KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2009
über Simone Barck und Stefanie Wahl :
Bitterfelder Nachlese
Dietrich Mühlberg
Ein genuin sozialistisches Experiment

Bitterfelder Nachlese. Ein Kulturpalast, seine Konferenzen und Wirkungen. Mit unveröffentlichten Briefen von Franz Fühmann. Karl Dietz Verlag Berlin, 2007, 288 S.


Die beiden Herausgeberinnen haben den knapp 300 Seiten starken Band eine „Nachlese“ genannt. Sie wollten damit historischen Abstand signalisieren und „ganz direkt“ …“zum Nach-Lesen“ auffordern. Diesem Appell zu folgen, lohnt sich für jeden, der an deutscher Kulturgeschichte und ihren sozialen wie politischen Verflechtungen interessiert ist. Eine Nachlese ist diese Sammlung von Aufsätzen, historischen Fotos, Zeitzeugenberichten, Briefen und anderen schriftlichen Dokumenten noch in anderem Sinne. Es wird hier ein Projekt dokumentiert, das dem fünfzigsten Jahrestag der Eröffnung des Kulturpalastes in Bitterfeld gewidmet war und als Ausstellung 2004 im Rathaus der Stadt präsentiert worden ist. Danach dauerte es ganze drei Jahre, bis mit Karl Dietz endlich ein Verlag gefunden wurde, der es für machbar hielt, das gesammelte Material zu publizieren. Das war großenteils schon als „Flachware“ in der Ausstellung zu sehen, in diesem Umfang dort aber gar nicht vollständig aufzunehmen. Das betrifft vor allem die vielen Interviews, die die Projektleiterin Stefanie Wahl mit Nutzern und Betreibern des Kulturpalastes geführt hat. Diese „Bitterfelder Erkundungen“ I bis VIII halten ein halbes Jahrhundert Kultur und Alltagsleben der Menschen des mitteldeutschen Industriestandortes fest. „Nachlese“ auch an zeitgeschichtlichen Dokumenten, schon weil für die frühe Zeit kaum noch Gewährsleute zu finden sind. Ähnliches gilt auch für etliche der nicht archivierten Dokumente, die durch die Projektarbeit gesichert werden konnten. Die abgedruckten Fotos und Faksimiles vermitteln einen Eindruck von der Fülle und Differenziertheit dieses Materials.


Ausstellung und Buch
Einladung zur Ausstellung 2004 und Buchtitel 2007

So findet der Leser viele aufschlussreiche Informationen über den Kulturpalast, der als Prototyp für ein öffentlich gefördertes Kulturhaus aus den fünfziger Jahren gelten kann. Und selbstverständlich über die schreibenden Arbeiter und ihre Bewegung, die hier zwar nicht ihren Anfang hatte, aber mit der ersten Bitterfelder Konferenz einen starken Antrieb erfuhr. Hier ermöglichen die Beiträge von Kennern der westdeutschen Szene die übergreifende deutsch-deutsche Betrachtung. Volker Zaib vergleicht Bitterfelder und Dortmunder Weg und fragt nach dem „Einfluss der Bewegung schreibender Arbeiter in der DDR auf die Entwicklung der Dortmunder Gruppe 61“. Peter Kühne ergänzt mit Informationen über das Innenleben der Gruppe, die ihr Zentrum in dem von Fritz Hüser (Dortmunder Büchereidirektor) privat aufgebauten „Archiv für Arbeiterdichtung und soziale Literatur“ hatte. Rüdiger Scholz blickt auf die deutsche Arbeiterliteratur zwischen 1918 und 1989 zurück.

Doch im Kern geht es hier um die Kultur- und Kunstpolitik in der frühen DDR-Geschichte (fünfziger/sechziger Jahre), wie sie konzeptionell auf den beiden „Bitterfelder Konferenzen“ diskutiert worden ist. Das hat viele Facetten, nicht nur in den thematisch angeordneten Interviews von Zeitzeugen. So rekonstruiert Siegfried Lokatis, wie der Mitteldeutsche Verlag (MDV) in den 1950ern zum „Leitverlag für sozialistische Gegenwartsliteratur“ wurde. Seine Pointe: das politische Interesse für den „Bitterfelder Weg“ sank rapide, als 1962 in einer Absatzkrise die verlagsökonomischen Folgen der massiv geförderten Gegenwartsliteratur offenbar wurden. Der stellvertretende Kulturminister Erich Wendt auf Anfrage von Stefan Heym nach den Ursachen der Krise notierte als eine Antwort: „Verwechslung der kulturpolitischen Bedeutung mit den Absatzmöglichkeiten des Werkes.“ (S. 128)

