegenheit der Jugend ist, sondern auch ältere Menschen betreffe. Gerade diese würden hierbei viel freiwilliges Engagement und die Fähigkeit zur Selbstorganisation unter Beweis stellen.

Patrick S. Föhl stellt die zunehmende Bedeutung von Kooperationen im Kulturbereich heraus. Angesichts schwindender öffentlicher Haushalte und wachsender Zurückhaltung von Sponsoren könnten nur durch Kooperationen (bis hin zur Fusion) wichtige kulturelle Einrichtungen erhalten werden.

Die Herausgeberinnen des Sammelbandes verfolgten das Ziel, wesentliche Entwicklungen aufzuzeigen und dafür zu sensibilisieren, was mit dem demografischen Wandel auf den Kulturbereich zukommt. In welchem Maße dies gelungen ist, mag jeder Leser selbst entscheiden. Es gehört zu den Vorzügen des Bandes, keine Horrorszenarien auszumalen, sondern ausgewiesenen Spezialisten Gelegenheit zu sachlicher Information und Argumentation zu geben.

Dennoch bleibt abzuwarten, ob mit derart moderaten Beschreibungen hinreichend Impulse und Motivationen freigesetzt werden, sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Auch ergibt sich die Frage, ob nicht gelegentlich soziale Probleme dem demografischen Umbau der Gesellschaft angelastet werden. Nicht zufällig dürfte ferner sein, dass Migranten in den Beiträgen nur punktuell eine Rolle spielen.

Dem Band ist deutlich anzumerken, dass er in einer Phase wirtschaftlicher Prosperität entstanden ist. Das milde Licht des Aufschwungs leuchtet über allen Fährnissen. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise wird das schnell ändern. Dann wird neu auszuhandeln sein, welche Kultur wir in Deutschland wollen und welche Polarisierungen dieses einigende Band verträgt. Man muß sich nicht dem Schwarzseher Walter Laqueur anschließen, der 2006 voraussagte, binnen weniger Jahrzehnte werde Europa, damit auch Deutschland, aufgrund seiner Überalterung und Schrumpfung in die politische und wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit versinken. Europa werde gegen Ende des Jahrhunderts nur noch vier Prozent der Weltbevölkerung umfassen und sich im besten Fall zu einem „kulturellen Themenpark für betuchte Besucher aus China und Indien“, im schlimmsten Fall „unter dem Eindruck massiver Einwanderungswellen ungefähr so entwickeln können wie Nordafrika oder der Nahe Osten“. Gegenentwürfe sollten sich in dieser Dimension bewegen.