KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2004
über Sabine Erdmann u. Wulf Schneider:
Seitensprung ohne Risiko - Wie man erfolgreich fremdgeht, ohne erwischt zu werden
Volker Gransow
Risikosex
Frankfurt/Main: Eichborn Verlag, 1. Aufl. 2002, 144 Seiten, Preis: 14,95 €.
Es ist nicht ganz einfach, dies Buch einem bestimmten Genre zuzuordnen. Ist es ein Ratgeber? Oder eine Ratgeber-Parodie? Oder eine bibliophile Rarität? Für letzteres spricht die Ausstattung des Werkes mit einem wendbaren Tarnumschlag (“Ludwig Zweifler: Flora und Fauna der Bergwelt. Alpia-Verlag. Ein unentbehrliches Handbuch für Bergwanderer”). Trotz dieser heiteren Einstimmung geht es aber um ein durchaus ernst zu nehmendes soziales Phänomen, denn die Dunkelziffer der Fremdgänger(innen) in Deutschland wird auf 40 Millionen Menschen geschätzt. Selbst wenn diese Schätzung zu hoch sein sollte - Seitensprünge können zu Psychokrisen, Trennungen, Ehescheidungen mit ihren Konsequenzen für Kinder und Lebensqualität führen. Sie können aber unter Umständen auch Beziehungen stabilisieren.

Die Prämisse des Buches ist: nicht erwischt zu werden. Drastisch wird uns im ersten Kapitel - “Vorspiel” genannt - zunächst die Scheidungskatastrophe in Euro vor Augen geführt. Mit Zugewinnausgleich, Kindesunterhalt, Unterhalt für den Partner, Prozessgebühren und Anwaltskosten können über 10 Jahre für einen (fiktiven) männlichen Durchschnittsverdiener etwa 370 000 € an Kosten entstehen. Dann wird vor verschiedenen Fallen gewarnt, die bei der Wahl der Zielperson vermieden werden sollen. Da gibt es die Liebesfalle: der Seitensprung-Partner ist ernsthaft verliebt und “ignoriert zunehmend forsch Ihre Lebenssituation - nämlich die Ehe bzw. feste Partnerschaft, die Sie nicht aufgeben wollen”(23). Zweitens die Gesundheitsfalle. Nicht nur AIDS ist eine Gefahr, sondern Candida-Pilze, Chlamydien, Ebstein-Barr-Viren, Herpes, Syphilis u. v. a. können bereits durch Küssen und Oralsex übertragen werden. Weiter die “Babyfalle”: “Ist Ihre Geliebte um die 30 Jahre alt? Und sind Sie selbst in optischer, finanzieller und zerebraler Hinsicht der ideale Vater? Dann seien Sie vorsichtig“(29). Die Perversionsfalle: ”Wenn Sie erst einmal in Handschellen gefesselt im Bett liegen...”(33). Die Tratschfalle öffnet sich, wenn Männer mit ihren Geliebten angeben oder Frauen im Kollegenkreis oder bei Tupperware-Parties ihren Mund nicht halten können. Für jede einzelne Falle gibt es eine genaue Checkliste mit Einzelpunkten - z.B. bei der “Tratschfalle”: “Zielperson fährt typisches, hochmotorisiertes Angeberauto (Porsche, Ferrari, Maserati, Lamborghini, BMW M3 oder Mercedes AMG E 55, Audi S6 etc.), das zudem über eine Bank finanziert wurde”(36).

Das liest sich schon recht anstrengend, obwohl der eigentliche Seitensprung noch gar nicht begonnen hat. Für den gibt es dann 50 “todsichere” Tipps für folgenloses Fremdgehen. In Sachen effektiver Spurenvermeidung an Hemd, Bluse, Anzug und Kostüm wird etwa die “vollständige Entkleidung vor dem ersten Körperkontakt”(44) empfohlen. 24 Seiten werden für „Handy und Internet” verwendet. Ratschläge sind hier etwa, nie aus dem Festnetz oder vom Firmenhandy zu telefonieren und niemals schriftlich zu kommunizieren. Ist die Leserin oder der Leser dann schon fast verzweifelt, bekommt sie oder er eine lange Liste von Handy-Anbietern mit Prepaid-Karten. Ähnliches gilt für das Einrichten anonymer Email-Adressen bei bestimmten Internet-Providern. Auch bei Treffpunkten wird zunächst gewarnt. Wohnung und Haus als Treffpunkte sind tabu. Stattdessen finden wir eine Liste mit den Adressen ausgewählter Mittelklassehotels von Aachen bis Zwickau - alle zur gleichen Hotelkette gehörig. Spätestens hier scheint es nicht mehr um Schleichwerbung, sondern um gezieltes product placement zu gehen. Zur Affärenfinanzierung gibt es Hinweise auf scheinbare Gehaltsreduzierung, Fälschen der Gehaltsabrechnung und Schwarzkonten. Zur Alibibeschaffung wird von Sekretärin oder bestem Freund abgeraten und stattdessen auf kostenpflichtige Agenturen wie ”Alibi-Dienst”, “Alibi-Urlaub”, “Bluemoon” oder„Westworld” verwiesen.

So verwandelt sich der flüchtige Seitensprung unter der Hand zum stressigen Full-Time-Job. Als potenzielle(r) Fremdgänger(in) fragen sich Leserin und Leser vermutlich, ob sich angesichts von Gesundheits- und Tratschfallen, hohen Kosten und schwierigen Vertuschungsstrategien der Aufwand überhaupt lohnt. Und konsequent endet das Buch damit, wie die Affäre ohne Nachwehen beendet werden kann. Auch hier finden sich zahlreiche Vorschläge von “reduzieren Sie die wöchentlichen Treffen” über “vermeiden Sie romantische Orte” bis “berichten Sie von Erektionsproblemen - seien Sie ständig müde”.

Spätestens mit diesem Schlusskapitel festigte sich beim Rezensenten der Eindruck, dass es Autorin und Autor letztlich nicht um das risikolose Vergnügen am Seitensprung geht, auch nicht um wirklich erprobte Täuschungstricks wie in den Untersuchungen von David Schmitt und Todd Shackelford, sondern um derart detaillierte Warnungen vor den Risiken des Fremdgehens, dass Leserin und Leser nach Lektüre gleich verzichten und sich mehr oder minder seufzend wieder ihrem Gatten mit Bierbauch und Halbglatze oder ihrer shoppingsüchtigen Ehefrau zuwenden. Und damit zeigt sich die letztlich hochmoralische und grundkonservative Einstellung von “Sabine Erdmann, Sekretärin, 35” (“betrügt ihren Mann seit fünf Jahren”) und “Wulf Schreiber, Manager, 40 oder 41" (“betrügt seine Frau regelmäßig seit drei Jahren”). Wer weiß, wer sich hinter den Pseudonymen verbirgt?