KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2/2006
über Wolfgang Stegemann, Wolfgang Jacobeit , Kurt Neis:
Fürstenberg/Havel
Isolde Dietrich

Idylle mit Vergangenheit
Fürstenberger Heimatgeschichte auf 1700 Seiten
Wolfgang Stegemann: Fürstenberg/Havel – Ravensbrück. Beiträge zur Kulturgeschichte einer Region zwischen Brandenburg und Mecklenburg. Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, 404 S.;
Ders./Wolfgang Jacobeit (Hgg.) Bd. 2: Im Wechsel der Machtsysteme des 20. Jahrhunderts. 566 S., Verlag Hentrich & Hentrich: Teetz 2000 und 2004.

Kurt Neis: Fürstenberg/Havel. Eine Perle ohne Glanz? Erinnerungen und Betrachtungen von 1946 bis in die Gegenwart 2006. Text- und Bildband. 715 S. Im Selbstverlag: Kurt Neis. Druckerei: Lebenshilfe e.V. Märkisch Oderland, Strausberg. 2006.
Wolfgang Stegemann: Fürstenberg/Havel – Ravensbrück. Beiträge zur Kulturgeschichte einer Region zwischen Brandenburg und Mecklenburg. Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, 404 S.;
Ders./Wolfgang Jacobeit (Hgg.) Bd. 2: Im Wechsel der Machtsysteme des 20. Jahrhunderts. 566 S., Verlag Hentrich & Hentrich: Teetz 2000 und 2004.
Kurt Neis: Fürstenberg/Havel. Eine Perle ohne Glanz? Erinnerungen und Betrachtungen von 1946 bis in die Gegenwart 2006. Text- und Bildband. 715 S. Im Selbstverlag: Kurt Neis. Druckerei: Lebenshilfe e.V. Märkisch Oderland, Strausberg. 2006.

Zwei umfangreiche Dokumentationen zur Geschichte der Stadt Fürstenberg/Havel machten in letzter Zeit auf sich aufmerksam: einmal eine zweibändige Darstellung von Wolfgang Stegemann und Wolfgang Jacobeit (unter Mitwirkung vieler anderer), zum anderen eine Publikation des in der Historikerzunft bislang unbekannten Kurt Neis.

Das kleine Städtchen Fürstenberg, idyllisch an der Havel gelegen zwischen Wäldern und Seen, dort, wo Brandenburg und Mecklenburg einander berühren, war schon vor 100 Jahren ein beliebter Ausflugsort der Berliner. Im Ausbau des Fremdenverkehrs sollte die Zukunft liegen, denn größere industrielle Ansiedlungen waren nicht zu erwarten. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Schon der erste Weltkrieg unterbrach alle Unternehmungen, die Stadt für Sommergäste attraktiver zu machen. Der zweite Weltkrieg, seine Vorkehrungen, Begleitumstände und seine Folgen brachte sie dann vollends zum Erliegen.

Fürstenberg war auch in früheren Jahrhunderten Spielball unterschiedlicher Mächte gewesen, die ihre Interessenkonflikte auf dem Rücken der Bewohner ausgetragen haben. Vor allem Wolfgang Stegemanns Blick reicht weit in die Vergangenheit zurück und fördert dafür allerlei Belege zutage. Was sich jedoch im 20. Jahrhundert ereignete, ist ohne Vergleich. Noch bevor Fürstenberg sich als Luftkurort recht einen Namen machen konnte, begann die Militarisierung der Stadt. Einerseits wurden schon im ersten Kriegsjahr Erholungsheime in Lazarette umgewandelt. Zum anderen wurden in der Stadt russische, französische und englische Kriegsgefangene sowie ihre deutschen Bewacher untergebracht. Die Fürstenberger machten erstmals die Erfahrung, daß sich am Aufbau und an der Versorgung militärischer Einrichtungen gut verdienen läßt. Die zwanziger Jahre brachten vorübergehend ein nochmaliges Aufblühen des Fremdenverkehrs. Doch schon 1929 wurden die Weichen neu gestellt. Das Rüstungsamt des Heeres baute einen bestehenden Betrieb zu einer Munitionsfabrik aus. In den dreißiger Jahren übernahmen nach und nach Wehrmacht und SS das Kommando nicht nur in weiteren, sich rasch ausdehnenden militärischen Dienststellen und Objekten. Sie dominierten bald die ganze Stadt und wurden zum größten Arbeitgeber der Region. Zu den der SS unterstellten Einrichtungen gehörte auch das Konzentrationslager Ravensbrück. Hier waren bis Ende April 1945 insgesamt 132000 Frauen aus ganz Europa bei Zwangsarbeit inhaftiert. Zehntausende von ihnen kamen dort zu Tode. Nach Kriegsende besetzte die Rote Armee gemäß einer Vereinbarung der Alliierten alle in der sowjetischen Besatzungszone befindlichen Liegenschaften der Wehrmacht und der SS. Am Standort Fürstenberg wurden 30.000 „russische“ Militärangehörige und Zivilpersonen konzentriert. Sie blieben dort fast ein halbes Jahrhundert.

