KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2007
über Katrin Rohnstock (Hrsg.):
Es wird gestorben, wo immer auch gelebt wird. 16 Protokolle über den Abschied vom Leben
Leonie Mielke
Vom Sterben
250 Seiten, Broschur, 13 x 21 cm
ISBN 978-3-89602-774-0
12,90 Euro (D)
Schwarzkopf & Schwarzkopf 2007
250 Seiten, Broschur, 13 x 21 cm ISBN 978-3-89602-774-0 12,90 Euro (D) Schwarzkopf & Schwarzkopf 2007

Das Buch ist eine Sammlung von Protokollen über Gespräche mit Menschen, die über achtzig Jahre alt sind. Was war das Wichtigste in ihrem Leben? Was bleibt vom Leben? Was kommt danach? Unweigerlich kommen die Befragten auf das Thema Sterben und Tod zu sprechen. Sie erzählen von ihrem Glauben, ihren Ängsten und Wünschen, Ritualen und Bildern. Erzählungen, die berühren, beeindrucken und bewegen – nicht zuletzt durch ihre Offenheit und Lebensweisheit.

Die Erzählungen wurden von verschiedenen Autoren aufgeschrieben. Sie alle haben eine Rohnstock-Ausbildung absolviert und arbeiten zum Teil seit mehreren Jahren als Biografiker beziehungsweise Lektoren bei „Rohnstock Biografien“. Die Erzählungen wurden nach der Rohnstock Methode des autobiografischen Schreibens für andere verfasst.

Die Lebensgeschichten sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie erzählen. Jede Erzählung ist einzigartig und bietet einen tiefen Einblick in das Erlebte des Betroffenen. Die Erfahrungen, Schicksale, Sorgen, Wünsche, Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen nehmen den Leser mit auf eine einzigartige Reise – die Lebensreise.

Da ist Magda Egressy, Jahrgang 1920, der Bühnenmensch. Auch mit 86 Jahren hat sie ihr Publikum, erzählt aus ihrem künstlerischen Leben und trägt Lieder vor. Momente, die ihr Kraft geben. Sie treibt zudem jeden Morgen Sport „nicht wie ein altes Frauchen, nein, ich turne wie vor dreißig Jahren, mindestens eine Stunde lang. Obwohl man mir wegen der Arthrose bereits vor dreißig Jahren den Rollstuhl prophezeite. Auf dem Balkon steht mein Heimtrainer, täglich radele ich eine halbe Stunde.“ Gerne würde sie einmal in einer Talk-Show auftreten und über ihr Leben berichten. Auch ein Buch würde sie gerne noch schreiben. Angst vor dem Tod hat Magda Egressy nicht, aber sie fürchtet das Sterben. Wie wohl jeder Mensch hat sie Angst vor Leid und Siechtum. Der Gedanke, „einmal hinzufallen und nicht mehr aufstehen zu können“ macht ihr Angst. Es erinnert sie an die Hilflosigkeit ihres verstorbenen Mannes Georg. Er verstarb 2004 an Leberkrebs. Georg hat aber auch nach seinem Tod einen festen Platz in ihrem Leben. Fünfundsechzig Jahre sind die beiden glücklich zusammen gewesen. Der Schmerz über seinen Tod quält Magda Egressy bis heute.

Religiös ist sie nicht, „obgleich die Natur oder eine höhere Macht unser Leben beeinflussen mag. So betrachtet, bin ich gläubig. Ich rede ja auch mit meinem Mann, obwohl er gestorben ist: Wer gestorben ist, ist noch lange nicht tot.“

Wenn Magda Egressy über ihr eigenes Sterben nachdenkt, ist sie wieder ganz die Künstlerin: „Im Gegensatz zum versäumten Abschied von meiner Familie werde ich bei meinem eigenen Ableben dabei sein. Keine Ahnung wie man das macht. Sterben. Keine Ahnung, welche Rolle ich dabei spiele. Immer war ich ein Bühnenmensch. Für mich ist auch der Akt des Sterbens mit einem Auftritt verbunden. Der letzte Auftritt im letzten Akt.“

Da ist die bewegende Lebensgeschichte von Werner Bab, Jahrgang 1924, der 1943 als Jude beim Versuch in die Schweiz zu fliehen, verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurde. Nach seiner Befreiung lebte er zehn Jahre in San Francisco, USA. 1957 kam er nach Deutschland zurück. Bis zu seinem Ruhestand betrieb er eine Autoniederlassung.

