KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2/2005
über Wolfgang Kil:
Luxus der Leere
Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt
Dietrich Mühlberg
Für ein Wohlleben in der Leere
Verlag Müller + Busmann KG, Wuppertal 2004, 159 S., ISBN 3-928766-60-0
Den Anlass für Kils Streitschrift gegen das nicht nur in der Politik dominante Wachstumsdenken macht eine kleine Mediennotiz vom Dezember 2003 schlagartig sichtbar. Stolz meldete da das Bundesbauministerium: „21 Millionen in Rückbau investiert!“ Damit konnten in Ostdeutschland 12.500 Wohnungen „vom Markt“ genommen werden. Eine geringe Zahl, denn aktuell sind anderthalb Millionen überflüssig – Tendenz steigend. Leerstand droht die Wohnungswirtschaft in den Ruin zu treiben. Erstmals setzt Wohnungspolitik in großem Stil Steuermittel für die Vernichtung von Wohnraum ein. Die angestrebte „Lösung der Wohnungsfrage“ dürfte allein in den neuen Bundesländern mehrere Milliarden Euro kosten.

Kil

Überaus kenntnisreich und mit vielen Verweisen auf einschlägige Studien und Denkschriften schildert Wolfgang Kil die kritische Situation der ostdeutschen Städte und ihres Umlandes, wie sie nach 1990 durch die weitgehende De-Ökonomisierung und die folgende Abwanderung der Bewohner entstanden ist. Dies freilich immer mit dem Hinweis darauf, dass die ostdeutsche Notlage nur als der drastische Ausdruck einer allgemeinen Tendenz zu verstehen ist – hier verstärkt durch die Überlagerung mehrerer Wandlungsphänomene. Er referiert die Vermutungen der einschlägigen Experten und resümiert, dass dies kompakte Auftreten „den ehemaligen Industriestaat DDR zum Testgelände für eine Zukunft jenseits der herkömmlichen (Industrie)Arbeit gemacht“ habe (S. 20). Offen sei nur, wer da eigentlich am Testen ist und was denn getestet werden solle. Denn dem milliardenschweren Bundesprogramm „Stadtumbau Ost“ mangele es an begründeten Zielvorstellungen. Gezielter Abriss soll zu einer „Normalität“ führen, die nicht benannt werde. Wolfgang Kil begründet, warum der als normal gedachte Zustand gar nicht wieder zu erlangen ist. Denn schrumpfende Städte und verödende Regionen signalisieren das Ende eines Zeitalters. Wir erleben die Schlussphase jener Fortschrittsgesellschaft, die mit der industriellen Revolution ihren Anfang genommen hatte. Diese Revolution „war nichts geringeres als ein Generalumbau sämtlicher Verhältnisse – in Wucht und Wirkung allenfalls den gewaltigsten Katastrophen vergleichbar, die ganze Kontinente bis zur Unkenntlichkeit umgewühlt und neu aufgeschichtet hinterlassen. Wieso hoffen wir eigentlich, am Ausgang jenes Zeitalters glimpflicher davonzukommen?“ (S. 45)

Der eindringliche Gestus, mit dem hier der Leser auf seine unbegründeten Illusionen geprüft wird, durchzieht den ganzen Essay. Dialogisch und ganz grundsätzlich trägt der Autor sein Anliegen vor. Dies erfreulich undogmatisch und auch wenig festgelegt, doch in der festen Überzeugung dass alle bisherigen perspektivischen Vorstellungen den hier mitgeteilten Fakten nicht gerecht werden, weil sie nicht mit verständlichen Wunschbildern brechen. Notwendig aber sei der grundsätzliche, möglich auch der individuelle „Rückzug aus der Wachstumswelt“. Ein neues Denken keime gerade dort auf, wo Kommunalpolitiker, Stadt- und Regionalplaner, Architekten und engagierte Bürger mit diesen tiefen Brüchen unmittelbar konfrontiert sind.

Die Quellen, auf die sich der Autor in seiner Streitschrift stützt, sind zunächst die eigenen umfangreichen Recherchen; er zieht alle zum Gegenstande vorliegenden Untersuchungen heran, zitiert Denkschriften, Aufsätze der Fachpresse, Statistiken usw. Zur Unterstützung im Generellen verweist er auf die „üblichen Verdächtigen“ (von Jeremy Rifkin und Guillaume Paoli bis Albrecht Göschel und Wolfgang Engler). Neben vier plastischen Berichten über eigene „Exkursionen“ an Orte, die beispielhaft die widersprüchliche Situation und darin verwickelte Akteure zeigen (Hoyerswerda, Görlitz, Halle-Neustadt, Leipzig-Plagwitz), entfaltet Wolfgang Kil seine Argumentation an drei Problemfeldern.