Wie läßt sich die Geschichte eines Gemeinwesens schreiben, in dessen Geschicke die weltpolitischen Abläufe so massiv eingegriffen haben? Schon rein zahlenmäßig waren die 5000 Einheimischen über mehrere Generationen in der Minderheit, eine Randgruppe in ihrer eigenen Stadt. Wenn sie nun erstmals nach Jahrzehnten wieder „unter sich“ sind, ist offenbar eine Zeit der Besinnung nötig. Zur äußeren Konversion, die schwierig genug ist, muß die unvergleichlich anstrengendere „innere“ hinzukommen, ein Klimawechsel im Umgang mit den Ereignissen. Es sind nicht nur Flächen zu beräumen, es geht auch um Köpfe und Herzen. Heimatgeschichte gibt da vielleicht eine Orientierung. Sie kann den Fürstenbergern einen Weg weisen, wenigstens im nachhinein zu begreifen, was ihnen und ihren Vorvätern widerfuhr, was sie geschehen ließen, was sie dabei verloren und wie sie selbst davon profitierten.

Wolfgang Stegemann und Wolfgang Jacobeit haben die Stadt historisch neu vermessen, vom Ende der Eiszeit bis in die Gegenwart. Über der großen Geschichte haben sie nicht vergessen, daß sich diese aus vielen Einzelschicksalen zusammensetzt. Sie geben ganz unterschiedlichen Menschen Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge und ihre Erfahrungen mitzuteilen. Gleichzeitig machen sie den Zusammenhang all dieser Geschehnisse sichtbar.

Während der erste Band gleichsam die „Vorgeschichte“ umreißt, versucht der zweite, Schneisen in die Abläufe des 20. Jahrhunderts zu schlagen. In sechs großen Kapiteln wird die Situation der Fürstenberger im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, zur Zeit des Nationalsozialismus, in der Sowjetischen Besatzungszone, in der DDR und im geeinten neuen Deutschland untersucht.

Bestechend ist die Herangehensweise. Die großen Ereignisse des Jahrhunderts, die unterschiedlichen politischen Verhältnisse und gesellschaftlichen Strukturen werden von den Herausgebern und Autoren nicht in ihrer Abstraktion, sondern in ihren Folgen für das ganz normale Leben der am Orte lebenden Männer, Frauen und Kinder geschildert. Unter diesem Gesichtspunkt werden die Quellen befragt, für die ersten Jahrzehnte vor allem die Lokalzeitung, der „Fürstenberger Anzeiger“, aber auch andere Dokumente. Selbst wenn einzelne Persönlichkeiten gewürdigt werden, bleibt die Darstellung ganz irdisch, dicht am Alltag der Vielen. So kommen zahlreiche Lebensbereiche ins Blickfeld – Arbeit, Wohnung, Ernährung, Schule, Kirche, Vereinsleben, Kunstverhalten, Wahlverhalten, politische Betätigung. Auch die Haltung gegenüber Fremden wird thematisiert – eine Rarität in der historischen Alltagsforschung. Einerseits wird an harte Daten erinnert, etwa daran, daß im „Großdeutschen Reich“ im August 1944 der Ausländeranteil an der erwerbstätigen Bevölkerung bei annähernd 30 Prozent lag, was ein besonderes Licht auf manche aktuelle Diskussion wirft. Zum anderen – und das ist bei Stegemann und Jacobeit die übergreifende Perspektive – geht es um den unmittelbaren Kontakt, um Annäherungen und Abgrenzungen von Einheimischen und Fremden vor Ort. Dabei beweisen die Herausgeber langen historischen Atem. Die Darstellung reicht von 18. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart (von den 1774 noch namentlich aufgezeichneten „allhier wohnenden Ausländern“ über die Gefangenen des ersten Weltkriegs, die Häftlinge der Konzentrationslager, die Fremdarbeiter, die sowjetischen Besatzer bis zu Aussiedlern im heutigen Fürstenberg). In Ansätzen werden die Beziehungen sogar aus der wechselseitigen Perspektive reflektiert. Dafür seien nur drei Beispiele erwähnt: die Erinnerungen eines ukrainischen Zwangsarbeiters, die einer Erzieherin aus einem Fürstenberger DDR-Kinderheim, die über einen formellen Patenschaftsvertrag hinaus auch persönlichen Umgang mit sowjetischen Offizieren und Soldaten bzw. deren Familien pflegte und schließlich der Beitrag über das Heimischwerden einer deutschen Familie aus Usbekistan.

