KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2006
über Armin Klein:
Kulturpolitik. Eine Einführung,
Dietrich Mühlberg
Wer will wissen, was Kulturpolitik ist?
2. überarbeitete und aktualisierte Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, 260 S.
2. überarbeitete und aktualisierte Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, 260 S.

Allenthalben und ständig ist in der Politik von Kultur die Rede. Ob es um den Kampf der Kulturen, um Integration und Leitkultur, um Wertevermittlung, Kindergarten und Jugendarbeit, um Bildungskonzepte, Medienmonopole, Raubkopien, Familiensinn oder Föderalismusreform geht – alles kulturpolitische Themen. Ein unübersichtliches Feld, zu jedem der Themen gibt es eine Flut von Aufsätzen, analysierenden wie bekennenden. Doch was tun, wenn man sich hierzulande sachlich darüber informieren möchte, was denn das überhaupt ist, „die Kulturpolitik“? Wie so oft, gibt es auch hier zwei Möglichkeiten. Entweder man schlägt in einem der allgemeinen Lexika nach oder schaut ins deutsche Bücherangebot. Sucht man nach Büchern, so findet man Dutzende der bekannten thematischen Sammel- und Tagungsbände (allgemeine Überschrift, hochspezieller Inhalt), aber nur einen lieferbaren monografischen Titel - das Buch „Kulturpolitik“ von Armin Klein. Ein kulturpolitisches Lexikon soll demnächst erscheinen.

Den Blick in die Nachschlagewerke kann man sich schenken, er bringt wenig Klarheit. So lesen wir im Bertelsmann-Lexikon von 2002: „Kulturpolitik, im weiteren Sinne die Betätigung verschiedenster Organisationen in kulturellen Fragen; häufig weltanschaulich orientiert. Im engeren Sinne bezeichnet Kulturpolitik nur die staatliche Tätigkeit im kulturellen Bereich, vor allem im Erziehungswesen. Die staatliche Kulturpolitik ist in Deutschland überwiegend Ländersache, lediglich für die Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie die auswärtige Kulturpolitik ist auch der Bund zuständig. Ähnlich ist die Zuständigkeitsverteilung in der Schweiz, wo die staatliche Kulturpolitik hauptsächlich Sache der Kantone ist. In Österreich sind die Bundeszuständigkeiten im staatlichen Erziehungswesen größer als in der Bundesrepublik Deutschland. Dem zentralistischen Staatsaufbau der DDR entsprach eine zentral gelenkte Kulturpolitik.“ Offenbar ist das Problem der Kulturpolitik die Zuständigkeit (nur der Staat oder auch Organisation, nur Länder oder auch Bund).

Spezielle Nachschlagewerke sind nicht ergiebiger, auch das siebenbändige „Lexikon der Politik“ von 1995 bringt da keineswegs mehr: „Kulturpolitik kann je nach zugrunde gelegtem Kulturbegriff entweder umfassend definiert und auf jegliche Form gesellschaftlicher Beziehungen bezogen werden oder aber, auf die traditionellen Künste (Bildende und Darstellende Kunst, Musik, Literatur) bezogen, eine spezielle Bedeutung erhalten.“ (Lexikon der Politik, Band 5, S. 33-34) Auch hier: eng oder weit gefasst – aber nicht „die Zuständigen“, sondern „die Kultur“ selbst. Hier kann die Suche in den Nachschlagewerken abgebrochen werden (die übrigen sagen auch nicht mehr: eng oder weit, Politik wie Kultur) und auf das angekündigte Speziallexikon gewartet werden.

Also sei dem Suchenden das Buch von Armin Klein empfohlen, der diese Problemlage kennt und vor allem für Studierende der Kulturberufe seine praktischen Erfahrungen und theoretischen Erkundungen auf 260 Seiten niedergeschrieben hat. Er klammert dies mit Vor- und Nachwort, dabei eine provokante Frage von Mark Siemons aufnehmend. Der hatte (als ihn das noch interessierte) in der FAZ gefragt: „Partythema ‚Kulturpolitik’ - weiß einer, was das überhaupt ist?“ (FAZ 3. 5. 2002). Klein weiß es selbstverständlich und kann das als erfahrener Hochschullehrer auch darlegen. Allerdings – und das muss vorweg gesagt werden – es ist kein unterhaltsamer Stoff, wie es manchen vielleicht das Wort „Kultur“ vermuten lassen könnte. Und darum beginnt der Autor seine Darlegungen auch mit einleuchtenden Beispielen, die es jedem begreiflich machen, dass alle Kulturleute eine Ahnung davon haben sollten, was Kulturpolitik ist und wie sie bei den Deutschen (im Unterschied zu den Franzosen und Engländern) funktioniert.

