KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2007
über Henning Wrage (Hrsg.)::
Alltag. Zur Dramaturgie des Normalen im DDR-Fernsehen
Lutz Haucke
Der inszenierte Alltag im DDR-TV – ein Zugang zur Alltagskultur der DDR?
MAZ/Materialien, Analysen, Zusammenhänge Bd.20.
Leipziger Universitätsverlag
Seit einiger Zeit bringt die DFG-Forschungsgruppe „Programmgeschichte des DDR-Fernsehens – komparativ“, in der Medien- und Literaturwissenschaftler der Universitäten Leipzig, Halle, Berlin und der HFF Potsdam-Babelsberg forschen, Sammelbände (MAZ) zu verschiedensten Programmbereichen des DDR-Fernsehens heraus.

Das Projekt besteht aus folgenden Teilprojekten:
Programmentwicklung
Rezeptionsgeschichte
Heitere Dramatik
Kleine und große Show
Literaturverfilmungen
Dokumentarische Genres
Sportfernsehen
Familienserien
Kinderfernsehen
Fiktive Geschichtssendungen. -

Der vorliegende Band 20 gehört zum Teilprojekt 5 „Literaturverfilmungen des DDR-Fernsehens“, obwohl eine Durchsicht des Bandes Überschneidungen mit anderen Teilprojekten erkennen lässt (Familienserien, Shows, Sport-TV).

Der Herausgeber Henning Wrage macht mehrere Ebenen des Alltagsbegriffs einleitend geltend:
(1) Alltag als „Prüfstein der großen Erzählung vom Sozialismus“ (S.13); dass diese Bestimmung zurückgeht auf den in der DDR zwischen 1975/76 begonnenen Diskurs zum Thema „Alltag und Geschichte“/1/ ist von ihm anscheinend nicht zur Kenntnis genommen worden;
(2) der nach 1990 in der Forschung entwickelte Ansatz, von einem Gegensatz zwischen Alltag und Ordnungsdiskurs in der DDR auszugehen und dem folgend, Alltagsdarstellungen im Fernsehen zu untersuchen. Wrage nennt dafür:
a) den Alltag als einen Gegenpol zum Offiziellen, als „Frage nach Wohnung und Freizeit, Arbeit und Urlaub, Versorgung und Familie“ (S.13)
b) Alltag als „Gegenbild zur inszenatorischen Höhepunktkultur der DDR“ (S.13).

Inszenierungen des Alltages in der Populärkultur und in den Literaturverfilmungen des Fernsehens der DDR sind in diesen Konstruktionen lesbar als Untersuchungsobjekte, die Aufschlüsse geben können über das „normale Leben“ in der DDR, das in der Distanz, im Gegensatz zu ideologischen Leitwerten des sozialistischen Staates, der Partei – dem so genannten Ordnungsdiskurs - zu verstehen sei. Andererseits wurde in den TV-Sendungen die Alltagskultur der DDR manipulativ selektiert.

Bedenkenswert ist die Wende in den Diskursen: seit 1975/76 wurde in der DDR die Dialektik von Alltag und Geschichte diskutiert, in der Nachwendezeit der 90er Jahre wird diese Dialektik eliminiert und statt dessen die Kontradiktion von Alltag und Ordnungsdiskurs in der DDR zum Maßstab der medienwissenschaftlichen Analyse. Warum verzichtete man auf die kritische Bestandsaufnahme der in der Theorie des sozialistischen Realismus verfochtenen Dialektik von Alltag und Geschichte? Bis auf den heutigen Tag steht eine Auseinandersetzung mit dem Alltags- und Geschichtsbegriff – eingeschlossen die Fortschrittsauffassung -, die der Theorie des sozialistischen Realismus in der DDR zu Grunde lagen, aus.

Wrage versteht den Band als einen Beitrag zur Darstellung des Alltags in der DDR in der Sicht des DDR-Fernsehens. Ob er allerdings als ein Beitrag zur Erforschung der Alltagskultur in der DDR, der Herausgeber will anknüpfen an Günther Rüther, 1988; Dieter Pesch/ Sabine Thomas-Ziegler, 1991; Ina Merkel, 1998; Evemarie Badstübner, 2000, gewertet werden kann, ist angesichts der im Band verfolgten „Produktanalysen“ fraglich. Warge betont zwar, dass in den genannten Publikationen das Fernsehen bislang kaum berücksichtigt worden sei, aber den Autoren des Sammelbandes geht es mehr um die medienwissenschaftliche Kennzeichnung der Art und Weise der Alltagspräsentationen als das man zu kulturwissenschaftlichen Analysen der Alltagskultur in der DDR vorstoßen will. Im Mittelpunkt stehen die propagandistischen und im engeren Sinne fernsehspezifischen Raster des DDR- Fernsehens als manipulativer Herrschaftsinstitution, die Art und Weise der Filterungen in Literaturverfilmungen und Sendereihen.