Einmal beschreibt und beklagt er die weitgehende Hilf- und Machtlosigkeit der kommunalen Akteure, den marktwirtschaftlich zwangsläufig erzeugten Destruktionen entgegenzuwirken und spürt praktische Beispiele für – freilich bescheidenes – steuerndes Eingreifen auf. Diese Akteure rückt er auch in die Mitte, wenn er einprägsame Bilder von den diversen Rückbau-Szenarien zeichnet. Sie münden unter der Überschrift „Rückbaukultur und ‚Neues Planen’“ in eine Art Resümee der bisherigen Praxis (Seiten 102 bis 127), das Wege zur Teilhabe und Mitwirkung der Betroffenen hervorhebt.

Wolfgang Kil plädiert für eine Wende in der Berufsauffassung des eigenen Standes. Architekten müssten sich von der Vorstellung lösen, es gehe vor allem darum, neue Räume durch Bauten zu schaffen. Auch gehe es nicht mehr so sehr darum, Vorhandenes für neue Funktionen behutsam herzurichten. Immer wichtiger werde es, nach möglichen, noch unbekannten Nutzungen für Überflüssiges zu suchen. Und auch Vorstellungen von gebrauchsfähigen Räumen zu entwickeln, auf die hin der sog. Rückbau geplant werden kann. Auch hier kann der Autor auf Anzeichen einer Wende verweisen.

Schließlich entwickelt er - polemisch gegen Karl Schlögels Gegenüberstellung von urbanen Entwicklungskorridoren und der Ödnis links und rechts des Metropolitan Corridors – eine Vision von den Chancen befriedigenden Lebens in den vom Industriezeitalter entlassenen und für die Kapitalverwertung weitgehend untauglich gewordenen Räumen. Was für Schlögel „lediglich ein Schattenreich, Restraum der Zurückbleiber“ sei, birgt für Kil eine Chance für Umkehr und Neubeginn. Voraussetzung wäre ein „Neues Denken“, das auf ein noch ausstehendes Eingeständnis folgt: die endliche Anerkennung der Tatsache, dass ganze Landesteile aus den ökonomischen Verwertungszyklen herausfallen und ganz offenkundig solche disparaten Räume und Lebensverhältnisse relativ dauerhaft zu erwarten sind. Wenn das endlich zugestanden werde, könnten auch die entsprechenden planerischen Konsequenzen gezogen werden.

Und dann könnte auch „die Stunde der Geduldigen“ schlagen, „die beim Thema Rückbau sich nicht dem scheinbar Notwendigen beugen, sondern die Chance zum Experimentieren freudig ergreifen, weil sie, statt überall leere Häuser und Brachen, lauter unerschlossene Möglichkeitsräume sehen. Die Stunde derer, die am ehesten bereit sind, ‚Neue Länder’ tatsächlich als Neuland zu denken.“ (S. 156)

Der „gebildete Leser“ vernimmt es mit Freude, denn wer träumt nicht auch von unerschlossenen Möglichkeiten, von unbesetzten Räumen und neuartigen Chancen? Doch kommen bei diesem utopischen Entwurf auch Bedenken auf, sozialer, kultureller und ästhetischer Art. Zuerst etwas zu den sozialen Bedenken. Soziale Schwierigkeiten werden vom Autor selbstverständlich bedacht. Den „äußeren Rand- und inneren Schattenzonen“ drohen Gefahren, die nur der Staat durch grundsätzliche Maßnahmen bannen könne – sie dürften nicht zum Nährboden mafioser Selbsthelferstrukturen und populistischer Seelenfänger werden. „Das Schicksal der neuen Peripherien bedarf gesamtgesellschaftlicher Aufmerksamkeit.“ (S. 62) Spezielle Bedürftigkeit, Mindest- oder Existenzsicherung, Bürgergeld, Grundeinkommen und Umverteilung sind die programmatischen Begriffe, die auch Wolfgang Kil hier bemüht. Wenn westeuropäische Bauern von der Stilllegungsprämie für ihre Ackerflächen leben können, so sollten auch die „Scouts im nachindustriellen Neuland“ auskömmlich alimentiert werden.

