KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2005
über Wolfgang Kil:
Luxus der Leere. Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt
Konstanze Kriese
Wenn Leerraum Freiraum werden soll
Wuppertal (Verlag Müller + Busmann KG) 2004, 25,00 €
I.

„Luxus der Leere“ klingt gut. Die erklärende Unterzeile „Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt“ bringt Wolfgang Kils essayistischen Bericht auf den neuralgischen Punkt.

Wir wissen bis heute nicht genau, wann die Zeit des Wachstumsdenkens begann. Europas Erblühen datiert schon einige Jahrhunderte vor der Erfindung der Dampfmaschine, die im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung hätte gebaut werden können. Doch erst 15 Jahrhunderte später akkumulierte die Dampfmaschine Kapital. Immerhin können wir Europäer vermerken, dass die Geschichte der Warenproduktion in den letzten 200 Jahren auf ihrem eigenen Vulkan zu tanzen begann. In solch historisch kurzer Zeit haben Menschen gelernt im Minutentakt zu denken, bei vielen Arbeiten zum Nachteil ihrer Wirbelsäule zu sitzen, in den Spiegel zu schauen und inzwischen Designerbabys zu wollen, aber eben nur ca. 0,7 % pro Familie in der westlichen Welt, während der größte Teil der Weltbevölkerung wächst. Es ist kaum Zeit, die menschlichen Metamorphosen der großen Industrie zu verarbeiten. Überhaupt keine Zeit bleibt für die Wahrnehmung ihrer wachsenden Leerstellen.

Hier setzt die Erzählung des Architekturtheoretikers Wolfgang Kils ein. Sie beginnt mit einer tickenden Werksuhr in einer stillgelegten Fabrik. Ihre Funktionstüchtigkeit wird von Sponsoren bis zum Bürgermeister als letzte Bastion gegen den realen Stillstand verteidigt. Kil zeigt nicht die innere Leere perspektivloser Lebensbahnen, sondern Fabriken, in denen nicht produziert wird; Wohnstätten, die verwaist sind; Schulgebäude, in die keine Kinder mehr gehen werden; Gasträume, die als gesellige Treffs ausgedient haben; vernagelt, verlassen, demoliert. Beispiel: Ostdeutschland. Weniges nur wird umgenutzt. Architekten üben sich erstmalig im Rückbau. Das ehrenwerte Bundesprogramm Stadtumbau Ost macht es möglich, das Gegenteil von dem zu erlernen, was Architekten im Studium gelehrt bekommen. Bauliches abreißen, verändern, in neue Funktionen transformieren.

Kil baut aus der Leere einen Lehrraum. Er stellt Fragen, untersucht Lebensstile, die Abriss, Wohnungsleerstand, bauliche Welten akzeptieren lernen, in denen neue Funktionen erprobt werden. Fotos belegen die essayistische Problemreise: „Hier entsteht eine Wiese“ steht auf einem Schild, welches ansonsten üblicherweise vom Bauherrn, seiner architektonischen Schöpfung und den Unterstützern erzählt.

Die kulturelle Umnutzung der „schrumpfenden Städte“ hat sich geschwind zum Modethema entwickelt. Ganz klar, für Intellektuelle, jugendliche Sinnsucher und späte Aussteiger sind Brachen Freiräume. Dies war zu Zeiten aller Hausbesetzungen so, findet in Wagenburgen statt, haben stillgelegte Zechen bis zum Weltkulturerbe entfaltet, zeigte die trendige Nutzung des Skeletts des „Palastes der Republik“ in Berlin, einstmals Ort der Volkskammer der DDR und kurz vorm Abriss ein modernes Kulturhaus.

Wolfgang Kil nimmt den Zugang künstlerischer, experimenteller Lebens- und Arbeitsweise ernst, seine Fragen gehen allerdings tiefer. Nicht alle können in der Leere einen Luxus erkennen. Dies gilt für die vom Wachstum beseelten Wirtschaftseliten, für die große und meist auch kleine Politik. Auf ganz andere Weise gilt dies auch für viele Menschen, die in den verlassenen Gegenden wohnen, Menschen, die an stillgelegten Tagebauen und Kraftwerken ein Arrangement mit ihren Lebenssituationen finden müssen. Jugendliche wollen wegziehen, das Leben der Älteren ist im Vorruhestand und zunehmend auch in existenziellen Nöten.