Neben einem Exkurs zur tendenziösen und selektierenden Sicht auf den westdeutschen Alltag durch das Fernsehen der DDR (S.25-117) stehen wichtige Bereiche zur Debatte:
- der DDR-Alltag in Fernsehshows (Gerd Hallenberger, S.121-138)
- Darstellung des DDR-Alltages in den Familienserien (Sascha Trültzsch/Sebastian Pfau, S.139-156) und in der TV-Krimiserie „Polizeiruf 110“ (Christian Jäger, S.157-170)
- die Inszenierung des Alltags bei den Sportstars (Lutz Warnicke, S.171-193)
- die Repräsentation des Alltags in verfilmten Jugendromanen (Rüdiger Steinlein, S.197-248)
- die Untersuchung der drei TV-Verfilmungen von 1978, 1978/79 und 1980 von Maxie Wanders „Guten Morgen, Du Schöne. Protokolle nach Tonband“(1977) von der Theaterwissenschaftlerin Susanne Liermann (S.249-269) hebt sich von den anderen Untersuchungen insofern ab als sie sich mehr auf die Interpretation der Autorenposition der Maxie Wander im Buch bezieht als denn auf die medien- und gattungsspezifische Inszenierung des Alltags in den TV-Verfilmungen.

Für den Leser bietet das Register der zitierten Sendetitel im Anhang die Möglichkeit, die ganze Bandbreite besprochener Sendungen und Filme zur Kenntnis zu nehmen.

Obwohl alle Autoren in Teilprojekten des DFG-Projekts verankert sind und deshalb eine Wertung der forschungsmethodischen Ansätze in der Einleitung aufschlussreich gewesen wäre, wird darauf vom Herausgeber verzichtet. Angesichts der Laxheit der Mehrheit der Autoren in dieser Grundfrage der Forschung (die Ausnahme sind: Thomas Beutelschmidt, Lutz Warnicke, Sascha Trültzsch und Sebastian Pfau) hätte dem vom Herausgeber sowohl in der Vorbereitung des Bandes als auch in der Einleitung mehr Beachtung geschenkt werden müssen.

Auf einige Problemfelder des Bandes soll im Folgenden eingegangen werden.

(1) Der Alltag als Gegenstand von Literaturverfilmungen

Literaturverfilmungen fordern die Analyse und Interpretation von epischer Literatur und Spielfilm heraus. Oftmals ist die vergleichende Untersuchung der Erzählweisen aus medien- und gattungsspezifischer Sicht /2/ das Zentrum solcher komparatistischer Analysen. Im vorliegenden Sammelband folgt man mehr der Frage, wie denn das Fernsehen der DDR den Alltag vermittels von Propagandatechniken, Selektionsrastern inszeniert habe.

Der Herausgeber, von Hause aus ein Germanist, fokussiert einleitend auf den Alltag /3/, in dem er die negative Besetzung des Alltagsbegriffs in der bürgerlichen Hochkunst des 19. und frühen 20.Jahrhunderts (G.Meyrink, R.M. Rilke u.a.) /4/ als eine Fluchtposition charakterisiert, wozu das populäre Massenmedium Fernsehen die Gegenposition generell entwickelt hätte. Dieser Exkurs mutet mehr als ein germanistisches Ornament an. Ein Einstieg in die Diskursgeschichte des Problems „Alltagsdarstellungen in der DDR“ hätte es gestattet, in der Einleitung historisierende Weichen zu stellen.

Susanne Liermann folgt in ihrem Beitrag: „Alltag als Regelverstoß. Maxie Wanders ‚Guten Morgen, Du Schöne’ und die Verfilmungen im DDR-Fernsehen“ konsequent der Kontradiktion „Alltagsleben als Gegensatz zum Ordnungsdiskurs“ (vgl. S.250,255). Sie untersucht die Autorenposition der Maxie Wander. Sie hebt hervor, dass sie einerseits dem Dokumentarismus und der Authentizität der Figurensprache folgt, aber andererseits unmerklich partielle Kollagen der Figurenrede konstruierte, so dass das Werk wiederum als Fiktion anzusehen ist. Ihre These vom „Alltag als Regelverstoß“ hat also zwei Ebenen: a) die autobiographischen Dialoge durchbrechen die Normierungen des Alltages durch den Ordnungsdiskurs und b) formal-gestalterisch wird mit dem Versuch zu Kollagen gegen die Ausschließlichkeit des Dokumentaren, des Authentischen für die Alltagsdarstellung verstoßen.

