KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
RezensionKulturation 1/2005
über Ulrich Enzensberger:
Ulrich Enzensberger, Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967–1969
Alexander Holmig
Das Politische bleibt „privat“
Die Geschichte der Berliner Kommune I zusammengetragen von ihrem jüngsten Mitbegründer
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004, 415 S. geb., 24,90 EUR
Würde man dieser Tage das „kollektive bundesrepublikanische Gedächtnis“ auf der Straße nach Kommune I befragen, so erinnerte es sich möglicherweise an eine Fotografie mit den nackten Rückansichten sieben junger Menschen und eines kleinen Kindes, in weiterer spontaner Assoziation vielleicht an die freie Liebe – „hwG“ inklusive –, an groteske öffentliche Auftritte, des Teufels Vollbart und Nickelbrille, Langhans’ Lockenpracht – mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch an die nicht unattraktiven visuellen Reize eines Mädchens mit Namen Uschi. Ein schöner „68er“-Mythos.

Innerhalb dieses Gesamtkomplexes gehörte die Westberliner Kommune I (K I) zu jenen Gruppierungen, die sich im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) herausbildeten und in der Folge auf diesen Verband – als dem „Motor der außerparlamentarischen Opposition (APO)“ (Wolfgang Kraushaar) – und damit auf die gesamte Bewegung einen maßgeblichen Einfluss ausübten. Der Ursprung der Gruppe reichte konzeptionell und personell zurück bis in verschiedene künstlerische und politische Avantgarden der späten 50er und frühen 60er Jahre des 20. Jahrhunderts, namentlich der in Frankreich gegründeten „Situationistischen Internationale“, der Schwabinger Maler-Gruppe „SPUR“ oder der vom späteren Ober-Kommunarden Dieter Kunzelmann initiierten „Subversiven Aktion“. Es ging im Kern darum, den als unerträglich empfundenen Alltag in der modernen Industriegesellschaft zu „revolutionieren“ und das Ideal eines – im eigentlichen Wortsinne – „kommunistischen“ Lebensentwurfs hic et nunc in die Tat umzusetzen.

Ein Hauptmotiv der Kommune I, die von Jahresbeginn 1967 bis Jahresende 1969 existierte, bestand in der Forderung nach Aufhebung der Trennung von privater und politischer Existenz. Diese beiden begrifflichen Ebenen waren zuvor erstmals vor dem Hintergrund einer sich entwickelnden Jugend- und Studentenbewegung von Mitgliedern der „Viva-Maria-„ und der „Kommunediskussionsgruppe“ – zugleich der Kern einer sich als „antiautoritär“ verstehenden Fraktion im Berliner SDS – in einem Ansatz zusammengedacht worden. Die Übersetzung des Ansatzes in den konkreten Praxisversuch einer „Kommune“ wurde nach der Spaltung der „Ur-Gruppe“, zu der auch die beiden „DDR-Abhauer“ Rudi Dutschke und Bernd Rabehl gehörten, zunächst von zwei Kollektiven, eines davon die Kommune I, unternommen.

Bekannt wurde die K I durch eine bis dato neue Art von symbolischer Politik, die sich die Mechanismen medialer Inszenierung zu nutze machte, um beispielsweise gegen den Krieg der USA in Vietnam zu protestieren – sei es bei dem „bedauerlicherweise nicht zur Ausführung gekommen(en)“ (Dieter Kunzelmann), sogenannten „Puddingattentat“ auf den amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey im April 1967 oder dem gegen die Gruppe angestrengten „Brandstifterprozeß“, einer Reaktion auf provokative Flugblätter („Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?“) einen Monat später. Sorgfältig inszenierte „Aktionen“ standen im Mittelpunkt eines neuen, integralen Politikbegriffs, der die Ebenen Privat- und politisch-öffentliches Leben zu verbinden versuchte und seinen Protagonisten zu plötzlicher Prominenz verhalf. [1]