Doch irgendwie kommt die von Karl Schlögel beklagte Restbevölkerung der Randzonen nicht recht in den Blick. Wolfgang Kil setzt für diese abseitigen Land- und Stadtregionen vor allem auf eine „experimentierfreudige Minderheit“ die „sich den Zukunftsfragen am Ende des Industriezeitalters lebenspraktisch stellt“. So könnten die vom Industriezeitalter entlassenen Regionen eine positive Nutzung erfahren: „als Paradiese für Gärtner und Bastler, für Denker und Träumer und Forscher und Genießer“. (S. 158)

In den langsam verödenden Gebieten in der etwas weiteren Umgebung von Berlin sieht es – wie auch Kil plastisch schildert - einstweilen noch nicht nach solcher Idylle aus. An den landschaftlich schönen Orten haben zwar auch Denker und Genießer aus Berlin Häuser und Grund gekauft, doch ansonsten leben dort viele alte Leute von (noch) auskömmlichen Renten und die noch nicht ganz alten Anwohner von Hartz IV. Man schlägt sich so durch und klagt bestenfalls darüber, dass die Wege immer länger werden: zum Arzt, zur Post, zur Schule, zum Amt, zur Gastwirtschaft. Supermärkte und Bankfilialen halten noch an ihren Plätzen durch. Arbeit gibt es in der Altenpflege und in der Verwaltung. Das Ambiente: Großlandwirtschaft, zugeteerte Landwege, von der Windindustrie zugestellte Horizonte, in der Nähe die Ruinen der DDR-Agrarindustrie. Da und dort ein neues Einfamilienhaus – schön wie die Sparkassenreklame. Nur notorische Optimisten können da von „retardierendem Zukunftsland“ (Simone Hain) und vom „Luxus der Leere) (Wolfgang Kil) träumen, die Einheimischen sehen das auf absehbare Zeit anders.

Und das wäre der kulturelle Einwand. „Scouts und Pioniere“ stoßen nicht in Niemandsland, nicht in leere Gebiete vor. Wenn überhaupt, müssen sie ihre kulturellen Absichten in einem immer noch funktionierenden gesellschaftlichen Milieu verwirklichen, dass dem völlig fremd gegenübersteht. Kil polemisiert in diesem Zusammenhang mit Albrecht Göschel, der die „Restbevölkerung“ (aus westdeutscher Erfahrung) für wenig geeignet hält, alternative Wirtschaftsformen ökonomischer Eigenleistung anzunehmen, weil ihnen die offenbar notwenige Neigung zu alternativen Lebenspraktiken fehle. Kil hält dagegen. Was er aber als Beispiele für reale alternative Lebensstrategien ostdeutscher Restbevölkerung anführt (S. 139) kann wenig überzeugen. Die Aufzählung der vielen pfiffigen Formen von Kleingewerbe, mit dem sich Modernisierungsverlierer durchzuschlagen versuchen, kann nicht als Beleg dafür gelten, dass „ein Leben in der Leere bereits immer festere Konturen“ gewinnt.

Anders vielleicht in Leipzig-Plagwitz (im Buch die vierte Exkursion), wo es einem Architekten wohl möglich ist, in einer städtischen Brache auszuharren, die nach ihrer experimentellen Belebung als EXPO-Standort 2000 nun auf eine andere Zukunft wartet. „Inzwischen könne er diesen neuen Typus ‚verhaltener Urbanität’ regelrecht genießen“, berichtet Kil über ihn. „Viel Himmel, wenig Hektik: ‚Das ist doch auch eine Form von Lebensqualität’.“ (S. 98).

