KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2004
über :
Rudi Dutschke
Die Tagebücher 1963 bis 1979.
Volker Gransow
Jeder hat sein Leben ganz zu leben
Herausgegeben von Gretchen Dutschke. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2003, 430 S.
Der deutsche Bundeskanzler hieß von 1966 bis 1969 Kurt Georg Kiesinger. Was war der Name des Oppositionsführers? Genscher? Scheel? Adolf von Thadden? Nein, die Gegenposition zur Großen Koalition aus CDU und SPD markierte die Außerparlamentarische Opposition (APO). Diese Opposition kristallisierte sich im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Und dessen Wortführer war ein 1965 noch ziemlich unbekannter West-Berliner Soziologiestudent namens Rudi Dutschke. Dutschke geriet in diese Rolle aus verschiedenen Gründen. Er war intelligent und charismatisch, rhetorisch brillant und telegen. Und er war einer der Radikalsten in einer sich ständig verbreiternden und radikalisierenden Protestbewegung gegen den Krieg der USA in Vietnam, die Ausbeutung der Dritten Welt, das postfaschistische Establishment, die verkrusteten Strukturen des bundesdeutschen Bildungswesens und die geplanten Notstandsgesetze. Einer Bewegung, die gleichzeitig eine Bewegung für die Solidarität mit den Befreiungsbewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika, mit der Opposition in den USA und für die Entwicklung basisdemokratischer und antiautoritärer Selbstorganisation war.

Am 11. April 1968 wurde der nicht nur von der antikommunistischen Springer-Presse dämonisierte Student vor dem SDS-Zentrum am Kurfürstendamm niedergeschossen. In der Folge brannten Springer–Häuser in Berlin und anderswo, griff die Bewegung endgültig auf das Bundesgebiet über. Dabei war dies kein rein deutsches Phänomen. Begonnen hatte der Protest in Berkeley/USA und war dann nach Italien und Frankreich, Großbritannien und Japan übergesprungen. Modifiziert gab es die Protestbewegung desgleichen in der Tschechoslowakei und Polen, vergleichsweise schwächer in der DDR.

Mit dem allmählichen Verebben des Vietnamkonflikts, mit der westdeutschen Entspannungspolitik gegenüber der UdSSR, Osteuropa und der DDR, mit dem Auftreten neuer Konflikte und Bewegungen in den siebziger Jahren übernahmen das Erbe der APO teilweise die Jungsozialisten in der SPD, teilweise orthodoxe und Neo-Kommunisten, entstanden die Frauen- und Schwulenbewegung, Basisgruppen und die Bewegung gegen Atomkraftwerke. Rudi Dutschke, der Akteur und Sprecher von 1967-68, konnte dies nur noch beobachten. Beim Attentat 1968 war er so schwer verletzt und geschockt worden, dass er erst einmal nicht aus England bzw. Dänemark zurückkehren wollte und zunächst von dort aus eine wissenschaftliche Qualifikation an der FU Berlin anstrebte. Als er sich nach Promotion und verschiedenen Forschungsstipendien endlich für eine Rückkehr und eine Mitarbeit bei den Grünen entschieden hatte, erlag er 1979 den Spätfolgen des Mordanschlags.

Die vorliegenden Tagebücher dokumentieren Dutschkes Leben von 1963 bis 1979, d.h. vor und nach dem Attentat von 1968, wobei quantitativ und qualitativ der Teil danach gewichtiger ist, ließ doch Dutschkes Aktivismus 1966 – 68 offenbar kaum Raum für längere Aufzeichnungen. Herausgegeben wird der Text von Rudi Dutschkes amerikanischer Ehefrau Gretchen, die heute als Webdesignerin und politische Aktivistin in Waltham (Massachusetts) lebt.

