KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2006
über Jens Ruchatz (Hg.):
Mediendiskurse deutsch/deutsch
Lutz Haucke
Wie deutsch-deutsche Diskursgeschichte schreiben?
Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften Weimar 2005, 276 Seiten.


Seit einigen Jahren verfolgt an der Universität Köln eine Gruppe um Irmela Schneider, die einst in den 80er/90er Jahren im Sonderforschungsbereich 240 „Ästhetik und Pragmatik des Fernsehens“ an der Universität Siegen tätig war, mediendiskursgeschichtliche Forschungen - so zu den 50er und 60er Jahren. Aus einem neueren Projekt „Zur Diskursgeschichte der Medien: Gesellschaftliche Selbstbeschreibungen in Mediendiskursen der DDR und der BRD“ ist der vorliegende Band entstanden und von Jens Ruchatz als Herausgeber betreut worden.


Ein interessanter Ausgangspunkt

Der grundlegende Gedanke ist der, dass die Art und Weise der Diskussion des Fernsehens, seiner Funktionen in den beiden deutschen Staaten und in der gegenseitigen Beobachtung so beschrieben werden kann, dass man die je eigene Gesellschaft in Abgrenzung von der anderen aus der Sicht der publizistischen Mediendiskurse beschreiben kann. Das Buch teilt sich in zwei Abschnitte. Im ersten werden Kommunikationsanlässe ausgewählt – beispielsweise die Wertung des Springer-Konzerns in Ost und West, der VIII. Parteitag der SED (1971) als Schnittpunkt der Mediendiskurse in der DDR, die Wertung der beiden deutschen Fußballmannschaften auf der Fußballweltmeisterschaft 1974 in den BRD- und in den DDR-Medien. Im zweiten Abschnitt werden Massenwirksamkeit, Medienwirkung, Unterhaltung u. a. als Kategorien der Selbstbeschreibung in den deutsch-deutschen Mediendiskursen hinterfragt. Diese der Systemtheorie Nikolaus Luhmanns verpflichtete Vorgehensweise hat den Vorteil, dass man frei von Debatten über Totalitarismus und Fernsehen in der DDR und Demokratie in der BRD eine Beschreibung von Mediendiskursen vornehmen kann. Im Ergebnis lassen sich einige Schlussfolgerungen zur Selbst- und Fremdbeobachtung in deutsch-deutschen Mediendiskursen ableiten, ohne dass man zu Diskussionen über einen prinzipiellen Systemvergleich von Sozialismus und staatsmonopolistischem Kapitalismus ehemals im geteilten Deutschland fortschreiten muss. Man belässt es bei der Diskursbeschreibung von Feindbildern in den Medien so in „Archiv und Herrschaft. Der Deutsche Fernsehfunk als Instanz der Westbeobachtung“ (Nikolas Tosse, S.39 f.) oder in der „Äthergift-Debatte“ beider Seiten (Isabell Otto/Jens Ruchatz, S.159 f).

Prinzipiell wird eine politisch-ideologische Homogenisierung im sozialistischen Staat, bedingt durch den sozialistischen Erziehungsauftrag des Fernsehens und die führende Rolle der SED, den Differenzierungsprozessen in der Eigen- und Fremdbeobachtung der Medien in der BRD gegenüber gestellt (vgl. S. 15).

Aber da die Autoren nicht den Versuch unternehmen, die Differenzierung der Diskurse in der BRD tatsächlich aufzuschlüsseln (z. B. nach der Bundstagswahl von 1969 der Durchbruch des sozialdemokratischen Milieus in der BRD, das christliche und insbesondere katholische Milieu und dessen TV-Diskurse oder gar die Diskurse über den Strukturwandel der Öffentlichkeit seitens der Neuen Linken und der APO in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre und von J.Habermas,1969, zu O. Negt und A. Kluges Hinterfragen von proletarischer und bürgerlicher Öffentlichkeit, 1972) bleibt die Darstellung des Mediendiskurses in der BRD mitunter unhistorisch-diffus und es ist deshalb nicht verblüffend, dass einerseits das marxistisch-leninistische Medienmodell mit Lenins Konzept vom kollektiven Organisator und Agitator im Widerspruch von ideologischer Programmatik und real begrenzter Medienwirkung und Massenwirksamkeit breit ausgeführt wird(vgl.S.181f) und andererseits sehr allgemeine mitunter sogar banale Schlüsse aus den von den Autoren gefilterten Mediendiskursen in der BRD gezogen werden (vgl. die Ausführungen über den Unterhaltungsdiskurs in der BRD in Christoph Classen: Ungeliebte Unterhaltung. Zum Unterhaltungsdiskurs im geteilten Deutschland 1945 bis 1970, S. 217-21).