Matthias Braun erläutert „Walter Ulbrichts Traum vom neuen Menschen“ anhand seiner beiden „Bitterfelder Reden“ (1959 und 1964). Schon in dieser Überschrift klingt an, was zu erwarten war: dass die Begegnung mit der schönen Literatur, das Ausprobieren ihrer Techniken und Wirkungen zwar jeden Menschen verändern kann, doch diese Vereinigung von Kunst und Leben kein Mittel ist, die Industriearbeiter der DDR massenhaft in „neue Menschen“ zu verwandeln. Ulbrichts „Traum“, die euphorische Überhöhung der Wirkungsmöglichkeiten sozial engagierter Kunst, musste sich als Utopie erweisen. Dafür bringt Matthias Braun Belege bei und unterscheidet sich von der durchaus üblichen Verfahrensweise, sich vordergründig auf die Frage zu beschränken, wie denn die Parteiführung auf die Literatur Einfluss nehmen wollte und auf welche absonderlichen bis perfiden Einfälle sie dabei kam. Als Motiv wird selbstverständlich immer vorausgesetzt: Machterhalt, Instrumentalisierung, Einwerben ideologischer Unterstützung, wirtschaftliche Mobilisierung usw.

Diesen polithistorischen Kritikern gerät kaum in den Blick, dass es hier um Grundsätzlicheres ging. Dem Inhalte nach wurde diskutiert, wie in einer sozial differenzierten Gesellschaft das Gemeinwohl zu definieren und durchzusetzen sei. Denn in der DDR waren nach weitgehender Nivellierung der Besitzstände ja Unterschiede geblieben, vor allem in den Arbeitsfunktionen (wie selbstredend auch andere soziale Differenzierungen, die zwischen den Geschlechtern, den Generationen, den Städten und den ländlichen Regionen usw. nicht aufgehoben waren). Wie sollte unter diesen Bedingungen das Verhältnis der körperlich Arbeitenden zu den Geistesarbeitern, wie die Beziehung zwischen Industriearbeitern und Funktionseliten gestaltet werden? Dass im „Zukunftsstaat“ die Tempel der Kultur für alle geöffnet werden, war schon in der alten Sozialdemokratie völlig klar. So verstand es sich also, dass nun die „Höhen der Kultur“ von den ehedem Entrechteten und kulturell Ausgeschlossenen zu erstürmen wären. Das war keine verblüffend neue Idee. Der Beitrag von Horst Groschopp leuchtet diese historische Dimension aus und erläutert kenntnisreich, welche Aufgaben in dieser Kulturaneignung den Kulturhäusern zufielen. War da nach Kriegsende an die (gewerkschaftliche) Volkshaustradition angeknüpft worden, wurden sie nun zu gleichberechtigten Institutionen vielfältiger Kunst- und Bildungsvermittlung aufgewertet, bevor sie sich dann später wieder stärker an den Gesellungs- und Freizeitbedürfnissen ihrer Nutzer orientieren konnten.


Ausstellungseroeffnung
Eröffnung der Ausstellung am 14. Oktober 2004

Dass von den Höhen der zu erstürmenden Kultur ausgerechnet Goethe und Schiller winkten und die schöne Literatur als das entscheidende kommunikative Medium verstanden worden ist, hatte seine Gründe in der deutschen Geschichte, vornehmlich in der noch ganz nahen, noch nicht überwundenen. Aber konnte es überhaupt gelingen, eine programmatisch angestrebte Gleichheit durch kulturelle Hebung der werktätigen Massen zu erreichen? Man mag das schnell verneinen, aber das hier von Matthias Braun vorgetragene Urteil über Ulbrichts Utopismus verfehlt die wohl entscheidende Frage. Zu urteilen wäre doch darüber, wie weit das von Walter Ulbricht vorgetragene und gestützte kulturpolitische Konzept dem Modell einer sozialistischen Industriegesellschaft mit ihrer spezifischen sozialen Struktur und den darin enthaltenen Gestaltungsmöglichkeiten adäquat war. Sehr wohl wird man dann hinter den utopistischen Wucherungen einer Frühphase erkennen können, dass die Aufhebung gravierender sozialer Unterschiede auch damals nicht von kulturellen Kampagnen erwartet worden ist. Auch Walter Ulbricht erhoffte sie vor allem vom Wandel der Arbeitsfunktionen durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt und von der damit möglichen Reduzierung der körperlichen Arbeit wie der Arbeitszeit überhaupt.