Das Diarium beginnt 1963, d.h. wir erfahren nichts über die Jugend in Luckenwalde (DDR), den Grenzübertritt knapp vorm Mauerbau im August 1961, das zweite Abitur im Westen und die kurzfristige Tätigkeit als Sportjournalist bei Springers BZ. Der junge Mann beginnt sein Tagebuch 1963 mit Marx: "Marx analysiert phantastisch u(nd) eindeutig, doch heute geht seine Analyse, für Westeuropa gesehen, ins Leere"(S.11). Und Marx bleibt ihm, neben Jesus und Che Guevara, neben Herbert Marcuse , Ernst Bloch und manchem anderen Denker als theoretischer Fixstern sein Leben lang erhalten. 1963 finden sich Marx und Bloch noch Seite an Seite mit Heidegger, Jaspers und Nietzsche, z. T. vermittelt durch Landgrebe und Löwith. Organisatorisch steht auch 1964 noch nicht der SDS im Zentrum, sondern die "Subversive Aktion" und ihre von Dutschke mitverfasste Zeitschrift "Anschlag". Politisch beeindruckt ihn die KP Chinas. "Die Sowjets lavieren und argumentieren wie die Revisionisten à la Kautsky, Hilferding und Bauer; besonders in der Beurteilung des Charakters unserer Epoche, einer Epoche der nationalen Befreiungskriege in Asien, Afrika und Lateinamerika, bin ich 'Chinese'" (S.20 f.). Als "komisch" empfindet er, dass er mit den Leuten von der "Subversiven Aktion" oder vom SDS "über Theologie und Christentum" nicht reden kann (S.22). Einfacher ist die Erfahrung der Aktion selbst. Die Demonstration gegen den Kongo-Potentaten Moise Tschombé im Dezember 1964 wird aus Dutschkes Sicht ein voller Erfolg, denn die polizeilichen Regeln werden durchbrochen: "viele Tomaten ... nicht bloß zum Essen ... Der imperialistische Agent und Mörder von Lumumba ließ nicht lange auf sich warten. Wir donnerten voll los, Schwiedrzik traf ihn voll in die Fresse" (S.24). 1965 vertieft ein Besuch der UdSSR mit einer SDS-Delegation Dutschkes Skepsis. Aber "warum lieben, nein, verehren wir dennoch die Oktoberrevolution? Die Bourgeoisie hat 1917 eins auf die Fresse bekommen, wer von uns konnte sich darüber nicht freuen?"(S.32).

1966 und 1967 überschlagen sich die Ereignisse. Der Tagebuch-Autor kann nur noch gehetzt folgen:

"...März 1966 ( : ) Viva-Maria-Periode!! (Heirat) ….
Juni 1966 ( : ) Sit-in...
Oktober ( : ) Africa Adio …
Dez. 1966 ( : ) Spa-Pro (Verhaftungen etc. obj[ektive] Guerillataktik – städtische?!)...
22. April ( : ) 'Humphrey–Attentat' ... " (S.34 f.).

Notizen wie diese wären nur schwer verständlich, wenn nicht in ausführlichen Anmerkungen und in einer Zeittafel Details zu den inzwischen zeitgeschichtlichen Ereignissen berichtet würden: die absolute Faszination durch den Revolutionsfilm "Viva Maria" von Louis Malle, das Sit-in als Reaktion auf Behinderungen bei der FU-Raumvergabe, der Protest gegen den rassistischen Film "Africa Addio", die "Spaziergangs-Demonstrationen" und das scheinbare Pudding-Attentat der "Kommune I" auf den US-Vizepräsidenten Humphrey.

