KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2003
über Nikolaus Sombart; Günter Erbe:
Die Frau ist die Zukunft des Mannes. Aufklärung ist immer erotisch. Journal intime 1982/83. Rückkehr nach Berlin und Dandys - Virtuosen der Lebenskunst. Eine Geschichte des mondänen Lebens.
Volker Gransow
Die Frau als Zukunft des Mannes?
Ein Rezensions-Essay zu Dandys, Sexualität und dem Begriff des Politischen
Sombart, N. (2003): Die Frau ist die Zukunft des Mannes. Aufklärung ist immer erotisch. Herausgegeben von F. Hager, Dielmann, Frankfurt am Main. (I)
Sombart, N. (2003): Journal intime 1982/83. Rückkehr nach Berlin. Elfenbein, Berlin. (II)


Zum 80. Geburtstag des Berliner Kultursoziologen Nicolaus Sombart im Mai 2003 erschienen zwei der vorzustellenden Bücher, nämlich die von Frithjof Hager edierte Kollektion Sombartscher Essays unter dem Titel “Die Frau ist die Zukunft des Mannes” und das “Journal intime”, ein Tagebuch aus Sombarts Zeit als Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg 1982/83. Der erste Text bietet Reflektionen zu Erotik, Kultur und Gesellschaft, während der zweite die Lebenspraxis des Autors in seinem sechzigsten Jahr dokumentiert. Lebenspraxis - oder Lebenskunst? Für den Verfasser des dritten hier zu diskutierenden Werkes, Günter Erbe, sind Dandys jedenfalls “Virtuosen der Lebenskunst”. Selbst - Stilisierung als Charakteristikum der Dandys wird von Sombart in dem Sammelband in Form allgemeiner Überlegungen angesprochen und im Diarium von 1982/83 diesem Genre gemäß subjektiv und intim zelebriert. Insofern handelt es sich um eine ausgesprochen glückliche Ergänzung aller drei Bücher.

I.
Kerngedanke der Essaysammlung ist die Frage nach der Versöhnung von männlichen und weiblichen Momenten in jedem Menschen und damit auch nach den Potenzialen für eine aufgeklärte Gesellschaft. Frithjof Hager hat das Buch liebevoll zusammengestellt und mit einem Vor- und Nachwort versehen. Hier entwickelt er - je nachdem - nicht weniger als 24-40 basale Liebespaarungen durch die Einführung der Geschlechter der Bisexuellen und der Geschlechtslosen, die dann neben klassischen Kombinationen wie “weiblich/männlich” oder “weiblich/weiblich” etwa auch “geschlechtslos/bisexuell” möglich macht. Die “große Idee” Nicolaus Sombarts ist nach Hager folgender Gedanke: “durchdringe und begreife das Denken des anderen, und er wird dir nicht mehr feindlich sein können” (I, S.325). Damit spielt er auf das polarisierende “Freund-Feind-Schema” als Kriterium des Politischen an, wie es vom zeitweiligen Nazi-Kronjuristen Carl Schmitt entwickelt und zuletzt im Irak - Krieg 2003 wieder kräftig aufgewärmt wurde. Konsequent findet sich dann auch eine psychoanalytische Schmitt-Lektüre im Zentrum des vierteiligen Buches. Zunächst geht es um “deutsche Geschichte - Männer frauenlos”. Dem folgen “männliche Phantasmen des Weiblichen” und “der europäische Horizont - eine andere Geschichte”. Schließlich wird der Blick auf die “Heraufkunft anderer Zeiten - prismatisch” gerichtet.

Schlüsseltext des ersten Abschnitts ist das Kapitel über “sexuelle deutsche Obsessionen - die männliche Homosexualität in der Wilhelminischen Gesellschaft”. Hier unterscheidet Nicolaus Sombart als soziale “Grundtypen” die patriarchalische Gesellschaft, die männerbündlerische Gesellschaft, matriarchale Gesellschaften und die androgyne Gesellschaft. Die patriarchalische Gesellschaft beruht Sombart zufolge auf heterosexueller Paarbildung. Der Mann beherrscht als Vater Frau und Kinder. Die Frau findet sich in einer subalternen, domestizierten und entsexualisierten Rolle. Die Ablehnung der männlichen Homosexualität entspricht einer generellen Disqualifizierung des Geschlechtlichen. Anders ist es in der “männerbündischen Gesellschaft”. Hier ist die Homosexualität dominant und manifest, die Herrschaftsstruktur oligarchisch-elitär. “In der elitären Oberschicht kommt das Weibliche (im Manne) in der mann-männlichen Beziehung indessen voll zur Entfaltung. Historische Beispiele für dieses Gesellschaftsmodell sind das antike Sparta und die in den Kreuzzügen entstandenen Ritterorden” (I, S.51).

