KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
RezensionKulturation 2/2003
über Roger Bromley (Hg.), unter Mitarbeit von Udo Göttlich und Carsten Wi:
Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung, Lüneburg (Klampen) 1999, 388 Seiten, 24 Euro.
Lutz Haucke
British Cultural Studies in Basistexten
British Cultural Studies in Basistexten

Roger Bromley (Hg.), unter Mitarbeit von Udo Göttlich und Carsten Winter: Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung, Lüneburg (Klampen) 1999, 388 Seiten, 24 Euro.

Douglas Kellner (1995) hat die interdisziplinären Cultural Studies auf einen Nenner gebracht, wenn er schreibt: „Die britischen Cultural Studies stellen Kultur in den Zusammenhang einer Theorie der sozialen Produktion und Reproduktion und differenzieren zwischen kulturellen Formen, die Herrschaftsverhältnisse stabilisieren und anderen, die den Menschen Widerstandsmöglichkeiten eröffnen. Sie analysieren Gesellschaft als einen hierarchischen und antagonistischen Zusammenhang, in dem untergeordnete Gesellschaftsgruppen nach Klassen-, Geschlechts-, Rassen- oder ethnischer Zugehörigkeit klassifiziert und unterdrückt werden. Anhand von Gramscis Modell der Hegemonie und Anti-Hegemonie analysieren sie die ‚hegemonialen’ sozialen und kulturellen Kräfte und versuchen ‚gegen-hegemoniale’ Widerstands- und Kampfformen ans Licht zu bringen.“ (S. 349)

Wandel der Cultural Studies?
Die vorliegende Textauswahl besteht aus Grundsatzartikeln der Jahre 1957 bis 1995, geordnet nach Problemkreisen: Geschichte der Cultural Studies, theoretische Reflexionen, Studien zur Popularkultur, Medien- und Publikumsforschung. Diese Textauswahl gestattet es, den Wandel der Konzepte und Untersuchungsgegenstände der Cultural Studies in über drei Jahrzehnten nachzuvollziehen. Man entdeckt die ersten Ansätze des Kulturalismus (Edward P. Thompson) ebenso wie die von der Literaturwissenschaft geprägten Auseinandersetzungen mit der Basis-Überbau-Theorie (Raymond Williams) der endfünfziger und sechziger Jahre. Und man kann bei Douglas Kellner (1995) ein Plädoyer für eine Zusammenführung von Frankfurter Schule und British Cultural Studies entdecken, was aus einer prinzipiellen Kritik an den Cultural Studies hergeleitet wird. Die Cultural Studies hätten sich zu sehr auf „Kultur“ zurückgezogen und „die Produktion und die politische Ökonomie der Kommunikation und Kultur“ (S. 357) vernachlässigt. Überdies hätten sie mit ihrer vorrangigen Ausrichtung auf die verschiedenen Fragen der Popularkultur aus der Sicht von „Text und Rezipient“ die „Frage nach dem emanzipatorischen Potential von moderner Kunst und anderen Formen der Hochkultur“ ausgeklammert. (S. 357)

Entdeckt man in den frühen Texten noch eine Orientierung auf die Institutionen und Lebensweise der Arbeiterklasse und im weiteren Sinne bei den Kulturalisten den Blickwinkel für klassenspezifische Kulturen, so verlagert sich – etwa bei Stuart Hall („Kodieren/Dekodieren“, 1973) – die Sicht auf Strukturen der Kommunikation, insbesondere der sinntragenden Diskurse von TV-Programmen. Er unterscheidet hypothetisch zwischen einem „dominant-hegemonialen Ansatz“ (S. 107), der Annahme eines „ausgehandelten Kodes“ (S. 108) und der Hypothese vom „oppositionellen Kode“ (S. 110). Die Rezeption der These Antonio Gramscis von der hegemonialen Macht in Kulturverhältnissen, die die British Cultural Studies in den endfünfziger und in den 60er Jahren in ideologiekritischen Konzepten der Kulturanalyse geltend machten, wird weitergeführt. Aber in den Texten der 80er und 90er Jahre werden die „gegenkulturellen“ Potentiale von Popularkultur zunehmend neu bewertet. John Fiske bestreitet in „Politik. Die Linke und der Populismus“ (1989), dass radikale Kunstformen, die in Opposition zu Herrschaftsstrukturen stehen, populär sein könnten. Seine These lautet „Popularkultur ist progressiv, nicht revolutionär.“ (S. 240) Er wirft der Linken vor, dass sie, wenn sie von Popularkultur spricht, „die Beherrschten einfach als Opfer struktureller Verhältnisse“ auffassen (S. 241), statt zu erkennen, dass im Alltagsleben und in mikrosozialen Bereichen Popularkultur Vergnügen, Lust, Spaß mobilisieren könne. „Mein Interesse ist dem der Theoretiker der Massenkultur genau entgegengesetzt: Ich konzentriere mich auf jene Augenblicke, wo die Hegemonie versagt, wo die Ideologie schwächer ist als der Widerstand, wo soziale Kontrolle auf Entdisziplinierung trifft. Diese Augenblicke des Vergnügens und der Politik gehören zu den eigentlichen wichtigen Elementen der Popularkultur, denn hier artikulieren sich die Interessen der Leute“, schreibt Fiske. (S. 259)