Grundaussage ist: Die anfänglichen Bedrohungsängste in den frühen 60er Jahren durch den DFF und die vermeintliche Nutzung von Ostprogrammen durch Unterschichten in der BRD seien zwar in den 70er und 80er Jahren verloren gegangen aber der Ätherkrieg sei von beiden Seiten immer vehement geführt worden (vgl. S. 156 f). Die deutsch/deutsche Beobachterperspektive sei immer von dem Gegensatz sozialistisch/kapitalistisch bestimmt worden. Und: das Fernsehen des sozialistischen Staates habe sich in hohem Maße durch die Referenz zum Westfernsehen selbst bestimmt – in der Gegenüberstellung von geistiger Formung in der DDR und Manipulation in der BRD. Ein besonderes Problem für die Autoren ergibt sich aus dem ideologischen Selbstverständnis des Fernsehens in der DDR: „In der DDR liefert die Medienbeobachtung nicht das Fundament für die gesellschaftliche Selbstbeschreibung, sondern dient vielmehr als Anlass, um das bereitstehende Arsenal des Marxismus-Leninismus auf einen konkreten Gegenstand zu applizieren.“ (S. 17) So richtig diese Feststellung ist, so muss aber auch gesagt werden, dass im Selbstverständnis der Führungseliten der DDR die Mediendiskurse letztlich Diskurse in Klassenkämpfen der Arbeiterklasse waren, die auch mit den Traditionen der deutschen kommunistischen und sozialistischen Arbeiterbewegung begründet wurden. D. h., dass das Problem der Selbst- und Fremdbeobachtung in den deutsch-deutschen Mediendiskursen aus der Sicht der DDR in der vermeintlich geschichtlich begründeten Aufgabe bestand, eine gesellschaftlichen Alternative zum kapitalistischen Weg in Deutschland aufzubauen. Dass der deutsche sozialistische Weg 1989 endgültig scheiterte, hatte auch etwas mit dem ungelösten Widerspruch von ideologischer Programmatik und realer Gesellschaftsentwicklung zu tun (ineffektive Volkswirtschaft, übermäßig ausgebauter Herrschaftsapparat einer kleinen und strategisch unfähigen Funktionärselite, niedriger Konsumstandard für die Bevölkerung).


Warum auf 1960 bis 1972 konzentrieren?

Die Autoren haben sich für die Diskursgeschichte auf die Zeit zwischen 1960 und 1972 konzentriert. „Die langen 60er Jahre – grob von 1960 bis 1972 – werden hier deswegen in den Mittelpunkt gerückt, weil in der DDR die Diskurse zum Fernsehen, das hier als diskursdominantes Leitmedium der ersten Nachkriegsjahrzehnte gesetzt wird, erst ab 1960 so sehr an Dynamik gewinnen, dass sich eine Analyse in deutsch-deutscher Perspektive anbietet.“ (S. 16) Und weiter heiß es: „Die zur Medienbeobachtung genutzten Codierungen sind 1972 größtenteils eingespielt und bleiben – nach den Turbulenzen durch den Führungswechsel – fortan relativ stabil.“ (Ebd.) Hier entstehen Fragen:

(1) die sechziger Jahre in der DDR waren von großen sozialen Umwälzungen geprägt, mit denen die Modernisierung betrieben wurde (Kollektivierung der Landwirtschaft, Mauerbau, Schaffung des Neuen Ökonomischen Systems und Verknüpfung der einsetzenden wissenschaftlich-technischen Revolution mit einer neuen Strategie der sozialistischen Kulturrevolution, Enteignung der letzten Privatbetriebe 1971).Die Mediendiskurse bewegten sich zwischen Diskursrepression (Stichwort 11. Plenum und der so genannte Kahlschlag in der DEFA und auch in der TV-Dramatik; ÈSSR-Ereignisse 1968) und versuchte Diskursproduktion mit den Massen. Die Organisation der Massen für diese Umwälzungen bedurfte des Fernsehens, seiner agitatorischen Publizistik und seiner so genannten „Volksdramatik“ (H. Nahke). In keiner späteren Phase der DDR taucht nochmals die Bestimmung des Fernsehens als „Tribüne der sozialistischen Demokratie“(W. Lamberz, 1968) so auf. Die Volkskorrespondentenbewegung, die Volksaussprachen u. a. waren Bestandteile einer konsequenten Weiterentwicklung des Leninschen Konzeptes der Presse als des kollektiven Organisators und Agitators der Massen. In den siebziger und 80er Jahren verändern sich die Codierungen der Mediendiskurse unter dem Einfluss der Systemstagnation und einer sich formierenden Opposition in der DDR (Friedensbewegung 1979 -1983, Demokratiebewegung ab 1984). Der Feststellung von Ruchatz zur Entwicklung nach 1972 kann so nicht zugestimmt werden. Die deutsch-deutschen Mediendiskurse der 70er und insbesondere der 80er Jahre setzen andere Akzente als die 60er Jahre, sind aber in Bezug auf die beginnende Krise des sozialistischen Medienmodells aufschlussreicher.

(2) Warum diese ausschließliche Ausrichtung auf das Fernsehen als Leitmedium in der DDR in den 60er Jahren? Warum werden kaum die Differenzierungsprozesse des Fernsehens in der BRD für die deutsch-deutschen Mediendiskurse in Rechnung gestellt?

Auch hier gilt, dass von den Autoren kaum differenziert wird, in welcher Weise die Entstehung des ZDF-Programms ab 1963 und insbesondere auch die Bildungsprogramme (1963-69) Rückwirkungen auf die Ost-Beobachtung und die Selbstbeschreibung der BRD hatten. Es wundert, dass die Autoren die gerade für das Fernsehen der 60er Jahre wichtigen Bildungsdiskurse völlig ausklammern. 1969 - 1971 fand in der DDR eine interne Diskussion über die Bildungsfunktionen des Fernsehens im Zusammenhang mit der Vorbereitung eines Bildungsprogramms statt, dass mit der polytechnischen Schulausbildung und den Weiterbildungsmaßnahmen im Zusammenhang mit der wissenschaftlich-technischen Revolution synchronisiert werden sollte (DFF-Konferenz zum Bildungsfernsehen 1969 / Leitung Dr. Hanzl). Dies war der groß angelegte Versuch, ausgehend von der Prognose der Bildungsanforderungen, wie sie die Tendenzen des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters nach Recherchen von Bildungsökonomen notwendig machten in der DDR, ein völlig neues in Deutschland alternatives Bildungsfernsehen zu planen.


Welche Bezugspunkte für die Auswahl von Mediendiskursen wählen?

Das Kernproblem des diskursgeschichtlichen Vorgehens im vorliegenden Band besteht m. E. darin, ob man eine Konstruktion von Diskursen anhand von Kommunikationsanlässen und zentralen Kategorien mit Literaturstandpunkten versucht (ganz krass die weit her geholte Literaturauswertung in der Studie über deutsch-deutsche Selbstbeschreibungen im Diskurs der Kybernetik, S.235 f.) oder ob man die Diskurse bezieht auf die in beiden deutschen Staaten prinzipiell verschiedenen Modernisierungsprozesse, die damit verfolgten politischen Lösungen und ihre Beobachtung durch die Medien in Ost und West. Das war in der DDR der Mauerbau, das war in der BRD Erhards Marktwirtschaft, das waren in der DDR die Versuche, Wirtschaftskonzepte des NÖS mit einer strategisch neuen Bestimmung der Aufgaben der sozialistischen Kulturrevolution auch in den Mediendiskursen auszutragen, das waren die Generationsauseinandersetzungen in der BRD nach der Restaurationsphase, die Kampfansage an die affirmative Kultur und die Entwicklung einer Neuen Linken und einer außerparlamentarischen Opposition. In diesem Spannungsfeld ergaben sich entgegen gesetzte Strategien von Massenwirksamkeit und Medienwirkung – auch von Unterhaltung, von TV-Dramatik und Literatur.