Die schrecklichen Dinge, die Werner Bab während der Nazi Zeit erleben musste, sind kaum in Worte zu fassen. In Auschwitz eingeteilt in das Arbeitskommando „Bauhof“, schleppte er bis zur Entkräftung Zement, Steine, Sand und hob Gruben aus. Der Vergasung entging er nur durch einen „bürokratischen Zufall“. Bei seiner Verhaftung musste Werner Bab einen Schutzhaftbefehl unterschreiben. Er musste unterzeichnen, dass er zu seinem eigenen Schutze in Haft genommen wird, da er gegen die Judengesetze verstoßen habe. Dieser Schutzhaftbefehl, der ihn nach Auschwitz brachte, rettete ihm später das Leben. Werner Bab war aufgrund seiner Entkräftung selektiert worden. Er wurde aber nicht wie alle anderen auf einen Lastwagen verladen. Die verladenen Häftlinge kamen nach Birkenau, wo sie vergast und verbrannt wurden. Erst später erfuhr Werner Bab den Grund dafür, dass er nicht abtransportiert wurde. Aufgrund des Schutzhaftbefehles hätte für seine Vergasung eine Genehmigung aus dem Reichssicherheitshauptamt eingeholt werden müssen. Da der Selektionstag aber auf einen Sonntag fiel und das Berliner Reichssicherheitshauptamt sonntags nicht besetzt war, blieb Werner Bab erst einmal am Leben.

Durch einen Freund gelang es Werner Bab, aus dem Arbeitskommando herauszukommen und für andere Arbeiten eingeteilt zu werden. Er wurde Hundepfleger und „Läufer am Tor“.

Am 26. Januar 1945 wurde den Häftlingen mitgeteilt, dass die Russen kämen und Auschwitz deshalb evakuiert werde. Werner Bab wurde vor die Wahl gestellt, ob er in Auschwitz bleiben oder mitgehen wolle. „Was sollte ich machen? Dableiben sollten die Kranken. Man munkelte, dass die SS die Baracken vor dem Abmarsch anzünden würde, um keine Zeugen zu hinterlassen. Leute, die ich kannte, Deutsche meist, hatten Angst vor den Russen. Ich auch. Wie hätte ich denn den Russen beweisen können, dass ich Häftling war und kein Nazi?“ Werner Bab entschloss sich also mitzugehen. Der Weg, auf den sich Werner Bab und die anderen machten „ist heute als Todesmarsch nach Pleß bekannt“. Wie durch ein Wunder überlebte Werner Bab den Marsch. Danach wurde er in Melk wieder in ein Sonderkommando eingeteilt. Das Kommando trieb Stollen in einen Berg, in denen Flugzeugteile für die „Wunderwaffe V 2“ gefertigt wurden. Das bedeutete schwere Arbeit und wenig zu essen. Einige Monate später ging es weiter nach Ebensee. Werner Bab wurde wieder selektiert, überlebte aber auch hier wie durch ein Wunder.

Am 6. Mai 1945 kamen die Amerikaner, die zunächst nicht wussten, was sie mit den Häftlingen machen sollten. Nach Verhandlungen wurde erreicht, dass sechs Häftlinge das Lager verlassen konnten. Werner Bab war dabei. Er reiste mit den anderen nach Wien. Da Werner Bab keine Angehörigen mehr hatte, blieb er in Wien.

1947 ging Werner Bab nach San Francisco. Hier war er aber ein Außenseiter – nicht weil er Jude, sondern weil er ein Deutscher war.
1957 kehrte er wieder nach Deutschland zurück. Aber auch hier gab es Probleme. Werner Bab hatte keine Schulbildung, keine Zeugnisse. Die Arbeitssuche gestaltete sich dementsprechend schwierig. Er machte sich schließlich mit einer Autoniederlassung selbstständig. Von außen betrachtet, normalisierte sich das Leben von Werner Bab. „Doch für mich wurde nichts normal. Ich war auf großen Empfängen. Wenn jemand erzählte: `Ich war in Cambridge`, blieb ich stumm. Hätte ich entgegnen sollen: `Ich war in Auschwitz`?“

Erst mit zweiundachtzig Jahren ging Werner Bab in den Ruhestand. Nach einem Herzinfarkt und einem Schlaganfall, hat er eine achtzigprozentige Behinderung, das Laufen fällt ihm schwer. Am 16. Mai 2006 erhielt Werner Bab das Bundesverdienstkreuz. Eine Ehrung, die er mit gemischten Gefühlen sieht: „Was soll ich davon halten, dass man mir einerseits Ehrungen antut, aber zugleich verweigert, was ich mit meiner achtzigprozentigen Behinderung wirklich brauche: einen Parkschein, der mir erlaubt, meinen Wagen auf Behindertenparkplätzen abzustellen.“

