KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2/2005
über Kim Cattrall:
Sexual Intelligence
Volker Gransow
Sex auf dem Couchtisch
Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf . 1. Aufl. 2005, 144 Seiten, 150 farbige Abbildungen, 24,90 € .
Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf . 1. Aufl. 2005, 144 Seiten, 150 farbige Abbildungen, 24,90 €.

Wer hier tiefschürfende Analysen sexueller Intelligenz sucht, wird wohl eher nicht fündig werden. Eingefleischte Fans von Kim Cattrall kommen sicherlich auf ihre Kosten. Vor allem aber ist das Buch ein gelungenes Beispiel für die komplexe internationale Vermarktung eines Themas und einer Person.

Cattrall cover
Kim Cattrall, Cover

“Kim Cattrall” ist der Künstlername einer britisch-kanadischen Schauspielerin, die den Vamp Samantha Jones in der international erfolgreichen US-Fernsehserie “Sex and the City” spielte. Mit der schamlosen Verführerin wird sie sicherlich von vielen Zuschauerinnen und Zuschauern identifiziert. Nicht zuletzt darauf baut vermutlich die amerikanische Fernseh-Dokumentation “Sexual Intelligence” und das vorliegende Begleitbuch. Cattrall wird vom eigentlichen Hersteller des Buches, “Madison Press Books” im kanadischen Toronto, offiziell als Autorin des Bandes und als Produzentin des Dokumentar-Features vorgestellt. Zudem ist sie Modell für eine Reihe erotischer Fotografien, meist Standfotos aus dem Feature.

Deutlich erkennbar stammt nur das einleitende “Wort von Kim” von ihr selbst. Sie distanziert sich klar von ihrer Rolle: “Nach den ersten beiden Staffeln von Sex and the City fingen die Leute an, auf mich zuzugehen und mir von ihren eigenen Samantha-Szenarien zu berichten. Das war schmeichelhaft, aber manchmal auch peinlich. Sie nahmen an, dass ich, genau wie Samantha, schon immer fabelhaften Sex genossen hätte. In Wirklichkeit war das Gegenteil der Fall - wie bei so vielen Frauen. Mit der Veröffentlichung des Buches Satisfaction. Die Kunst des weiblichen Orgasmus wollte ich diese späten aber wertvollen Erkenntnisse mit anderen Menschen teilen ... Da ich in Satisfaction erklärt habe, wie man sexuelles Verlangen befriedigt, wollte ich nun erörtern, wie das Verlangen entsteht und wodurch es angefacht wird” (S.6).

Diesem Projekt widmete sich ihr Team mit Hilfe von Experten-Interviews (Thomas Moore, Dr. Michael J. Bader, Dr. Betty Dodson und Maggie Paley) sowie in Gesprächen mit einigen Bewohnern Torontos, die nur mit Vornamen zitiert werden, aber mit deftigen Statements wie “ich neige dazu, größere Schwänze zu bevorzugen” (Natasha, S.35). Zudem wird eine Menge Material in Schrift und vor allem Bild zusammengetragen, von Pornographie aus Pompeji über zypriotische Plastiken bis hin zum Riesenphallus von Dorset.

“Sexual Intelligence” ist in fünf Kapitel eingeteilt. Das erste ist “Begehren” überschrieben, im gewissen Sinn das Zentralthema. Offenbar soll gerade Frauen plastisch vermittelt werden, was und wie begehrt wird. Dabei werden zur Veranschaulichung immer wieder kulturgeschichtliche “tidbits”, kleine delikate Fundstücke, eingestreut, so etwa dies: “Die Macht des Penis erstreckte sich sogar auf das Rechtssystem. Das englische Wort testicle (Hoden) stammt vom lateinischen Begriff testis ab, was ‘bezeugen’ heißt. Und zwar nicht durch Hand aufs Herz: Wenn die alten Römer einen Eid leisten sollten, nahmen sie das in die Hand, woran ihnen am meisten lag - ihre Eier!” (S.30). Aber auch Vulva und insbesondere Klitoris werden gebührend gewürdigt - man merkt bei der Lust an der Lust auch einen stark pädagogischen Impetus. Nicht umsonst soll Kim Cattralls nächstes Projekt heißen “Everything I Ever Learned about Being a Girl”.