Für eine tatsächlich historisch fundierte Untersuchung der deutsch/deutschen Medienbeobachtung, die die Beschreibung von Feindbildern zugunsten der historischen Verortung überwinden will, wären Schnittpunkte von Mediendiskursen wie der Auschwitzprozess 1963-1965 in Frankfurt/Main mit seiner Spaltung von Holocaust-Diskurs und Antifaschismus-Diskursen in deutsch-deutschen Selbstbeschreibungen oder die Mediendiskurse über die Generalbebaungspläne von Städten in der DDR und in der BRD in der zweiten Hälfte der 60er Jahre oder die Futurologie-Diskussion in Ost und West oder die „sexuelle Revolution“ im Westen aufschlussreich. Dies gerade auch im Bezug zum Selbstverständnis der DDR in der Abgrenzung vom staatsmonopolistischen Kapitalismus.


Der DFF-Zuschauer als Konsument?

Dass Jens Ruchatz selbst nicht frei ist von Vereinfachungen, zeigt seine Argumentation zum VIII. Parteitag der SED. Seine Untersuchung versucht zwar in einem weiten Bogen die Programmdiskussion des DFF zu kennzeichnen und die Verortung des Zuschauers als Mediennutzer in der DDR aufzuzeigen, aber seine Schlussfolgerung verkürzt beträchtlich die neue kulturpolitische Strategie auf dem VIII. Parteitag. Er folgert, „dass Honecker der von ihm geförderten Konsumorientierung der Ökonomie eine analoge Zuschauerorientierung des Fernsehens hinzufügt.“ (S.104) Dies sei vor allem in der Aufwertung der Unterhaltung zu sehen. Ruchatz erwähnt nicht die Beratung der TV-Dramatik im Edelstahlwerk Freiberg im April 1971, er ignoriert, dass im Gesamtprogramm 1971/72 eine differenzierte Kunstpropaganda konzipiert wurde und dass im Gefolge Rahmenbedingungen für einen Aufschwung der Künste – von Literatur, bildender Kunst bis DEFA geschaffen wurden. Die Direktive zum neuen Fünfjahrplan, die auf dem VIII. Parteitag verabschiedet wurde, sah eine Steigerung des Realeinkommens der DDR-Bürger um 21% bis 25% und eine verstärkte Konsumgüterproduktion vor. Gleichzeitig wurde auf die Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus orientiert, was neben der Unterhaltung in den Massenmedien eine besondere Wertschätzung der Künste und der Kunstpropaganda in der Öffentlichkeit zur Folge hatte. Das Leninsche Konzept des Erkenntnis- und Organisationsprozesses der Massen wird weitergeführt, gerät aber nach 1978 mit der Etablierung von oppositionellen Gegenöffentlichkeiten in die Krise.

Von Ruchatz werden voreilig westdeutsche Vorstellungen einer Konsumgesellschaft auf ostdeutsche Mediendiskurse übertragen in einer Entwicklungsphase der DDR, in der einerseits die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik verfolgt wurde und gleichzeitig eine neue Dialektik im Widerspruch von Repräsentationsöffentlichkeit der SED und Gegenöffentlichkeiten in der Bevölkerung allmählich einsetzt.

Andererseits erbringt der Luhmannsche Ansatz über die Steuerung von Systemen in einer anderen deskriptiven Studie wichtige Aussagen über die Herrschaftspraxis in der DDR. „Diskursive Praxis meint hier, den Fokus auf die Gewinnung und Auswertung von Informationen aus West-Medien sowie deren Einspeisung in die Mediendiskurse der DDR zu richten und sich gerade dadurch Herrschaftspraxis in der DDR, konkret: der Ambivalenz von Steuerungsabsicht gesellschaftlicher Entwicklungen und dem ostentativen Unvermögen, Informationen zur Neukonfiguration des eigenen Systems zu nutzen, deskriptiv anzunähern“, schreibt Nikolas Tosse in „Archiv und Herrschaft. Der DFF als Instanz der Westbeobachtung.“ S.41).

Eine deskriptive Betrachtung liegt bei Christina Bartz/Jens Ruchatz „Kommunikationsanlass Springer“ (S. 59 f) vor, die zu dem Ergebnis kommen, dass der SPIEGEL in seiner Analyse der Expansionsabsichten des Axel-Springer-Konzerns die Funktion der sozialen Kontrolle in der BRD-Öffentlichkeit wahrnimmt, während die DDR-Medien Springer als Inkarnation des staatsmonopolitischen Kapitalismus und des westdeutschen Systems in ihren Mediendiskursen propagandistisch nutzen (vgl. S. 73/74).
Die Unterschiedlichkeit der Sichtweisen im deutsch-deutschen Mediendiskurs arbeitet Nikolas Tosse am Beispiel der Fußballweltmeisterschaft (1974) heraus. Während der Diskurs in der BRD den Fußball und die Einheit der Nation thematisiert, wird in der DDR ein dominant politischer Diskurs über beide deutsche Staaten geführt und mit dem Sieg der DDR-Mannschaft wird die Identität der alternativen sozialistischen deutschen Nation beschworen (vgl. S.130).

