KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
RezensionKulturation 1/2006
über Michael Glawogger:
Workingman’s Death
Lutz Haucke
Der DGB präsentiert: Workingman’s Death
Ein Dokumentarfilm von Michael Glawogger
Keine soziologische Analysen, keine Kommentare zu Arbeitsverhältnissen. Der Grazer Dokumentarist Glawogger vertraut den exorbitanten Aufnahmen seines Kameramannes Wolfgang Thaler und baut Bilder, große, beunruhigende Bilder.

Ob die körperliche Nähe zu den Bergarbeitern im 50cm hohen Kohleschacht im ukrainischen Donbass oder der Blick aus fünfzig Meter Höhe vom Schiffskoloss, den Schweißer in Pakistan zerlegen, oder die Sicht auf den mühevollen Abbruch von Schwefelgebinden am dampfenden Kraterrand eines Vulkans in Indonesien. Der Tod hat in diesen Bildern kein Gesicht, aber die Gefahr des Todes unter diesen Arbeitsbedingungen ist in erschreckender Weise in den Bildern präsent: WORKINGMAN’S DEATH. Wie Dantes Hölle muten die Bilder von einem nigerianischen Schlachthof auf freiem Feld mit barbarischen Massenschlachtungen von Ziegen und Stieren, mit lodernden Feuerstellen und Zonen des Abfalls an. Einzig die chinesischen Hüttenwerker und Stahlkocher sprechen vom Fortschritt der Technologien, ihrer Arbeitsweisen und ihres Landes – sie blicken als einzige zuversichtlich in die Zukunft.

Glawogger zeigt den Mitteleuropäern erschreckende Bilder schwerer körperlicher Arbeit – aus fernen Ländern und Kontinenten. Er reißt in die gewohnte Welt der Werbehochglanzfotos von modernsten Industriebetrieben, auch in die Gewöhnung an Arbeitslosigkeit und Ich-AG in Deutschland Arbeitswelten, in denen Menschen ums Überleben kämpfen und zu schlechten Konditionen mit schwerster körperlicher Arbeit schuften. Er provoziert nicht nur das Erschrecken über dieses Arbeitselend in anderen Zonen der Welt. Er macht uns auch bewusst, wie sehr die dokumentarische Darstellung der deutschen Arbeitswelten und ihrer Akteure – in den Schlachthöfen, in der Schwerindustrie, im Bergbau, auf den Mülldeponien, im Schiffsbau, im Straßen- und Gleisbau – aus hier zulanden produzierten Bildern verdrängt worden ist. Dass Glawogger das 1985 stillgelegte Hüttenwerk von Duisburg-Meiderich im Finale vorführt, dass er dieses gegenwärtige Freizeitmuseum mit farbigen Lichtspielen und sich küssenden Jugendlichen präsentiert, ist halbherzig. Lebt die Arbeitswelt der schweren körperlichen Arbeit in Deutschland wirklich nur noch in musealen Erinnerungsindustrieburgen fort? Hat diese Jugend, die um Ausbildungsplätze sich mühen muss, mit alledem nichts mehr zu schaffen? Oder haben sich mit dem industriellen Wandel neue Grauzonen der Arbeit entwickelt, die ausgeblendet werden im öffentlichen Bewusstsein? Was wird die Arbeitsweltperspektive von Hauptschulabgängern mit schlechten Noten sein? Zeitlebens Arbeitslosigkeit?

Es wäre verfehlt, wenn man diesen Dokumentarfilm nur als – wenn auch erschütterndes - Exotikum der Arbeit aus Randzonen der Welt interpretieren wollte. Mit diesen Bildern werden wir provoziert – zum Nachdenken über die Grauzonen der Arbeit in deutschen Landen, zum Nachdenken über Arbeitsbedingungen und Billig-Lohnarbeit. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum der DGB sich dieses Films angenommen hat. Glauwogger hat dem Film auch einen Untertitel gegeben: „5 Bilder der Arbeit im 21.Jahrhundert“; seine Bilder haben Überschriften „Helden“, „Geister“, „Löwen“, „Brüder“, „Zukunft“.