“Messaging” ist das nächste Kapitel. Sexuelle Lust findet im Hirn statt, nicht in den Genitalien oder dem peripheren Nervensystem. Entsprechend wird gezeigt, wie Kleidung und Mode von Anfang an mit dem Reiz von Verbergen und Enthüllen kokettiert haben, wie Haare eine Rolle bei der sexuellen Anziehungskraft spielen, dass die Ohren bei der Erregung eine einzigartige Kraft entfalten, oder was die Erotik von Parfüm und Lebensmitteln ausmacht. Doch trotz aller Zuneigung zu Austern, Schokolade und Champagner wird mit Betty Dodson als bestes Aphrodisiakum ein gesunder Körper und ein offener Geist empfohlen.

Im nächsten Abschnitt geht es um “Erregung” von Aphrodites klassischer Pose bis zu Hollywood-Diven und Schönheitsköniginnen jeder Generation, so dass der Anblick einer Frau, die nass aus dem Meer auftaucht, zum visuellen Synonym für sexuelle Kraft geworden ist. Diesem Einstieg folgen verständliche Referate wissenschaftlicher Studien wie der von Bartles und Seki, die mit dem Gehirnscannen Differenzierungen von Erregung und Liebe nachweisen wollten und das Sich-Verlieben als suchtartig klassifizierten.

“Fantasien” werden sodann von den primitivsten bis hin zur ausgefeiltesten angesprochen, auch hier wieder reich illustriert und mit anekdotischen und kulturgeschichtlichen Exkursen versehen. “Wie viele Menschen in Machtpositionen haben sich mal über eine Unterwerfungsfantasie gewundert? Und was ist damit, wenn wir uns vorstellen, wir gehörten dem anderen Geschlecht an? Manche Fantasien sind, na ja ... etwas merkwürdig - sogar für die Person, die sie sich gerade ausdenkt...”(S.91). Es wird nicht nur für Toleranz geworben, Fantasien werden als “risikofreie Spielplätze” identifiziert, als sichere mentale Orte, die wir jederzeit aufsuchen können. Die passende Illustration: “Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel” von Salvador Dali. Auch der Schritt von der Fantasie zum Fetisch wird mutig getan, egal ob es der Stilettoabsatz ist, das Hundehalsband, ein Luftballon, eine Stoffpuppe oder auch ein Körperteil. Damit können Angst und Scham verbunden sein, die aber durch Sex und Komik, Begierde und Lachen überwunden werden können, z. B. durch “burleske Babes” wie Josephine Baker und Mae West.

Abgeschlossen wird das Buch mit einem Kapitel über “Erlösung”, Orgasmus als le petit mort, der kleine Tod. “Wenn Sex die Religion einer Beziehung ist,” heißt es hier, “so feiern wir ihn mit unseren eigenen Ritualen, die uns mit der sinnlichen , elementaren Seite des Lebens verbinden: Kerzen, das Feuer, Baden, das Wasser; Parfüm, die Luft; Essen, die Erde und ihre Früchte”(S.120). Ein kleiner Anhang verzeichnet die benutzte Literatur, allerdings fehlen bei den deutschen Übersetzungen die Ortsangaben und es werden manche Quellen nur sehr pauschal benannt, etwa “www.kinseyinstitute.org” (S.142). Der Nachweis der Illustrationen ist hingegen hervorragend, desgleichen die Übersetzung von Anne Litvin.

“Sexual Intelligence” gehört zweifellos zur Gattung der “coffee table books”, jener aufwendig produzierten Kunst- und Reisebücher, die besonders in Nordamerika auf den Couchtischen bürgerlicher Haushalte nicht fehlen dürfen. Nur wenige von ihnen dürften sich bisher derart explizit mit Sexualität beschäftigt haben, zumal hier wohl hauptsächlich Leserinnen angesprochen werden sollen. Das originelle Layout (etwa das Foto einer Zucchini neben einer Liste von Scherznamen für den Penis) unterstützt freilich noch den Eindruck, dass es eher um “fluff” geht, mehr um flauschig-lockere Unterhaltung als um substanzielle Aufklärung.

Cattrall Seiten
Kim Cattrall, Seiten