Werner Bab hat über das, was er erlebt hat, fast sechzig Jahre nicht gesprochen. Heute hat er jedoch Angst vor den immer stärker werdenden Rechten; deshalb erzählt er. Er geht mit seinen Erzählungen in Schulen und erlebt großes Interesse bei den Jugendlichen. Das freut und beruhigt ihn. Werner Bab sagt, er kann vergeben aber nicht vergessen. „Ich lebe in Deutschland und habe doch Angst. Mehr vor dem Leben als vor dem Tod. Vielleicht sterbe ich an Altersschwäche, vielleicht an einem Infarkt. Gestorben bin ich an Auschwitz.“

Dies sind Auszüge aus nur zwei der sechzehn bewegenden Lebensprotokolle. Trotz der Einzigartigkeit der Geschichten lassen sich auch gewisse Gemeinsamkeiten und Parallelitäten in den Erzählungen ausmachen. Allen Befragten gemeinsam ist zum Beispiel die Ruhe und Gelassenheit, mit der sie dem Tod entgegensehen. Sie haben keine Angst vor dem Tod. Angst haben sie, wenn, denn vor dem Sterben – insbesondere vor Schmerzen und Qualen. Viele der sechzehn Befragten haben eine Patientenverfügung verfasst, um am Lebensende nicht einer Apparatemedizin und Fremdbestimmung ausgesetzt zu sein.

Deutlich wird der Wunsch, „letzte Dinge regeln zu wollen“. Es scheint Bedürfnis der Befragten, Dinge wie die Beerdigung, Testament, Erbschaft, etc. zu regeln. Gerhard Birkenfeld, Jahrgang 1922: „Am Ende jedes Lebens steht der Tod. Darauf muss man sich vorbereiten. Ich habe das getan. Das ist ein schönes Gefühl.“

Eine weitere Gemeinsamkeit der sechzehn Erzählungen liegt in der Besinnung auf die Natur. Das Sterben als natürlicher Teil des Lebens. Wie die Geburt, gehört auch das Sterben zum Leben. „Es ist ein Kommen und Gehen, wie überall in der Natur. Wie wir nicht gefragt werden, ob wir geboren werden wollen, werden wir auch nicht gefragt, wenn es an das Sterben geht. So ist das eben. (…) Sterben ist ein natürlicher Vorgang.“, Richard Platz, Jahrgang 1919 († 2005).

Klar wird auch die Besinnung auf das Wesentliche. Das Wesentliche scheint dabei in der Liebe, in der Beziehung zur Familie und engen Freunden zu liegen. Berufliche Erfolge und Ziele liegen in der Vergangenheit. Der Lebensinhalt der Befragten liegt in den Kontakten und Beziehungen zu ihren Kindern, Verwandten und Nahestehenden. In unserer heutigen Gesellschaft, in der der berufliche Erfolg meist an erster Stelle steht, sollte dies einen doch über die Prioritäten nachdenken lassen.

Der ein oder andere wird sich vielleicht fragen, ob die Konfrontation mit dem Thema Sterben und Tod für die Befragten mit ihren über achtzig Jahren nicht zu belastend sei. Warum mit ihnen über ein so tristes Thema sprechen? Dem Leser wir aber schnell deutlich, dass dies gerade das ist, worüber die Befragten sprechen möchten! Sterben und Tod sind in unserer Gesellschaft immer noch Tabuthemen. Das macht es den Betroffenen schwer. Johanna Biesel, Jahrgang 1916: „Für die meisten Jüngeren ist Nachdenken über das Sterben tabu. Mir ging es als junger Frau genauso. Meine Mutter wollte darüber reden, leichthin tat ich es ab: `Ach Mutti, das ist noch so weit weg.` Heute sehe ich manches anders. Ich habe das Bedürfnis, über das Sterben zu sprechen. Meine Nachbarin, sie ist 75, will auch darüber reden. Das tun wir manchmal, und es beruhigt.“

Das Buch hat den Befragten die Möglichkeit gegeben, offen über das Thema Sterben und Tod zu sprechen. Dieser offene Umgang mit dem Thema gibt Zuversicht. Mit jeder Erzählung wird das Thema Tod und Sterben ein Stück selbstverständlicher und natürlicher. Sterben und Tod verlieren so etwas von ihrem Schrecken. Das Buch ist daher für jeden – jung und alt – zu empfehlen. Sich vor dem Thema zu verschließen hilft schließlich auch nichts, denn: „Es wird gestorben, wo immer auch gelebt wird.“