KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2006
über Raj Kollmorgen:
Ostdeutschland. Beobachtungen einer Übergangs- und Teilgesellschaft
Dietrich Mühlberg
Bericht vom anhaltenden Übergang
Wiesbaden, Verlag für Sozialwissenschaften, 2005. 324 Seiten, Euro 31,90.
Wenn es um die Vollendung der deutschen Einheit geht, so erklären die politischen Festredner zu den entsprechenden Jahrestagen den Ostdeutschen immer aufs Neue, dass nun bereits „die Hälfte der Wegstrecke“ hinter ihnen liege. Ralf Dahrendorf erklärte bereits 1990 („Betrachtung über die Revolutionen in Europa“), dass solch grundlegender Wandel wohl längere Zeit brauche. Als englischer Lord offenbar dem Hexagesimalsystem verpflichtet, veranschlagte er damals für den politischen Machtwechsel sechs Monate, für den wirtschaftlichen und politischen Umbau sechs Jahre und für die Festigung der „neuen Ordnung“ sechzig Jahre. Raj Kollmorgen betrachtet die „Übergangsgesellschaft“ (eine bewusste Anlehnung an Volker Braun) der Ostdeutschen in ähnlicher Zeitdimension. Für ihn stellen alle postsozialistischen Gesellschaftstransformationen „in vielfacher Hinsicht eine offene Entwicklungsstruktur dar“ (S. 39), und ein schneller Übergang in eine „westmoderne Gesellschaft“ könne inzwischen ausgeschlossen werden, denn was heute ansteht ist „nicht mehr nur Transformation des (Ex)Sozialismus und seiner Traditionsbestände, sondern Transformation der Transformation(en) steht damit auf der Agenda der kommenden zwei Jahrzehnte.“ (S. 39) Da lohnt es also noch, den real erreichten Wandel wie seine wissenschaftliche Durchdringung zu bilanzieren und daraus wie aus den heute verfügbaren Prognosen ostdeutscher Weiterentwicklung Aufgaben für die eigene sozialwissenschaftliche Disziplin abzuleiten.

In der Fortführung der Transformationsforschung sieht der Autor, Juniorprofessor für Soziologie und Europastudien, ein gesellschaftliches Gebot und zugleich einen inneren Auftrag. Ein entsprechendes Bekenntnis gibt er in der Einleitung ab: „Ich war 1989, als die ‚Mauer’ fiel, 26 Jahre alt. Schon kurze Zeit später, etwa Ende 1991 nahm ich mir fest vor, Ostdeutschland und die Vereinigung nicht zum Gegenstand eigener wissenschaftlicher oder auch nur essayistischer Bemühungen werden zu lassen. Zu groß war die Befürchtung, infolge der Zeitgenossenschaft, der Nähe zu den gesellschaftlichen Problemen, der Verwobenheit des sozialen Geschicks mit der eigenen Biographie jede notwendige wissenschaftliche Distanz und Sachlichkeit verlieren zu müssen. Aber die Geschichte holte mich ein. In einer Art unbewußten Drift kam ich mit den Jahren diesem Thema immer näher und sah mich nun doch zu soziologischer Ostdeutschlandforschung nicht nur hingezogen, sondern mehr und mehr auch in der Lage.“ (S. 17)

Dieses wissenschaftsbiographische Driften war gegenläufig zum sozialwissenschaftlichen Trend. Denn boomte die sogenannte „Transformationsforschung“ in den frühen Neunzigern und führte dazu, dass erstmals in der deutschen Geschichte ein gesteuerter gesellschaftlicher Generalumbau in Dauermitwirkung eines enormen wissenschaftlichen Apparates stattfand, ebbte das Interesse daran in den letzten Jahren merklich ab. Eine merkwürdige Folge davon: dieses einmalige soziale Großexperiment blieb bislang ohne wissenschaftliche Auswertung. Mit der fälschlichen Annahme, die Transformation der ostdeutschen Gesellschaft sei abgeschlossen, setzte sich zugleich das Vorurteil durch, diese „Angleichung“ an den Status der alten Bundesrepublik sei ein einmaliges Ereignis gewesen, dessen Erfahrungen ohne Bedeutung für die nur entfernt ähnlichen Wandlungsprozesse in Osteuropa und Asien wären. Transformationsforschung wäre hier wesentlich Vereinigungsforschung gewesen und ohnehin gelte es jetzt, alles Interesse und alle Kapazität den Globalisierungsvorgängen zu widmen. Hier nun setzt Kollmorgens sachliche Gegenrede an: erst jetzt werde dieses Forschungsfeld wirklich spannend. Wer mit der ostdeutschen Situation irgendwie befasst ist, wird dem Autor zustimmen, wenn er einleitend schreibt, dass „auch nach fünfzehn Jahren täglich zu erfahren“ ist, dass das „praktische und sozialwissenschaftliche Problemfeld Ostdeutschland … mit dem Befund von ‚Eingliedern’, Nachmachen und Nachholen keineswegs erledigt“ sei. (S. 9)