Diese Ausführungen werden aber dann nicht in einer Diskussion der medien- und gattungsspezifischen Besonderheiten der drei TV-Verfilmungen weitergeführt, obwohl sie auf gravierende Unterschiede zwischen den Verfilmungen verweist: die erste Verfilmung von 1979, die aus nicht bekannten Gründen nicht zur Aufführung kam, setzt auf Laiendarsteller (bestärkt damit die medienspezifischen Möglichkeiten des Authentischen) und Gedankenmonologe.

Die Inszenierung von 1978/79 setzt auf künstliche Studiorealität und nähert sich dem Schauspiel an. Die Verfilmung von 1980 verlagert die Handlung in die Wirklichkeit und betont damit die dem Medium Film in besonderer Weise gegebene Möglichkeit der Alltagsnähe der agierenden Personen.

Die Autorin versäumt es, den Entstehungszeitraum von Buch und TV-Filmen (1977-1980) mit einer Befragung der zwischen 1975 und 1977 in der DDR in Gang gekommenen Diskussion über Alltag und Geschichte zu verbinden. Vielleicht wäre sie zu dem Schluss gekommen, dass die von Maxie Wander erzählten Lebensgeschichten von Frauen bereits eine in der DDR-Frauenliteratur frühe programmatische und oppositionelle Verabschiedung von der Geschichtsdimension zugunsten der Ausschließlichkeit des Alltages waren.

Lässt der Beitrag von Susanne Liermann einen eindeutigen wissenschaftsmethodischen Ansatz vermissen, so zeichnet gerade dies die ausgezeichnete Studie von Thomas Beutelschmidt „Von West nach Ost – von Ost nach West: IRRLICHT UND FEUER. Zur Entstehung und Rezeptionsgeschichte eines DDR-Fernsehfilms nach einem westdeutschen Roman – und seiner Ausstrahlung in der BRD“ (S.47-117) aus. Beutelschmidt verfolgt keine dramaturgische Analyse (Fabel, Figurenaufbau, Erzählweise, Montagekomposition) dieser DDR-Verfilmung eines Romans von Max von der Grün. Eines westdeutschen Gegenwartsromans, der nach seinem Erscheinen im Jahre 1963 in mehr als 2,5 Millionen Exemplaren in 23 Ländern erschienen sein soll. Der Roman, der nicht der Arbeiterdichtung und nicht der proletarisch-revolutionären deutschen Literaturtradition zugeordnet werden kann, der aber eher dem entspricht, was in Großbritannien in den 60er Jahren als „working class realism“ /5/ bezeichnet worden ist, wurde vom DDR-TV in beachtlicher Werktreue 1966 verfilmt und am 21. und 23.8.1966 zum Zeitpunkt einer aktuellen Bergbaukrise in der BRD gesendet. Dementsprechend gab es in der BRD von offizieller Seite Vorbehalte für eine Übernahme. Als dann schließlich doch am 17.6.1968 der Zweiteiler vom Südwestfunk gesendet wurde, wurde die Sendung flankiert von einer TV-Dokumentation, die Aussagen des Films zur sozialen Situation im Ruhrgebiet recherchiert hatte sowie einer Studiodiskussion u.a. Dies nimmt Beutelschmidt zum Anlass, konsequent eine medienhistorische Methodik zu verfolgen.

Er breitet detailliert aus - unter Verwendung von Archiv- und Pressematerialien und auch von repräsentativen soziologischen Zuschauerbefragungen - die Entstehungsgeschichte, die Zensurgeschichte der Literaturverfilmung im DFF und in westdeutschen TV-Anstalten und schließlich die Rezeptionsgeschichte in der DDR und in der BRD. In diese medienhistorische Vorgehensweise wird eingebunden die Wertung der Leistungen der Schauspieler (S.70f.), des DEFA-Kameramannes Horst E.Brandt (S.74f.) und des DFF-Szenaristen Gerhard Bengsch (S.59f.).

Beutelschmidts Analysen sind so umfassend, dass eine gesonderte Untersuchung eventuell tendenziöser Propagandatechniken in der Darstellung des Arbeiteralltages im Ruhrgebiet sich erübrigt. Er betont, dass man zwischen der politischen Programmtaktik des DFF und der werktreuen Verfilmung unterscheiden müsse. Seine Studie lässt den Schluss zu, dass an dieser Literaturverfilmung, einer DEFA-Auftragsproduktion, nicht besondere Propagandatechniken des DDR - TVs in der Dramaturgie nachzuweisen sind.

Im Gegensatz zu dieser Studie geht Rüdiger Steinlein ausschließlich der Repräsentation des DDR-Alltages in seiner Untersuchung „Repräsentationen des Alltags in verfilmter Jugendliteratur – Spielfilme des Fernsehens der DDR nach gegenwartsbezogenen Jugendromanen“ nach (S.197-248).