In der ersten Episode „Helden“ wird der Kontrast zwischen dem Industrialisierungsenthusiasmus in den endzwanziger und dreißiger Jahren im sowjetischen Donbass und dem Verfall einer riesigen Bergbauregion in der heutigen Ukraine herausgestellt. Arbeitslose Bergleute gehen trotz staatlicher Verbote in gefährliche Schächte, um Kohle für das Überleben abzubauen. Der Staat hat sie allein gelassen, Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe gibt es nicht. Die Not treibt sie in die nur 50cm hohen Schächte, die eine latente Todesfalle sind. Glawogger stellt den Stachanowschen Heldenmythos von 1935 gegenüber einem übermenschlichen Überlebenskampf von Kohlearbeitern, die wie Sisyphos gegen ein aussichtsloses Schicksal ankämpfen und die immer noch – so in einer Hochzeitsepisode – den Monumentalplastiken der einst glorreichen Zeiten im Ritus verpflichtet sein wollen.

In „Geister“ versichern sich indonesische Schwefelarbeiter mit einem Tieropfer der Gunst des Vulkans, an dessen Kraterrand mühselig Schwefel abgebrochen wird und der in Tragekörben mit 70 bis 115 kg Last über Kilometer hinweg auf gefährlichen Felswegen zu Tal getragen wird. Glawogger zeigt, wie wandernde, gut gekleidete Touristen auf die mit der übermenschlichen Last hastenden Kulis mit lächerlichem Unverständnis reagieren.

In „Löwen“ breitet er eine chaotische Welt schächtender und feilschender Schlachthofarbeiter in Nigeria aus. Das Bild vom Löwen gewinnt hier eine barbarische Dimension: das „Reißen“ der Ziegen und Stiere. Es scheint so als führte diese Arbeit zurück auf eine vorzivilisatorische Stufe.

In „Brüder“ haben Patschunen, die als Schweißer riesige Schiffkörper der Engländer in Pakistan zerlegen, ihr durch die Arbeitsbedingungen gefährdetes Leben ergeben in die Hände Allahs gegeben. Sie arbeiten in solidarischer Verbundenheit wie Brüder.

In der Episode „Zukunft“, in der vom Aufstieg der Stahlkocher in einem chinesischen Industriezentrum berichtet wird, wird ein monumentales Mao Zedong -Denkmal, umgeben von einer emphatischen Welle von Soldaten, Arbeitern und Bauern, gezeigt. Es fungiert nur noch als Staffage für chinesische Massenshows und Jugendliche nehmen es locker als Relikt vergangener Zeiten. Glawogger vermag mit solchen Kontrasten unscheinbar die heutigen Distanzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit im sozialistischen China erzählen: die einstigen revolutionären Kämpfe sind ruhmreiche Gloriolen in Stein, belächelt von der Jugend und der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft im Stahlwerk bestimmt nun Gegenwart und Zukunft.

Diese Bilder der Arbeit im 21.Jahrhundert stellt Glawogger nebeneinander auf. Es gibt da keine von Episode zu Episode sich aufbauende philosophische Idee. Aber: Glawogger stellt in allen Episoden den Willen zur Arbeit aus und zeigt, dass es international das Phänomen der Arbeiterehre gibt – auch unter schwierigsten Arbeitsbedingungen.

Glawogger richtet den Blick auf Arbeitswelten und Arbeiter in der heutigen globalen Welt und betont – bis auf die chinesische Episode - dass es nach wie vor auf der untersten Stufe Verlierer in den tiefgreifenden Wandlungsprozessen der gesellschaftlichen Arbeit und der sozialen Systeme gibt. Eine Mitleidshaltung vermeidet der Regisseur. Seine Bilder zielen auch nicht auf eine Empörungsthematik.

Mir scheint, dass er mit seinen Bildern mehr ein Erschrecken bei jenen bewirken will, die sich mit der These vom Sterben der Arbeiterklasse in der Wissens- und Informationsgesellschaft so arrangiert haben, dass sie für die Lebensverhältnisse von Arbeitern keinen Blick mehr haben. Dass sich der DGB des Films angenommen hat, ist gerade deshalb verdienstvoll.