Es ist zu betonen, dass Kollmorgen seine Einwände gegen den politisch gesteuerten Wissenschaftsprozess nicht polemisch zuspitzt, sondern nur darauf hinweist, dass es wohl der ideologischen Bindung seiner (überwiegend westdeutschen) wissenschaftlichen Kollegen geschuldet war, dass sie sich die Transformation der ostdeutschen Teilgesellschaft nur als Angleichung an die zivilisatorische Höhe der eigenen Gesellschaftsverfassung vorstellen konnten. Konsequenterweise betrachtete die in Mode gekommene Globalisierungsforschung dann fast nur die Auswirkungen weltweiter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Wandlungen auf den deutschen Westen und kam in der Regel nicht auf den Gedanken, den spezifisch ostdeutschen Reaktionen auf diese Einflüsse eine erhellende Bedeutung fürs „nationale Ganze“ beizumessen.

Eine Zukunft habe die sozialwissenschaftliche Transformationsforschung allerdings nur - so Kollmorgen - wenn es ihr gelinge, diese Sonderfall-Borniertheit zu überwinden und sie es vermag, „die Abschottung einer ostdeutschen Transformationsforschung von der übrigen postsozialistischen und dieser von den weltgesellschaftlichen Entwicklungsdynamiken aufzugeben und eine genuine Transformationsmethodologie zu entwickeln“ (S. 20). Dieser Aufgabe ist Kollmorgens Buch gewidmet und man könnte darin eine rein innerwissenschaftliche Angelegenheit sehen, wenn dabei nicht zugleich die Befunde und Interpretationsmuster der tatsächlichen ostdeutschen Situation in den Blick kämen. So ist dieser intern wissenschaftliche Vorschlag zugleich ein informativer Rückblick auf die Umbruchprozesse und ein Ausblick auf die möglichen Perspektiven der ostdeutschen Teilgesellschaft. Darum ist das Buch all denen zu empfehlen, die sich gelegentlich (oder immer wieder) fragen, wie weit es denn überhaupt möglich ist, die gesellschaftliche Situation Ostdeutschlands als Teil des Ganzen auf halbwegs gesicherter Grundlage zu beurteilen und auf welche wissenschaftlichen Voraussetzungen die Zielprognosen der Politik sich stützen könnten.


Bekanntlich wird der 1990 einsetzende Umbau der Institutionen und des handelnden Personals unterschiedlich bewertet - als „Idealfall oder Unfall“ (S 59 ff). Recht ausführlich relativiert Kollmorgen die alternativen Interpretationen. So korrigiert er die „optimistische“ Vorstellung, dass der staatsrechtliche Beitritt und der sofortige Eliten- wie Institutionentransfer bewährte Ordnungsprinzipien von oben durchgesetzt habe und so eine schnelle nachholende Modernisierung ermöglichte. Denn keineswegs beschränkten sich die Folgeprobleme auf kulturelle Lernprozesse. Diese Form der Gesellschaftsumwandlung hatte - trotz der gegenüber den östlichen Nachbarländern offensichtlich diametralen Handlungssituation vor allem der Wirtschaftsakteure - in Ostdeutschland ganz ähnliche Entwicklungsschwierigkeiten und Stagnationen zur Folge. Sie sind mit denen in den mittelosteuropäischen Ländern, in denen „Umwandlungen von unten“ und die „endogenen Potenziale“ eine ganz andere Rolle spielten, nicht nur vergleichbar, sondern in mancher Hinsicht sogar ausgeprägter.