Im II. Teil des Buches „Kategorien der Selbstbeschreibung“ werden vorrangig publizistische Mediendiskurse in der DDR und in der BRD untersucht, um Antworten für die Frage nach dem jeweils systemspezifischen Verständnis von Massenwirksamkeit, Medienwirkungen und Unterhaltung zu filtern.


Was wurde im Osten unter Massenwirksamkeit verstanden?

Christina Bartz diskutiert in „Massenwirksamkeit in Ost und West – sozialistisch gesehen“ (S. 145 f) die Semantik des Masse-Begriffs in beiden deutschen Staaten. Sie diskutiert den Begriffe der Masse in der bürgerlichen Kulturkritik (Henrik de Man u. a.) und meint, feststellen zu können, dass die Westbeobachtung des DDR-Fernsehens vor allem mit der Manipulations-These dieser Semantik gefolgt sei. Sie stellt fest: „Mit der Absicht, ideologisch problematische Festschreibungen zu vermeiden, wird in der DDR die Erarbeitung eines positiv formulierten Masse-Begriffs umgangen.“ (S.158)

Hier liegt der Standpunkt einer jungen Wissenschaftlerin vor, für die die Grundlagen des marxistisch-leninistischen Selbstverständnisses, wie sie für die Funktion der Massenmedien in der DDR bindend waren, nicht mehr zugänglich sind. Für das Verständnis von Massenwirksamkeit war in der DDR die im historischen Materialismus fundamentale Bestimmung der Massen als mögliche Subjekte des geschichtlichen Handelns bindend. Die Überlegung, dass das Volkseigentum an den Produktionsmitteln den Massen eine historisch neue Möglichkeit der Gestaltung der Gesellschaft und der Öffentlichkeit eröffnen könnte, war für die positive Besetzung des Masse-Begriffs (im Gegensatz zur bürgerlichen Kulturkritik der Masse und der Vermassung) bindend. Die von mehreren Autoren des Bandes immer wieder hervorgehobene Erziehungsfunktion der Massenmedien im Erkenntnis- und Organisationsprozess war ein daraus abgeleitetes Axiom. Gleichzeitig gab es in der Geschichte der Linken seit Brecht die Forderung, die Massenmedien von Institutionen der Distribution in Institutionen der Kommunikation der Massen umzuwandeln, d. h. dass die Massenmedien als Organisatoren der Vergesellschaftung solcher sozialer Erfahrungen agieren, in denen die geschichtliche Subjektrolle der Massen sich entfalten kann. Eine Forderung, die in der Geschichte des bisherigen Sozialismus allerdings immer kollidierte mit den Herrschaftsinteressen derjenigen, die die Entscheidungsbefugnisse verwalteten. Und die deshalb umgebogen wurde in die insbesondere von sowjetischen Autoren (vgl. S. 154/55) propagierte Losung „Kultur für die Massen“. Die Manipulations-Diskussion in der DDR war ja nicht darauf reduziert, dass insbesondere kommerzielle westliche Mediensysteme Strategien der Massenbeeinflussung erfolgreich entwickeln konnten. Der Kern der Frage war, ob in einer kapitalistischen Konsum- und Erlebnisgesellschaft die Massen ihre Subjektrolle in zentralen Fragen der Gesellschaftsentwicklung noch wahrnehmen können oder ob große Teile der Bevölkerung in der bürgerlichen Öffentlichkeit nur noch als Konsumenten agieren bzw. in der Tauschwertabstraktion der Warenästhetik der Massenkultur keinerlei Chancen zur Emanzipation von sozialem Elend, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung aus Bildungsdiskursen seitens der von der Mittelklasse beherrschten Mediendiskurse zugebilligt bekommen.