Dritter Gesellschaftstypus ist das Matriarchat, wo Frauen dominieren und den Männern subalterne Aufgaben zugewiesen werden. Dieses Gesellschaftsmodell “gehört entweder zur mythischen Vorgeschichte oder findet sich auf der Ebene der sogenannten primitiven Gesellschaften” (ebenda). Während es die matriarchalische Gesellschaft gegeben hat, ist der vierte Gesellschaftstyp - die “androgyne Gesellschaft” - eine utopische Zielvorstellung, wo “die fundamentale Bisexualität des Menschen im männlichen und weiblichen Individuum zur vollen Entfaltung käme”(I,S.53). Sie existiert nur experimentell von Ascona bis Berkeley und gehört seit den Saint-Simonisten und Fourier zum Grundbestand der Konstruktion einer Gegengesellschaft. So erklärt sich auch der Titel des Sammelbandes. Im wilhelminischen Deutschland herrschte laut Sombart eine patriarchalische Gesellschaft, innerhalb derer sich das männerbündlerische Modell entfaltete. “Die offizielle Ablehnung der Homosexualität ging darum Hand in Hand mit ihrer inoffiziellen Omnipräsenz” (I, S.54).

Diese Typologie scheint dem Rezensenten nicht unplausibel. Auch die Sympathie des Verfassers für die männerbündlerische und die androgyne Gesellschaft wirkt zumindest stellenweise verständlich. Nur fragt man natürlich, warum es denn kein “liberal-demokratisches” Gesellschaftsmodell gibt, wo Männer und Frauen formal und substanziell gleichberechtigt sind und gleich- oder multigeschlechtliche Lebensweisen toleriert und akzeptiert werden? Viele Elemente einer solchen Gesellschaft gehören zur Realität heutiger westlicher Länder. Und als Teil einer Dialektik von Weg und Ziel würde die angestrebte androgyne Gesellschaft so ein pragmatisches Moment bekommen.

II.
Sombart liefert ein Meisterstück in dem zu Recht in die Kollektion aufgenommenen Beitrag “Der Ort der Ent-Scheidung”, einem Ausschnitt aus der Studie “Die deutschen Männer und ihre Feinde” (vgl. Sombart 1991). Es geht um psycho-pathologische Elemente in der politischen Theorie von Carl Schmitt. Wer war Carl Schmitt?

Carl Schmitt (1888 - 1985) war angesehener Juraprofessor in der Weimarer Republik (an der Handelshochschule Köln). Seine Schrift über die Diktatur wurde von Austromarxisten gelobt, seine Bestimmung des Politischen als Freund-Feind-Verhältnis in der Fachwelt breit diskutiert. 1933 präzisierte Schmitt-Schüler Ernst Forsthoff, wer genau der Feind war: “Der Jude” (vgl. Forsthoff 1933). Schmitt selbst wurde nach Berlin berufen und von Hermann Göring zum preußischen Staatsrat ernannt. Die Mordaktion vom Juni 1934 an Ernst Röhm und vielen anderen, der auch sein Mentor Kurt Schleicher zum Opfer fiel, legitimierte er mit dem Satz “der Führer schafft das Recht” (Schmitt 1934). Ebenso beflissen durchdachte er 1941 die “Großraumordnung mit Interventionsverbot” - vereinfacht gesagt die Ideologie einer geopolitischen imperialistischen Kumpanei. Nach 1945 beobachtete der Emeritus, wie seine Schüler das bundesdeutsche Staatsrecht gestalteten. Seine Attraktivität für Faschisten, viele Rechtskonservative und einige Linksintellektuelle ist vermutlich nicht nur in Staatsfixiertheit, Antiliberalismus und Misogynie begründet, sondern vor allem auch in der oft faszinierend empfundenen Kombination von Apodiktik und Ambivalenz (vgl. Gransow/Miller 1989).