Andererseits verweist der Autor gegen die zuspitzende „Kolonialisierungsthese“ auf genutzte Handlungsspielräume ostdeutscher Akteure. Zwar haben „die politisch-administrativen und ökonomischen Eliten Westdeutschlands an den Stellen wenig Veränderungsbereitschaft [gezeigt], wo Grundfesten und Machtkerne der bundesrepublikanischen Ordnung zur Disposition gestanden hätten, wie im Bereich der Kapitalwirtschaft, der Rolle der Parteien im politischen System oder hochbürokratischer Regulierungskompetenzen. In eher peripheren Bereichen, wie Kunst- und Sportförderung oder Verkehrsrecht existierten mehr Variabilitäten.“ (S. 73) Und er kommt zu dem Schluss, dass „die Verortung zwischen politischen Machtzentren und Makroebene einerseits und peripheren Machtstrukturen und lokaler politischer Ebene andererseits“ (S. 73) darüber entschieden hat, wie weit abweichende Institutionenbildung und ostdeutsche Einflussnahme möglich waren. Es wäre darum recht einseitig, zuspitzend zu behaupten, Großkapital und Staatseliten des Westens hätten in ihrem Interesse den Beitritt und die „Blaupause der Institutionen“ manipuliert und in kolonialistischer Manier eine autochthone Transformation von unten verhindert. Damit werde vergessen, „dass ‚unter und über der Decke’ des Transfers - wenn auch in mancher Hinsicht defizitär - vielfältige Eigenentwicklungen als Komplement der keineswegs apriori entsubjektivierenden exogenen bzw. exogen-endogenen, dann aber auch endogenen-exogenen Institutionalisierungslogiken schon stattgefunden haben, weiter andauern und in Reflexion Mittelosteuropas auch nicht stillzustellen sind.“ (S. 84)

Einen zentralen Teil des Buches bildet das 4. Kapitel, in dem Wertschätzung und Missachtung der Ostdeutschen näher untersucht werden („Reich, missachtet, handlungsunfähig? Die Ostdeutschen im Anerkennungsdilemma“, S. 135). Im Anschluss an Honneth werden Anerkennung und Missachtung als ein spezifisches Sozialverhältnis von Individuen und Individuengruppen definiert - mit verschiedenen Ebenen (Liebe, Freundschaft, Recht, soziale Wertschätzung) und selbstverständlich sozial stark aufgefächert. Der Verfasser diskutiert dann alle Aspekte - vor allem die Fülle der rechtlichen Sondersituationen bei formal gleichen Partizipationsrechten, die politische Gleichstellung ohne die Möglichkeit Minderheiteninteressen geltend zu machen, die „sittlichen Anerkennungsverhältnisse als Grundlage wohlfahrtsstaatlicher Anspruchsrechte und Transfers“ (S. 152), die Missachtung Ostdeutscher in den bundesdeutschen Eliten usw. usw. und geht dann ausführlich auf die Ursachen für das spezifische Anerkennungsgefälle ebenso ein wie auf den dilemmatischen Charakter dieser Beziehung und die Tendenz zur Ethnisierung der ostdeutschen Minderheit. Lohnend auch der Vergleich mit anderen Missachtungsverhältnissen (Ausländern, Hausfrauen, Ungelernten, Sozialhilfeempfängern) und mit dem Minderheitenverhalten in anderen europäischen Ländern.

Dem allgemeinen Befund ist sicher zuzustimmen: „Von einer gleichmäßigen Missachtung der Ostdeutschen kann mithin sowenig die Rede sein, wie davon, dass alle Ostdeutschen Vereinigungsverlierer sind, sich alle primär als Ostdeutsche fühlen oder alle in gleicher Weise den Sozialismus zurücksehnen.“ (S. 190) Ebenso einleuchtend die verschiedenen Gründe dafür, dass die Ausbildung starker Kollektivakteure der Ostdeutschen kaum wahrscheinlich ist, die zur Durchsetzung ihrer Interessen fähig wären. Andererseits kann die politische Klasse der Bundesrepublik nicht an der Vertiefung soziokultureller Differenzen, Separierungen und Desintegrationen interessiert sein. „Eine ethnifizierte Peripherie Ostdeutschland kann und darf weder im Interesse noch im wohlfahrtsdemokratischen Werthorizont der Ost- und der Westdeutschen liegen.“ (S. 200)