Dann folgt, bei diesem Thema unvermeidlich, ein definitorischer Exkurs zu den beiden Zentralbegriffen: was eigentlich ist Politik und was Kultur? Bei der Politik läuft es (nachdem Max Weber und Hans Buchheim ausgiebig zitiert worden sind) auf eine zusammenfassende Definition der Politik von Thomas Meyer hinaus: „Gesamtheit der Aktivitäten zur Vorbereitung und zur Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher und/oder am Gemeinwohl orientierter und der ganzen Gesellschaft zu gute kommender Entscheidungen“. Eine sympathische Definition, für Kulturmenschen tauglich, noch dazu wenn man weiß, wie sehr Thomas Meyer eine sozial ausgerichtete Demokratie favorisiert und die libertäre Demokratie als schädlich für das Gemeinwohl ansieht. Seine Definition schließt zwar nicht aus, dass da allgemein verbindlich etwas entschieden wird, was die Interessen von Minderheiten bedient und dem Gemeinwohl eher schadet. Doch als den Normalfall suggeriert sie die Gemeinwohlorientierung von Kulturpolitik. Es wäre schon sinnvoll, auch definitorisch auszudrücken, dass auch in diesem Politikfelde unvereinbare Partikularinteressen aufeinander stoßen. Man muss ja im Staat nicht gleich das Machtinstrument der herrschenden Klasse(n) sehen, aber vielleicht zur Orientierung der Lernbegierigen darauf hinweisen, dass es im politischen Felde einander ausschließende Vorstellungen von Gemeinwohl, Demokratie und Gerechtigkeit gibt.

Bei der Eingrenzung des Begriffsinhalts von Kultur wird es noch komplizierter und Armin Klein muss historisch weiter in die Tiefe gehen, um zu erklären, wie das spezifisch deutsche Kulturverständnis entstanden ist. So erläutert er also, wie es denn im Unterschied zu England und Frankreich seit dem 18. Jahrhundert dazu kommen konnte, dass die deutschen Bürger unter Kultur das rein Geistige (vornehmlich die ihnen geläufigen Künste) verstehen konnten und diese ihre Kultur überdies zu ihrem zentralen Identitätsbegriff erklärten. Dieses Identitätsbewusstsein haben sie schließlich so weit getrieben, dass sie sich als Kulturnation fühlten und sogar ihren Staat zum Kulturstaat erklärten. Dies im Unterschiede zu ihren großen westlichen Nachbarn, die ihre Identität politisch definiert haben. Darum ist bei denen „Kultur“ weniger wertend, ist nicht so eng ästhetisch zentriert sondern weiter gefasst, zudem eher empirisch verstanden und dann auch oft noch im Plural gebraucht. Auch als Wertkategorie ist Kultur nicht das allgemein anerkannte höhere Geistige, sondern ist – wenn es denn übersetzt werden muss - Civilization. Fern liegt ihnen der Gedanke, diese Kultur mit den Künsten gleich zu setzen.

Armin Klein erläutert dann zwar kurz, wie Talcott Parsons die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Politik und die Kultur als die vier unerlässliche Grundtypen gesellschaftlichen Handelns in allen sozialen Systemen identifiziert hat, doch bleibt die damit verbundene „weite“ Auffassung von Politik wie von Kultur für die Deutschen ohne Folgen. Hier wird Kultur „eng“ als Kunst verstanden und Politik tendenziell ebenso „eng“ als staatliches Handeln. Und weil das so ist, geht es dann auch im Folgenden nur um die Künste und den Umgang mit ihnen, wenn von Kultur die Rede ist.