Es ist unmöglich, hier die ganze Breite der behandelten Themen vorzustellen. Die Herausgeber und Autoren sind der Auffassung, daß die Fürstenberger von vielen historischen Widrigkeiten heimgesucht wurden, für Etliches aber zumindest eine Mitverantwortung trugen. Die eingefügten Erlebnisberichte und Erinnerungen belegen, daß Menschen sich in bestimmten Situationen durchaus unterschiedlich verhalten konnten. Das nicht nur zu behaupten, sondern nachvollziehbar zu machen, gehört zu den Verdiensten von Wolfgang Stegemann und Wolfgang Jacobeit.

Ganz anders geht Kurt Neis zu Werke. Von Jugend an hat er gesammelt und fotografiert, was ihm an und in seiner Lebenswelt bemerkenswert schien. Und das war beinahe alles. Als Zehnjähriger war er 1946 nach Fürstenberg gekommen, aus dem böhmischen Aussig, einer vergleichsweise großen Stadt, die nun – auch eine Kriegsfolge – Usti nad Labem hieß. Den wachen Blick des Kindes und des Fremden hat er sich wohl zeitlebens bewahrt, jedenfalls aufmerksam registriert und festgehalten, woran andere achtlos vorübergingen. Diese Schatzkammer, eine Fundgrube des Konkreten, des Sinnlichen, des Besonderen, des Einzelnen hat Kurt Neis nun im Alter von 70 Jahren geöffnet. Die Überfülle seines Materials drängte danach, „in die Schriftform gebracht zu werden, um sie damit der Nachwelt authentisch zu vermitteln“ (S. 5). So ist ein Buch von über 700 Seiten im Großformat entstanden. Der Band lebt von den fast 900, größtenteils farbigen Abbildungen. Die Texte erklären die Bilder, fügen Erinnerungen hinzu, nur selten gehen die Betrachtungen darüber hinaus, stellen Bezüge zu weiter entfernten Gegenständen oder Zeiten her. Der Autor macht sich so zum Chronisten des Verschwundenen und Verschwindenden. Er schildert die Eigenart der früheren Dinge und Verhältnisse. Zu diesem Zweck braucht Kurt Neis keine Theorie, überhaupt keine Wissenschaft, keine begriffliche Schärfe, keine Kategorien, keine Epochen, kaum andere Archive, nur seine eigenen Bestände, seinen gesunden Menschenverstand und seine ganz normale Alltagssprache.

Es ist eine Freude und ein Genuß, ein Geschichtsbuch in den Händen zu halten, das völlig ohne Fußnoten, Anmerkungen, Literaturhinweise und innerwissenschaftliche Debatten auskommt. Hier hat einer alles selbst gemacht – selbst gesehen, selbst erlebt, selbst gesammelt, selbst fotografiert, selbst beurteilt, selbst aufgeschrieben und schließlich im Selbstverlag herausgebracht. Freilich trägt er auch selbst das Risiko, das solch konsequent subjektive Sicht mit sich bringt. Die Angelrute, das Waschbrett, die Fernsehantenne, der Bahnhof, die Schule, die Schleuse, die Kartoffelkäfer-Aktion, die Aktivisten-Urkunde, der Einschlag einer Katjuscha-Rakete auf seinem Hof und der allgemeine Lauf der Welt sind ihm gleich nah und gewichtig. Über all dies und noch viel mehr weiß er Bescheid. Wer es nicht glaubt, bekommt sofort den Beweis geliefert – ein Foto, eine Zeichnung, eine Ansichtskarte, einen Stadtplan, eine Landkarte, einen Stempel, einen Ausweis, eine Rechnung, eine Briefmarke, ein Billett, einen Lieferschein und was sonst noch alles an Dokumenten beigebracht wird. Der Historiker kann in jedem dieser Zeugnisse eine ganze Welt erkennen, und auch dem Laien wird sich vieles auf vergnügliche Weise erschließen.