Ulrich Enzensberger (Jg. 1944), der jüngere Bruder von Hans Magnus (Jg. 1929) und mit seinen damals gerade einmal 22 Jahren jüngstes Gründungsmitglied der K I, nimmt sich in seinem sehr gewissenhaft recherchierten Buch der Geschichte dieser Gruppe an. Er beginnt mit einer Aufzählung jener häufig sogar bewusst selbst produzierten und in ihrer medialen Eigendynamik sich selbst überdauernden K I-Zuschreibungen – die Zutaten, die einen richtigen Mythos erst so schmackhaft, ja komfortabel machen (S. 9). Auszüge: „Wir sind das Schlangenei, aus dem die Rote-Armee-Fraktion gekrochen ist. Wir sind die Erfinder der Spaßgesellschaft.[…] Gruppensex. Antisemiten. Unser Vorbild war Mao. Alles nicht wahr. Da waren gar keine Frauen dabei. Die hatten Orgasmusprobleme. Terroristen. […] Wir waren die ersten deutschen Pop−Ikonen. Wir waren Ulbrichts Lakaien. Es war ein einziger Horrortrip. Clowns. Völlig unbedeutend. Wir haben als erste gefixt. Wir haben mit den Medien gespielt. Eine Zeitungsente. […] Ewige Kinder. Terroristen. Wir haben einen Hund auf dem Ku’damm verbrannt, Aus Protest gegen den Vietnamkrieg. Tonnenweise LSD gefressen. Wir sind jetzt alle verbürgerlicht. […] Kunzelmann ist wirklich tot. Noch einen Rotwein. […] Wenn es der Wahrheitsfindung dient. Alle Professoren geworden. Ohne uns hätte die DDR gesiegt. Krank. Heute absolut unpolitisch. Solche wie wir sind jetzt am Drücker. Regierungsberater. Esoterische Spinner. Alles Sozialfälle. Ehemals Protagonisten der Jugendrevolte. Terroristen. Elemente der Alterslawine. Das ist die Wahrheit. Alles Lüge. […]“

Enzensberger startet im Folgenden den Versuch, diesen vom Mythos sorgfältig geknüpften gordischen Knoten stückchenweise aufzugnubbeln. Hierbei wechselt er zwischen den Perspektiven autobiographischer Erinnerung, Gruppenbiographie und Einordnung in den historischen Kontext. Gerade bei letzterer, hierin liegt die eigentliche Stärke des Buches, gelingt es ihm das spezifische bundesdeutsche Klima der 50er und 60er Jahre und den daraus resultierenden „sound“ innerhalb der kritischen Jugend zu rekonstruieren und besonders für Nachgeborene erfahrbar zu machen: „Die BRD wurde unter Kontrolle der westlichen Alliierten errichtet. Die Entnazifizierung wurde von den USA zu Gunsten des Antikommunismus abgeblasen“. (S. 13) „Heute würde ich behaupten, dass den Grenzen von 1937, in welchen die BRD politisch zu existieren beanspruchte, in gewissem Umfang moralische Grenzen aus dem Jahr 1937 entsprachen, denen das soziale Leben nach außen hin genügen sollte. […] Jährlich wurden Hunderte von Ehepaaren verurteilt, die aufgrund der Denunziation eines Nachbarn der Kuppelei überführt wurden, weil sie ihren Sohn oder Tochter mit Freund oder Freundin in der Wohnung hatten nächtigen lassen – aus heutiger Sicht vielleicht ein historisches Gaudium, damals ein widerlicher Eingriff in das Intimleben.“ (S. 98f.)

Darüber hinaus informiert der Autor den Leser detailliert über die Bedeutung des alliierten Status für Berlin und schildert anschaulich den inneren Zustand der „Frontstadt“ Ende der 1960er Jahre: Einer Stadt der „Ruinen, Trümmergrundstücke, Notdächer“, mit einer „Unmenge von Beamtenwitwen mit ondulierten Haaren“ und Polizisten, die „sonderbare hohe Hüte“, sog. Tschakos, aufhatten. (S. 62)

Was die eigentliche „Story“ der Kommune I betrifft, so geht diese über bisher Bekanntes nur selten hinaus. Ohne die – dem interessierten Leser wahrscheinlich bekannten – einschlägigen Titel zum Themenbereich kommen die Erinnerungen nicht aus.[2]

Als der Verlag das Buch auf seiner Internetseite als die „Geschichte der Kommune I, erzählt von einem, der dabei war“ ankündigte, hatte man wohl zielgruppenorientiert auf den immer noch verkaufsfördernden Klang von „Kommune I“ gehofft und wurde zum Opfer der selben Klischee-Erwartung, die die K I auf dem Höhepunkt ihres Schaffens im Sommer 1967 bis Frühjahr 1968 so brillant in ihrem Sinne zu bedienen verstand. Zu Enzensbergers Verteidigung sei diesbezüglich angemerkt: Wie der Titel des Buches klarstellt, sollte es hier ja nicht primär um die Kommune I allein gehen, sondern vielmehr um die „Jahre 1967–1969“, in denen selbige Gruppe agierte.