Neben ausführlichen Hinweisen auf die Zweischneidigkeit von minoritären Sonderrechten (die bereits bestehenden eingeschlossen) werden Empfehlungen für den Abbau der Missachtungssituation gegeben. Voran ein tieferes Verständnis für die Komplexität von Wertschätzungsbeziehungen und darum auch der Hinweis auf den Nutzen von Erfahrungen, die andere europäische Nationalgesellschaften im Umgang mit langzeitigen Anerkennungsdefiziten gemacht haben. Daraus könnte ein Bewusstsein für die Gefährlichkeit von Ethnifizierungstendenzen entstehen, das in eine präventive Strukturpolitik mündet (Förderprogramme, wirtschaftliche Sonderzonen, mehr ostdeutsches Produktivvermögen usw.). Analog zu geschlechtlichen Gleichstellungsprogrammen wird eine deutsch-deutsche Gleichstellungspolitik empfohlen, die über Gleichstellungsräte für eine vertikale Aufwärtsmobilität Ostdeutscher sorgt und so einen angemessenen Anteil Ostdeutscher an den gesamtdeutschen Oberschichten und positionalen Eliten herstellt. Weiter erhofft er eine „Transformation der soziokulturellen und darin soziomoralischen Diskurse in Deutschland, vor allem der über Ostdeutsche und Ostdeutschland sowie zwischen Ost und West“ (S.198) Hier wären vorrangig die großen Medien und das Bildungswesen gefordert. Um den offenbar gefühlten utopischen Charakter eines solchen Appells zu mindern, fordert er auch für diesen Bereich „Gleichstellungsräte [als] ein sinnvolles Mittel der Unterstützung und Kontrolle“ (S. 198), damit schließlich eine ungezwungene, offene und symmetrische Kommunikation erreicht wird. Schließlich müssten sich die Ostdeutschen ihrer Eigenleistungen in Geschichte und Gegenwart stärker bewusst werden, um so ihre „Selbst(wert)schätzung“ zu stabilisieren.

Solche Vorschläge und die daran geknüpften Erwartungen entspringen einem positiven Denken, dem sich der Leser gern anschließen mag, obwohl andere soziologische Beobachtungen die Tendenz zu stärkerer sozialer Differenzierung und Abgrenzung ausweisen. Das gilt auch für den letzten, keineswegs anekdotisch gemeinten Hinweis auf die Liebe. Zwar wäre es unsinnig anzunehmen, die Deutschen aus Ost und West könnten anfangen, sich zu lieben. „Verliebtsein und Liebe erscheinen aber gleichwohl als wichtiges Medium einer radikalen Aufhebung wechselseitiger Unkenntnis, von Anerkennungsmängeln, Exklusion und auch der Aufrechterhaltung materieller Ungleichheiten zwischen Ost- und Westdeutschen.“ (S. 199). So irreal die Hoffnung, so richtig die Beobachtung: auch in unserer Gesellschaft werden Reichtum, Einfluss und Aufstiegschancen fast ausschließlich über die Sexualität bewahrt, akkumuliert und weitergeben. Doch für Ostdeutsche sind die Chancen, reich einzuheiraten und den eigenen Nachwuchs günstig zu platzieren sehr gering. Denn wenn die Familiensoziologie seit einigen Jahren die tendenzielle Schliessung der Heirats- und Partnerschaftskreise beobachtet, so gilt das für Ost-West-Mischehen erst recht. Sie werden von der Statistik zwar nicht erfasst, doch alle bekannten Stichproben ermittelten einen Anteil von 1 bis 2 Prozent aller Eheschliessungen - ein offenbar zu vernachlässigender Wert und eine ganz erstaunliche Tatsache angesichts der großen Ost-West-Wanderung junger Leute. Darum dürfte selbst eine generalstabsmäßig geführte Charme-Offensive der Ostdeutschen zur Erheiratung westdeutscher Vermögen wenig bringen. Die „gigantischen, in den nächsten Jahren zu vererbenden Privatvermögen in Westdeutschland“ (S. 199) werden wohl dort verbleiben und dafür sorgen, dass die enormen Vermögensunterschiede zwischen Ost und West weiter anwachsen.