Die in den 90er Jahren entstandenen Texte signalisieren Neuorientierungen in einer gewandelten Welt. Ien Ang (1990) fordert „ein konkretes Verständnis der hegemonialen Kräfte..., die die Welt heute beherrschen. (S. 329) Zu einem zentralen Problem der Cultural Studies sei der Medienkonsum geworden (S. 321), der eine Rezipientenforschung ohne ideologiekritische Positionen notwendig mache. Das transnationale Mediensystem hat das, was als Hegemoniales in der Popularkultur und in der nationalen Diskursebene wirke, stark verändert. Populäre Identitäten und nationale Identitäten entwickeln sich oftmals auseinander und dieses widerspruchsvolle Feld biete neue Möglichkeiten für eine demokratische Kultur.

Douglas Kellner (1995) betont, dass seit 1985 neue Entwicklungen der Cultural Studies zu beobachten seien: Feminismus (z.B. afrozentrierter Feminismus), kritischer Multikulturalismus, kritische Pädagogik und kritische Konzepte zur Medienkultur. Dies signalisiere statt der traditionellen Klassenkonzepte der sechziger Jahre neue Subjekt-Rollen in der Entwicklung demokratischer Kulturen. Stuart Hall diskutierte den Bruch mit dem Basis-Überbau-Konzept in „Cultural Studies. Zwei Paradigmen“ (1980) und unterschied zwischen dem Kulturalismus
(Cultural Materialism) und dem Strukturalismus. Der Kulturalismus erforscht Kulturen als Lebensweisen und bevorzugt die sozialgeschichtliche Rekonstruktion von Kulturen oder die soziologische und die ethnografische Forschung oder die Analyse von Textsorten wie Autobiografien, Oral History, realistische Konzepte des fiktionalen Schreibens. Der Strukturalismus versucht mehr diskursive Konstruktionen im Sinne des linguistischen Formalismus. „Während der Kulturalismus versucht, den Hyper-Strukturalismus früherer Theorien zu korrigieren, indem er das einheitliche (kollektive wie individuelle) Subjekt des Bewusstseins wieder ins Zentrum der ‚Struktur’ rückt, setzt die Diskurstheorie auf das dezentrierte und widersprüchliche Subjekt, das sich aus Sprache und Wissen konstituiert und durch das hindurch sich Kultur ausdrückt. Sie tut dies unter Rekurs auf das Freudsche Konzept des Unbewussten und auf das lacanianische Verständnis von Subjektkonstitution (das Subjekt konstituiert sich ihm zufolge durch den Eintritt in das Symbolische und durch das Gesetz der Kultur). Dieser Ansatz zielt auf eine Leerstelle nicht nur des Strukturalismus, sondern auch des Marxismus.... Die Diskurstheorie behandelt nicht das historisch und gesellschaftlich determinierte soziale Subjekt oder gesellschaftlich determinierte eigenständige Sprachen, sondern das Subjekt im allgemeinen. Deshalb ist sie bislang nicht in der Lage, ihre allgemeinen Positionen mit konkreten historischen Analysen zu vermitteln.“ (S. 134 f.)