Als Quellenmaterial dienen ihm: EGON UND DAS ACHTE WELTWUNDER(1962/1964); DEN WOLKEN EIN STÜCK NÄHER (1971/1973); TRAMPEN NACH NORDEN (1975/1977); DAS MÄDCHEN UND DER JUNGE (1981/82); JAN OPPEN (1983/1987). Sein Untersuchungsprogramm umreißt Steinlein so: es solle der Frage nachgegangen werden „wie hier Alltag im Sozialismus der DDR dargestellt wird; d.h. in welchen Segmenten und Handlungsfeldern er auftaucht und wie (und nach welcher Maßgabe) dieser Alltag als Handlungsrahmen für die jugendlichen Helden in Szene gesetzt wird und welche Typen von Jugendlichen mit welchen Problemen in den Mittelpunkt gestellt werden. Und mehr noch: Auf welche Aussageintentionen lassen die verschiedenen Formen der Alltagsinszenierung schließen?“ (S.204). Wissenschaftsmethodisch wird dieses Anliegen sehr widersprüchlich vom Autor realisiert. Die Aussageintentionen werden immer auf einige Grundschematas des Verfassers zurückgeführt, die – bei aller Differenziertheit der Einzeluntersuchungen - wie folgt zu benennen sind:

- „wirklichkeitsillusionierende Sollbilder“ (S.209)
- „Die Alltagsinszenierung ist …im Kern eine prästabilierte Erfolgsinszenierung“(S.210)
- „Die Alltagsinszenierung im Jugendfilms der DDR lässt sich als diejenige des ‚arbeiterlichen Alltages’ kennzeichnen.“(S.216) -
„…sie zeigen eine DDR-Alltagswirklichkeit, die eben kein ungeschminktes Bild vermittelt, und konstruieren sie um die Schutzfunktion des sozialistischen Kollektivs und seiner Repräsentanten (Lehrer, Funktionäre, Arbeiter).“(S.206) -

Steinlein wählt kein quantifizierendes soziologisches Verfahren (z.B. vergleichende Inhaltsanalyse), um Handlungsfelder bzw. Handlungsrahmen der jugendlichen Helden zu differenzieren.

Steinlein wählt die ermüdende und langatmige Methode der Beschreibung von Figuren- und Konfliktkonstellationen, um seine Ablehnung der DDR-Kinder- und Jugendliteratur in einem sehr vereinfachten Verfahren zu untermauern. Seiner mitunter plakativen Ablehnungsbeweisführung mangelt es an einer dem Untersuchungsgegenstand gemäßen Wissenschaftsmethode. Wenn man sich auf 5 Romane/Verfilmungen beschränkt, dann ist schon statt der bloßen Beschreibung der Figurenkonstellationen ein k o m p a r a t i s t i s c h e s Vorgehen nach der motivkundlichen Methodik (Thematologie) zu bedenken. Im vorliegenden Falle bieten sich als Motive, Themen und Topois an: das Motiv der Freundschaft, das Motiv von Geborgenheit und Ausbruch, das Motiv der Straße, das Motiv der ersten Liebe, das Protestmotiv, das Jugendklubmotiv, das Motorradmotiv u. v. m./6/ Auch bestimmte Figurenkonstellationen könnten als Sozialtyp der DDR-Realität und als motivgeschichtliches Figurenmotiv komparatistisch besser (statt vereinfachend und verkürzt) diskutiert werden z.B. der Pädagoge, der Antifaschist, der Polizist, der Jugendklubleiter in der Kinder- und Jugendliteratur der DDR.

Steinlein unterscheidet nicht überzeugend zwischen der berechtigten und notwendigen Kritik an institutionellen Rahmenbedingungen einer sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur (er liefert überzeugende Fakten für die Zensur) und dem Gebrauch dieser Literatur durch die Rezipienten. Er blendet rezeptionsgeschichtliche Betrachtungsweisen ebenso aus wie eine sorgsame Aufarbeitung der Geschichte der Diskurse über die DDR-Kinder- und Jugendliteratur in der Literatur- und Filmkritik.

Bezeichnenderweise wird in dem Abschnitt „Politisch-pädagogisierte Codierung gegenwärtiger, DDR-spezifischer Lebenssituationen in DDR-Jugendfilmen“ nicht e i n e konkrete Aussage zu den Codierungen und zu den DDR-spezifischen Lebenssituationen formuliert (S.203/04). Und man sollte politisch-pädagogische Codierungen nicht ohne ein wenig Sozialstatistik zur sozialen Lage der Kinder und Jugendlichen in der DDR diskutieren – auch wenn das vielleicht den Gesichtskreis der Germanistik zu sprengen scheint.