Sombart stellt zunächst trocken fest, dass Schmitts Staatsmodell von “verblüffender Einfachheit” sei: “Es reduziert sich auf die Identität von drei Begriffen, die wiederum in einer Reduktion zweiten Grades auf einen Zentralbegriff reduziert werden. Es sind die Begriffe Souveränität, Staat und Politik, deren Essenz und gemeinsamer Nenner Entscheidung ist” (I, S.132). Der Schmittsche Dezisionismus und seine Reduzierung des Staates auf den Moment der Entscheidung werden psychoanalytisch interpretiert. Die von Carl Schmitt und Martin Heidegger oft beschworene Orakelhaftigkeit der deutschen Sprache wird nun auf ihn selbst angewendet: “Die Entscheidung ist dann eben die so entschlossene wie verzweifelte Option für den alles dominierenden Signifikanten (der Männergesellschaft), den Phallus, den nom du père oder einfach die Ent-Scheidung - wortwörtlich - die Abwehr und Abkehr von der Scheide, der Vulva. Entscheidung ist die Fixierung auf den Phallus, um der schrecklichen Gefahr zu entrinnen, von der klaffenden Öffnung, der béance, dem Abgrund verschlungen zu werden, in den man nur zu gerne hinein möchte” (I, S. 138 f.). Schmitt leitet seine “politische Theologie”, die in eine “Staatsphilosophie der Gegenrevolution” mündet, mit folgendem Diktum ein: “Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet”(Schmitt 1985, S.11). Sombart kommentiert dies mit dem Hinweis, dass das gelegentliche Anschwellen des Penis “in der Erektion - im Ausnahmezustand” Wurzel sexueller Phantasmen sei, aber nicht zur Etablierung männlicher Herrschaft als Dauerzustand reiche. “Das Korrelat seiner puissance ist seine impuissance” (I, S.150). Die Schmittsche Theoriebildung gehört Sombart zufolge in den Forschungsbereich der Sexualpathologie. Er resümiert: “Alles deutet daraufhin, dass seine (Schmitts, V.G.) politische Theorie mit ihren berühmt-berüchtigten Formeln der Unterscheidung von Freund und Feind (,) von Ausnahmezustand und Entscheidung, Chaos und Anarchie die typische Neurose der Wilhelminischen Männergesellschaft auf den Begriff gebracht hat.” (I, S.142.)

Nach Ansicht des Rezensenten ist hier zu fragen, warum nur von der “wilhelminischen” Männergesellschaft die Rede ist. Erfuhr nicht akzidenteller Dezisionismus im deutschen Nationalsozialismus eine extreme Steigerung? Und läßt sich - mit gezieltem Hinweis auf Leo Strauss als Schmitt-Schüler, Ahnherrn des US-amerikanichen Neokonservatismus und Inspirator von George W. Bush - der zweite Irak-Krieg 2003 nicht auch mit der Überschrift “Männlichkeitskonstruktionen in der Carl-Schmitt-Rezeption” deuten (vgl. Oroczo 2003)?

Niemand anders als der wohl bedeutendste lebende Historiker Eric Hobsbawm bemerkte, “dass die Ideen des Staatsrechtlers Carl Schmitt eine große intellektuelle Stütze für Rumsfelds Berater sind. Stellen Sie sich eine Welt vor, die nach Schmittschen Mustern regiert würde. Das ist keine verlockende Aussicht” (Hobsbawm 2003). Eine Kölner Tagung über “Partisanenkrieg in der Medienlandschaft” ergab, dass sich Schmitts Freund-Feind-Schematisierung ebenfalls auf Vietnam, Al Quaida und Nigeria anwenden lässt. Denn “daß die Abarbeitung des eigenen Fragenkatalogs die bedrohliche Denkfigur des Feindes entzaubert und diesen zum Verschwinden bringt, darauf hofft wohl heute niemand mehr“ (Rosenfelder 2003). Niemand - so möchte man ergänzen, der Sombarts brillante Dekonstruktion nicht zur Kenntnis genommen hat.

Die Sammlung wird abgerundet mit lesenswerten Überlegungen zum “Prinzip Verführung”, zur Aktualität von Charles Fourier und kunstkritischen Gedanken. In den Kapiteln über die “(Un)Freiheit der Dirne”, “In den Salons” (der Autor betrieb selber über Jahrzehnte einen der von ihm hier als “Enklave des Matriarchats” apostrophierten Salon) und “Dandy sein” werden autobiographische und erotische, ja erotomanische Dimensionen immer deutlicher.

Im Kapitel “L’amour à trois” heisst es über das Dreierverhältnis, das keine Dreierbeziehung zu sein braucht. “Jeder ist männlich und weiblich. Anal, oral, genital. Ocular. Das Paar, ineinander verkrallt, ist blind. Nein, keine hierarchische Situation ... Es leuchtet ein anderes Gesellschaftsmodell auf” (I, S. 304). Dann fährt er fort: “Wer sie (die Dreiersituation, V.G.) gekannt hat, wird sie nie vergessen. Wer sie nie erlebt, weiß nicht, was das Leben zu bieten hat” (I, S.305).

