KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2/2005
über Ingrid und Gerhard Zwerenz:
Sklavensprache und Revolte.
Der Bloch-Kreis und seine Feinde in Ost und West
Volker Gransow
Delikate pornografische Archetypen
Berlin: Schwartzkopff Buchwerke 2004, 552 S., € 29,00.
Dies Buch erscheint aus Anlass des 120. Geburtstages von Ernst Bloch und des 80. Geburtstages von Gerhard Zwerenz im Jahre 2005. Wer war Ernst Bloch? Wer sind Ingrid und Gerhard Zwerenz?

Ernst Bloch (1885-1977) hatte schon 1918 mit “Geist der Utopie” seine Hoffnungsphilosophie vorgestellt und sie nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil nach Leipzig ab 1947 mit Werken wie “Subjekt-Objekt” und “Das Prinzip Hoffnung” ergänzt. Seit der Übersiedlung nach Tübingen 1961 folgten “Naturrecht und menschliche Würde”, “Atheismus im Christentum” und “Experimentum Mundi”. Beeinflusst von Karl Marx, Friedrich Nietzsche und der Bibel formulierte er Grundkategorien seines Denkens wie “aufrechter Gang”, “konkrete Utopie”, “noch nicht”, “Ungleichzeitigkeit” und “Wärmestrom”.

Ingrid (geb. 1934) und Gerhard Zwerenz (geb. 1925) studierten in den fünfziger Jahren bei Bloch in Leipzig Philosophie. Später arbeiteten sie journalistisch und schriftstellerisch. Ihre Teilnahme am “Aufstand der Intellektuellen” (Heinz Kersten) in der DDR 1956 hätte beinahe zur Verhaftung geführt, wenn sie nicht rechtzeitig in den Westen geflohen wären - den Westen des KPD-Verbots, von Globke und Adenauer, aber auch der “Frankfurter Rundschau” und der “Gruppe 47". Ingrid publizierte hier etwa “von Katzen und Menschen” oder “Frauen - die Geschichte des § 218", während Gerhard mit politischen Essays und deftiger erotischer Prosa hervortrat. Dem ersten Deutschen Bundestag nach der Vereinigung gehörte Gerhard Zwerenz nicht als PDS-Genosse, wohl aber als Mitglied der PDS-Fraktion an. Mit Hinweisen auf seine lupenreine antistalinistische Vergangenheit brachte er dort manche Vertreter der damaligen schwarz-gelben Regierungsfraktionen ins Schleudern. Eine gewachsene Freundschaft verband das Ehepaar Zwerenz nicht nur mit Ernst Bloch, sondern auch mit seiner ebenfalls hochbegabten Frau Karola.

Wohlüberlegt haben Autorin und Autor Titel und Untertitel gewählt. “Sklavensprache” war erst einmal ein nicht eingelöster Arbeitsauftrag Blochs an Gerhard Zwerenz, aber auch ein Problem, mit dem der langjährige Befürworter der Moskauer Prozesse und Verehrer Stalins selbst zu kämpfen hatte. “Revolte” - das ist jene Meuterei ostdeutscher demokratisch-sozialistischen Intellektueller von Wolfgang Harich und Walter Janka bis zu Erich Loest und Günter Zehm im Jahre1956, die erst vom Ministerium für Staatssicherheit zur Verschwörung gestempelt wurde. Anders als gleichzeitig in Ungarn und Polen gab es in Deutschland keine Beteiligung der Arbeiterschaft - die war schon im Juni 1953 zum Schweigen gebracht worden. Die Strafen für aufmüpfige Denker waren abgestuft: Zwangsemeritierung für Ernst Bloch, Jobverlust für Manfred Buhr, fünf Jahre für Walter Janka, zehn Jahre Bautzen für Wolfgang Harich. Und das sind nur die prominentesten Rebellen. Im Untertitel geht es auch um den “Bloch-Kreis” (also nicht nur Blochs Schülerinnen und Schüler) und dessen Feinde in Ost und West, mithin Strukturkonservative da und dort.