Dennoch hätte sich wahrscheinlich nicht nur der „interessierte“ Leser ein wenig mehr Mut und Offenheit Enzensbergers in der Betrachtung und Bewertung der eigenen Vergangenheit gewünscht. So wäre es z.B. interessant gewesen, einmal des Autors persönliche Sicht der Dinge auf eine bestimmte, sagen wir, „subkulturell-revolutionäre Mentalität“ zu erfahren, die sich während der „Zerfallszeit“ der APO – etwa im Juli 1969, zum Zeitpunkt der „Ebracher Knastwoche“ – herausgebildet hatte, ein Spiel mit dem Feuer probte und schließlich den Weg in den Terrorismus der 1970er Jahre ebnete. Im Gegensatz zu anderen in seiner Generation war ja nun einmal nicht jeder „als Komparse dabei, als das Auto geklaut wurde, mit dem man ihn [Andreas Baader, A. H.] später befreite.“ (S. 373)

Aber wie bereits in der schon erwähnten Autobiographie Dieter Kunzelmanns, findet sich wirkliche, ehrliche Selbstkritik bei den sog. „68ern“ häufig nur in zaghaften Ansätzen, lässig in einem Haufen Ironie vergraben. Es ging Euch doch damals „um’s Ganze“, richtig?

Auch Enzensberger hüllt sich einen seltsam distanzierten Privatismus, einen der Lesart, gegen den er und seine Mitkommunarden einst angetreten waren. Mag sein, dass es nicht wirklich wichtig ist Mitkommunardin Dorothea Ridder nach 37 Jahren noch mal zu dem „sexuellen Problem“ zu interviewen, welches sie damals zu lösen versuchte und an das sich Enzensberger nicht mehr erinnern kann. (S. 113) Mag auch sein, dass es nicht wichtig ist das Verhältnis von Ulrich und seiner 15 Jahre älteren Schwägerin, der Ex-Frau seines Bruders Hans Magnus, zu erwähnen, so wie das die erhaltenen Diskussionsprotokolle der K I tun.

Dennoch, jedes Mal, wenn einem Enzensberger beim Lesen den Eindruck von einem „Das-gehört-jetzt-nicht-hierher“ vermittelt, ist man geneigt auszurufen: Doch! gehört es sehr wohl, denn darum ging es doch, um einen „Neuen Menschen“. In diesem Buch bleibt die Teilhabe Enzensbergers an diesem Projekt zu oft auf eine „nicht für die Öffentlichkeit bestimmte“ Angelegenheit reduziert. Offenbar das Problem einer ganzen Generation. Das Politische bleibt „privat“, stattdessen labt man sich am und lebt vom Mythos. Ursache für diese, trotz aller Publikationstätigkeit der letzten Jahre und Jubiläen gewissermaßen, „traumatische Sprachlosigkeit“ einer ehedem so redegewandten Generation war wohl die Gewalterfahrung des „roten Jahrzehnts“ (Gerd Koenen) in der Bundesrepublik Deutschland, bzw. die Erfahrung der „Zauberlehrlinge“, an der Produktion von Gewalt nicht immer ganz unbeteiligt gewesen zu sein.

Fazit: Ein trotz der angedeuteten Schwächen durchaus kurzweilig geschriebenes, materialgesättigtes und als Einführung in die Thematik durchaus lesenswertes Buch.


Anmerkungen

[1] Siehe hierzu auch den Beitrag des Rezensenten „Wenn`s der Wahrheits(er)findung dient...“ – Wirken und Wirkung der Berliner Kommune I (1967–1969), hier in kulturation.de in der Rubrik Deutsche Kulturgeschichte nach 1945.

[2] Z.B.: Dieter Kunzelmann: Leisten Sie keinen Widerstand! Bilder aus meinem Leben, Berlin 1998; Ulrich Chaussy: Die drei Leben des Rudi Dutschke, Zürich/München 1999; Siegward Lönnendonker/Bernd Rabehl/ Jochen Staadt: Die antiautoritäre Revolte. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund nach der Trennung von der SPD, Band 1: 1961-1967, Wiesbaden 2002.