Das zweite Kapitel behandelt die Rahmenbedingungen, mit denen alles kulturpolitische Handeln zu rechnen hat. Voran sind das die historisch entstandenen Strukturen und die spezifisch deutschen geschichtlichen Erfahrungen, einschließlich der lang nachwirkenden Folgen der deutschen Teilung. Auf gut fünf Seiten können da nur Andeutungen geboten werden, die zu weiteren Studien auffordern. Solch eine weiterführende Selbstorientierung wäre bei den dann folgenden Hinweisen auf die rechtliche Normierung kultureller Aktivitäten schon erheblich schwieriger, zu weit und zu speziell ist dieses Gebiet. Denn von der europäischen Ebene bis zur Gemeindeverfassung sind da jeweils spezifische, halbspezifische wie unspezifische juristische Normierungen zu bedenken, die noch dazu in Bewegung sind. Und dies mit der Tendenz weiterer Verregelung. Doch zur selbständigen Vertiefung wird hier nicht aufgefordert sondern knapp ein guter Überblick über all die vorhandenen Regulative geboten und eine Ahnung von dem vermittelt, was da im konkreten Falle alles an rechtlichen Bestimmungen zu bedenken wäre.

Noch schwieriger wird das bei den finanziellen Rahmenbedingungen des Kulturbetriebs. Hier können die verschiedenen Ressourcen von Klein zwar benannt werden, doch entziehen sie sich wegen der Unterschiede in Haushaltssystematik und Finanzstatistik schon jeder genaueren Beschreibung. Sicher sind nur zwei Tatsachen: alle öffentlichen Haushaltsebenen haben in den letzten vier Jahren deutlich weniger für „die Kultur“ ausgegeben. Und unübersehbar ist die öffentliche Kulturfinanzierung in einer kritischen Situation und es wird allerorts nach alternativen Möglichkeiten gesucht. Wer sich in dieses schwierige Feld einarbeiten will, den kann Amin Klein auf seinen langjährigen Kollegen und häufigen Co-Autor Werner Heinrichs und sein Buch zur Kulturfinanzierung verweisen.

Den ersten Hauptteil des Buches bildet die darauf folgende Übersicht der „Ebenen, Akteure und Organisationsstrukturen der Kulturpolitik“. Ein wahrhaft weites Feld mit drei großen Sphären je eigener Struktur: dem staatlichen Handeln, dem sog. „dritten Sektor“ der diversen einschlägigen Organisationen und der seit Jahren sichtlich expandierenden Kulturwirtschaft. Armin Klein konzentriert sich auf das staatliche Handeln in seinen vier Ebenen und gibt am Ende eine kurze Übersicht der nichtstaatlichen kulturpolitischen Akteure. Dabei werden die politischen Parteien - in der hier behandelten deutschen Parteiendemokratie unzweifelhaft die Hauptakteure kulturpolitischer Entscheidungen - merkwürdig knapp gewürdigt. Noch knapper fallen die Bemerkungen zur Kulturwirtschaft aus; doch hier gestattet schon der mangelhafte Forschungsstand keine Übersichtsdarstellung für Orientierungssuchende. Anders bei den Staatsapparaten, hier werden vom Europarat bis zu den Kommunen (die hier auch als „staatliche Ebene“ begriffen werden) die wichtigsten kulturpolitischen Institutionen in ihrer Entstehung, ihren Kompetenzen und aktuellen Aktivitäten auf 60 Seiten knapp vorgestellt.

Im zweiten Hauptteil wird erklärt, wie es zu kulturpolitischen Zielformulierungen kommt, an denen nicht nur die professionellen Politiker, sondern auch die Künstler über ihre Verbände (voran der Deutsche Kulturrat) und die kulturwissenschaftlichen Theoretiker beteiligt sind. Armin Klein macht dabei vier Grundrichtungen solcher inhaltlichen Absichten aus: die „eher ästhetisch-inhaltlichen Zielsetzungen“ (freie Entfaltungsbedingungen für die Künste), die „eher bildungspolitisch ausgerichteten Zielsetzungen“ (kulturelle Bildung, emanzipatorische Effekte), die „explizit gesellschaftspolitisch orientierten Zielsetzungen“ (sozialpolitische Absichten, „Kultur für alle“) und schließlich die „ökonomischen Ziele“ (wirtschaftliche Effekte, weiche Standortfaktoren).

