KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2007
über Lutz Haucke:

Film – Künste – TV-Shows.
Film- und fernsehwissenschaftliche Studien. Auswahl 1978 – 2004.
Ralf Forster
Film – Künste – TV-Shows
Ehemaligen Studenten der Theaterwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität dürfte Lutz Haucke ein Begriff sein. Kaum einem anderen Dozenten der Geisteswissenschaften gelang es Mitte der 1990er Jahre, eine ab 7:30 Uhr angesetzte Vorlesung bis auf den letzten Platz zu füllen. Seine Ausführungen zur Filmgeschichte und zur Dramaturgie beeindruckten die Hörer, nicht zuletzt deshalb, weil sie stets engagiert vorgetragen und geschickt durch visuelles Material gestützt wurden. Filmhistoriografie fasste Haucke bei seinen Veranstaltungen immer als transnationalen Prozess auf, als Segment einer umfassenden Medienanalyse, das eng an Beispiele und Konzepte des intellektuellen Kinos der 1940er bis 1980er Jahre geknüpft war.

Neben seinem erfolgreichen Eintreten für eine Weitung der klassischen Theaterwissenschaften zu Film und Fernsehen ist es Hauckes bleibendes Verdienst, dem Autorenfilm in Osteuropa nachgespürt und ihn als kohärentes Phänomen und teilweise gegenkulturellen Impuls zur staatlich sanktionierten Filmproduktion wahrgenommen zu haben.

Nun hat Lutz Haucke 24 seiner zahlreichen Studien in einem schlichten Aufsatzband veröffentlicht – das Konzentrat seiner Forschungen zwischen 1978 und 2004. Das Buch ist in einen filmhistoriografischen / methodischen sowie einen Teil „Film, Künste, Medien“ gegliedert. Während im ersten Abschnitt Texte zu Werkgeschichte und Erzählkonzepten von Autorenfilmern des Spielfilms der 1960er bis 1980er Jahre (tschechische „Neue Welle“, Fellini, Kurosawa) dominieren, bringt der zweite Teil Beiträge zur Medienkommunikation beziehungsweise zu Fernsehen und Theater jener Jahre.

So wenig die einzelnen Abhandlungen (aufgrund ihrer unterschiedlichen Entstehungsjahre, der inhaltlichen Vielfalt oder einer disparaten Textur) aufeinander bezogen sind und sich zu einer geschlossenen Lektüre vereinen, so deutlich zeigen sie in der Zusammenschau den Stand und die Entwicklungslinien einer vorsichtig etablierten (und u.a. durch Haucke repräsentierten) Mediengeschichtsschreibung in der DDR an. Ausgehend vom Handwerk, der vergleichenden (Klein-)Arbeit am Material, an Dramaturgien bzw. Inszenierungstechniken bis hin zur Darsteller- und Einzelbildanalyse werden Hypothesen zur sozialen Relevanz des filmisch Verhandelten aufgestellt, Fragen nach der Sprengkraft der Medien als gesellschaftspraktische Orientierungshilfe und Mittel zur Geschichtsdeutung formuliert. Haucke findet dieses Kritikpotential (extrahiert aus dem Einzelwerk oder der Filmgruppe) bei der Nouvelle Vague ebenso wie bei der neuen tschechischen Regisseurgeneration der 1960er Jahre. Allerdings schränkt der werkzentrierte Ansatz die Beweiskraft seiner Darlegungen insofern ein, als Verbreitung und Reflexion dieser „Intellektuellenkulturen“ (S.135), etwa in anderen populären Medien oder im Alltag, in Hauckes Argumentationen kaum eine Rolle spielen.

Dass der Autor auch aktuelle Debatten auf Augenhöhe verfolgt, bezeugen seine Ausführungen über die Chancen der Filmforschung innerhalb einer interdisziplinär ausgerichteten Medienwissenschaft. Anhand von neueren Standard- und Einführungsbänden wird zurecht die Tendenz bemängelt, sich von der Praxis (etwa den Prinzipien der Filmherstellung) zu entfernen und zugleich der Selbstbespiegelung über das eigene Instrumentarium (vor allem über die möglichen theoretischen Zugriffe auf das Medienprodukt) immer größeren Raum zu gewähren.

Die etwas sperrige, nicht illustrierte Publikation verdeutlicht den hohen Erkenntnisstand von Haucke insbesondere zum künstlerisch ambitionierten Spielfilm in Europa nach 1945. So ist zu wünschen, dass er sein im Vorwort erwähntes Manuskript zu den osteuropäischen „Neuen Wellen“ bald in Buchform vorlegen kann.