Verfasserin und Verfasser nähern sich ihrem Thema nicht wissenschaftlich-historisch, sondern literarisch-essayistisch. Sie umkreisen es aus verschiedenen Perspektiven, wobei notwendig Redundanzen entstehen. Der Einstieg ist biografisch-autobiografisch, vom “Vorspiel in Heidelberg” bis zu “Begräbnis” und “Trauerfeier”. Es wird geheiligt und entheiligt, vor allem Letzteres. Bloch zitierte laut Ingrid Zwerenz “delikate pornographische Archetypen, so die von einem Schreiner bei Balzac, der erotisch rekurrierte und ‘beschloss, seinen Hosenladen fortan geschlossen zu halten’. Vom doppeldeutigen Hosenladen geriet die Unterhaltung zwanglos auf das, was sich gemeinhin dahinter verbirgt, und Ernst Bloch freute sich in schöner Assoziation seiner Anschrift, wir hier im Schwanzer, sagte er und bemerkte zunächst nichts vom indignierten Zug im Gesicht der lieben Inge Jens” (S.13). Oder: auf Rudi Dutschkes Rede an Blochs Grab hin “fielen verschiedene aus der Rolle, als erster Uwe Johnson, von dem Karola Bloch im Juni 1979 empört berichtete, er sei schon besoffen zur Beerdigung gekommen” (S.48).

Das autobiografische Element wird auch im zweiten Kapitel durchgehalten. Über lange Strecken geht es nicht so sehr um Bloch als vielmehr um die Erfahrungen und Erlebnisse von Ingrid und besonders Gerhard Zwerenz. Auch dies ist nicht uninteressant, und meist gibt es ein “Leipziger Allerlei” - um den Titel eines Artikels von Zwerenz im “Sonntag” zu paraphrasieren, der ihm mächtige Kritik des Parteiestablishments eintrug. Gerhard Zwerenz polemisiert auch gegen einen, der “im Westen Karriere gemacht hat” und gegen einen “großen DDR-Dichter”, der bei Bloch “unter die Gürtellinie gezielt” habe (S.93). Wer wohl gemeint ist? Fritz J. Raddatz und Hermann Kant, vermutet der Rezensent. Aber neben diesem heiteren Rätselraten geht es immer wieder zur Sache. Eine Kernthese findet sich auf den Seiten 74 und 75: “Überzeugt, die Zweite Revolution ließe sich nur als Folge des Roten Oktober erreichen, baute er seine eigene Revolutionstheorie 1933 im Exil und von 1949 an in Leipzig aus, per Sklavensprache getarnt. 1956 verwarf er die Tarnung und revoltierte.”

Im Zentrum des Buches steht die “Leipziger Genossenschlacht”. Zwerenz hatte im “Sonntag” im Oktober 1956 geschrieben :”Wieviel Druckerschwärze wurde nicht vergeudet für rosarote Aufbaumeldungen, aber die Wirklichkeit verlangt Ziegel und Beton ... in der Vergangenheit wurde wohl zuviel gejubelt, und es ist an der Zeit, mit allem Nachdruck zu sagen, dass viele Trümmer noch der Beseitigung und viele, sehr viele Häuser noch des Aufbaus harren” (S.198). Harmlos, nicht wahr? Aber nicht für den Leipziger SED-Chef Paul Fröhlich und die Kulturfunktionäre Gerhard Henniger und Siegfried Wagner. Für sie war das Konterrevolution. Zwerenz blieb nur die Flucht und ein Plädoyer für einen anderen Exkommunismus, der nicht “Renegaten” wie Arthur Koestler und Ignazio Silone folgen wollte. Das war unter direktem Einfluss von Empfehlungen Ernst Blochs, der ab 1957 mundtot gemacht worden war, aber dennoch zunächst in der DDR ausharrte.