Zweifellos hat aber der Manipulationsdiskurs in der DDR der Bekräftigung und Selbstdarstellung der sozialistischen Gesellschaft – insbesondere ihrer ideologischen Sozialutopie - mehr gedient als einer differenzierten Analyse der Möglichkeiten der Selbstregulation und Ausdifferenzierung des dualen Systems der Massenmedien in der parlamentarischen Demokratie der BRD. Ganz abgesehen von dem Irrtum der Führungseliten in der DDR, dass ihr Verständnis von der Subjektrolle der Massen sich letztlich decken könnte mit den insbesondere in den endsiebziger und 80er Jahren immer mehr polarisierenden politischen Interessengruppierungen in der DDR-Bevölkerung (Stichwort: Opposition und Demokratiebewegung).

Christina Bartz bewegt sich ausschließlich im Bereich ideologischer Implikationen des Begriffs Massenwirksamkeit. Angemerkt werden muss, dass es mit den Ergebnissen der Hörerforschung des Staatlichen Rundfunkkomitees und der Zuschauerforschung des DFF in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre einen internen Diskurs über Massenwirksamkeit gab, der von soziologischen Sachfragen getragen war und der immer misstrauisch von politischen Entscheidungsträgern in der DDR verfolgt wurde (was beispielsweise zu einer tiefen Krise der Meinungsforschung nach 1977/78 führte).


Diskursgeschichte und Medienwirkungsforschung

Isabell Otto/Jens Ruchatz untersuchen in „Heilmittel gegen Äthergift“ (S. 159 f) die Konzepte der Medienwirkung im deutsch-deutschen Mediendiskurs. So wie Christina Bartz in der vorangegangenen Studie von der Semantik des Masse-Begriffs im Mediendiskurs auszugehen versuchte, so versuchen sie der „Gift“- Semantik nachzugehen und sind sich darüber im Klaren, dass sie sich damit in das Vokabular des Kalten Krieges und der psychologischen Kriegsführung begeben. Ihre Beschreibung der Ängste der beiden Seiten voreinander ist das eine. Informativ sind aber die Exkurse über die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre aufkommende empirische Wirkungsforschung (S.174f). Diene der Diskurs der empirischen Massenkommunikationsforschung in der BRD anfangs dazu, die Wirkungen der Gegenseite zu relativieren, so gehen Otto und Ruchatz auch dazu über, die linke Kritik (D. Prokop) der empirischen Wirkungsforschung als Diskurse der Kapitalismuskritik zu charakterisieren (vgl. S. 179/80). Sie schlussfolgern daraus, dass in der BRD die Diskurse vorzugsweise kontrovers ausgetragen werden (vgl. S.189) und sich dadurch wohltuend von der DDR-Situation unterscheiden. Für die DDR werden insbesondere die Vertreter des Zentralinstituts für Jugendforschung (Leipzig) mit ihrer Betonung der Notwendigkeit der Wirkungsforschung zitiert. Man betonte, dass die informelle Rückkopplung für die Planung und Leitung der Massenmedien in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft unentbehrlich sei.

Die von Otto und Ruchatz vorgenommene beschreibende Bestandsaufnahme der Standpunkte ermöglicht zwar einige – sehr banale – Schlussfolgerungen über die Unterschiede zwischen den Diskursen in der BRD und denen in der DDR. Wirklich interessant wird es erst, wenn man an diese Diskursgeschichte anders herangeht. Bislang wurde beispielsweise noch nicht in der DDR-Medienforschung der Versuch unternommen, die Einschätzungen von Sendungen durch die Abt. Zuschauerforschung zu vergleichen mit der Bewertung von DFF-Sendungen durch die Fernsehkritik in den Tages- und Wochenzeitungen. Dies würde die Widersprüchlichkeit von journalistischen Wertungskriterien und den tatsächlichen soziologischen Tatbeständen in den DDR-Diskursen aufzeigen. So käme man an die tatsächliche Widersprüchlichkeit der Mediendiskurse in der DDR heran, während die vorliegende Studie sich in der Deskription von „offiziellen“ Standpunkten erschöpft.


Unterhaltungsdiskurse ideologiekritisch befragen!