Das fünfte Kapitel bildet mit der Frage, ob denn die deutsche Vereinigung als Erfolg oder als Misserfolg zu bewerten sei, den Abschluss des Buches (ihm folgt noch ein für Spezialisten wichtiger Ausblick auf den Stand und die Aufgaben der Forschung). Eine aufschlussreiche Fragestellung, ermöglicht sie es doch, die subjektiven Perspektiven kenntlich zu machen, die dazu führen, die Frage so oder so zu beantworten: „Vereinigung als grandioser ‚Flop’“ und „ Vereinigung als voller Erfolg“. Beides wird durchgespielt an der Transformation von Wirtschaft und Eigentum, an Austausch wie Herkunft der Eliten und schließlich an Lebenszufriedenheiten, sozialen Identitäten und Bewertungen der Einheit.

Der Autor selbst bescheinigt dem Akteur und Institutionentransfer wie der transfergenerierte Sozialintegration Erfolg wie auch Scheitern: beides ist partiell erfolgreich gescheitert, beides stellt sich auch als „gescheiterter Erfolg“ dar. (S. 234) Was als genereller Befund bleibt, ist der im internationalen Vergleich sichtbar werdende Rückstand, der strukturelle Konservatismus beider Teilgesellschaften. „Dabei bezieht sich das Konservative sowohl auf die industriegesellschaftlich-fordistischen Erbschaften des Realsozialismus als auch auf die überlebten Regulationsweisen und Transformationsregularien des Westens.“ (S. 246)

Was lässt sich für den Osten und sein Verhältnis zum Ganzen für die nächsten zwanzig Jahre prognostizieren? Hier eine kurze Aufzählung. Die staatliche Einheit dürfte erhalten bleiben, eine erneute Sezession ist eher unwahrscheinlich. Mit Ausnahme einiger „Wachstumskerne“ (Dresden, Jena und die Landwirtschaft) wird keine dem Westen gleichrangige, den Osten tragende Wirtschaftsstruktur entstehen. Über 2019 hinaus dürfte es keine finanziellen Transfers in den Osten mehr geben. Die übergreifende soziodemographische Grundtendenz wird sich im Osten radikaler durchsetzen, eine starke jährliche Abwanderung dürfte anhalten und sich die Bevölkerungszahl (mit Berlin) auf 11 bis 13 Millionen vermindern. Die Eckdaten der Sozialstruktur werden sich annähern, soziale Ungleichheiten aber nicht abgebaut, sondern bestenfalls fortgeschrieben. Die kulturelle Assimilation der Ostdeutschen geht weiter, Besonderheiten ostdeutscher Sozialmilieus generieren zugleich ostdeutsche Kulturen, die über Differenzen normaler regionaler Subkulturen hinausgehen. Politisch-kulturell konkurrieren sozialdemokratische Grundorientierungen mit „populistischen und extremistischen Vereinnahmungen“, doch scheinen „die Ostdeutschen nur bedingt zu organisatorisch stabilisiertem Kollektivhandeln in der Lage“ zu sein (S. 268)

Schliesslich bezieht sich der Autor auf Wolfgang Thierses Papier von 2001, in dem festgestellt wurde, dass die wirtschaftliche und soziale Lage Ostdeutschlands „auf der Kippe“ stehe. Von Thierse war das bald nicht mehr so zu lesen. Anders Kollmorgen: „Ich glaube nicht nur, dass dieses Kippen mit dem ‚Beitritt’ vorbereitet und bereits ab 1995/96 sichtbar wurde. Ich denke auch, dass diese Lage noch anhält, wobei sie sich seit Thierses Diskussionsbeitrag nur in wenigen Teilbereichen verbessert hat, überwiegend aber stagnierte oder sich sogar verschlechterte. Es ist aber von eminenter Bedeutung, zu erkennen, dass diese andauernde Situation sich nicht allein einer bestimmten, nämlich westdeutsch dominierten Top-down-Transformations- und Beitrittslogik (unter weitgehender Legitimation durch die Ostdeutschen) verdankt, sondern in immer stärkerem Maße auch den Versäumnissen bzw. neomodernen Problemlösungsversuchen gegenüber post-industriellen, post-modernen und sich globalisierenden Gesellschaftlichkeiten.“(S. 270) Dieser Erkenntnis will und kann sich der Rezensent nicht verschliessen.


Foto „Deutsche Biere“ >
<br> <br><font size= Foto: Deutsche Bierkultur, © Dietrich Mühlberg