Eine komplexere Betrachtung wird auch zeigen, dass es damals nicht nur um die Beziehung der Künstler zum „wirklichen Leben“ ging, sondern ganz generell um das Verhältnis der Funktionseliten zu den „wirklichen Arbeitern“. Führte der Bitterfelder Weg manche Künstler in einen Betrieb, so haben später ganze Generationen von jungen Leuten das Abitur mit einer Berufsausbildung verbunden. Die heftigen Debatten über die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft waren nur Sonderfall eines allgemeinen Problems, wie denn proklamierte Gleichheit und soziale wie kulturelle Differenzierung zusammenpassen.

An zwei exemplarischen Fällen kann nachgelesen werden, dass dies auch das existenzielle Problem vieler Künstler war. Barbara Wiesener schreibt als Kennerin der Biografie von Brigitte Reimann über deren innere Schwierigkeiten nach dem Eintritt in eine Brigade des Kombinats Schwarze Pumpe (1960). Breiter und ausführlicher ist das Material, das Simone Barck von und über Franz Fühmann zusammengestellt und kommentiert hat. Seine angestrengte Annäherung an die Arbeiter und ihre Lebenswelt, die in der Zeit der Bitterfelder Konferenz begann und ihn über zwei Jahrzehnte beschäftigte, führte zu (hier angedeuteten) Einsichten über den Zusammenhang von gesellschaftlichem Engagement und künstlerischer Produktion, die in seinem (wieder abgedruckten) Brief an Kulturminister Hans Bentzien von 1964 zusammengefasst sind. Im Kern eine Absage des Künstlers an den „Bitterfelder Weg“, doch das Problem blieb: „Wo war der Ort eines Schriftstellers meiner nicht-proletarischen Herkunft, Tradition, Mentalität und Leistung in einer Gesellschaft, deren Führung sich in staatlicher Form als Diktatur des Proletariats versteht?“ (S. 173). Zehn Jahre später – keiner sprach mehr vom Bitterfelder Weg – bemühte sich Franz Fühmann um Kontakte mit Brigaden im Salz- und Kupferbergbau und konnte schließlich 1974 mit seiner Jugendbrigade in den Schacht. Hier fand er, wie Simone Barck schreibt, „in mehrwöchigen, physisch höchst anstrengenden Untertageaufenthalten 1974/75 tatsächlich ‚seinen Ort’, ‚seine Landschaft’ und sein ‚Urerlebnis’.“ (S. 174) „Im Berg. Fragment eines Scheiterns“ (1983) ist von Fühmann nicht vollendet worden, doch mit den vorliegenden 13 Kapiteln des Bergwerk-Fragments ein ist Schlüsseltext für das Verhältnis von Arbeit und Kunst entstanden.

Wenn auch jene linken Künstler, die nach 1945 aus dem Exil zurückkehrten (fast ausschließlich in die SBZ/DDR) ihr gesellschaftliches und politisches Engagement für selbstverständlich hielten, war ihre Stellung in der neuen Gesellschaft ähnlich problematisch. Und nicht wenige scheiterten in ihrem Bemühen, ihr politisches Bekenntnis auch als Künstler auszudrücken. Selbst den Schriftstellern proletarischer Herkunft ist es kaum gelungen, die neue Arbeitswelt künstlerisch aufzuschließen.

Burghard Duhm öffnet mit seinem Beitrag über den Maler Walter Dötsch ein Blickfeld jenseits der hier im Mittelpunkt stehenden Literatur und deutet damit an, wie sinnvoll und notwendig es ist, auch auf die anderen künstlerischen Aktivitäten dieser Zeit einzugehen. Er analysiert das Brigadebild von 1961 (nebst zeitgenössischen Kommentaren) und berichtet Details aus der langjährigen (1952 bis 1987) „betrieblichen Kulturarbeit“ des Künstlers. Hier wird sofort klar, dass bildende Künstler aufgrund ihrer handwerklichen Produktionsweise ein ganz anderes Verhältnis zur Arbeit und zu Arbeitern haben als Literaturproduzenten. Und selbstverständlich auch ein anderes Verständnis von künstlerischer Unterweisung, von Kulturarbeit durch Künstler. Denn der Zeichenlehrer oder Kunsterzieher war schon lange ein achtbarer Beruf, Kunsthochschulen waren selbstverständlich. Doch ein „Literaturinstitut“ war 1955 eine Neugründung der DDR und nicht zufällig war sein erster Direktor Alfred Kurella einer der Erfinder des „Bitterfelder Weges“.