Einen sehr weiten Bogen von 1945 bis 1970 spannt Christoph Classen mit seiner Studie „Ungeliebte Unterhaltung. Zum Unterhaltungsdiskurs im geteilten Deutschland“ (S. 209 f). Während die Entwicklung in der BRD vom kulturkritischen hegemonialen Elitediskurs zur „Demokratisierung des Unterhaltungsdiskurses“ – was immer man darunter auch verstehen möge – skizziert wird, wird der Diskurs in der DDR in der Wechselwirkung von Systemlegitimation und Gesellschaftstransformation bestimmt. Die Schwierigkeit, Unterhaltungsdiskurse zu analysieren, besteht - zumindest für die DDR – darin, dass in den publizistischen Medien Kriterien der Selbstdarstellung bestanden, die zu keinem Zeitpunkt eine ideologiekritische Bestandsaufnahme zuließen. Verfolgt wurde das Projekt des Übergangs von der Heiteren Muse zur sozialistischen Unterhaltungskunst. Insbesondere Ende der 60er Jahre gab es in der Zeitschrift „Informationen“ der Abt. Unterhaltungskunst des Ministeriums für Kultur und in der Fachzeitschrift „Unterhaltungskunst“ Diskussionen zu Unterhaltung und Bildung, zu rezeptionskundlichen Fragen, zu Artistik, Varieté, Zirkuskunst, zu öffentlichen Spielformen und Spielmeistern, zu Volksfesten, Kulturparks u. a. Der Unterhaltungsdiskurs der DDR konnte und wurde immer in der Selbstdarstellung als harmonische Lösung der Widersprüche von Arbeits- und Freizeit im Sozialismus, als Aufgabe der sozialistischen Kulturrevolution offiziell geführt. Dass gerade die Unterhaltung in Rundfunk und Fernsehen Mitte der 60er Jahre ein politisch und ideologisch kalkuliertes Mittel zur Kaschierung und Befriedung von Krisensituationen (insbesondere während und nach dem 11.Plenum) in der Gesellschaft, zur Harmonisierung von sozialen Unterschieden, zur Lösung des Widerspruchs von provinzieller Enge in der DDR und Idealen der sozialistischen Menschengemeinschaft war, ist aus der bloßen Wiedergabe der offiziellen Medienstatements nicht erschließbar (es sei, man liest Fernsehkritiken zu großen Unterhaltungsspielen mit der Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen der Sentimentalität, des Ideal-Kitsches der sozialistischen Menschengemeinschaft). Wenn man diese ideologiekritische Lesart nicht in die Untersuchung einbringt, kommt man dann zu den vereinfachenden Schlussfolgerungen von der Politisierung der Unterhaltung in der DDR im Gegensatz zur BRD oder man beschreibt Debatten über Jugendprogramme im Rundfunk in der DDR u. a.


Kritik an der DDR-Fernsehdramatik mit bürgerlichem Bildungsbegriff des 18.Jahrhunderts?

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre wurde mit der Fernsehdramatik vom DFF ein Konzept der „Volksdramatik“ entwickelt, das insbesondere – so mit der „Meister Falk“-Serie von Benito Wogatzki - Probleme der Meisterung der wissenschaftlich-technischen Revolution in die öffentliche Diskussion einbringen sollte. Der Autor Wogatzki formulierte das Anliegen so: „...für uns kommt es darauf an, die neuen Gesetzmäßigkeiten unserer Entwicklung aktiv mit durchsetzen zu helfen. Unsere Stücke wenden sich an den Menschen als Subjekt der Geschichte. Ihre Wirkung zielt auf das Bewusstwerden des Neuen, um es real zu meistern.“ (zit. in: Film- und Fernsehkunst der DDR. Traditionen, Beispiele, Tendenzen. Berlin 1979, S.274). Dramaturgisch gab es keine Protagonisten-Konstellation, sondern das Kollektiv und Meister Falk standen im Mittelpunkt. Erzählweise und Montage waren nicht reflexiv. Diese operative Linie der Fernsehdramatik, die nach dem VIII. Parteitag wegen ihrer Vereinfachungen zurückgenommen wurde, war keinesfalls der ästhetischen Erziehung des Fernsehzuschauers verpflichtet. Aus dieser Sicht aber kritisiert Torsten Hahn in seiner Studie „Ästhetische Erziehung um 1970. Literatur und Fernsehen als sozialistische Bildungsmedien“ (S. 193 f) solche Entwicklungen im Mediendiskurs der DDR. Nun nimmt Hahn mit einer Bestimmung der Funktion der bürgerlichen Literatur im 18.Jahrhundert unter Bezug auf Schillers „Briefe zur ästhetischen Erziehung“ die emanzipatorischen Potentiale der Persönlichkeitsbildung durch das Ästhetische ins Blickfeld. Er hinterfragt, von diesem Maßstab ausgehend, ob dieser Art von Bildung die Literatur und das Fernsehen in der DDR um 1970 entsprechen. Und er schlussfolgert entsetzt aus Mediendiskursen, dass stattdessen Bildung nach Vorgaben und Plänen (S. 200) erfolgte, dass die Entdifferenzierung der Freizeit gegenüber der Arbeitszeit (S. 199) vorherrschte und dass die widerspruchsfreie Identifikation von Individuum und Gesellschaft in der Fernsehdramatik von B. Wogatzki (S. 207) für das sozialistische Fernsehen kennzeichnend war. Auf der Tagung der Verbände der Film- und Fernsehschaffenden der sozialistischen Länder in Berlin (1968) stellte die DDR-Delegation einen Film der Wogatzki-Serie vor und erntete betretenes Schweigen. Die Differenzen zwischen den in anderen sozialistischen Ländern vertretenen Konzepten der ästhetischen Bildung durch die Filmkunst und der operativ-agitatorischen Konzeption des DFF hingen unausgesprochen im Raum. Es muss also nicht immer der Bildungsbegriff des 18.Jahrhunderts und Schiller bemüht werden, um das Selbstverständnis der DFF-Dramatik um 1970 zu kritisieren.