Erst 1991 bekam Zwerenz das Protokoll eines dreifachen Genitivs: “Sitzung der Parteigruppe des Präsidialrates des Kulturbundes.” in der Zeitschrift “Utopie kreativ” zu lesen. Es schockierte ihn anscheinend mehr als seine gesammelten Stasi-Akten. Weniger wegen Kurt Hager und Siegfried Wagner (“1957 trieb dieser Kulturgeneral ... Conrad Reinhold und ... Christina Burgert aus und in den Westen ab. Dem Jazz-Fachmann Reginald Rudorf schickte er Kampfgruppen aufs Podium. Der Mann landete im Krankenhaus”, S. 270). Sondern wegen Ernst Bloch. Bloch beschuldigte bei dieser Sitzung am 12. Dezember 1957 Zwerenz, “Lügen zu verbreiten, den Sozialismus zu verraten, es für Geld zu tun, die Kritik von ‘außen’ zu betreiben, statt von innen. Dreieinhalb Jahre später beging er all diese Verbrechen selbst” (S.271). Zwerenz überlegt nicht, ob Bloch ihn deshalb “beschuldigt” haben könnte, weil, anders als andere Mitstreiter Blochs, Zwerenz schon im sicheren Westen saß. Stattdessen hadert er 17 Seiten lang mit seinem Professor und späteren Freund, um dessen Werk dann trotzdem als “neues Projekt einer zweiten europäischen Reformation” (S. 288) zu feiern.

Das Buch enthält einiges an Klatsch, mehr oder minder vornehm bemäntelt. So erfahren wir: “Überkreuz-Verkehr mit dem Ehepaar Adorno während der USA-Emigration wird kolportiert.” Dann wird gleich nachgeschoben: “Abgesehen davon, dass es keinen etwas anginge, ist es wohl Legende”(S.55). Man liest so etwas natürlich besonders gerne, nach dem bekannten Motto einer großen Boulevardzeitung: “DAS wollen wir nie wieder lesen!” Aber wir erfahren auch von einem “MdB, der 1990 als DDR-Minister auf Geheiß Bonns den ehemaligen Volksarmee-Kasernen die Benennung nach antifaschistischen Widerstandskämpfern verbot.” Wer mag das gewesen sein? Etwa Rainer Eppelmann? Der “vormalige erklärte DDR-Pazifist” hatte einen Vater, der “als SS-Mann und KZ-Wächter Dienst getan hatte. Kein Sohn ist für seinen Vater verantwortlich, doch die Real-Symbolik spricht für sich” (S.485). Das berührt eher unangenehm. Oder: trotz eines Umfangs von 552 Seiten heißt es: “Aus Gründen, über die genauer zu sprechen jetzt zu weit führen würde ... übernahm Ernst Bloch schon im amerikanischen Exil stalinistische Positionen” (S.294). Wieso würde das denn zu weit führen? Gerade in einem Buch über Sklavensprache, Revolte und den Bloch-Kreis möchten Leserin und Leser vielleicht gerne Genaueres über Blochs Verhältnis zu Stalin und dem Stalinismus erfahren. Eventuell sah Hegel-Kenner Bloch den Weltgeist ja als Bediener einer Stalinorgel?

Trotz solcher Einwände ist der Text über weite Strecken informativ und anregend. Immer wieder taucht Blochs Verhältnis zu Erotik, Erektion und Ekstase auf, wenn auch keineswegs so systematisch wie in Hanna Gekles bereits 1986 in Frankfurt (Main) erschienener Studie “Wunsch und Wirklichkeit. Blochs Philosophie des Noch-Nicht-Bewußten und Freuds Theorie des Unbewußten”. Weitere Punkte werden interessant angedeutet, aber nicht ausführlich behandelt, so etwa die legendäre Ost-Berliner “Freiheitskonferenz” von 1956 und die vorhergehende mehrjährige Hegel-Marx-Debatte in der “Deutschen Zeitschrift für Philosophie”, die schließlich mit dem Einstampfen des letzten Heftes 1956 und einer geradezu Orwellschen neuen Paginierung endete.

Summa summarum: wer die Lektüre ganz genießen will, braucht solide Vorkenntnisse von Kultur und Politik im 20. Jahrhundert. Zudem sollten Leserin und Leser Verständnis für zahlreiche Wiederholungen und Abschweifungen mitbringen. Dafür gibt es zur Belohnung vielfältige Anregungen, Informationen aller Art, Provokationen - und gelegentlich auch eine kräftige Portion aus der Gerüchteküche.