Er unterschied drei Positionen, die für die Cultural Studies orientierend wurden:
a) die Diskursforschung, die von Lévi-Strauss und den Semiotikern und einigen Linguisten her bestimmt wurde;
b) die Fokussierung auf die in letzter Instanz ökonomische Determination, die dazu führt, die Kultur unter dem Aspekt der Waren zu analysieren und die Ideologie als „falsches Bewusstsein“ aufzufassen;
c) die konkrete Analyse „ideologischer und diskursiver Formationen“ (S. 136), wie sie konzeptionell von Antonio Gramsci und später von Michel Focault verfolgt wurde.

Massenkultur oder Popularkultur?
Durch viele Texte zieht sich eine Abgrenzung vom Begriff „Massenkultur“ und eine Befragung dessen, was man unter Popularkultur verstehen will. Raymond Williams lehnte den Begriff „Massenkultur“ ab, weil dies leicht zu einer elitären Abwertung der Massen führen könne. Kellner behauptet, dieser Begriff „verschleiert kulturelle Widersprüche und macht oppositionelle Praktiken und Gruppen innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaft unsichtbar.“ (S. 350) Er lehnt aber auch den Begriff der Popularkultur ab und plädiert für den vereinheitlichenden Begriff der Medienkultur. John Fiske (1989) bezeichnet Popularkultur als eine Kultur des Konflikts, die aus Industrieprodukten bestünde, und grenzt sie ab von der Volkskultur, die für nichtindustrielle Gesellschaften zutreffend sei. (S. 252) Gleichzeitig lehnt er den Begriff „Massenkultur“ strikt ab, weil die These, es gäbe eine Einheitskultur für ein Massenpublikum, nur ausgehen könne von der Annahme, dass das Massenpublikum passiv und entfremdet sei. (S. 258)

Interdisziplinäres Forschungskonzept und universitäre Ausbildung
Die British Cultural Studies entwickelten sich aus einem interdisziplinärem Verständnis von Soziologen, Historikern, Literatur- und Kulturwissenschaftlern, Ökonomen, trotzdem mangelt es im vorliegenden Band nicht an Versuchen, wissenschaftsdisziplinäre Institutionalisierungen geltend zu machen. Richard Johnson (1986/87) sieht die Ausgangspunkte der British Cultural Studies in der Literaturwissenschaft (Raymond Williams) und in der Sozialgeschichte (Historikergruppe der KP Großbritanniens), aber er verzichtete auf eine Bestimmung der British Cultural Studies in Bezug auf akademische Fächer. Institutionell wurde in Großbritannien mit der Gründung des Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) an der Universität Birmingham 1964 durch Richard Hoggart eine Forschungseinrichtung geschaffen, aber nicht eine akademische Fachdisziplin. Göttlich und Winter untersuchten die Rezeption der Cultural Studies im deutschsprachigen Raum und kommen zu dem Schluss, dass das deutsche universitär geprägte Wissenschaftssystem mit seinen Vorstellungen von Kulturwissenschaft weit weg vom Konzept der Cultural Studies sei. (S. 31) Angemerkt sei zu dieser Bestandsaufnahme, dass sie übersehen, dass das in der DDR an der Humboldt Universität von 1964 bis 1990 unter der Leitung von Dietrich Mühlberg entwickelte Forschungs- und Lehrgebiet „Kulturgeschichte der Arbeiterklasse“ sowohl in der Genesis der Methodologie als auch in Studien viele Parallelen zu den British Cultural Studies als Forschungsrichtung aufwies. In der BRD sehen die Autoren eine Rezeption der Cultural Studies in vier Bereichen: Anglistik/Amerikanistik, Ethnografie und Alltagskulturforschung, Medien- und Kommunikationswissenschaft und in der außeruniversitär geführten Popularkulturdebatte. Douglas Kellner (1995) betont seinen multiperspektivischen Ansatz aus politischer Ökonomie, Textanalyse und -kritik, Rezeptionsforschung für eine Vereinigung von Kultur- und Kommunikationswissenschaft. Er will damit der institutionellen US-amerikanischen Aufteilung des Studiums massenmedialer Kommunikation und Kultur einerseits an kommunikationswissenschaftlichen Fakultäten und andererseits an den Fakultäten, die Rundfunk/ Fernsehen/ Film, Kommunikation, Theaterwissenschaft, Journalismus vereinigen, entgegenwirken. (S. 342)

