KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2004
über Volker Gransow:
Grischa Meyer:
Ruth Berlau. Fotografin an Brechts Seite.
Volker Gransow
Ruth Berlau als Fotografin
Berlin: Propyläen 2003, 192 S. € 39,00.
Ruth Berlau (1906-1974) ist heute keineswegs vergessen. Man kennt sie vor allem als enge Mitarbeiterin und zeitweilige Geliebte von Bertolt Brecht im dänischen und amerikanischem Exil wie später in Ost-Berlin, als Regisseurin , als Herausgeberin, als Dänin in der DDR, weniger als Schauspielerin und Autorin. Mit dem vorliegenden Buch wird dies Bild in vieler Hinsicht überraschend erweitert. Es basiert auf dem fotografischen Nachlaß im Ruth-Berlau-Archiv und im Bertolt-Brecht-Archiv der Berliner Akademie der Künste. Die Fotos existierten überwiegend als Negative oder Papierabzüge. Sie sind offenbar mit großer Einfühlsamkeit und viel Geduld bearbeitet worden. Der Autor und Herausgeber Grischa Meyer war von 1992 bis 1999 künstlerischer Mitarbeiter am “Berliner Ensemble(BE)”. Er hat gemeinsam mit Erdmut Wizisla, dem Leiter des Brecht-Archivs, bereits das Buch “Chausseestraße 125 - Die Wohnungen von Bertolt Brecht und Helene Weigel" herausgebracht. Wizisla war auch Inspirator für diese Berlau-Fotosammlung, indem er Meyer auf die entsprechenden Bestände des Brecht-Archivs aufmerksam machte.

Kaum zu überschätzen ist die Bedeutung Berlaus für die Theaterfotografie. Beeinflusst durch Joseph Breitenbach und im Dialog mit Brecht entwickelte sie eine ganz andere Sichtweise als die bis dahin übliche: “Anstelle der Abbildung von Schauspielern in anschaulichen Momenten ihrer Darstellungskunst weitet sich hier der Blick ins Totale. Der gesamte Bühnenvorgang wird aus einer zentralen Position in jenen Momenten festgehalten, die dramaturgisch von Bedeutung sind, wo Bewegungen, Gesten und Gänge aufgezeichnet werden, die der ‘epischen’ also erzählenden Spielweise Brecht’scher Inszenierungen Anschaulichkeit verleihen”(S.16). Hierzu gehören historische Aufnahmen von Brechts “Leben des Galilei” mit Charles Laughton in der Titelrolle im Coronet Theater Los Angeles im Juli 1947 und in New York wenige Monate später.1950 wurde Frau Berlau Begründerin des Fotoarchivs des “Berliner Ensembles” und verarbeitete diese amerikanischen Fotos zu einem “Modellbuch”, das vergleichend die Spielweise von Charles Laughton und Ernst Busch als “Galilei” dokumentiert. Weitere Fotoserien sind “Antigone”(Chur 1948) und “Mutter Courage”(Berlin 1949). Brechts Absicht, mit den Modellbüchern andere Regisseure auf seinen Stil festzulegen, war vermutlich naiv. Aber Berlau ist damit ein Beitrag zur Kulturgeschichte gelungen.

Eine weitere Überraschung sind die Künstlerfotografien. Sensibel und subtil porträtiert die dänische Fast-Autodidaktin Christopher Isherwood, Hanns Eisler, Charlie Chaplin, Wystan Hugh Auden, Max Frisch, Elisabeth Bergner, Valeska Gert, Fritz Kortner, Anna Seghers, Hedda Zinner , Martin Andersen Nexø, Arnold Zweig, Inge Keller, Hans Albers und andere.

Ihre Sozialreportagen sind ebenfalls beeindruckend. Stilistisch nicht viel anders als ihr möglicherweise bekannte amerikanische Realisten wie Walker Evans fotografiert sie Hafenarbeiter in San Pedro bei Los Angeles, streikende Transportarbeiter in New York, Berlin in Trümmern 1948 und - vergleichsweise schwächer - die Ost-Berliner Maidemonstration 1954.

Eingestreut finden sich bisher unveröffentlichte Texte von Ruth Berlau. So heißt es in “Unsterbliche Fotografen”: “...das ist verboten..., da lächelt ein echter Fotograf nicht mal - er geht durch - er erreicht sein Ziel - er fotografiert”(S.183). Oft sind es autobiographische Notizen. Besonders anrührend ist ein Gedicht vom Winter 1945, kurz nach Berlaus Nervenzusammenbruch (wegen des Frühtods eines von Brecht stammenden Kindes). Das Poem beginnt mit “When I was a women, I woul choos to be a hore”. Holger Teschke hat es gelungen nachgedichtet: ”Als ich eine frau war, hatte ich die schoose als ure”(S.118).

Jahrelang kämpften Berlau und Brecht mit der SED-Zensur um die “Kriegsfibel”, eine im Exil begonnene Sammlung von Pressefotos, die von Brecht mit vierzeiligen Epigrammen kommentiert wurden (und die notabene kürzlich George Tabori am BE dramatisierte). Erst 1954 konnte die Kollektion erscheinen. In Grischa Meyers Fotoband finden wir einige Partien, die damals nicht gedruckt werden durften: Friedrich Ebert, “der Sattler, der dem Junkerpack/ Von neuem in den Sattel half” (politisch motivierte Ablehnung); “die Leute von Spokane/An den Kongress”(Formalismus); Jane Wyman “mit alten Kriegsmedalljen vor der Fotze“(Prüderie). Begrüßenswert, dass die Originalvorlagen dieser Texte und Bilder nun auch an die Öffentlichkeit kommen.

Abgerundet wird das Buch nützlich: eine Zeittafel, ein Literaturverzeichnis, ein Verzeichnis der Bildquellen, eine Auswahlbibliographie von Ruth Berlaus Publikationen und eine Liste ihrer Inszenierungen von Brechts Werken. Ein Inhaltsverzeichnis sowie ein Sach- und Personenregister fehlen bedauerlicherweise. Etwas rätselhaft ist, dass der Autor einleitend vom “Scheitern”(S.7) der Berlau als Fotografin spricht, aber am Schluß des Werkes feststellt: “Sie blieb auch als Fotografin eine begabte Regisseurin. Sie inszenierte zurückhaltend, aber sehr genau” (S.185). Nach Ansicht des Rezensenten war Berlau weit mehr als nur eine “Fotografin an Brechts Seite”, wie es der Untertitel nahe legt. Sie fotografierte gelegentlich dilettantisch, aber mit welchem Blick! Und welche Sujets! Zweifellos handelt es sich hier um eine kulturgeschichtliche Trouvaille.


© 2004 Volker Gransow, Prof. Dr. phil., Projektkoordinator für die Universität Toronto und Hochschullehrer an der FU Berlin.