Auf diese inhaltliche Strukturierung der kulturpolitischen Diskurse folgt eine geschichtlicher Überblick: die erste Phase nach 1945 sei in der Bundesrepublik durch affirmative Kulturtheorien geprägt gewesen. „Mit großer Penetranz wird immer wieder auf den Begriff der Pflege rekurriert. ‚Pflegen’ kann man sinnvollerweise aber nur etwas, dessen Wert man sich unhinterfragt bewusst ist und den es unbedingt zu erhalten, nicht aber kritisch zu hinterfragen gilt. … Das die fünfziger und sechziger Jahre bestimmende Konzept der Kulturpolitik wird daher Kulturpflege genannt …“ (177). Die kritisch angemerkten Folgen dieses Konzepts: keine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, kein Anknüpfen an die Kulturleistungen der Weimarer Zeit. Hinzuzufügen wäre, dass es die Adenauer-CDU war, die dieses kulturkonservative Konzept politisch getragen hat, während das sozialdemokratische Zeitalter der Kulturpolitik erst mit der „’Kulturrevolution’ von 1968/69“ (178) begonnen hat. Und weiter bliebe anzumerken, dass das von den konservativen Eliten durchgesetzte Konzept der Kulturpflege nicht die Ursache für das Ausbleiben der Distanzierung vom Nationalsozialismus verstanden werden kann. Es war vielmehr eines von mehreren politischen Mitteln der Eliten, sich der Verantwortung für die NS-Verbrechen durch Anrufung der höheren Werte zu entziehen.

Die folgenden anderthalb Jahrzehnte standen dann unter der Überschrift „Soziokultur und kulturelle Demokratie“. Die sich so bezeichnende „Neue Kulturpolitik“ ersetzte den Leitbegriff der Kulturpflege durch den der Kulturarbeit . Neben dem veränderten politischen Klima sei vor allem die damit verbundene theoretische Neuorientierung (Frankfurter Schule, Marxismus, Freud) auf eine gesellschafts- und kulturkritische Sicht, auf einen „weiten“ Kulturbegriff und auf die damit verbundene Hinwendung zum Alltagsleben der Arbeitenden folgenreich gewesen.

„Das Konzept der Demokratisierung der Kultur entfaltet sich … in zwei Dimensionen. Steht bei dem Aspekt Kultur für alle die Vermittlungsleistung im Vordergrund, so betont der Aspekt Kultur von allen vor allem die Entwicklungsleistung, d. h. den Prozess der Kulturgestaltung durch (möglichst) alle.“ (182) Für beide „Dimensionen“ werden die damals entwickelten „strategischen Optionen“ von Kulturpolitik vorgestellt. Kulturvermittlung sollte erreicht werden durch Dezentralisierung der Angebote, durch pädagogische Vermittlungshilfen, durch eine flexible, zielgruppenorientierte Infrastruktur und durch thematische Differenzierung des Angebots. Kulturentwicklung sollte gefördert werden durch monetäre Anreize, infrastrukturelle Maßnahmen, Förderung der kulturellen Bildung und Kulturpädagogik. durch Koordination und Kulturentwicklungsplanung.

Armin Klein versucht hier klar zu stellen, welche Bedeutungen der für die Neue Kulturpolitik zentrale Begriff der „Soziokultur“ trägt (S. 185/86) und resümiert, dass diese Politik „zweifelsohne eine der kulturpolitisch anregendsten und lebhaftesten Phasen der bundesrepublikanischen Kulturpolitik [war] und mittlerweile bereits ‚Geschichte’ geworden“ (187) ist. Kritisch merkt er an, dass in dieser Phase keine „Kultur des Aufhörens“ entwickelt wurde, „die kritische Hinterfragung überlebter kultureller Einrichtungen“ (184) sei ausgeblieben. Das gelte inzwischen auch für die eigenen Schöpfungen, der öffentliche Kulturbetrieb richte sich immer weniger nach der Nachfrage, er sei inzwischen eher angebotsorientiert. „Und es dauerte bis in das Jahr 2005, bis die Protagonisten der Neuen Kulturpolitik, die Kulturpolitische Gesellschaft, auf ihrem Berliner Kongress ‚Das Publikum’ entdeckte.“ (188)