III.
Solche Bemerkungen wecken ein Interesse an der Privatperson Nicolaus Sombart, das im “Journal intime 1982/83" nur teilweise befriedigt wird. Bei diesem Tagebuch seines Jahres am Berliner Wissenschaftskolleg ging/geht es dem Verfasser zufolge explizit nicht um “private Identitätssuche”, sondern um ein “Zeitdokument” (II, S.7). Das ist vielleicht etwas tief gestapelt, denn “Privatheit” als Kriterium und Korrelat einer funktionierenden Öffentlichkeit (vgl. Habermas 1990) wird wirklich nur gestreift (Vermögens- und Familienverhältnisse bleiben marginal). Der Text ist weniger ein Dokument der damaligen Zeit, sondern er wird zu Recht ein “intimes” Journal genannt. Wir lesen völlig unausgewogene Bewertungen (z.B. “ganz und gar jüdisch”, II, S.29, oder “lamentable Vulgarisation”, II, S.38) und bekommen Schilderungen von Situationen, die im Englischen “juicy” genannt werden. Zuweilen ergibt sich der Eindruck, dass massiv Werbung für ein noch heute existierendes Berliner Bordell gemacht wird.

Der Autor beschreibt die Arbeit an seinen späteren Publikationen über Fourier, Schmitt und Wilhelm II sowie seine Begegnungen mit Männern wie Bolaffi, Bussche, Cullon (recte: Cullen), Fietkau, Galtung, Jäggi (recte:Jaeggi), Kamper, Kittsteiner, Krockow , Lauermann, Lem, Meyer, Mosse, Szondy (recte: Szondi), Taubes, Vizel (recte: Viesel), Walker, Wapnewski, Wesel, Weyergraf. Mit diesen Nachnamen wird oft diskutiert (ein Verzeichnis der Fellows im akademischen Jahr 82/83 findet sich im Anhang). Vornamen sind dagegen Anna, Babsi, B..., Bettina, Bonny, Claudia, Claudie, D...., Dagmar, Irene, Judith, Margarete, Merit, Miranda, Sabine, Sandra, Sybille, Sylvia, Tamara, Tamara Nr.2, Therese, meist professionelle Prostituierte (ohne Verzeichnis). Immerhin wird einer Senatoren-Gattin bescheinigt, dass auch sie sich als Hure gut machen würde (II,S.23). Wenige Vornamen sind männlich. Es handelt es sich etwa um einen Diego, einen “Bazon” (wohl den Kulturwissenschaftler Bazon Brock) und einen “Hubert” (vermutlich ein Mäzen, der trotz des stattlichen Salärs vom Wissenschaftskolleg die zahlreichen Bordellbesuche erst ermöglicht hat). Soziale Ereignisse werden oft so kommentiert “Warum wurde ich nicht eingeladen?” (II,S.45 u.ö.).

Das Tagebuch ist flüssig geschrieben, obwohl ursprünglich keine Publikationsabsicht bestand und es vor Veröffentlichung nicht oder nur wenig redigiert wurde. Nicht selten lassen sich die Aufzeichnungen wie Kommentare zu den Ausführungen in “Die Frau ist die Zukunft des Mannes” lesen. So fragt sich Sombart , “ob die Sexualität nicht der in die Körperlichkeit/Leiblichkeit eingeschriebene Ritus der immer wieder fälligen Wiedervereinigung ist? ... Meine kleinen Huren: Priesterinnen! Zelebrieren den großen Mythos” (II, S.170). Zur bisexuell-androgynen Zukunftsgesellschaft notiert er: “Ich fand alle meine ‘Theorien’ bestätigt, wie der Flux des Begehrens durch die Dreiersituation eine Art von Akkumulation erfährt, bis zu dem Augenblick, in dem die Leiber entgrenzt sind und alles sich auflöst in ein Bad von Zärtlichkeit. In dieser Stunde nahm Diego physisch von mir Besitz, wie es, solange wir auf unsere beiden Körper allein angewiesen waren, gar nicht möglich gewesen ist” (II, S.50). Auch Carl Schmitt darf nicht fehlen: “Die Fellows Marquard, Schierau, Fietkau und Sombart schicken C.S. zum 95. Geburtstag ein Glückwunschtelegramm” (II, S. 186). Kein Kommentar.

