KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2007
über Jean Baudrillard:
Die Macht der Verführung
Volker Gransow
Die Denkspirale
Baudrillard verführt auf Deutsch
Supposé Verlag, Köln 2006, 1 CD, 55 Min., 18,- €
Supposé Verlag, Köln 2006, 1 CD, 55 Min., 18,- €


Auf dieser CD spricht der kürzlich verstorbene Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard deutsch. Das hilft Hörerinnen und Hörern, denn auf Deutsch kann er nicht so mit seinen Gedanken heraussprudeln wie auf Französisch. Er muß gelegentlich Pausen einlegen oder nach Worten suchen, die ihm kultürlich nach einer kleinen Pause gleich einfallen. Baudrillard präsentiert auf Deutsch eine vielleicht typisch französische spiralförmige Denkweise am Beispiel der “Macht der Verführung”. Es handelt sich offenbar um Gesprächsfragmente, bei denen die Fragen des Gesprächpartners herausgeschnitten wurden. Das Gespräch bezieht sich auf Baudrillards Werk “Lasst euch nicht verführen” (Berlin 1983). Der Bezug auf Brecht und die Bibel ist in diesem Buch eher implizit.

 Gransow Denkspirale
Innencover der CD

Er beginnt mit der Verlesung eines Textauszugs aus “Lasst euch nicht verführen”, “Prolog wider die Liebe” genannt. Danach kommt eine kurze Geschichte der Verführung. Anders als im Buch von 1983 geht es um die Verflüssigung alles Festen bei der Verführung. “All that is solid melts into air” paraphrasierte fast zur gleichen Zeit (1982) der amerikanische Soziologe Marshall Berman das “Kommunistische Manifest”. Dieser Auflösung des Soliden geht Baudrillard auf der vorliegenden CD unter der Überschrift “Séduction und Produktion” nach. Die Macht der Verführung wird von ihm - bei Feministinnen wohl nicht besonders geschätzt - weiblich konnotiert, unwiderstehlich, mysteriös, ungeheuer. Aber könnte es auch nur um das Weibliche im Mann gehen?

Weibliche Séduction-Verführung und männlich geprägte Produktion schließen sich nach Baudrillard aus. Aber das Gegenteil ist ebenfalls richtig, sie hängen dialektisch zusammen. “Ich kann nur verführen, wenn ich schon verführt bin, und niemand kann mich verführen, ohne selbst schon verführt zu sein”. Der Verführer Baudrillard führt durch alle Arten von Verführung: die Verführung der Toten, Verführung und Pornographie, Perversion und Verführung bis hin zu Technik und Magie.

Vor Gott bzw. den Göttern wird nicht haltgemacht. “Wenn wir auf die alten Kulturen zurückkommen, dann war das Verhältnis zu den Göttern ein Opferverhältnis. Das Opfern ist ja ein Verführungsversuch, denn natürlich muss man den Göttern gefallen, sonst werden sie sich rächen. Das ist ein Duell - und die Götter antworten oder sie antworten nicht. Wenn sie aber nicht antworteten, dann war es aus mit ihnen in diesen Kulturen, denn die Götter hatten keine ewige Stellung, es war ein fortwährendes Spiel von Opfern und Vergelten”. Nietzsche und Heidegger lassen grüßen. Man vermisst nur die Göttinnen.

Ausführlich und anregend diskutiert Baudrillard die für ihn unübersetzbaren Begriffe “pouvoir” und “puissance”, also etwa “Macht” und “Leistungsfähigkeit”. “Souverainité est puissance suprême” sagte Jean Bodin schon viele Jahre vor dem Nazi-Kronjuristen Carl Schmitt und seinem Diktum “souverän ist, wer über den Ausnahmezustand bestimmt”. “Aber wie lange?” fragte Nicolaus Sombart in seinem Buch über “Die deutschen Männer und ihre Feinde” nach. Dass östlich des Rheins Menschen spätestens seit Max Weber über die Differenzierung von “Macht” und “Herrschaft” nachgedacht haben, scheint Baudrillard so wenig zu interessieren wie seinen Landsmann Michel Foucault, der ebenfalls mit einem amorphen Machtbegriff operiert hat.

Sex ist kein Thema, Liebe nur Negativfolie. Die heutige Kultur ist die der “ejaculatio praecox”, der schnellen Triebabfuhr. Dagegen stellt Baudrillard die Verführung, die Leidenschaft, das Flüchtige. Das tut er so charmant mit leisem Lachen und Fragen “wie sagt man?”, dass meiner Beifahrerin der einstündige Stau bei Hannover amüsant verkürzt wurde. Zu bemängeln ist das fehlende Booklet, Konzeption und Produktion der CD sind Thomas Knoefel hervorragend gelungen.