(2) TV - Populärkultur in der DDR – inszenierter Alltag als Bestandteil des normalen Alltags der DDR-Zuschauer

Die Inszenierungsformen des Alltags werden an einem weit gefassten Spektrum der TV – Populärkultur untersucht:

- TV – Shows
- Familienserien
- Serienkrimi
- Sportstars.

Sport war in der Bandbreite vom Breiten- oder Volkssport bis zum Leistungssport in der DDR fester Bestandteil der Alltagskultur. Sportliche Betätigung konnte sich infolge weitgehender staatlicher Subventionierung der Sportstätten bzw. durch die Betriebe im Rahmen der Betriebssportgemeinschaften zu einem massenkulturellen Freizeitphänomen entwickeln. Massensport vermittelte die kulturelle Identität großer Teile der DDR-Bevölkerung, weil mit ihm sich Gemeinschaftlichkeit, Reproduktion der Arbeitskraft, positive Emotionen in der sozialistischen Lebensweise verbanden.

Hinzukam, dass Sport zugleich das politische System in der DDR zu repräsentieren hatte (krass ausgewiesen in der Massenornamentik der Aufmärsche und Leistungsschauen von Sportlern bei Festspielen und Demonstrationen). In diesem Sinne war Sport unentbehrliches und widersprüchliches Element der DDR-Populärkultur.

Lutz Warnecke geht der Frage nach, ob im DDR-TV die Darstellung von Sportstars von diesem Phänomen der Alltagskultur grundsätzlich geprägt war oder ob – westlichen Gesellschaften vergleichbar – eine Starmythologie vom TV kreiert wurde. (S.171-193)

Quellenmaterial sind Sportlerporträts in TV-Standardreihen wie „Sport aktuell“ und „Halbzeit“ der Sportredaktion (S.173-74). Im Unterschied von Starphänomenen im Kapitalismus (hoher Glamourfaktor „mit dem Status von Superreichen, die ihren sportlichen und medialen Erfolg in bare Münze und in Werbeverträge transferieren“, S.191) wird für die sozialistische DDR festgestellt, dass die Leistung, Persönlichkeitswerte wie Bescheidenheit, Fleiß, Disziplin und Mut (S.189) und eine strikte Verankerung des bekannten Sportlers in die normalen Alltagsmilieus Kennzeichen ihrer Popularität waren. Der Autor belegt, dass die vom DDR-TV verfolgte Inszenierung von Alltagssituationen bei der Porträtierung der Leistungssportler nicht auf soziale Distanzen sondern auf das WIR-Gefühl der Allgemeinheit zielte. Er hebt hervor, dass die TV-Präsentation der Sportstars einerseits die sportliche Leistung (Reportagen vom Training u.a.) ausstellte und andererseits aufgrund der gering differenzierten Sozialstruktur in der DDR, in der die Arbeitermilieus dominant waren, im normalen Alltag angesiedelt war, was ihre Popularität infolge der damit verbundenen Identifikationsmöglichkeiten für große Teile der Bevölkerung mitbegründete.

Warnicke benennt sein wissenschaftsmethodisches Vorgehen: „Dazu wurden Porträts einer vergleichenden Inhaltsanalyse unterzogen und zu den Biografien der Sportler in Beziehung gesetzt.“(S.182) Seine Argumentation zu den untersuchten Sendungen ist reich an Details und überzeugend, aber man vermisst in seinen Verallgemeinerungen den konkreten Bezug zu den von ihm erarbeiteten Daten der Inhaltsanalyse (zumindest in den Anmerkungen hätte man diese quantitativen Daten ausweisen können).