Seit zwanzig Jahren nun haben wir es mit einer neuen Phase zu tun, Klein überschreibt sie „Kulturpolitik der Postmoderne“. Die bekannten gesellschaftlichen Malaisen (Ende der traditionellen Industriegesellschaft und der Modernisierungsdynamik, Zusammenbruch des Staatssozialismus, globale Umweltgefährdung, Krise des Sozialstaats, Arbeitslosigkeit, wachsende soziale Ungleichheit usw.) haben zusammen mit den wissenschaftlichen und technologischen Veränderungen zu der von Jürgen Habermas 1985 konstatierten „neuen Unübersichtlichkeit“ geführt. Die Modernisierung wurde sich selbst zum Problem, die alten Universalutopien haben die Kraft verloren, „künftige Möglichkeiten eines kollektiv besseren und weniger gefährlichen Lebens zu erschließen“ (Habermas 1985/147). Was aber trat an ihre Stelle? „Hier öffnet sich nun ein breiter Raum für kulturtheoretische Überlegungen und kulturpolitisches Handeln“ (193), schreibt Klein und versucht - orientiert an Wolfgang Welsch, Ulrich Beck, Gerhard Schulze und auch an Odo Marquard - eine Übersicht. Ihm „zeigen sich drei kulturtheoretische Antworten, die sich teilweise auch bereits in kulturpolitischen Programmen niederschlagen“: (1) Gegenmoderne und Fundamentalismus, (2) Kultur als Kompensation von Modernisierungsschäden, (3) Postmoderne als Konzept radikaler Pluralität.

Zweifellos ist die erste der Antworten trotz ihrer Vielfältigkeit die klarste und rigideste, immer ist sie der Versuch, zu scheinbar sicheren Fundamenten zurückzukehren, zu Religion, Nation, Natur, Familie, zur Tradition, zu den Werten usw. Klein zitiert hier Ulrich Beck: „Reflexive Modernisierung hebt Grenzen - von Klassen, Branchen, Nationen, Kontinenten, Familien, Geschlechterrollen - auf. Gegenmodernisierung behauptet, schafft, befestigt alte Grenzen neu (…) Deswegen werden die Zäune renoviert und neue Flaggen aufgezogen, erstrahlt für viele die Zaunhaftigkeit des Denkens und Handelns in verführerischem Glanz.“ (1993, S. 100) Gerade in den letzten Jahren haben sich im kulturpolitischen Diskurs die rechtskonservativen Strömungen verstärkt, sind neurechte Konzepte inzwischen „gesellschaftsfähig“ geworden, ist von Leitkultur und „christlichen Werten“ die Rede, ist die Tendenz zur Klerikalisierung der Politik nicht zu übersehen.

Plausibler als diese Rückwendung erscheint zunächst das Kompensationskonzept: Kultur (gemeint sind die Künste) könnte und sollte die allenthalben zu beobachtenden lebensweltlichen Sinn- und Orientierungsverluste kompensieren. Zur Erläuterung arbeitet sich Armin Klein am kulturpolitischen Konzept des Landes Baden-Württemberg ab und zitiert sogar Lothar Späth, der es auf den Punkt gebracht hat: „’High Tech’ braucht ‚High Culture’“. Darum heißt es in der „Kunstkonzeption“ des Landes, „mehr und mehr verliert die Arbeitswelt ihren prägenden Charakter für den einzelnen (…) Diese Entwicklung ist eine Herausforderung sowohl für die Bildungspolitik wie für die Kulturpolitik“. Obwohl Klein selbst Nutznießer dieses kulturpolitischen Konzepts ist (sowohl das ZKM in Karlsruhe als auch der Studiengang Kulturmanagement in Ludwigsburg sind aus dieser Absicht heraus neu gegründet worden), sieht er es äußerst kritisch. Denn es befestige nicht nur den immer unsinnigeren (auf Peter Snow zurückgehenden) Mythos von den zwei Kulturen, sondern „er akzeptiert zunächst unhinterfragt jene Modernisierungsschäden, als wären sie etwas Natürliches und nicht etwas, das von Menschen permanent produziert wird. Er verzichtet auf ein mögliches Gegenhandeln, dessen Ziel es sein müsste, diese Übel an der Wurzel ihres Entstehens zu beseitigen - etwa indem man sich gesamtgesellschaftlich auf ein anderes Konzept von ‚Moderne’ und ‚Modernisierung>’ einigt.“ (198)

