KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2009
über Matthias Frings:
Der letzte Kommunist.
Volker Gransow
Kurzes Leben - lange Biografie. Ronald Schernikau - “Communist” und Literat

Matthias Frings: Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau. Berlin: Aufbau 2009, 488 S., € 19,95.


“Habermas hat ‘ne Hasenscharte / Knef hat keine linke Brust / Schernikau liebt die DDR”. So charakterisierte er sich selbst. Andere nannten ihn einen “der größten deutschen Schriftsteller der letzten Jahrzehnte” (Dietmar Dath) oder einen Vertreter “gediegener Angelegenheiten, die allen Menschen nützen sollen” (Elfriede Jelinek). Für Peter Hacks war er “der letzte normale Mensch”. Mit der vorliegenden ersten Biographie wird er nun als “der letzte Kommunist” präsentiert. Wer war dieser Schernikau?

Ronald M. Schernikau wurde 1960 in Magdeburg geboren. Seine alleinerziehende Mutter Ellen - Krankenschwester und SED-Genossin - verließ zusammen mit dem sechsjährigen Kind die DDR im Kofferraum eines Fluchtautos. Ihre Hoffnungen auf ein Zusammenleben mit Ronalds schon vorher geflüchteten und inzwischen anderweitig verheiratetem Vater realisierten sich nicht. Zurück wollte sie trotz großen Heimwehs aus Furcht vor Repressalien zunächst auch nicht. So wuchs der Junge in einer eigenartigen Doppelexistenz in Lehrte bei Hannover auf. Einem nicht untypischen “westlichen” Schulbesuch korrespondierte ein “östliches” Privatleben erst mit “Frösi” und “Pittiplatsch”, dann mit Aurora della Casa und Chris Doerk im Radio, Hilmar Thate und Manfred Krug im Fernsehen. Dazu kam die Erkenntnis, dass er sich mit Mädchen besonders gut verstand - vielleicht weil die ihn sexuell nicht so interessierten wie Männer.

Mit 17 Jahren machte der “Außenseiter-Spitzenreiter” aus all dem sein erstes Buch. Trotz konsequenter Kleinschreibung des Textes und begrenzter Ressourcen des West-Berliner Rotbuch-Verlags wurde die 1980 erschienene “kleinstadtnovelle” ein literarischer und kommerzieller Erfolg. Es ist die Geschichte eines Gymnasiasten namens “b.”, der sich in einen Mitschüler verliebt. Die Schule und die Kleinstadt haben ihren Skandal. Neu an dieser Coming-Out-Story ist nicht die Handlung, sondern stilistisch die teils echte, teils virtuos gespielte Naivität, inhaltlich die große Sympathie, mit der die Figur der Mutter gezeichnet wird. Einige Jahre vor dem “Bitburg-Boom” jüdischer Vornamen in der Bundesrepublik hieß sie übrigens “lea”.

Gleich nach Abitur und Bucherfolg 1980 entfloh Schernikau der muffigen Enge der niedersächsischen Provinz. Er studierte mehr pro Forma Germanistik an der Freien Universität in West-Berlin, sah sich aber schon sehr weitgehend als Schriftsteller. Kulturwissenschaftlich inspirierte ihn vor allem die Ost-Berliner Dozentin Irene Dölling, die Marxismus und Feminismus zu verbinden suchte. Auch literarisch reizte ihn die DDR, aber nicht die in seiner Sicht unpolitische und formalistische Prenzlauer Berg - Szenerie um Sascha Anderson, sondern ihn faszinierten Irmtraud Morgners Feminismus, der Klassizismus von Peter Hacks und die erstklassigen Arbeiten von Alexander Lang als Schauspieler und Regisseur am Deutschen Theater. Gleichzeitig bewegte er sich in zwei West-Berliner Milieus, die miteinander wenig zu tun hatten: als gutaussehender Neuankömmling in der nicht nur schrillen, sondern auch emanzipatorischen Schwulenszene und als intellektuell-utopischer “Communist” in der durch die Folgen von 1968 leicht modifizierten biederen Welt der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW).

Er schrieb wie besessen. Artikel, Briefe, Gedichte, Glossen, Märchen, Protokolle, Romanentwürfe, beteiligte sich an Wettbewerben. Wenig wurde veröffentlicht; trotz einer Neigung zu Sparsamkeit und Frugalität reichte sein Einkommen nicht zum Lebensunterhalt. Besonders schmerzlich empfand er die de-facto-Ablehnung seines zweiten Buchmanuskripts zunächst durch den Rotbuch Verlag (d.h. auch seine WG - Mitbewohner), dann durch namhafte wie nicht-namhafte bundesdeutsche Verlage. An eine Veröffentlichung von “die heftige variante des lockerseins” bei der DKP oder SEW nahe stehenden Verlagen war aus formalen wie inhaltlichen Gründen sowenig zu denken wie an eine Publikation in der DDR. Zu Schernikaus dadurch ausgelöster beruflicher Depression kam die AIDS-Krise Mitte der achtziger Jahre. Die hedonistische Offensive geriet ins Wanken. Er forderte zwar “fickt weiter” - und dies ohne Kondom - aber Erkrankungen und Todesfälle häuften sich, AIDS ließ sich nicht mehr als reaktionäres Produkt lustfeindlicher Ideologie abtun.