Am Tatort Wohnungswirtschaft, am auffälligen Rückgang der Industriearbeitsplätze, an den entstehenden neuen Peripherien des Rückzugs, die sich als Transfergesellschaft erweisen, stellt Wolfgang Kil Verteilungsfragen, Eigentumsfragen und besteht darauf, die „ökonomischen Problemfälle“ des ungebrochenen Marktvertrauens endlich als „politisches Projekt“ (S. 62) zu begreifen. „Solche Beschreibung der Zustände läuft auf eine derzeit wenig populäre Forderung hinaus: Zur Bewältigung von Schrumpfungsvorgängen wird nicht weniger, sondern mehr Staat gebraucht. Die äußeren Rand- und inneren Schattenzonen des Systems dürfen weder populistischen Seelenfängern noch rabiaten Selbsthelferstrukturen vom Typ „Mafia“ überlassen werden. Die 'Innere Sicherheit' soll hier nicht das Thema sein. Mit Staat sei weniger nach dessen exekutiven als nach dessen legislativen Kompetenzen gerufen: Es geht nicht um mehr oder besser gerüstete Polizeistreifen, sondern um angemessene Gesetze und Verordnungen, also um Rahmenbedingungen, die ein Dasein und ein Handeln in marktfernen Landschaften unterstützen. Und da die Verteilung von Verlusten auf dem Wege einvernehmlicher Dialoge schwer zu erklären ist, wird es ohne starke Regelungskompetenz zur Durchsetzung fairen Ausgleichs wohl nicht gehen.“ (ebenda)

Diesem restriktiven politischen Zugang wird man etwas abgewinnen, wenn man auf die gescheiterte Großprojektesubventionspolitik des Bundes und der ostdeutschen Länder schaut, die sich als ständig scheiterndes Projekt einer problemlösungsresistenten Simulationsgesellschaft erweist. „Mit gigantischen Transfers wird so im Osten der Anschein eines Business as usual aufrecht erhalten, wird Marktwirtschaft gespielt.“ (S. 63) Die direkte Förderung der Menschen in den Regionen – als Grundsicherungs- und Grundeinkommensdebatten in zu wenigen kleinen Zirkeln geführt – ist, vermutet Kil, der einfachere, effektivere und ehrlichere Weg der Regionenförderung, besser als wachstumsversessene Wirtschaftsförderprogramme, die ohne Erfolg bei den ökonomischen Wachstumsraten, als auch bei den Beschäftigungsquoten sind. Doch auch Wolfgang Kil provoziert mit dieser Idee die Vorstellung von einer zweigeteilten Gesellschaft. Auf der einen Seite lebt die Hochleistungsgesellschaft in den Metropolen, dort wo wenige unter durchaus extremen Bedingungen erwerbstätig sind und auf der anderen Seite leben nicht wenige mit Bürgergeld, von Transferleistungen. Es ist nicht ganz ohne Tücken, diese immer wieder sympathische Idee des Bürgergeldes wirklich zu Ende zu denken. Einfach gut allerdings wäre es, sie überhaupt wieder zu denken und eine öffentliche Debatte von politischen Akteuren darüber zu verlangen. Vor allem aber wäre es dringend, die heute so genannten Betroffenen zu ermuntern, ihre Vorstellungen von gesellschaftlicher Integration leben zu können, Räume umzunutzen und ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Dazu würde auch gehören, dass die Fördergelder Ost aus ihrer vorsintflutlichen Vorstellung, was Investitionen seien, befreit werden. Investitionen in Bildung und Wissenschaft würde den Regionen nützen, jede und jeder weiß es, aber Politik bleibt stur. Schwierig an allen Ideen vom bedingungslosen Grundeinkommen bleibt allerdings, dass sie die gern von Medien und Politik verschärften Konfliktlinien zwischen Erwerbstätigen und Erwerbslosen weiter verschärfen, dass die alten und neuen patriarchalischen Abhängigkeiten (die „modernen“ Billigjobs sind zu 77 % eine traurige Domäne des weiblichen Geschlechts) weiterhin im Dunkeln bleiben oder dass Kinderarmut nicht einfach mit mehr Geld für Familien bekämpft werden kann, sondern eher mit besseren Betreuungsmöglichkeiten, Freizeit- und Bildungsmöglichkeiten. Die Transfers zwischen Metropolen und Peripherien müssen einfach genauer unter die Lupe genommen werden, statt sie möglicherweise mit einem Bürgergeld schlicht zu zementieren. Es ist in jedem Fall an der Zeit, dass die Frage nach der sozial würdigen Grundsicherung, nach Mindestlohn und einer wirklichen Infrastruktur für die Alterssicherung ganz oben auf politischen Agenden stehen.