Das konsequenteste Gegenkonzept „zu Fundamentalismus und Gegenmoderne“ sieht Armin Klein im theoretischen Ansatz der Postmoderne. Hier verlässt er sich auf Wolfgang Welsch, der die Postmoderne ganz in der Tradition der Moderne sieht und eigentlich als radikale Moderne versteht. Radikale Pluralität als Grundverfassung der Gesellschaft, „fortan stehen Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit im Plural“ (Welsch 1988). „Postmoderne tritt für die Vielfalt heterogener Konzeptionen, Sprachspiele und Lebensformen nicht aus Nachlässigkeit und nicht im Sinne eines billigen Relativismus ein, sondern aus Gründen geschichtlicher Erfahrung und aus Motiven der Freiheit“, wirbt Klein für dieses Konzept und betont, dass mit ihm eine neue, herausfordernd anspruchsvolle „Sensibilität für Problemlagen verbunden“ (199) ist.

Klein zitiert Welschs grundlegende Leitlinie für die Kulturpolitik: „Man muss sich nach Kräften bemühen, der Gefahr der Indifferenz zu entgehen und alle Förderungsmaßnahmen kritisch daraufhin prüfen, ob sie nicht bloß solche Indifferenz erzeugen. Umgekehrt gilt es, die Chancen der Vielheit im Feld der Kultur zu nützen und zu verstärken. Man muss Strategien und Maßnahmenkataloge finden, die ein Kaleidoskop hochgradig differenzierter Kulturformen befördern.“ Und: „Kunst als Modellsphäre auch für das Verständnis sozialer Pluralität.“ (Welsch 1990, S. 88 und 93)

Es bleibt allerdings zu fragen, wie weit sich dieses zuspitzende Kunstkonzept mit der von Klein gleichfalls präferierten kulturellen Milieutheorie von Gerhard Schulze vereinbaren lässt, die er in der Theorie der Erlebnisgesellschaft vertreten hat und die er gleichfalls in kulturpolitische Schlussfolgerungen münden lässt. Klein fasst sie zusammen: „Je mehr der Erlebnismarkt ausufert, je mehr Publikum zum knappen Gut wird, desto eher sind die Anbieter auch im kulturpolitischen Handlungsfeld bereit, ihre offizielle Anspruchshaltung durch eine inoffizielle Bereitschaft zu unterlaufen, sich dem Geschmack des Publikums anzupassen. Es ergibt sich eine wachsende Diskrepanz zwischen manifester Ambitioniertheit der Kulturpolitik und latenter Bequemlichkeit der ästhetischen Praxis öffentlicher Kulturarbeit.“ (201)

Klein meint, dass der Ansatz von Welsch produktiv ist, weil „er den Fragen reflexiver Modernisierung nicht ausweicht (…) sondern sich den Problemen des Wählenkönnens und vor allem des Wählenmüssens stellt. Er fordere ein ständiges Herausarbeiten und Aushalten von Spannungen und Differenzen …“ (202) Aber können die von Welsch empfohlenen „hochgradig differenzierten Kulturformen“ als eine plausible Reaktion auf die wachsende Abhängigkeit vom Erlebnismarkt verstanden werden, in der sich alle Kulturanbieter befinden? Ist damit etwa gemeint, dass sie sich damit auf die Überbietungsrituale einlassen, die Schulze (2003) für den Grundzug der modernen und postmodernen Kultur hält? „Nichts ist zuverlässiger als diese Überbietung, nichts leichter zu prognostizieren als diese Monotonie der Innovation. Alles ändert sich, nur dieses Ritual bleibt immer gleich.“ (Georg Franck 2005, S. 227)