Wirkliches Neuland beackert Kurt Neis in den umfangreichen Passagen über das sowjetische Militär und die dazu gehörenden Zivilpersonen, kurz „die Russen“ genannt. So genau hat man das sonst noch nirgendwo gefunden. Die Besatzer lebten einerseits abgeschottet in ihrer eigenen Wohnstadt mit Kaufhaus, Schule, Kino, Kulturhaus, Sporthalle, Stadion, Wasserwerk, Heizwerk und eigener Fernsehstation. Trotz aller Mauern und Kontrolltürme drang manches vom Innenleben dieser Siedlung nach außen, weil Fürstenberger Handwerker, Verkäuferinnen, Lieferanten usw. dort zu tun hatten. Nach dem Abzug der GUS-Truppen hat der Autor die hinterlassenen Baulichkeiten in allen Einzelheiten dokumentiert. Andererseits waren die Besatzer immer unübersehbar im Fürstenberger Straßenbild präsent, erkennbar nicht nur an Uniform und Sprache, sondern an ihrem ganzen Habitus. Als aufmerksamer Beobachter hat Neis über Jahrzehnte zahlreiche Besonderheiten registriert. Da ist von Brot, Knoblauch und Kohl die Rede, von Sonnenblumenkernen, Machorka und Wodka, von Goldzähnen und seltsamer Haartracht, von Lieblingsfarben und Lieblingsmusik, vom Maiglöckchenduft des Moskauer Parfüms, von langen Nächten und spätem Aufstehen, von Beerdigungen zur Abendstunde, von 10, am Ende 30 DDR-Mark Sold, von heimlichen Benzinverkäufen und drastischen Strafen, von verstopften Abflüssen und heruntergewirtschafteten Häusern, von schweren Unglücksfällen und von Waldbränden. Neben militärischen Details kommt viel vom Alltag der Besatzer und von ihren Reibereien mit den Einheimischen zur Sprache – ganz sachlich, ohne jeden Affekt.

Heimatgeschichtliche Veröffentlichungen wie die von Kurt Neis machen der Arbeit von Historikern wie Wolfgang Stegemann und Wolfgang Jacobeit keine Konkurrenz und ersetzen sie auch nicht. Sie gehören aber unbedingt dazu, wenn das Besinnen auf die Vergangenheit den Blick für die Zukunft frei machen soll. Fürstenberg versucht gegenwärtig, an die frühen Anfänge des Fremdenverkehrs anzuknüpfen und sich von der Garnisonsstadt zur „Wasserstadt“ zu mausern. Das wird nur gelingen, wenn die Gastgeber die ganze Geschichte ihrer Stadt kennen und dieser Historizität auch Rechnung tragen. Da gibt es viele offene Fragen – wie in aller Welt, wo sich vergleichbare Probleme stellen. Es führt zu nichts, Kommerz und Pietät gegeneinander auszuspielen oder sich nur auf einzelne Seiten der Vergangenheit zu beziehen. Im Falle von Fürstenberg greift es zu kurz, sich als Erbe der fatalen Hinterlassenschaft russischer Besatzer zu sehen. Einerseits war deren Anwesenheit auch die Folge der vorangegangenen Konzentration von SS und Wehrmacht in diesem Gebiet. Andererseits stellte die Sowjetarmee einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor in der Region dar. Erst nach ihrem Abzug wurde sichtbar, wie viele Arbeitsplätze einst daran hingen.

Wolfgang Jacobeit weist zu Recht darauf hin, daß auch die Büßerrolle unangemessen ist. Über Fürstenberg ist nicht das verdiente Strafgericht gekommen. Die Stadt muß nicht den Kopf hinhalten für die Untaten, die hier bis zum Kriegsende begangen wurden. Ravensbrück wird ein Menetekel für alle Zeiten bleiben, ein Warn- und Mahnruf, aber dies ist keine Erklärung für die gegenwärtige Situation. Seiner Meinung nach - und Kurt Neis bestätigt ihn in diesem Punkt – haben die anhaltende wirtschaftliche Stagnation in der Region, die hohe Arbeitslosigkeit und das Abwandern der Jungen ganz andere Ursachen.

Hier wie an vielen anderen Stellen überschreiten die Autoren den Horizont herkömmlicher Heimatgeschichte. Darum seien ihre Bücher Lesern weit über die Stadtgrenzen hinaus empfohlen. Die Fürstenberger wird das Wissen um die historischen Vorgänge in ihrem unmittelbaren Lebenskreis sicherer und selbstbewußter machen. Selbst Alteingesessene dürften Neues erfahren oder Bekanntes mit anderen Augen sehen. Für die Verantwortlichen und Engagierten vor Ort aber – in den Konversionsgremien, in der Stadtverwaltung, in der Stadtverordnetenversammlung, in der Tourismusbranche, in den Schulen, Kirchen und Vereinen - sollte die Lektüre zum Pflichtprogramm gehören.