Gerd Hallenberger diskutiert in „Sozialismus als mediale Utopie – Vorstellungen des DDR-Alltages in Fernsehshows“(S.121-138) ausschließlich die berühmt-berüchtigten TV-Shows von Ponesky aus den 60er Jahren auf der Grundlage bekannter Publikationen. Er macht diese, an eine bestimmte Entwicklungsphase der Alltagskultur in der DDR, an die Phase der sozialistischen Menschengemeinschaft gebundene große Form der Unterhaltungsspiele zum ideologischen Modell der sozialistischen TV-Unterhaltung schlechthin. Zweifellos handelt es sich bei den Ponesky-Shows der 60er Jahre um extreme Beispiele der ideologischen Manipulation, weshalb Autoren immer wieder auf sie zurückkommen, aber man hätte ein historisierendes Vorgehen in der Frage der Fernsehshows von einem Vertreter eines so thematisierten Forschungsprojekts erwarten können. Warum sind diese Ponesky-Shows Ende der sechziger Jahre überlebt? Welche Wandlungen in der Inszenierung des Alltags durch TV-Shows des DDR-Fernsehens treten nach der Verabschiedung des Konzepts der sozialistischen Menschengemeinschaft 1971 auf den Plan? In den 70er Jahren begann man einerseits die Marxsche Kritik am Gothaer Programm ernst zu nehmen und wurde sich in ideologischen Diskursen der sozialen Unterschiede in der sozialistischen Gesellschaft bewusster als in den sechziger Jahren, was nun – so in der Literatur und in DEFA-Verfilmungen – ein Individualisierungskonzept im Gegensatz zum Konzept der sozialistischen Menschengemeinschaft zur Folge hatte. In dieser neuen kulturpolitischen Strategie wandelten sich auch die TV-Shows und Unterhaltungsspiele. Statt der Frage nach geschichtlich sich wandelnden Typen der TV-Unterhaltung in der DDR-Alltagskultur nachzugehen, breitet Hallenberger einleitend bekannte Allgemeinplätze über Fernsehen, Unterhaltung und Alltag einerseits und über TV-Shows andererseits aus (S.121-127). Hier hätte der Herausgeber mit der Forderung nach Präzisierung eingreifen müssen.

Die Untersuchungen zu Familienserien und zur TV-Krimiserie „Polizeiruf 110“ unterscheiden sich von Hallenbergers Vorgehen durch eine strikte chronologische und deshalb historische Wandlungen erfassende Vorgehensweise. Sie gestattet – so bei Sascha Trültzsch und Sebastian Pfau „Von der Partei zur Familie? Die Darstellung des Alltags in den Familienserien der DDR von 1960-1990“ – , ein in der Fachliteratur neues Phasenmodell der Entwicklung der Familienserien des DDR-Fernsehens vorzustellen(S.144). Die Entwicklungsphasen der Familienserien werden an exemplarischen Beispielen belegt (S.145-51). Darauf aufbauend wird der historische Wandel im Verhältnis von Alltag und TV-Alltag gemäß den gefundenen fünf Phasen charakterisiert. Die Autoren kommen so zu der Schlussfolgerung: „Die Darstellung des Serienalltags wandelt sich weg vom pädagogisierten Bild der SED-Ideologie hin zu einem teilweise problemorientierten lebensweltlichen Bild. Dabei wird vor allem durch die Verknüpfung des Familienlebens mit der Arbeitswelt der inszenierte Alltag nicht zum langweiligen Einerlei.“(S.155)

Bedauerlicherweise belässt es Christian Jäger in seinem Bericht „Alltag verhaftet. Zur Repräsentation von Alltag im ostdeutschen Fernsehkrimi ‚Polizeiruf 110’“ bei einer chronologischen Reihung von knappen Inhaltsangaben der Sendungen zwischen 1978 und 1991 und dem Neuanfang des MDR von 1994, wobei er auf Wandlungen der Alltagsdarstellung – insbesondere zum Ende der DDR hin – verweist (vgl. S.162, S.164, S.166). Hier kann weder von einer Forschungs- noch von einer Darstellungsmethode des Autors gesprochen werden. Man vermisst Differenzierungskriterien zum Quellenmaterial z.B.:

- welche dramaturgischen Muster wurden ausgebildet (Expositionsszenen, Peripetienmuster, Klimaxmuster, Finaliszenen)
- Gruppierung der Sendungen nach der Häufigkeit von Verbrechen/Delikten
bezogen auf die Chronologie der Sendereihe (was ja Aussagen über Alltag und Verbrechen in der DDR ermöglicht).
- Einmal klingt im Aufsatz eine Toposbestimmung auf („der Topos des Verantwortungstragens, des Verpflichtungsgefühls gegenüber der Gemeinschaft“, S.161), ohne dass sich für die Analyse der Reihe daraus Konsequenzen ergeben würden.

(3) Das Phantom „Klassengegner“ trübte die Wahrnehmung des westdeutschen Alltags, aber was trübt heute die Wahrnehmung der außenpolitischen Sendereihe „Alltag im Westen“ des DDR-TV

Tilo Prase, der vom Journalistikstudium über den Redakteur im DDR-TV und bis zum wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Sektion Journalistik der ehemaligen KMU Leipzig alle Stadien durchlief, um eine genaue Kenntnis der fernsehjournalistischen Praktiken in der DDR zu erwerben, untersucht in seiner Studie „Das aufgehäufte Elend. Der östliche Alltag im Westen“ (S.25-46), wie in der DFF-Sendereihe „Alltag im Westen“(1977-1986) die propagandistische Selektion von Sozialthemen im bundesrepublikanischen Alltag im DDR-TV funktionierte.

