KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2003
über Rita Kuczynski:
Die Rache der Ostdeutschen, Parthas Verlag, Berlin 2002, 144 Seiten 14,50 €.
Dietrich Mühlberg
Aus Rache PDS wählen
Weil bei den letzten Landeswahlen fast jeder zweite Ostberliner seine Stimme für die PDS abgegeben hat, lag ein berechtigtes Interesse vor, den Ursachen dieser Entscheidung nachzugehen. Rita Kuczynski hat darum zwanzig der PDS-Wähler recht ausführlich interviewt und dabei auch gefragt, was sie denn zu dieser Entscheidung motiviert hätte. Das ergab ein Buch von 144 Seiten (zu 14,50 Euro) und Manfred Stolpe hat es sich nicht nehmen lassen, es einen Tag nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident - nun ganz Chef des "Forum Ostdeutschland" und Ostexperte der Sozialdemokratie - selbst öffentlich vorzustellen. Was die dabei versammelte, parteipolitisch ausgewogene Runde bewegte, waren nicht so sehr die in den Interviews erläuterten Motive; die schienen allen mehr oder weniger bekannt oder einleuchtend zu sein, sondern die Frage, ob aus ihnen notwendig das Votum für die PDS folge. Das wurde leicht angezweifelt und die Vertreter aller Parteien haben darum das Büchlein dem Studium ihrer politischen Mitstreiter ebenso empfohlen, wie eine Untersuchung der Motive, sich für eine andere Partei zu entscheiden. Schon diese Reaktion von Experten zeigte, dass die Autorin und Herausgeberin ihr Anliegen wohl wirksam umgesetzt hat. Die vorgestellten Aussagen von Angehörigen aller Altersgruppen und Milieus belegen, dass "PDS-Wählen" hier als Antihaltung sowohl gegen das politische Normalverhalten in der alten Bundesrepublik als auch gegen die obwaltende Vorstellung steht, der gegebene Gesellschaftszustand sei - bei allen zugestandenen Mängeln - denn doch der beste unter den bekannt gewordenen. Ihnen allen gilt "gemäßigter Fortschritt in den Schranken des Gesetzes" (wie einst Jaroslav Hasek ganz ernsthaft seine sozialdemokratische Biertrinkerpartei genannt hat) nicht als weitgreifendes politisches Ziel. Weil für die Mehrheit der Westdeutschen (und das ist die überwältigende Mehrheit der Deutschen) das Votum für die PDS unverständlich und politisch unkorrekt ist, wird eine solche Entscheidung besser nicht an die große Glocke gehängt, zu groß ist die Befürchtung, dass daraus jenseits der Politik Nachteile entstehen könnten. So wurde den Interviewten vertraglich Anonymität zugesichert, dennoch untersagten besorgte Eltern ihren Kindern die Mitwirkung, weil Abschluß der Lehre oder Arbeitsstelle noch nicht sicher waren. Der rüde öffentliche Umgang mit den PDS-Politikern hat hier prägend gewirkt. Westler interpretieren solche Heimlichtuerei gerne als Spätfolge der verkrümmenden Wirkungen der SED-Diktatur: Ostdeutsche haben eben immer noch Angst davor, sich politisch offen zu bekennen; der Spruch ist bekannt: "Immer die Hand aufhalten, aber heimlich PDS wählen". Zwanzig Interviews sind selbstverständlich keine repräsentative Erhebung, aber das Spektrum der möglichen Positionen ist wohl ganz gut erfasst. Verständlich auch, dass sich das Buch auf die Ostberliner beschränkt, die ja so deutlich anders wählen als der übrige Osten. Allerdings kann das Buch nur indirekt auf die berechtigte Frage antworten, warum es diesen Unterschied gibt. Einmal dürfte das dem üblichen Stadt-Land-Gefälle geschuldet sein und sicher wirkt auch die starke Verankerung der SED in der DDR-Hauptstadt nach. Doch der Hauptgrund dürfte sein, dass in Berlin Ost und West alltäglich mit einer Intensität aufeinander treffen, wie sonst nirgendwo. Und dies in einer Weise, in der deutlich sichtbar wird, wer in allen Positionen das Sagen und Haben hat. Berlin wird vom Westen regiert, Ostberliner haben wenig zu melden: Die Politiker, die sich daran bereichert haben, Berlin in eine Pleite unvorstellbaren Ausmaßes zu dirigieren, sind ausnahmslos Westler. Eine gewisse Empörung darüber klingt in allen Gesprächsprotokollen an. Das kann aber auch daran liegen, dass für jeden Ostler jede Erläuterung des politischen Standorts zu einem autobiographischen Bekenntnis gerät. Das gilt wahrscheinlich nicht nur für PDS-Wähler. Auch Entscheidungen für andere Parteien verlangen - wenn auch nicht gleichermaßen - eine Art Rechtfertigung vor der (politischen) Biografie. Übrigens setzen auch Freunde im Westen mitunter unaufgefordert zu einer Rechtfertigung dafür an, warum sie jüngst wieder SPD gewählt haben. Manche fügen hinzu: eigentlich wären sie ja auch noch zahlendes Mitglied; das soll wohl andeuten, dass sich die Anpassung der Partei "an die Umstände" denn doch schneller vollzogen hat als die eigene. Rita Kuczynski nennt ihr Buch werbewirksam "die Rache der Ostdeutschen". Der Titel spielt mit westdeutschen Vorurteilen und es ist nicht sicher, dass dies verkaufsfördernd ist. Aber er