Kulturbegriff und Lebensweisekonzepte
Weil die Veränderungen in den Zielen und Untersuchungsgegenständen der Cultural Studies in den letzten zehn Jahren beträchtlich sind, ist es angebracht, sich der Ausgangspunkte der interdisziplinären Cultural Studies zu erinnern. Es ist ein Verdienst der vorliegenden Textsammlung, dass sie dies ermöglicht. Die Herausgeber gehen von drei entscheidenden Werken aus, die die Herausbildung der British Cultural Studies begründeten: Richard Hoggarts „The Use of Literacy“ (1957), Raymond Williams’ „Culture and Society“ (1958) und Edward P. Thompsons „The Making of the English Working Class“ (1963). An den Ausgangspunkten standen sich also eine von der Literatur und der Popularkultur (Massenliteratur, Zeitungen/Illustrierte) her geprägte Linie der Diskussion des Kulturbegriffs und der Lebensweise (Williams, Hoggart) und eine sozialgeschichtliche Position, die die Konflikte der Lebensweisen gegensätzlicher Klassen aufwertete (E. P. Thompson) gegenüber. Um den Gegensatz zu betonen, wählten die Herausgeber auch für den Band die „Kritik an Raymond Williams’ The Long Revolution’“ von Edward P. Thomson aus. Edward P. Thompson betont in „Kritik an Raymond Williams ‚The Long Revolution’ “ (1961) die Erforschung einzelner Elemente unter dem Gesichtspunkt von Konfliktarten statt den Kulturbegriff in dem der „gesamten Lebensweise“ aufgehen zu lassen. Der von Thomas Stearns Eliot 1948 entwickelte Begriff der Kultur habe „alle charakteristischen Aktivitäten, Tätigkeiten und Interessen eines Volkes umfasst: den Derby-Day, die Henley Regatta, Cowes, den 12.August, ein Cup-Finale, Hunderennen, Dartbretter, Wensleydale-Käse, gedünsteten Kohl, rote Bete in Essig, die gotischen Kirchen des 19. Jahrhunderts und die Musik von Elgar.“ (S. 88; vgl. T. S. Eliot: Beiträge zum Begriff der Kultur [1948], in: T. S. Eliot: Ausgewählte Aufsätze, Vorträge und Essays, Berlin 1982, S. 270.) Kriterien wie Konflikte und Gewalt fänden aber bei Eliot und Williams keine Beachtung: „Warum sollen nicht auch Streiks, Gallipolo, die Bombardierung Hiroshimas, korrupte Gewerkschaftswahlen, Kriminalität, die Manipulation von Nachrichten und die Aldermaston-Märsche als ‚charakteristische Aktivitäten’ gelten? Warum eigentlich nicht? Zur ‚gesamten Lebensweise’ der europäischen Kultur gehören in diesem Jahrhundert (man denke nur an den Eichmann-Prozess) eine Vielzahl von Aspekten, die künftige Generationen ob unserer ‚Eigenheiten’ in Erstaunen versetzen mögen. Weder Eliots noch Williams’ Liste verzeichnet auch nur ein Beispiel, das uns mit der Problematik von Gewalt und Konflikten konfrontiert.“ (S. 89 f.)
Thompson grenzt sich ab von Williams Rückzug auf die Organisationen/Institutionen der Arbeiterklasse als einziger Tradition und fordert – auch in Abgrenzung zu Eliots Kulturauffassung – die Rückkehr zu Marx: „Der Arbeiterbewegung wird zwar zuweilen die Gründung neuer Institutionen zugute gehalten, eine bestimmte Geisteshaltung jedoch wird ihr nicht zugestanden.“ (S. 82)