Wolfgang Kil deutet auf ein nur selten wahrgenommenes Paradoxon hin, welches das Herstellen von Öffentlichkeit für die Problemtiefe erschwert. Um Schrumpfungsprozesse planbar machen zu können, ist es entscheidend, Lebensbedingungen und Interessenlagen von sogenannten (Modernisierungs-)Verlierern wahrzunehmen. „Eine Wahrnehmung der Verliererperspektive wird erfahrungsgemäß nur gelingen, wenn Planer (wie Politiker) sich erst einmal die vielen Selbstverständlichkeiten bewusst machen, mit denen sie selbst gewissermaßen Gegenpartei sind, d. h. ganz real zu den Gewinnern gehören. Einmal über die manipulative Macht parteiischer Denkschablonen aufgeklärt, werden sie mit ein bisschen selbstkritischer Anstrengung auf ihre eigene unverkennbare 'Gewinnerrhetorik' stoßen.“ (S. 108)

Kil warnt davor, das Aufwachen im jetzigen „Experiment Ost“ und die beschriebenen Perspektivwechsel länger hinauszuzögern. „Perpektivlosigkeit als Dauerzustand zerstört nämlich alle noch vorhandene Krisenkompetenz.“ (S. 109)
Insgesamt insistiert Kil auf das Projekt eines Leitbildwandels am Ende der Wachstumsgesellschaft und mahnt eine Politik des Begleitens statt des Beglückens an. Kil geht es um „eine gewaltige soziale wie kulturelle Anstrengung mit offenem Ausgang“ (S. 131), und wen wundert's, dass Utopien ohne Ellenbogen, Praktiken der direkten Mitbestimmung, Entschleunigung als kulturelle Hoffnung ihren Platz erobern könnten?



II.

Das vorsichtige Tasten in diese Richtung zeigt der Dokumentarfilmessay „Nicht Mehr – Noch Nicht“ von Daniel Kunle und Holger Lauinger. „ALS ORT DES SINNLICH WAHRNEHMBAREN VERFALLS IST DIE BRACHE EINE LEERSTELLE IM FUNKTIONSDICKICHT DER STADT. ALS PHYSISCHES ZEICHEN EINES NICHT-MEHR UND NOCH-NICHT ERZEUGT SIE MOMENTANE RATLOSIGKEIT UND SITUATIVE OFFENHEIT.“ zitieren die Filmemacher Jürgen Hasse auf ihrer Filmprojekt-Webseite: http://www.nichtmehrnochnicht.de. Doch vor der Utopie im Alltag steht die Bestandsaufnahme – auch Wolfgang Kil kommt umfassend zu Wort. Ein geografisch und damit überhaupt erweiterter Blick auf die tiefe Debatte in „Luxus der Leere“ bietet die Auswahl der Orte. Hier verlassen wir Ostdeutschland, selbst über Deutschland hinaus schauen wir in westeuropäische Landschaften – auf Brachen inmitten von Städten. Die Zuschauer werden durch Projektwelten in Halle Neustadt, in Hamburg und anderswo geführt, vom Zustand, von Ideen, von Umnutzungspraktiken unterrichtet. Wolfgang Kil gefiel die Heiterkeit, mit der das schwierige Thema der schrumpfenden Städte bei aller Deutlichkeit im Film angepackt wurde. Manchmal ist der Film im kleinen Berliner Lichtblick-Kino in der Kastanienallee zu sehen. Der „schwierige Rückzug aus der Wachstumswelt“ – so schwer es uns im Denken noch fällt – hält interessante Ungewissheiten für uns bereit und viele Konsequenzen für politisches Denken.