KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2007
über Hilmar Thate:
Neulich, als ich ein Kind war
Autobiografie - Versuch eines Zeitgenossen
Katrin Rohnstock
Neulich als ich Kind war.
Hilmar Thate verlegt seine Autobiographie bei Lübbe
32 S. Tafelteil mit zahlreichen Abbildungen.
Luebbe Verlagsgruppe September 2006

Vom Cover blickt uns Hilmar Thate entgegen. Ein großartiges Porträt, das seine Empfindsamkeit und Gereiztheit ausleuchtet. Das den verzweifelten Erkenntnissucher Faust, den ewigen Widersacher Mephisto, den machtzerfressenen Richard der III. vereint. Ohne Maske, das Licht macht die tiefen Augenringe und jede Falte sichtbar. Die Adern des Zorns pulsieren. Keine Schönfärberei, kein Jugendbild. Ein Bildnis, das die Lebensbilanz, die sich hinter dem Cover verbirgt, nicht treffender charakterisieren könnte.

Ich habe diese Autobiographie leidenschaftlich gelesen. Ich bin froh, dass Thate sein Leben erzählt, dieser großartige Schauspieler, der in der DDR am Berliner Ensemble seine schönste Zeit hatte, danach wurde er weder beim Maxim-Gorki-Theater, an der Volksbühne, noch am DT heimisch. Nach der Biermannausbürgerung ging er 1980 in den Westen - ein Angebot vom damaligen Intendanten des Schillertheater im Rücken. Er war klug genug, dieses Angebot abzuwarten. So verschwand er nicht wie viele DDR-Künstler von der Bildfläche, sondern konnte eine zweite Karriere starten: wie Manfred Krug, wie Armin Müller Stahl. Drei Schauspieler nahezu der gleichen Generation. Die den Vater (Staat), der sie bildete und nährte, der ihnen die Idee einer sozialistischen Gesellschaft wie die zehn Gebote einflößte, verließen. Warum? Aus heutiger Sicht scheint Thate der Anlass klein, kaum der Erwähnung wert. Es ging ums Prinzip. War der Staat so klein? Oder er so groß geworden? Mußte er hinaus, um sich seinen Weltrang zu beweisen?

Heute, da alles bewiesen ist, heute da sich sein reiches, kampfreiches Leben dem Ende neigt, fragen er: Was ist gewesen, was ist geblieben? "Schauspielerei - das ist Dichtung, Musik, Traum. Ganzsein. Ich träumte von einem Beruf, in dem man wirken und sich einmischen kann, der Beobachtungslust anregt und braucht, der Klischees bricht und sich Absonderlichkeiten leistet. Ich fantasierte von einem Beruf, in dem man seine Botschaft verwirklichen kann." Gestalten, in der großen kreativen Gemeinschaft leben: "Am Berliner Ensemble fühlte ich mich über zehn Jahre, von 1958 bis 1969 beheimatet... Ich bekam Boden unter den Füßen, gehörte dazu, fühlte mich ins Ensemble eingebunden und frei." Das Berliner Ensemble war seine künstlerische Heimat, etwas, das er später nur für kurze Augenblicke wiederfindet. Die Sehnsucht nach solch einer Gemeinschaft treibt ihn bis heute. Es klingt fast wie Selbstbeschwichtigung, wenn er anschließt: "Aber jegliches hat seine Zeit..." Lauert da ein Fünkchen Bedauern, über das Ungestüm des jungen Erwachsenen? Das ist er: Einer, der heute noch singt "die Internationale... gnadenlos, kräftig und überzeugt." Hilmar Thate.