Als Anspruch wird geltend gemacht: „Das spezifische Alltagsbild mit seinen Oberflächen- und Tiefenstrukturen soll…hier zur Debatte stehen.“(S.29)
Prases Methode folgt nicht einer soliden soziologischen Inhaltsanalyse gemäß dem Analyseinstrumentarium der Massenkommunikationsforschung. Der Verfasser legt auch nicht dar, was er unter „Oberflächen- und Tiefenstrukturen“ versteht. Er benennt Themenbereiche in der Sendereihe, charakterisiert eine Sendung („Mei, der hat’s guat“) und skizziert einige Argumentationstechniken ohne Text- und Sprachanalysen.

Verblüffenderweise resümiert er bei den Argumentationstechniken ohne eine einzige Kommentatortext- und Montageanalyse vorzustellen: „Die dramaturgischen Tricks und Kniffe, die genutzten Argumentationsmuster hatten letztlich wenig DDR-Spezifisches. Scheinrepräsentativität, exponierte Situationen und Konfliktlagen als Alltagssurrogat, Vertrauen heischende Sachlichkeit und Understatement, Absenken der Perspektive auf die Kurzsichtigkeit von Otto Normalverbraucher, Verwünschen der Gegenwart durch Visionen…Anders gesagt: Zur Konstruktion des Normalen in der Reihe ‚Alltag im Westen’ gehörte auch, sich ordinärer Propagandatechniken zu bedienen.“(S.42) Ein so vereinfachtes Vorgehen ist nur eine umgekehrte Variante dessen, was einst in der DDR mit der Verteufelung des „Klassengegners“ betrieben wurde.

Prases Fazit ist, dass die DDR-TV-Journalisten letztlich Defizite im sozialpolitischen Alltag der BRD so selektierten, dass in der Negativsicht auf den Sozialalltag in der BRD die politische Legitimation des DDR-Staates konstruiert wurde. Bei ihm heißt das simpel so: „Der Westen wurde also mit dem DDR-Maßstab gemessen und als zu kurz befunden.“ (S.45)

Er reduziert das im DDR-Journalismus so verzerrend wirkende Phantom vom „Klassengegner“ Bundesrepublik, worauf überhaupt nicht eingegangen wird samt der von publizistischer Objektivität in einer Demokratie völlig abweichenden Leninschen Parteilichkeit, auf einen Streit um Legitimationsabsichten. So kann man 2006 die manipulative Funktion der ideologischen Grundhaltungen in der außenpolitischen Berichterstattung des DDR-TV-Journalismus auch erklären.

Nur: man sagt dann nichts mehr über die leninistischen Ideologieraster in der DDR, die die „ideologisch verzerrte Perspektive“(S.45) ursächlich bedingten. Zu kritisieren an der Studie ist also, dass weder eine exakte wissenschaftliche Methode zum Untersuchungsgegenstand erkennbar wird noch der Versuch – und das wäre ja auch vielleicht eine Auseinandersetzung mit der eigenen Berufsbiographie in der DDR durch Tilo Prase - , die leninistischen Ideologieraster zu diskutieren, die für die verantwortlichen TV-Publizisten Dr. Katin und insbesondere Günter Herlt (1977-79 BRD-Korrespondent, 1979-1990 Chefredakteur für Auslandsreportagen) bindend waren.

Und noch eine Anmerkung zu dieser Studie ist notwendig. Prase schreibt zum Schluss: „Bei aller propagandistischen Übertreibung und Stilisierung von Extremen als vermeintlichen Alltag, wurden im Kern doch faktische Defizite artikuliert, die maßgeblich dem kapitalistischen Wirtschaftssystem erwuchsen.“(S.43) Diese Feststellung bleibt eine Randbemerkung. Denn er folgt durchweg der auch heute wieder verhängnisvollen „Minderheiten-Doktrin“ seitens des Mittelstandes, der in den BRD-Medien die Definitionsmacht besitzt.

Danach sind Arbeitslose Minderheiten in der BRD, auch Drei- und Mehrkinderfamilien sind Minderheiten, die „etwas unverantwortlich“ handeln u.a. (vgl. S.37). Der problematische Lebensstandard des Münchner Busfahrers Anton Hillebrandt (vgl. die Fallstudie zu ‚Mei, der hat’s guat’, S.34f.) ist ein „Minderheiten“ - Alltagsproblem. Die in der Sendereihe „Alltag im Westen“ vorgestellten mitunter extremen Sozialfälle aus der Bundesrepublik werden von Prase als „Minderheiten“ - Alltagsprobleme verharmlost und so soll die Sendereihe „Alltag im Westen“ desavouiert werden. Ein solches publizistisches Vorgehen löst Befremden aus. Seine vereinfachte Wertung der Sendereihe „Alltag im Westen“ lautet: „Unter dem Signum des Normalen wurde mithin Außergewöhnliches getarnt oder kaschiert verkauft.“(S.37)