Abschließend zwei Anmerkungen zur Ästhetik des Buches. Zunächst zum Umgang mit dem Begriff der „Leere“. Hartmut Häußermann und Walter Siebel haben zwanzig Jahre zuvor mit einem anderen Unwort provoziert, als sie 1985 über „die Chancen des Schrumpfens“ öffentlich nachdachten. Tatsächlich darf unter dem Diktat der Wachstumsideologie bestenfalls von „Gesundschrumpfen“ die Rede sein. Aber auch jenseits der politischen und wirtschaftlichen Öffentlichkeit ist „Schrumpfen“ weithin mit Bedeutungen besetzt, die wenig auf Zukunft, Hoffnung, Leben verweisen. Schrumpfen ist Eintrocknen, Sterben, Tod. Wolfgang Kil thematisiert ausdrücklich das Vokabular der Realisten (und zitiert Kirsten Böhme, „Die Dinge beim Namen nennen“): „Verlust, Leere, Angst, Trauerarbeit – lauter ‚negative’ Begriffe, die von Politikern wie von Planern strikt gemieden werden“. (S. 73) Er aber will sie dem Leser nicht ersparen: sie sind notwendiger Durchgang zu mehr Realitätssinn. Nach dem „Schrumpfen“ nun also eine weitere Provokation: Leere soll luxuriös sein. Für reflektierende Architekten sicher kein Problem. Ihnen ist eine funktionalistische Reduktionsästhetik wohl vertraut, die alles Opulente verabscheut – innen wie außen. Auch ist ihnen Leere die ideale Ausgangssituation, die unbeschriebene Tafel, auf der sie und für die sie ihre Projekte entwerfen. Und selbstverständlich kann auch jeder Architekt begreifen, dass der freibleibende Raum eine urbanistische Gestaltungsaufgabe ist (Kil verweist auf Andreas Ruby: „Amor Vacui“, 2003).

Aber ansonsten? Die in unserem Kontext nun speziell eingeführten Begriffe „Schrumpfen“ und „Leere“ können zwar eine soziale Problematik verdeutlichen, als Leitbegriffe für den „Rückzug aus der Wachstumswelt“ dürften sie wegen ihrer negativen Konnotationen problematisch sein, eher untauglich. Nur Ästheten schätzen die Leere, meiden das Überladene und organisieren nach strikten Gestaltungsprinzipien. Die Alltagsästhetik der Mehrheit goutiert die Leere nur ausnahmsweise, sie sucht die Fülle und den Überfluss, neigt zu Opulenz und eklektischer Häufung und puristisch ist sie nur gegen das Ekelhafte. Wachstum gehört zu ihren positiven Vorstellungsmustern, und das dürfte sich kaum ändern. Doch bildet diese ästhetische Grundstimmung keine Hürde, denn offen ist sie, das Überflüssige abzustoßen, sich vom nutzlosen Ballast zu befreien, die Dinge neu zu ordnen, die Hierarchie der Werte zu modifizieren und – ganz wie der konventionelle Architekt – eine entstandene Leere wieder zu füllen.

Sich für den „Luxus der Leere“ zu begeistern, verlangt aristokratische Distanz und ist gerade in unsicheren Zeiten nicht populär. Da überwiegt die Sehnsucht nach dem Vertraut-Überschaubaren, nach der Fülle – das Magere wie das Dürre sind out, jede Form von Leere signalisiert bedrohlich den Mangel. Der Thesaurus nennt für’s Leere über zweihundert Wörter. Von ihnen können höchstens zehn positive Bedeutungen tragen. Das sollte bedacht werden. Aber vielleicht hat der Rezensent nur die Ironie des Autors nicht verstanden; der spielt ganz offensichtlich mit der „Leere“, weitet er doch (im Buchtitel wie in den Überschriften) die Zwischenräume der Buchstaben willkürlich zu größeren Leerzeichen aus – soll das die willkürlich geschlagenen Lücken symbolisieren oder soll es beweisen, dass uns unerwartete Leerstellen nicht behindern: alles bleibt lesbar?

Zur Ästhetik des Buches gehören die Illustrationen. Hier beweist der Verfasser, dass er auch als Fotograf ein guter Beobachter ist. Auf den ersten hundert Seiten (Analyse und Kritik) sind die Fotos schwarz-weiß (bzw. grau in grau) gehalten, im zweiten Teil (Bewältigungsansätze und Zukunft) dann in Farbe. Ähnlich zweigeteilt das Layout: die vier Exkursionen sind lesefreundlich zweispaltig gesetzt, Erörterungen anstrengend einspaltig und dies über eine breite Seite (hundert Zeichen auf der Zeile sind keine Augenweide). Denn Kil hat für sein Buch ein Querformat gewählt. Das bekommt den Fotos gut, denn Landschaft ist immer quer, wie auch die mediengeprägte Sehweise uns das Hochformat der Bücher abgewöhnt, wir sehen inzwischen alles in der Breite, wenn es geht 16:9.
Kil


Allerdings lässt sich ein Querformat schlecht ins Regal stellen. Auch dies eine ästhetische Strategie? Das schmale Buch also gleich anderen zum Lesen geben. Man geht kein Risiko ein, denn trotz des ernsten Anliegens liest es sich ja mit Vergnügen.