Ausstellungstafel
Die Ausstellungstafel dokumentierte die Debatten über das umweltkritische „Greppiner Schlaflied“ von Karin Kostow (1987)

Im Rückblick sind die Lösungen, die einst in der DDR gefunden oder verkannt worden sind, an den damaligen Verhältnissen zu messen. In die Gegenwart übertragbar ist davon nichts, auch weil es die Industriegesellschaft mit ihrer Arbeitermajorität hier nicht mehr gibt. Doch wer heute in der weitaus schroffer differenzierten deutschen Gesellschaft von sozialer Gerechtigkeit, von Chancengleichheit und von Bildung als Schlüssel zum Erfolg spricht, sollte auf die Anregungen nicht verzichten, die dieser Teil der deutschen Geschichte geben kann. Und wer sich darauf einlässt, wird bald bemerken, dass vergleichbare und bis heute wirksame kulturpolitische Strömungen um ein Jahrzehnt zeitversetzt auch in der alten Bundesrepublik entstanden sind.

Solche Gemeinsamkeiten (wie auch die Unterschiede) werden recht deutlich, wenn Rüdiger Scholz im letzen Beitrag des Bandes die kulturpolitische Proklamation des „schreibenden Arbeiters“ in der DDR zum Anlass nimmt, die kurze Phase des Bitterfelder Weges in die beiden „großen Epochen von Arbeiterliteratur“ einzuordnen: einmal ist das die Weimarer Republik und dann sind das die beiden Deutschlands der sechziger und siebziger Jahre. Und tatsächlich ist es schon „merkwürdig, dass es trotz der riesigen Unterschiedlichkeit des ökonomischen und staatlichen Systems in beiden deutschen Staaten ganz ähnliche, wenn auch nicht gleichzeitige Versuche gegeben hat, dem bürgerlichen Künstlerbegriff des individuellen Genies eine proletarische Literatur entgegenzusetzen, die von den Arbeitenden selbst verfasst wurde, sich gegen bürgerliche literarische Kunstformen wandte und eine eingreifende Rolle in den Betrieben spielte. Obwohl für uns, von heute aus gesehen, aus der Bewegung einer Literatur von Betroffenen für Betroffene zwei höchst interessante Literaturen hervorgingen, sind die politischen Ziele in beiden Fällen gescheitert.“ (S. 277)

Simone Barck, die das Projekt konzeptionell betreut hat, ist im Band auch mit einer gedrängten Studie der „Bewegung schreibender Arbeiter“ vertreten. Dieses nicht nur literaturgeschichtlich aufschlussreiche Phänomen ist von der neueren DDR-Forschung bislang kaum beachtet worden. Simone Barck verfolgt diesen „kulturellen Vorgang, der in Zielstellung und Praxis ein genuin sozialistisches Experiment darstellte“ (S. 141) in seinen beiden Aspekten. Einmal als einen kulturellen Bildungsprozess, der den Umgang mit den Künsten in nichtbürgerlichen Milieus tatsächlich qualitativ wie quantitativ erweitert hat. Dies ist nicht nur eine Vermutung, denn auch die einschlägigen Untersuchungen weisen für die aktuelle ostdeutsche Teilpopulation eine höhere Wertschätzung kultureller Bildung und eine positive Bewertung des weitgehend schichtindifferenten Zugangs zur offiziellen Kultur in der Vergangenheit aus. Die westdeutschen Analysten führen das vor allem auf die intensivere schulische Heranführung der Kinder an die Künste zurück. Dass Betriebe und Gewerkschaft Organisationsformen kulturellen Lebens waren, kommt dabei nicht in den Blick.

Diese Skizze gibt auch eine Übersicht der literarischen Ergebnisse von drei Jahrzehnten, geht den Reaktionen der Berufsorganisation der Schriftsteller nach und blickt besonders auf jene Berufskünstler, die in engen Beziehungen zur Laienbewegung in den Betrieben gestanden haben und denen so „wichtige gesellschaftliche Einsichten in Ökonomie und Arbeitsalltag möglich wurden. Die zu Recht hervorgehobene ’soziale Sensibilität’ der DDR-Literatur verdankt sich wohl nicht zuletzt diesen konkret betrieblichen Realitäts-Einblicken.“ (S. 161)

Simone Barck hat diese, wie sie meinte, heute exotisch anmutende massenkulturelle Bewegung für ein Schlüsselereignis der DDR-Kulturgeschichte gehalten und wollte darum das hier rückblickend betrachtete Projekt weiterführen. Sie hatte dafür schon alle Voraussetzungen sicher erstritten, doch ihr plötzlicher Tod beendete diese Arbeit, die früher oder später von neugierigen Historikern wieder aufgenommen wird. Der hier vorliegende Band könnte sie dann auf wichtige Spuren führen.


Barck und Wahl

Ausstellungsmacherinnen und Herausgeberinnen: Simone Barck und Stefanie Wahl