Ausführlicher wird das Tagebuch erst nach dem 2.Juni 1967, als bei Demonstrationen gegen den Schah von Persien ein Student in der Nähe der Deutschen Oper in Berlin erschossen wurde. Dutschke wird nun zum Motor des Aktivismus, weshalb er von Jürgen Habermas des "linken Faschismus" geziehen wird. Rudi Dutschke kommentiert: "Organisierte Gegengewalt unsererseits ist der größte Schutz, nicht 'organisierte Abwiegelei' à la H(abermas). Der Vorwurf der 'voluntarist(ischen) Ideologie' ehrt mich..." (S.45). Die massenhafte Mobilisierung der Studierenden in West-Berlin und bald auch der ganzen Bundesrepublik verzeichnet das rasch zum Idol avancierende SDS-Mitglied teils en passant und eher unzufrieden, teils schwer begeistert. Schon beschäftigen ihn organisatorische Konsequenzen: "Aktionszentren" (S.48), "Gegenuniversität" (S.54), "Reorganisation des SDS" (S.58) durch Projektgruppen. Fast gleichzeitig saust der inzwischen Titelheld des "Spiegel" und Hassobjekt Nr.1 der Springer-Presse gewordene Studentensprecher im Sommer und Herbst 1967 nach Hamburg, Hannover, Freiburg, Mannheim, Heidelberg, Frankfurt, Mailand, Kampen, Bochum und Bremen. Die Bewegung scheint unaufhaltsam zu sein, der Starkult um seine Person wird Dutschke und vor allem manchen SDS-Genossen allmählich lästig.

Der Mordanschlag vom April 1968 verändert Dutschkes Biographie essenziell: "Am 11. April 1968 wurde Rudi Dutschke von einem von der 'Bild'-Zeitung aufgehetzten Hitler-Verehrer namens Josef Bachmann niedergeschossen. Die Texte bis zum 13.7. 1968 entstammen Rudi Dutschkes Übungsbuch" (S.71, Fußnote). Es sind Wortübungen, ein sich nunmehr häufig wiederholendes Zitat von Eugen Leviné ("Wir Kommunisten sind nur Tote auf Urlaub", S.73 u. ö.), Marcuse- Exzerpte und weitere Lektüre-Notizen. Im August 1968 setzt das Tagebuch wieder ein. 1969 reflektiert der Rekonvaleszent seine schwierige Genesung in Großbritannien und beobachtet seinen Sohn Hosea Che fast ebenso intensiv wie Tendenzen "der zunehmenden Faschisierung und Revolutionierung in der BRD" (S.104). 1970 taucht dann Tochter Polly im Tagebuch auf. Schwierigkeiten registriert der Doktorand in Oxford und Cambridge, wo er schließlich akzeptiert wird. Tagespolitik wird temperamentvoll kommentiert, etwa am 28. Dezember 1970: "Die zaristischen Schweine der Führung der SU gehen totalitär gegen Juden etc. aus dem eigenen Lande vor. Die israelischen Halb-Faschisten können damit nur profitieren. Lang lebe doch Fidel, er öffnet das Land für die Feinde, damit sie verschwinden können" (S.143).

1971 "ist es doch passiert, die pigs schmeißen uns raus"(S.155). Dutschke und Familie müssen England verlassen, im März 1971 beginnt er in Aarhus (Dänemark) mit einem Seminar über "Grundbegriffe des Marxismus". Aarhus wird zur Wahlheimat der siebziger Jahre, unterbrochen von immer häufigeren Reisen nach Deutschland, besonders nach Berlin, wo er an der FU mit einer Doktorarbeit "Zur Differenz des asiatischen und europäischen Weges zum Sozialismus" promoviert. Die Studie erschien im August 1974 im Berliner Wagenbach-Verlag unter dem Titel "Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen". Dutschkes Notizen dazu sind teilweise skurril. Er hatte in seinem Buch die "asiatische Produktionsweise" thematisiert, eine von Marx beschriebene Kastendiktatur, die spätestens seit der "orientalischen Despotie" von Karl August Wittfogel (1957) als totalitarismustheoretische SU-Deutung zum Kernbestand der Sozialwissenschaften gehört. Nun geriert sich Dutschke so, als ob er dies Theorem entdeckt und sein alter Freund Bernd Rabehl ihn de facto plagiiert habe: "Ich behaupte, dass er meine Position, nicht meine Sätze, bezüglich des Verhältnisses von 'asiatischer Produktionsweise' und russischer Entwicklung bzw. Stagnation unsolidarisch und widersprüchlich adoptiert hat. Ist das so schlimm? Eigentlich nicht im geringsten, wenn solidarische Verkehrsformen dabei aufrechterhalten bleiben. Ich behaupte, dass Bernd sie durchbrochen hat"(S.173). Auch die Doktorväter "Urs (Jaeggi) und Peter (Furth) haben das Spiel von Bernd halb-direkt mitgespielt" (ebenda). Vier Jahre später wird selbst Rudolf Bahro von Dutschke der "Abschreiberei" (S.295) verdächtigt. Dutschkes eigenartige Position zur "asiatischen Produktionsweise" erweist sich auch darin, dass er noch 1975 schreibt : "Die revolutionären Kämpfe in Kambodscha und Vietnam gehen weiter, die Revolution schreitet vorwärts!!!"(S.239). Oder: "Wie groß war und ist die ostasiatische Revolution"(S.245). 1979 heißt es dagegen: "Die Herren Damen Professoren, die es seit 1974 vorgezogen haben, über 'Dutschkes Tick mit der asiatischen Produktionsweise zu witzeln', haben durch die asiatischen Kriege (zwischen Vietnam, China und Kambodscha) eins hart auf die Gusche bekommen" (S. 319).