Es kann hier nicht diskutiert werden, ob wir es kulturpolitisch tatsächlich mit einer „Vielfalt heterogener Konzeptionen“ zu tun haben. Und so wenden wir uns dem Schlussteil des hier behandelten (und empfohlenen) Buches zu, der darüber informiert, was die Kulturpolitiker denn beruflich so zu tun haben, wenn sie dabei sind, „die im vorherigen Kapitel erläuterten kulturpolitischen Ziele und Konzepte in die Realität umzusetzen“ (217). Hier werden nun die „Instrumente der Kulturpolitik“ kurz vorgestellt: Setzen von juristisch-administrativen Rahmenbedingungen, Schaffung von kulturellen Einrichtungen, Durchführung von kulturellen Veranstaltungen, finanzielle Kulturförderung, Kulturentwicklungsplanung und schließlich auch Beratung und Vermittlung. Dies alles wird kurz und jeweils mit Hinweis auf instruktive Beispiele aktueller Praxis und mit Ratschlägen für die Umsetzung versehen. Dieser Schlussteil vermittelt darum auch einen guten Überblick über die aktuelle kulturpolitische Debatte. Sie stehe aber - so meint der Verfasser – nicht mehr in der Mitte der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, wie das in den achtziger Jahren gewesen sein soll. Das kulturpolitische Handwerk sei inzwischen mühsamer und weniger angesehen. Und angesichts deutlich schlechterer Rahmenbedingungen sieht sich der Verfasser zur Aufmunterung veranlasst, rühmt die „Wort- und Vernunftgläubigkeit der kulturpolitischen Oldies“ aus der Zeit der Neuen Kulturpolitik, nennt Sisyphos einen Optimisten und empfiehlt dem kulturpolitisch engagierten Leser, „sich einerseits freudig-angespornt vom ‚Prinzip Hoffnung’ getragen [zu] fühlen und sich andererseits grimmig-entschlossen den Anforderungen des (kultur)politischen Handwerks“ zu stellen (243).

Armin Klein hat eine Einführung in das Handwerk der Kulturpolitik vorgelegt – nützlich für die Angehörigen aller Lager und Richtungen. Zwar lässt manche Sicht auf die Dinge seinen eigenen Standort erkennen, doch insgesamt erlegt er sich große Zurückhaltung im Urteil auf. Darauf ist dann auch die Schwäche dieser Einführung zurückzuführen: die aktuell vertretenen politischen Positionen werden nicht vorgestellt und auch mit möglichen Bewertungen der so genannten politischen „Entscheidungsträger“ hält sich der Autor sehr zurück. Nicht nur, dass die politischen Parteien gleichsam nebenbei nur in der Aufzählung der nichtstaatlichen Akteure erscheinen, auch die Konzepte der letzten Regierungen werden nicht diskutiert. Und ohne Lob und Tadel bleiben auch die wahrscheinlich eigentlichen Akteure, die dauerhaften Apparate der Verwaltung, die den Wust an Gesetzen und Regelungen exekutieren und oft – aus für sie guten Gründen – mehr „dem Gesetz“ als der Sache dienen. Dieses verständliche Defizit lässt den schönen Eindruck entstehen, kulturpolitisches Handeln der Entscheidungsträger sei die Folge einer demokratischen Konsensbildung, bei der sich alle Beteiligten im Interesse des Gemeinwohls an den nun mal gegebenen Rahmenbedingungen abmühen. Dass dies nicht so ist, weiß der mit allen Finessen des Metiers vertraute Autor besser als der Rezensent.

Dem bleibt nur noch anzumerken, dass in der Maschinerie der Textverarbeitung mitunter der eine oder andere Buchstabe verschwunden ist. Auch das Korrekturprogramm scheint gelegentlich selbständig gehandelt zu haben, wie anders wäre die Überschrift auf S. 117 zu erklären: „Die Stiftung preußischer Kulturbegriff“ ? Vielleicht ist dies aber eine aufschlussreiche Freudsche Fehlleistung oder gar eine hintersinnige Anmerkung des baden-württembergischen Kulturwissenschaftlers zum regierungsamtlichen Verständnis von Kulturpflege.