Einen solchen ideologischen Diskurs sollte man nur führen, wenn man zum Vergleich die Frage beantworten kann, ob und in welchem Ausmaß die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten der BRD den Bereichen des Sozialltages der Unterschichten in der BRD im Vergleichszeitraum Aufmerksamkeit geschenkt haben. Hypothetisch kann davon ausgegangen werden – auch wenn man die Gegenwart bedenkt -, dass im offiziellen Selbstverständnis der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten die Präsentation des Sozialalltags der Unterschichten minimiert wurde. Kann man da dem DDR -TV vorwerfen, eine Lücke in der Themenbreite der Alltagsrepräsentation in den westdeutschen Medien ausgenutzt zu haben?

Fazit: Der Band liefert Quellenmaterial und Argumentationen für die Bewertung der Art und Weise der Inszenierungen des DDR-Alltages durch Literaturverfilmungen und durch Sendeformen in einem populärkulturellen Bezugssystem. Es werden Wandlungen der Alltagsdarstellung zwischen den 60er und 80er Jahren diskutiert. Ob damit der kulturwissenschaftlichen und volkskundlichen Forschung neue Zugänge zur DDR-Alltagskultur eröffnet werden, muss der Leser entscheiden. In jedem Falle sind zwischen den Aufsätzen erhebliche Niveauunterschiede in der Begründung und Durchführung forschungsmethodischer Ansätze festzustellen.


Anmerkungen
1 Vgl. „Die sozialistische Persönlichkeit im Schnittpunkt von Alltag und Geschichte in der Filmkunst der sechziger Jahre“. In: Erwin Pracht (Hg.): Einführung in den sozialistischen Realismus, Dietz: Berlin 1975, S.251-274;
Erika Richter: Alltag und Geschichte in DEFA-Gegenwartsfilmen der siebziger Jahre. Filmwissenschaftliche Beiträge hrsg. von der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, 17.Jg. 1/76, S.3-283. Nicht nur der Germanist Wrage hat diese Diskurslinie in der DDR nicht zur Kenntnis genommen. Bei Susanne Liermann trifft man auf die falsche Feststellung: „In die Film- und Fernsehwissenschaft hat der Begriff Alltag durch Peter Hoff Einzug gehalten.“
Vgl. im rezensierten Band S.268. Sie bezieht sich dabei auf Publikationen von 1997 und 1998, aber in der DDR-Film- und Fernsehwissenschaft wurde der Diskurs seit 1975 geführt.
2 Vgl. hierzu die seinerzeit Maßstäbe setzende Untersuchung von Werner Faulstich/ Ingeborg Faulstich: Modelle der Filmanalyse, München 1977;
vgl. die methodologischen Grundpositionen in: Nils Borstnar, Eckhard Pabst, Hans Jürgen Wulff: Einführung in die Film- und Fernsehwissenschaft, Konstanz 2002, S.150-178
3 Vgl. Henning Wrage(Hg.): Alltag…, Leipzig 2006, S.8-10
4 Weshalb der Urpreuße Karl Rosenkranz mit seiner „Ästhetik des Hässlichen“ (Erstauflage 1853) von Wrage als Aufhänger des literarischen Diskurses zum negativen Alltagsbegriff zitiert wird, kann nur als germanistischer Zierrat in der TV - Debatte von Wrage angesehen werden.
5 Vgl. zum Begriff: John Hill: Sex, Class and Realism. British Cinema 1956-1963. London 1995, p.127-176
6 Von den verschiedenen Tendenzen der Thematologie (ursprünglich: Stoff- und Motivgeschichte) sind in diesem Zusammenhang bedenkenswert:
(1) die Funktion von ausgewählten Themen/Motiven für die Textorganisation
z.B. in der Exposition, in Peripetien, in Finaliszenen (strukturale Motivanalyse)
(2) die ikonographische Thematologie (nach Th.Ziolkowski, 1977,1983), d.h. die komparatistische Analyse von Bildmotiven in den ausgewählten Romanen und in den Verfilmungen (z.B. das Motorrad; die Lederjacke in INSEL DER SCHWÄNE, DEFA 1983 nach Benno Pludra u.a.)
(3) die komparatistische Analyse von Themen/Motiven wie Freundschaft, Geborgenheit und Ausbruch nach der französischen Komparatistik und ihrer kulturwissenschaftlichen Ausrichtung seit den 80er Jahren.
Vgl. Ansgar Nünning (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe, Stuttgart/Weimar 1998, Stichwort „Stoff- und Motivgeschichte/Thematologie“, S.508-511