Ein Irrtum

Der Band schließt mit einer Studie von Jens Ruchatz „Leerstelle Medialität. Medien und Technik“ (S. 259). Er hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass in Marxens Technikauffassung Kommunikationstechnologien nur im Kontext des industriellen Fertigungsprozesses und – so kann man hinzufügen – in der Zirkulationssphäre des Kapitals verhandelt werden. D. h. es kann nur eine Dogmatisierung der Marxschen Technikauffassung sein, wenn man ihn aus dieser Perspektive für Fragen des kulturellen Wandels durch Medien bemühen will (S. 264/65). Er stellt verwundert fest, dass auf der Kulturtheoretischen Tagung „Wechselwirkung technischer und kultureller Revolution“ (1966) in der DDR die Bedeutung von Medien- und Kommunikationstechnologien für den kulturellen Wandel nicht diskutiert worden ist.

Er stellt weiter fest, dass bis 1970 und darüber hinaus in der DDR ausschließlich die Medienkonkurrenz, ausgelöst durch das Leitmedium Fernsehen, thematisiert worden sei. Ruchatz hat, auch bedingt durch eine falsche Übernahme eines Zitates von Thomas Beutelschmidt (siehe Fußnote 53, S. 276), übersehen, dass in der DDR in der zweiten Hälfte der 80er Jahre dann die fundamentale Bedeutung der neuen Technologien für den Wandel der Medienkulturen in den sozialistischen Ländern diskutiert worden ist (vgl. die Materialien des Kolloquiums „Filmkunst und Neue Medien. Probleme des Funktions- und Strukturwandels darstellender Künste in den 80er Jahren“, Humboldt-Universität 1988. In: Beiträge zur Film- und Fernsehwissenschaft, Nr.35 (1989), 30. Jg., S. 93 f).

Der vorliegende Band „Mediendiskurse deutsch/deutsch“(2005) ist ein Beleg für die forschungsmethodischen Ansätze und Argumentationsweisen einer neueren und noch sehr jungen Generation von westdeutschen Medienwissenschaftlern. Einer Generation, für die die einstige deutsch-deutsche Systemauseinandersetzung nicht mehr interessant ist als ein Feld von alternativen ökonomischen, politischen und kulturellen Modernisierungsprozessen in der jüngsten deutschen Geschichte. Die Befragung der Semantik von Begriffen und die deskriptive Erfassung von Literaturstandpunkten, von denen auf Mediendiskurse geschlossen werden soll, wird zum Kompass einer entideologisierten Zustandsbeschreibung - vor allem der „offiziellen“ Selbstverständigungsformeln in der DDR. Der Nachteil dieser Vorgehensweise besteht darin, dass die Selbstverständigungsformeln zwar durch den formalen Vergleich von West- und Ostdiskursen wertbar werden, aber die realen Basis-Überbau-Widersprüche in beiden Gesellschaftssystemen und die innere Dialektik der je verschiedenen Öffentlichkeitsmodelle geraten nicht ins Blickfeld.

Das Buch gibt zum Thema, wie soll man Diskursgeschichte schreiben viele Fragen auf.