Weitere Buchprojekte sind ein nie erschienenes Werk "Sozialismus für Anfänger" und ein Sammelband über die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke (Reinbek 1975). Mitherausgeber Manfred Wilke erscheint Rudi Dutschke als "manipulativer Despot im Kleinformat" (S.241). Gegen Ende der siebziger Jahre tritt die gelegentlich von Fast-Paranoia begleitete Fixiertheit auf die asiatische Produktionsweise ebenso in den Hintergrund wie die solidarisch-kritische Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus und den K-Gruppen. Dutschke bemüht sich – nur teilweise erfolgreich - um ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, beschäftigt sich mit Leben und Werk von Ernst Bloch und Herbert Marcuse. Er entdeckt die Umweltfrage: "Über die Anti-Atomkraft-, hoffentlich bald Antiatombomben-Bewegung desgleichen, steht Leben und Frieden zur Grunddebatte"(S.295). Damit geht der Kontakt zu den Bremer Grünen einher. 1979 beschließt Dutschke die Rückkehr in die Bundesrepublik und die Mitarbeit bei den Bremer Grünen. Bevor es dazu kommt, stirbt er am 24. Dezember 1979 an den Spätfolgen des Attentats.

Im Anhang finden sich fast ausschließlich sportbezogene Notizen zu einem Fotoalbum (1955-1958). Stolz stellt der junge Diskuswerfer fest, dass er "in der Bestenliste der DDR den 7.Platz" (S.355) einnimmt. Sportkritische Positionen gibt es im gesamten Tagebuch nicht, obwohl dem Soziologiestudenten die Sportskepsis der "Frankfurter Schule" bekannt gewesen sein könnte. Im Gegenteil heißt es zur Anti-Tschombé-Demo 1964: "Alle Stopversuche der Polizei gingen schief. Es lohnt sich schon, Leichtathlet (und Ringer) gewesen zu sein"(S.23). Erst im März 1979 fällt auf: "Beim Spezialarzt für Füße gewesen ... Der Leistungssport in der 'Jugendzeit' zeigt jedenfalls negative Aspekte"(S.318). Sport dominiert auch noch den Beginn von zwölf Seiten undatierter "autobiographischer Notizen", um dann gegenüber anderen Stichworten wie "Krach mit Rabehl, Bernd " , "DFG..." oder "Ausbürgerung von Wolf B(iermann)" zurückzutreten (S. 360-372).