Thompson wirft der literaturwissenschaftlich-kulturgeschichtlich orientierten Linie der frühen British Cultural Studies (Raymond Williams als ihr Vertreter) Ignoranz gegenüber den Historikern und Soziologen vor. Der Hintergrund ist der, dass eine Gruppe marxistischer Historiker Mitglieder der KP Großbritannien waren, die vor allem Entwicklungsprozesse im 18./19. Jahrhundert untersuchten mit dem Ziel, das Wachstum des Kapitalismus und verschiedene Formen des Widerstandes an dieser historischen Bruchstelle aufzudecken. Dies führte sie zu Klassenkampf und klassenspezifischen Kulturen. Jahrzehnte später hatte sich die Debatte verschoben. Man suchte Neubestimmungen der methodologischen Ausgangspunkte. Richard Johnson gab 1986/87 in „Was sind eigentlich Cultural Studies?“ eine grundsätzliche Orientierung. Er betonte die Kritik am traditionellen Marxismus und nannte dies ein Hauptbemühen der anfänglichen literaturwissenschaftlichen und der sozialgeschichtlichen Linie. Er hob den Einfluss der Ideologietheorie Louis Althussers und des Hegemoniekonzepts von Antonio Gramsci hervor und betonte drei Hauptprämissen seiner Argumentation:
a) kulturelle Prozesse sind verbunden mit sozialen Verhältnissen („Klassenverhältnisse und ﷓formationen, geschlechtsspezifische und ethnisch bestimmte Strukturen sowie bestimmte Altersgruppen, die in Formen der Abhängigkeit und Unterdrückung leben.“ (S. 141 f.);
b) die Analyse von Kultur kann nicht ausweichen vor der Analyse von Machtstrukturen, denn diese beeinflussen die Fähigkeiten, Bedürfnisse zu definieren und zu verwirklichen (S. 142);
c) Kultur ist „ein Bereich gesellschaftlicher Kämpfe und Differenzen“ (S. 142).

Der Vorzug der Positionsbestimmung von Johnson besteht darin, dass er vor allen Dingen auf theoretische Paradigmen und Untersuchungsobjekte seine Aufmerksamkeit konzentriert. Er grenzt sich von einseitigen Kulturkonzepten ab: „Bei unserer Definition von ‚Kultur’ können wir das Feld nicht auf spezielle Praktiken, besondere Genres oder populäre Freizeitvergnügungen beschränken. Alle gesellschaftlichen Praxen können in bezug auf die in ihnen geleistete Arbeit subjektiv, aus einer kulturellen Perspektive, betrachtet werden. Das gilt für Fabrikarbeit, gewerkschaftliche Organisation oder das Leben im und um den Supermarkt genauso wie für offensichtliche Zielobjekte wie ‚die Medien’ ... und ihre (in erster Linie privaten) Konsumweisen.“ (S. 146) Ausgehend von der These, dass viele kulturelle Produkte in der Form kapitalistischer Waren zirkulieren, werden verschiedene Formen unterschieden, die in Produktion, Texten, Interpretationen eigenständige Untersuchungsobjekte abgeben. Zwischen öffentlichen Darstellungen und privaten Lebenssphären lassen sich unterschiedliche, verschiedenartige Formen der Kultur aufzeigen. Öffentliche Formen sind immer mit dem Problem der Machtdiskurse konfrontiert. „Wir müssen sorgsam analysieren, wo und wie öffentliche Darstellungen darauf hinarbeiten, gesellschaftliche Gruppen in Abhängigkeitsbeziehungen zu belassen bzw. sie in emanzipatorischer Weise daraus zu befreien. Unabhängig davon bleibt die Bedeutung von Macht als Element der Analyse natürlich erhalten, wobei wir zeigen müssen, wie sie die Beziehungen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen beeinflussen.“ (S. 156 f.)

Die aus dem Hegemoniekonzept resultierende Schlussfolgerung ist die nach den „Gegenkulturen“. „ ‚Jeder’ ist der Meinung, dass Wirtschaft, Verteidigung, Recht und Gesetz und vielleicht noch Fragen der sozialen Sicherung die wichtigsten öffentlichen Angelegenheiten darstellen, während zum Beispiel Familienleben und Sexualität in erster Linie Privatangelegenheiten sind. Der Haken liegt darin, dass die herrschenden Definitionen alles andere als gesellschaftlich neutral sind und meistens den ‚Interessen’ (auch im geschäftlichen Sinne) einer männlich dominierten Mittelschicht entsprechen. Alle Gruppen, die sich gegen solche Zusammenhänge auflehnen, können mit Fug und Recht subversiv genannt werden (wie etwa manche feministische Bewegungen und ökologisch orientierte Parteien).“ (S. 158)