bezeichnet die Sache, um die es hier geht, ganz richtig. Der Titel nimmt ein Grundmotiv aller Aussagen auf: ihre Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit sehen die PDS-Wähler nur noch durch diese Partei angemahnt. Und es kommt die eigene Unzufriedenheit hinzu. Beileibe nicht mit der materiellen Lage der Familie. Sie sehen in Gregor Gysi - Rächer der Enterbten - und seinen Knappen die einzigen politischen Kräfte, die die von Ostdeutschen erfahrene oder empfundene Ungerechtigkeit deutlich benennen. Sie beklagen, mit der "Wende" vor allem ideelle Güter verloren zu haben. Ihnen geht es nicht vorrangig um den Verlust des Staatseigentums, das sie in vierzig Jahren DDR erarbeitet haben, sondern um die Entwertung ihrer sozialen Erfahrung, um das Scheitern ihrer politischen Absichten von 1989, um die Einbußen an beruflicher Qualifikation, um die Ausschließung von den Entscheidungspositionen - insgesamt um das Abdrängen in einen zweit- und drittrangigen Status. Soweit sozialistische Gesinnung oder soziales Empfinden dahinter steht, ist das immer auch eine begründete Entscheidung gegen die SPD. Je nachdem, wie stark der politische Standpunkt ausgeprägt und begründet ist, wird die SPD für ihren Verrat an den Interessen der kleinen Leute" ("Arbeiterinteressen") oder dafür gescholten, dass sie über keine Vorstellungen verfügt, die über den gegebenen Zustand hinausführen könnten. Und selbst da, wo ausdrücklich zugestanden wird, dass auch die PDS keine weitreichenden Alternativen aufzumachen in der Lage ist, gerät ihr das der SPD gegenüber noch zum Vorteil: der Gysi sagt wenigstens, dass er auch noch keine Lösung sieht, identifiziert sich aber dennoch nicht mit dem gegeben Zustand sondern bleibt bei seiner Kritik. Es ist sehr fraglich, ob Westdeutsche diese Texte lesen werden und auch, ob sie danach "den Osten" besser verstehen. Man kann es wünschen, doch ist es eher unwahrscheinlich. Auch nach der Lektüre dieser zwanzig politischen Bekenntnisse dürfte die Mehrzahl der westdeutschen Leser (wenn sie die "Rache" denn lesen) kaum begreifen, warum Ostdeutsche - Erfolgreiche wie Gescheiterte, Gewinner wie Verlierer - sich denn als zweitrangig behandelt sehen und warum sie vor allem darum die neue Bundesrepublik recht kritisch sehen. Das liegt nicht nur am Gestus der Antworten, mit dem sich die Befragten sich eben einer Ostdeutschen gegenüber erklärten (andernfalls hätten sie das Interview verweigert), und vielleicht wären sie auch gar nicht in der Lage, in westdeutscher Diktion zu antworten. Die "Interviewerin" gibt zwar verschiedene Hinweise, die Verstehen ermöglichen sollen - doch ob es für das Anliegen der Ostler überhaupt offene Ohren geben kann? Man denke nur daran, wie die ostdeutsche Art von Systemkritik manchen systemkritischen Geist des Westens zu heftiger Abwehr provoziert - ohne 68er Erfahrung ist richtige Systemkritik für ich undenkbar. Ostdeutsche sind eine unpassende Störung. Auf der erwähnten Buchvorstellung sprach es einer für den Westen aus: er verstehe das ganze Gezeter nicht, schließlich seien doch die Ostdeutschen in den Westen gekommen - und nicht umgekehrt. Dem Büchlein ist weite Verbreitung zu wünschen. Aber: auch wenn es weder gelesen noch verstanden wird, bleibt es eine kulturhistorische Quelle für die ostdeutsche Stimmungslage im dreizehnten Jahr nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Den dokumentarischen Charakter mag man anzweifeln, weil sich hier drei Textformen mischen und aus der Perspektive eines jeden Genres ließen sich Einwände machen. Die qualitative historische Forschung kann die redaktionelle Bearbeitung dieser Auskünfte von Zeitzeugen monieren und mehr analytische Arbeit am Text fordern. Liebhaber der literarischen Gesprächsprotokolle, wie sie im Osten nach Maxi Wander üblich geworden waren, könnten anmerken, dass die Konzentration auf das Politische eine literarische Vertiefung verhindert habe. Und dies, obwohl Rita Kuczynski die Äußerungen der Befragten behutsam bearbeitet hat und alle ihre Gewährspersonen "Literaturdeutsch" sprechen. Sie hatte ihnen vertraglich zugesichert, an Gehalt und Absicht der Aussage nichts zu ändern und ist sich sicher, dass es da keine Beschwerden geben wird. Für diesen Zweck ist die Bearbeitung nicht nur legitim, sondern unerlässlich. Sie "erhöht" aber das Gesagte ein wenig in Richtung Literatur (und entrückt es damit der politischen Auseinandersetzung). Zugleich fällt dieses Buch in ein Genre des modernen Journalismus: das Talk-Porträt. Hier mag es dann zu wenig "investigativ" sein, zu verständnisvoll, eher von der behutsamen Art, in der Günter Gaus mit seinen Gesprächspartnern umgeht. Das aber könnte für manchen Leser schon zu viel Verständnis für Menschen sein, die eine solche unkorrekte politische Entscheidung treffen zu müssen meinen.