Als ich sechzehn war, verfolgte ich fiebrig vor dem Fernseher meiner Großmutter das mehrteiliges Fernsehepos "Daniel Druskat", das den Aufbau des Sozialismus auf dem Lande thematisiert. In den Hauptrollen Hilmar Thate, Manfred Krug. Ich komme auch vom Dorf. Ich fieberte mit Daniel, dem Helden, um Gerechtigkeit. Er war klug und kraftvoll, optimistisch und fröhlich. Ich sah nur wenige Filme. Meine Eltern hatten keinen Fernseher. Ich träumte von Daniel, dem Thate. Ich vergaß ihn nie mehr und war hoch erfreut, als ich ihn vor drei Jahren wiedersah - in dem Film "Nachtgestalten" von Andreas Kleinert. Da war der großartige Thate alt geworden. Er spielte seine Figur resigniert, dünnhäutig, zerrissen. Zwei Figuren, wie sie gegensätzlicher nicht sein können. Wie einer so gegensätzlich sein kann. Zwischen den beiden Rollen liegen fast dreißig Jahre. Bei ihm. (Bei mir leider auch.) Haben das die Jahre aus ihm gemacht? (Was haben die Jahre aus uns gemacht?)
Es ist, als wäre er von der Bilanz, die er mit seiner Autobiografie zieht, selbst überrascht. "Was für ein Weg," schreibt er, "vom ahnungslosen Dölauer Dorflümmel zum Bewunderer und schließlich Partner Ernst Buschs." Und als müßte er sich noch einmal des Sinns dieses Resümés vergewissern: "Ja, deshalb muß ich schreiben, weil der Lauf der Jahre Bereicherungen brachte, die mein Ich ausmachen."

Es ist wohltuend, wie bescheiden und authentisch er geblieben ist. Wird Bescheidenheit in dieser erfolgsgetrimmten Gesellschaft zum Privileg der Erfolgreichen? Und Authentizität, die so wenig in die Menschenbilder der Medien paßt? Je mehr sie uns teilnehmen lassen an ihren Fehlern und Verwerfungen – um so mehr bewundern wir sie für ihren Erfolg. Hilmar Thate präsentiert uns eine Geschichte mit vielen Brüchen – keineswegs nur in der DDR, sondern auch im Westen: Schillertheater, Theater am Kudamm, München, Theater an der Wien, dazwischen Filme mit so großen Regisseuren wie Fassbinder. Auf und Ab. Freundschaften und Zerwürfnisse und Freundschaften.

Je größer die Unsicherheit in der Gesellschaft wird, um so größer das Bedürfnis nach Vergewisserung in Autobiographien. Man entdeckt den Erzähler als einen, der die gleichen Ansprüche, die gleichen Schwierigkeiten hat. „Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit“ , zitiert Hilmar Thate Goethe und erzeugt dem Leser einen warmen Schauer auf dem Rücken. Welche Gelassenheit. Einmal dorthin gelangen! Was für Aussichten.

Diese Weisheit ist wohl nur dem Erfahrenen vergönnt. Dem, der sich nichts mehr beweisen, der nicht mehr um Anerkennung buhlen muß. Es ist die Weisheit des Alters. Die uns Junge beruhigen, mit Zuversicht erfüllen kann: Mit jedem Tag, den wir älter werden, rücken wir ein Stück darauf zu. Ohne Anstrengung.

Sicher war es nicht leicht, diese klugen, vielschichtigen Lebensbilanz in einer stimmigen inneren Logik zu konstruieren. Sicher war es nicht leicht, der Geschichte eine Dramaturgie zu geben, die den Schwung dieses Lebens nachzeichnet und ihm einen geschliffenen Ausdruck verleiht. Ja, man wäre angesichts der Unordnung schon dankbar über einen Text, der dem Leser die zeitliche Einordnung erleichtert.

Um eines von vielen Beispielen zu nennen: „Das Jahr 1976. ..Angelica und ich, wir liebten uns und heirateten einmalig schön.“ Wird am Anfang eines Absatzes dahin geworfen, um einen Abschnitt danach vom Kennenlernen zu berichten: „1976 war entscheidend für Angelica und mich – beziehungsreich. Wir kannten und mochten uns. Schon in den Sechzigerjahren am Berliner Ensemble hatten wir einen guten Kontakt, kamen aber noch nicht zusammen. Geflirtet haben wir ständig, beleidigt hat sie mich auch...“ usw. usw. Von solchen Ungeordnetheiten ist die Geschichte leider gezeichnet. Sie zu beseitigen, ist die Aufgabe eines Ghostwriters. Oder gab man Kerstin Retemeyer zu wenig Zeit? Drängte man sie zu flüchtigen, die innere Dramaturgie sprengenden Überarbeitungen? Nun, wie dem auch sei, sicher ist ihr Anteil an dem Lesevergnügen das ich hatte, dennoch nicht zu unterschätzen.