KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
RezensionKulturation 2/2003
über Frank Wolff
:
Mein blaues Cello
Volker Gransow
Höhlenforschung des Celloklangs
CD. Parthas-Verlag.ISBN 3-932529-58-8.
Frank Wolff ist weit über Deutschland hinaus bekannt. Als Solocellist, als Mitglied des “Frankfurter Kurorchesters” und später des “Neuen Frankfurter Schulorchesters”. Im Duo mit Anne Bärenz bietet er derzeit das Programm “Unplugged” mit Schubert und Tom Waits an. Vielleicht weniger bekannt ist, dass Wolff 1966 sein Cellostudium bei Atis Teichmann in Freiburg abbrach, nach Frankfurt / Main zum Studium der Soziologie bei Theodor W. Adorno ging und einer der Sprecher des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS ) wurde . Erst nach dem Zerfall der Studentenbewegung entdeckte er das Cello wieder und nahm erneut ein Cellostudium auf, diesmal bei Leo Koscielny in Baden - Baden.

Die vorliegende CD ist der Versuch einer musikalischen Zwischenbilanz von Frank Wolffs bisherigem Celloleben zwischen Musik und Politik, Blues und Poesie, einer Odyssee zwischen Avantgarde, Mozartsaal und Rockpalast, zwischen Spaß und Ernst (Jandl), Konzertmusik und Dissonanzen , Kunst und Literatur. Der Titel “Mein blaues Cello” bezieht sich auf das Gedicht “Mein blaues Klavier” von Else Lasker-Schüler, das leider im sonst höchst instruktiven Booklet nicht abgedruckt ist.

Aufgenommen wurde die CD im Mai 2003 bei einer öffentlichen Veranstaltung in Offenbach, als Bonus-Track schließt sie mit “Jimi Hendrix, Hey Baby (New Rising Sun, zusammen mit Anne Bärenz und Ali Neander)”, einem Mitschnitt aus der Frankfurter Alten Oper von 1999. Sie zeigt das ganze Spektrum des Wolffschen Cellospiels von klassischen und modernen Tönen bis hin zu Halbflageolett-Sounds und Klangmalereien, Geräuschen, Resonanzen und Dissonanzen - gleichsam eine Höhlenforschung des Celloklangs von höchster technischer Perfektion. Bach ist gleich zweimal vertreten, mit Menuett I und II aus der 1. Cello-Suite und mit “Sarabande und Bourrée”. Zu Ehren Ernst Jandls gibt es in dem meditativen Stück “Alles im Fluß” eine kleine lautmalerische Anspielung “Sch__iff_isch__iff__isch__” und dann ein bald wieder verschwimmendes Zitat aus der 5. Cello-Suite von Bach.

Die Einflüsse von Jacqueline du Pré, John Cage und besonders Pablo Casals sind unverkennbar. Casals ist ein Stück mit dem Titel “Ächzz” gewidmet, in dem der Künstler nicht nur Casals’ Stil brillant variiert, sondern auch sehr hörbar ächzt und hustet. Etwas vornehmer geht es bei “Memories for Jacqueline” zu, das an Madame du Pré erinnern soll.
Hier verarbeitet er Reminiszenzen an ihre Konzerte und an ihre - wie er meint - spezifisch weibliche Spielweise, die sein eigenes Cellospiel erheblich beeinflusst hat.

Zwei Titel dieser Kollektion haben direkt mit Politik zu tun. Die “Volxhymne” ist eine z. B. durch das Zitat von “We shall overcome” verfremdete Variante der “Internationale”, die Wolff erstmals in Peking für Überlebende des Massakers vom Tien-an-Men-Platz 1989 aufführte. Damit knüpfte er an seine Version des “Deutschlandliedes” an, die er im “deutschen Herbst” 1977 geschaffen hatte, eine teils lustige, teils traurige Dekonstruktion der Nationalhymne von Haydn/Hoffmann. Auch hier finden sich verfremdende Zitate, darunter “Frère Jacques”. In seiner Anmoderation berichtet Wolff stolz, dass bei einem späteren Konzert in Bonn nicht etwa der ebenfalls anwesende Bundespräsident, sondern der amerikanische Botschafter den Saal verlassen hatte, weil der Cellist den Klassiker der Hymnenzerstörung als Inspirator genannt hatte: Jimi Hendrix und seine Zertrümmerung des “Star Spangled Banner” während des Vietnam - Krieges.

An dieser Stelle sei zum Abschluß ein kleiner Wunsch des Rezensenten genannt: wäre es nicht so viele Jahre nach der deutschen Vereinigung möglich, ins Deutschlandlied vielleicht noch etwas ausführlicher die Eisler-Becher-Hymne von 1949 und recht intensiv die Eisler-Brecht-Kinderhymne einzuarbeiten? Einen entsprechenden Versuch hat die Klaus-Renft-Combo schon um 1994 unternommen. Vielleicht würde ein gemeinsamer Auftritt mit Frank Wolff da noch weitere neue musikalische und politische Horizonte erschließen?