Aber dann erfüllte sich 1986 ein langgehegter Wunschtraum, nicht zuletzt durch die Unterstützung von Dietrich Mühlberg. Es war noch nicht die ersehnte Wiedereinbürgerung in die DDR, aber immerhin die Immatrikulation (als erster und einziger Westler) am Institut für Literatur in Leipzig, der Schriftstellerhochschule, wo man nicht nur das Verfassen von Belletristik lernte, sondern auch Philosophie und politische Ökonomie. Ronald fiel auf, wegen seiner anderen Biografie und Veröffentlichungspraxis, aber auch durch seine Sicht auf die DDR-Literatur. Sie war für ihn geprägt durch handwerklich hochstehende Qualitätsarbeit, Formbewusstsein und soziale Perspektive. Die DDR-Teilnehmer hatten all dies für so selbstverständlich gehalten, dass sie es gar nicht mehr bemerkt hatten.

Nach dem Ende des Studiums kehrte er im Jahre 1989 erst einmal nach West-Berlin zurück. Seine Leipziger Examensarbeit erschien im gleichen Jahr beim Hamburger Konkret Literatur - Verlag. Titel: “die tage in l. - darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur”. Hier formulierte er neben Apercus und Beobachtungen auch Grundeinsichten in sein Denken: die Welt nicht als Wille und Vorstellung, sondern Handlung und Veränderung. Dass Individuen dann ihre Geschichte selbst machen, wenn sie auch die Bedingungen dafür gestalten. Dazu gehört die Potenzialität der DDR. Die Perfektion des Westens vermittelt: nichts geht. Die Schlamperei des Ostens lehrt: es wird. Das Buch erweckte nicht zuletzt deshalb mediales Interesse, weil es so gar nicht in eine Zeit zu passen schien, die von außen und innen einen deutsch-deutschen Wendepunkt markierte. 2009 dagegen heißt es etwa im “Spiegel” Nr.10, Schernikau sei dort eine präzise und klarsichtige Beschreibung der letzten DDR-Jahre gelungen, wie sie “heute, fast zwei Jahrzehnte später, Uwe Tellkamps ‘Der Turm’ attestiert wird”.

Und ausgerechnet 1989 gelang die Rück-Übersiedlung. Der Schriftsteller mit Hochschulabschluss wurde vom 1. September an DDR-Bürger, bekam eine Wohnung in Berlin-Hellersdorf und einen Job als Hörspieldramaturg beim Henschel-Verlag, keinen Reisepass und kein Telefon. Also eine nahezu durchschnittliche DDR-Existenz - wenn da nicht Umbruch und Grenzöffnung gewesen wären. Die DDR löste sich auf - nicht nur die Wandlitz-Diktatur des kleinbürgerlichen Geschmacks, nicht nur die “arbeiterlich” nivellierte Gesellschaft der stark verbreiterten unteren Mittelschicht, sondern auch jene kulturelle Utopie, die für Schernikau schon im Werk von Brecht und Heiner Müller existierte, eine Literaturgesellschaft, die von Ulrich Berkes bis zu Peter Hacks und vor allem Irmtraud Morgner reichte. Seine Enttäuschung formulierte das Neumitglied auf dem ostdeutschen Schriftstellerkongress am 1. März 1990 als Warnung vor dem absehbaren Weg in den Kapitalismus: “Wer die Gewerkschaft fordert, wird den Unternehmerverband kriegen. Wer den Videorekorder will, wird die Videofilme kriegen. Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen” (S. 454).

Auf sein eigenes “privates” Schicksal reagierte er ohne Panik. Inzwischen war klar, dass er an AIDS erkrankt war und nicht mehr lange zu leben hatte. Wenn er irgend konnte, arbeitete er an seinem letzten Buch, der “legende”, einem gigantischen literarischem Steinbruch mit einer Handlung, die sich nur im Ansatz wiedergeben lässt: auf eine Insel kommen die vier Götter fifi, kavau, stino und tete (an Ulrike Meinhof, Therese Giehse, Max Reimann und Klaus Mann angelehnte Figuren), um den Menschen dort bei der “errichtung des glücks” zu helfen. Das 845-Seiten-Opus konnte erst 1999 in einer subskribierten Mini-Auflage erscheinen, acht Jahre nach dem Tod des Dichters im Oktober 1991.

 Foto und Buch
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Das kurze Leben und das vielfältige Werk werden von Matthias Frings nicht als klassische Biografie dargestellt. Stattdessen lesen sich die 89 Sequenzen wie ein Film-Szenario. Handlungsbetonte Rückblenden aller Art wechseln mit eher reflexiven Passagen ab. Es ist nicht ganz einsichtig, warum die nonchalant eingestreuten Lebenserinnerungen des Biografen fast ein (geschätztes) Viertel des Textes einnehmen. Die Quellenlage und -verarbeitung ist ausgezeichnet. Frings konnte den bei Rainer Bohn (der 1992 den Briefwechsel Hacks-Schernikau vorzüglich edierte) liegenden Nachlass einsehen und ausführliche Interviews mit der Mutter Ellen Schernikau und dem Lebensgefährten Thomas Keck führen. Einige instruktive Abbildungen wirken als gelungene Ergänzung, ein Personenregister fehlt leider. Es sollte bei einer Neuauflage unbedingt hinzugefügt werden. Die den Titel charakterisierende Überpointierung (statt “letzter Kommunist” hätte es vielleicht in Anlehnung an Ursula Püschel “Communist und Literat” oder “einer der letzten Umsiedler” heißen können) findet sich auch im Buch selbst etwas zu häufig. Trotzdem zeugt die Arbeit des langjährigen Schernikau-Freundes von viel Fleiß und Sympathie. Es ist zu wünschen, dass weitere Studien, Neuauflagen und Editionen aus dem Nachlas folgen.