KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2009
über Uwe Tellkamp:
Der Turm
Dieter Segert
Eingemauert, ausgebrochen, angekommen?
Das Beste zum Schluss. Die „Geschichte aus einem versunkenen Land“ (so der Untertitel von Uwe Tellkamp: „Der Turm“) lässt den Herbst 1989 auf S. 973 mit folgenden Worten ausklingen: „…aber dann auf einmal … schlugen die Uhren, schlugen den 9. November, ‚Deutschland einig Vaterland’, schlugen ans Brandenburger Tor: “ Eine Erlösungsgeschichte also haben wir mit diesem Roman bekommen. Wir sind zum Schluss so doch noch von „dem Bösen“ erlöst worden.

Ich war von diesem Roman auf eigentümliche Weise gefesselt. Das hat auch mit gelungenem Erzählen und mit stimmigen Bildern an vielen Stellen des allerdings unerträglich langen Textes zu tun. Meine Rezension will die literarische Qualität des Textes jedoch ausdrücklich nicht einschätzen. Sie geht nur der einen Frage nach: Warum wird der Roman im deutschen Feuilleton als Schlüsselroman über die späte DDR gerühmt? (Um sich dieser Wertung in der veröffentlichten Meinung zu vergewissern, lohnt es sich die entsprechende Site bei „Perlentaucher“ anzusehen.)

Zunächst aber meine kleine, unvollständige, persönliche Übersicht, davon, was hier (in den Worten Jens Biskys) als Auskunft darüber gepriesen wird, „wie es denn wirklich gewesen ist“ in der DDR zwischen 1982 und 1989: In diesem imaginierten Staat konnte man als leitender Arzt in einem Restaurant nicht feiern, ohne das nötige hochwertige Fleisch (Lendensteak) selbst mitzubringen. Für einen Wintermantel musste man fünf Stunden in der Schlange stehen. Verkaufte Rührbesen waren alle Ausschuss. Passanten waren „grau und braun“ gekleidet, trugen „Kopftücher“ bzw. „russische Schapkas“ und hasteten geduckt durch die Stadt, „niemand mit erhobenen Kopf“. Ärzte einer Klinik konnten nicht anders an einen schönen Weihnachtsbaum kommen, als dass sie ihn im Wald aus einer umzäunten und von Soldaten bewachten Schonung stahlen, in welcher namentlich gekennzeichnete Edelbäume für Parteifunktionäre standen. 1984 wurde jemand in ein Haus auf dem „Weißen Hirsch“ in Dresden (das nur ein Gemeinschaftsbad hat) einquartiert. Dafür mussten die Bewohner zusammenrücken und Zimmer, die sie bisher genutzt hatten, an den neuen Mieter abgeben. Die Russen haben in diesem Staat ein ganz schlechtes Image, und das zu Recht, griffen sie doch den jungen Mädchen unter die Röcke. Die sowjetische Fahne wehte über all dort, wo die Macht saß. Bei Schuldirektoren hing neben dem eigenen Staatschef natürlich auch das Portrait des sowjetischen Generalsekretärs. Eine systemkritische Schriftstellerin, die als Talent gelobt wird, verlor in einer Auseinandersetzung um ein neues Buch nicht nur ihre Mitgliedschaft im Schriftstellerverband, sondern musste sich eine Arbeit in einem Karbidwerk suchen, wo sie sich ihre Gesundheit ruinierte. Mitglieder der SED waren eine kleine Minderheit, und wo sie auftauchten, waren sie meist ausschließlich mit ihren eigenen Interessen beschäftigt. Die Energieversorgung brach zusammen, und die Krankenhäuser konnten wegen Treibstoffmangel ihre Notaggregate nicht anfahren. Der ehemalige Klinikdirektor wurde nach der Berentung gezwungen aus seiner Wohnung auszuziehen und brachte sich deshalb um. Einem Lektor im Verlag sollte mit Hilfe der Staatssicherheit eine wertvolle Standuhr aus der Wohnung gestohlen werden, damit der Staat an Devisen kommt, das konnte gerade noch mit Umsicht verhindert werden. Alles Unheil aber widerfuhr Christian, der Hauptfigur, der Medizin studieren wollte, in konzentrierter Form. Der Höhepunkt dieser Höllenfahrt ist seine umfangreich geschilderte Leidensgeschichte in der Nationalen Volksarmee, während seiner drei Jahre als Unteroffizier, die schließlich zu fünf werden, und wo er im Militärknast in Schwedt landete Dort schien ihm, er sei hiermit „im Innersten des Systems angekommen“ (S. 827).

Das ist eine noch unvollständige Aufzählung von in diesem Roman vermittelten Bildern über die DDR in den achtziger Jahren. Ausgehend davon lautet meine Antwort auf die oben gestellte Frage: Dieser Roman wird m. E. deshalb als Schlüsselroman über die späte DDR gefeiert, weil in ihm durch einen in der DDR geborenen Schriftsteller alle die Vorurteile bestätigt werden, die sich in der veröffentlichten Meinung in den letzten zwei Jahrzehnten (auf dem Fundament der lange vorherrschenden „Kalte-Kriegs-Atmosphäre“) finden lassen. Er ist ein getreues Abbild des vorherrschenden Zerrbildes über den untergegangenen zweiten deutschen Staat.

Uwe Tellkampf ist natürlich nicht unschuldig an dieser Projektion des Feuilletons. Er wollte wohl gar zu sehr ankommen. Mir scheint, dass über die DDR und ihre Endkrise 1989 auch ganz andere Geschichten erzählt werden können und auch schon erzählt worden sind. Einseitige natürlich ebenfalls. Die DDR wird bei den verschiedenen Gruppen ihrer Bewohner ganz unterschiedlich erinnert. Nur im deutschen Feuilleton ist diese Vielfalt bisher kaum sichtbar. Das hat nicht nur etwas mit dem „kolonialen Blick“ aus dem Westen zu tun. Ein weiterer Grund dafür könnte sein, dass die verschiedenen Gruppen von Ostdeutschen ein Gespräch über ihre gegensätzlichen Erinnerungen noch kaum begonnen haben.