Das Nachwort der Herausgeberin Gretchen Dutschke ist ein lesenswerter Kommentar zum Alltag der Familie Dutschke zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zu Rudis voluntaristischer Ideologie mit der Forderung nach antiautoritärer Selbstbestimmung und zu seinem Verständnis des Marxismus. Zur Frage, ob das Attentat eine Verschwörung war, bemerkt sie: "Wer wollte Rudi Dutschke ermorden? Vielleicht gibt es in Geheimdienstarchiven Hinweise, vielleicht auch nicht. Interessant ist, dass Rudi selbst eine Verschwörung für möglich hielt. Ich weiß nicht, wie ich mich dazu verhalten soll"(S.391). "Am meisten Schwierigkeiten" hatte Gretchen Dutschke mit den Tagebüchern da, wo es um Sexualität (mit ihr und mit anderen Frauen) ging. Sie entschloss sich jedoch zum ungekürzten Abdruck, "denn es ist ein Teil von ihm" (S.407). Weggelassen wurden lediglich etwa sechs Seiten "aus juristischen Gründen" (ebenda), vermutlich Invektiven.

Der Anmerkungsapparat und die Zeittafel sind hochinformativ und gelegentlich unerlässlich zum Verständnis des Textes. Der Apparat ist allerdings nicht immer zuverlässig. So ergaben Stichproben, dass der Vorname der "Argument–"Herausgeberin Frigga Haug konsequent als "Fridda" wiedergegeben wurde (vgl. S.21, 424). "Kadritzke, U." dürfte sich auf Ulf und nicht auf "Niels Kadritzke "(S.45) beziehen. Ekkehart Krippendorf war nicht "damals SDS-Aktivist" (S.53). Jens Litten war nicht "Mitglied des Hamburger SDS" (S.64). Das Berliner "Projekt Klassenanalyse" war kein "Projekt des DKP-nahen Instituts für Marxistische Studien und Forschungen"(S.169). Die"K. ... dufte und liebe Berliner Schnauze" (S.272) könnte Katharina Thalbach sein. "PL" (S.274) könnte für "Politologie" stehen, vielleicht aber für "Proletarische Linke/Parteiinitiative".

Insgesamt bieten Rudi Dutschkes Aufzeichnungen einen faszinierenden Einblick in das geistige Innenleben eines deutschen Linken, der theoretische Analyse und politisch-praktischen Gestaltungswillen auf inzwischen eher seltene Weise miteinander verbinden - wollte. Der Text enthält zudem eine Fülle von wertvollen Detailinformationen zur Geschichte der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition von 1964 bis 1969 sowie zur deutschen und europäischen Zeitgeschichte der siebziger Jahre. Man fragt sich, was aus diesem Talent geworden wäre, wenn Dutschke nicht an den Folgen des durch hysterischen Antikommunismus motivierten Attentats Heiligabend 1979 verstorben wäre. Eine Gelehrtenlaufbahn wäre nicht unmöglich gewesen. Aber auch ein Engagement bei den Grünen scheint denkbar, das von der außerparlamentarischen zur parlamentarischen Opposition bis hin zur gouvernementalen Politikgestaltung geführt haben könnte.

Der Rezensent kannte Rudi Dutschke nicht besonders gut. Aber immerhin festigte sich zwischen 1965 und 1978 bei mir der Eindruck, dass Dutschke ein ganz ungewöhnlicher Mensch war. Ein körperlich kleiner Mann, der vom Gewicht seiner mit Büchern voll gepackten Aktentasche fast zu Boden gezogen wurde. Jemand, in dessen Gesicht man sofort lesen konnte. Indifferenz, Antipathie oder Zustimmung waren immer klar erkennbar. Ironie oder gar Zynismus waren Dutschke fremd, obwohl er durchaus manipulative Kompetenz entwickeln konnte. Manches mir seinerzeit an ihm Unklare wurde bei der Lektüre des Diariums konturierter, etwa Dutschkes naives Christentum oder seine vielleicht noch aus Luckenwalde stammende Hoffnung auf ein sozialistisches Gesamtdeutschland.


© 2004 Gransow, Volker, Prof. Dr. phil., Projektkoordinator für die Universität Toronto und Hochschullehrer an der FU Berlin.