Johnson setzt sich auseinander mit einseitigen produktionsorientierten Ansätzen. Er polemisiert deshalb gegen Adornos theoretischen Reduktionismus. Er wendet gegen Adornos Kritik des Werbeslogans einer britischen Brauerei „What We Want is Watney“ ein, dass auch verschiedene Determinationsfaktoren beachtet werden müssen wie Vergnügen, Kneipengeselligkeit und „dass gemeinschaftliches Trinken einen sozialen Gebrauchswert besitzt.“ (S. 163) Als tieferen Grund sieht er den methodologischen Kurzschluss des produktionsorientierten Ansatzes von Adorno an, der außer acht lässt, dass auch Interpretations- und Konsumtionsprozesse als Produktionsprozesse (von Bedeutungen) untersucht werden können. In der textorientierten Forschung plädiert Johnson für Forschungsansätze, die die bloße Genrekonstruktion, die bloße literarische Fokussierung aufbrechen mit dem Blick auf Lebensweise-Formen. „Feministische Untersuchungen trivialer Liebesromane haben Parallelen zwischen den narrativen Formen dieser Groschenhefte, öffentlichen Heiratsritualen (wie etwa der königlichen Hochzeit) und dem vielleicht nur durch eigene Erfahrung bekannten subjektiven Kampf um die symbolischen Auflösungen der romantischen Liebe nachgewiesen. Ähnliche Forschungs- und Argumentationsvorgänge haben sich im Hinblick auf konventionelle Männlichkeitsvorstellungen, kampfbezogene Phantasien innerhalb der Jugendkultur und die narrativen Formen des Epischen entwickelt.“ (S. 166 f.)

Texte schaffen ein Raster kultureller Formen. „Der Text ist für die Kulturforschung nur ein Mittel zum Zweck; strenggenommen stellt er Rohmaterial dar, das in bezug auf bestimmte Formen (z.B. Narration, ideologische Problematik, Adressaten, Subjektposition usw.) analysiert werden kann. Er kann auch Bestandteil eines größeren diskursiven Feldes oder einer Kombination von Formen sein, die in anderen gesellschaftlichen Bereichen mit einer bestimmten Regelmäßigkeit auftreten.“ (S. 168 f.) Insgesamt weist Johnson dem Zusammenhang von „kultureller Lebensweise“ und „öffentlichen Formen der Kultur“ für die Untersuchung der Massenkultur (Popmusik, Mode, Drogen, Motorräder usw.) als einer Untersuchung der soziokulturellen Lesarten von „kulturellen Texten“ Priorität zu. Generell gilt, dass weder der Produktions- noch der Textansatz allein ausreichen, „wenn wir eine gesellschaftliche Form durch den Kreislauf ihrer Transformationen verfolgt und den Versuch unternommen haben, sie im Gesamtkontext der hegemonialen Verhältnisse in der Gesellschaft zu verorten.“ (S. 179)

Für die Perspektiven der Cultural Studies formulierte Johnson 1986/87:
(1) Produktionstheoretische Untersuchungen sollten auf alternative Chancen für gegenhegemoniale Strategien zielen und liegen im Interesse von Reformkonzepten und radikalen Parteien.
(2) Texttheoretische Untersuchungen sollten auf Veränderungen der kulturellen Praxis zielen; sie sollten der radikal-linken Kulturpraxis verpflichtet sein.
(3) Lebensweiseforschung kann dazu beitragen, dass unterprivilegierte Gruppen Öffentlichkeit erhalten. „Eine solche Arbeit kann sogar dazu beitragen, Kulturen, die normalerweise privatisiert, stigmatisiert oder zum Schweigen gebracht worden sind, zur Sprache zu verhelfen.“ (S. 180)

Bei Johnson klingt noch die Hoffnung mit, dass wissenschaftliche Forschung und linke Parteienpraxis eine Einheit bilden könnten. Die Chronologie der Texte im vorliegenden Band lässt allerdings auch den Schluss zu, dass eine zunehmende Akademisierung der Cultural Studies – insbesondere in den USA, in Kanada und in Australien – in den 80er und 90er Jahren sich davon entfernt hat.