Höhepunkt des Tagebuchs ist die genüßlich registrierte Feier von Sombarts 60. Geburtstag. Der Jubilar mietete das Schloßhotel Gehrhus im Grunewald zum “Konzert - souper-spectacle - Ball - Frühstück” für geladene Gäste. Es gab Auftritte von Schauspielern, die einen Zwergenaufstand mimten oder von Sombart verfaßte Texte in der Maske von Charles Fourier oder Wilhelm II. vortrugen. Die Lieblingshuren des Geburtstagskindes waren ebenfalls präsent. “Hubert” mußte wohl tief in die Tasche greifen: “Tolle Gerüchte ... Hat sich dieser immense Aufwand gelohnt? Für wen? Pour ma propre gloire? Was hätte ich mit den DM 40.000 nicht alles machen können?” (II, S. 157). Das aufwendige Unternehmen ist trotz dieser leichten Zweifel ausführlichst dokumentiert (vgl. II, S. 134 - 146) - zu wichtig ist die Selbstdarstellung für den Dandy.

IV. Günter Erbes Studie zu Dandys als einer Geschichte des mondänen Lebens enthält eine Danksagung an Nicolaus Sombart. Sein Untertitel “Virtuosen der Lebenskunst” paraphrasiert im gewissen Sinn Sombarts Diktum, der Dandy sei “kein humanistisches Persönlichkeitsideal, sondern die perfekte (formale) Kultivierung eines Lebensstils” (I,S.308).

Erbe legt mit diesem Buch die erste umfassende kultur- und sozialgeschichtliche Darstellung der Dandys in England und Frankreich vor. Die Studie ist gleichermaßen Mode-, Gesellschafts- und Literaturgeschichte, auch wenn die kultursoziologische Perspektive dominiert. Der Dandy, der modebewußte Beau, meist Aristokrat oder großbürgerlicher Müßiggänger, beherrschte zu Anfang des 19. Jahrhunderts die elegante Männerwelt und erlebte im Fin de siècle eine Renaissance. Erbe spürt diesem Sozialtyp nach. Er beginnt mit George Brummell, dem Urbild des Dandys. Dann folgen: Lord Byron, Dichter und Dandy, sowie Benjamin Disraeli, später seriöser Politiker. Weiter geht es mit dem Dandy in Frankreich von der Restauration bis zum zweiten Kaiserreich und dem englischen Dandy der Jahrhundertwende, prominent vertreten durch Oscar Wilde und Aubrey Beardsley. Nächstes Thema ist der französische Dandy in der Belle Èpoque. Abgeschlossen wird das materialreiche, vielfältig illustrierte Werk mit einem skeptischen Ausblick auf den Dandy im Zeitalter der Massenkultur. “Der Dandy des 19. Jahrhunderts stand noch am Anfang seiner Entwicklung. Er stemmte sich gegen den Strom der Zeit und konnte dabei auf zahlreiche Mitstreiter rechnen. Ein Dandy unserer Zeit stünde allein da” (III, S.303).

Zur Sexualität der Dandys vermerkt der Verfasser, es ließe sich feststellen, “daß Dandytum und Homosexualität in enger Verbindung zueinander standen. Dem Wesen des Dandys, seinem Narzißmus und Exhibitionismus, seinem Machtwillen und Stoizismus entspricht freilich mehr der Hang zur Unterdrückung seiner sexuellen Triebe. ... Der Androgyn kommt seinem Habitus am meisten entgegen” (III, S. 20 f.). Hier gibt es offensichtlich weiteren Forschungsbedarf - gerade wenn Sombarts Bemerkungen zum Dandy und zur Androgynität mit bedacht werden. Wünschenswert ist eine räumliche, zeitliche und methodische Erweiterung auf residuales Dandytum in Deutschland - man denke nur an Ernst Jünger und eben Nicolaus Sombart selbst.

V.
Die vieldeutige Rede von der Frau als Zukunft des Mannes gewinnt an Kontur durch eine Analyse des Freund-Feind-Denkens in der Politik. Wird dies binäre Schema hinterfragt und als schlicht phallokratisches Konstrukt vorgestellt, dann eröffnen sich womöglich nicht nur neue Dimensionen aktueller Gesellschaftskritik. Vielmehr werden im kulturhistorischen Rückgriff wie in der utopischen Spekulation Dimensionen potenzieller androgyner Gesellschaftlichkeit sichtbar. Doch vorerst kann es nur um ein Mehr an Gleichberechtigung, von Mann und Frau gehen, um Respekt und Akzeptanz - sei es für Dandys, sei es für vielleicht gar nicht so minoritäre Lebensformen wie Bi- oder Homosexualität.


Literatur

Erbe, G. (2002): Dandys - Virtuosen der Lebenskunst. Eine Geschichte des mondänen Lebens. Böhlau, Köln / Weimar / Wien. (III)
Forsthoff, E. (1933): Der totale Staat. Berlin.
Gransow, V. / Miller, W. (1989) : Carl Schmitt: Feind oder Fundgrube? In: “Das Argument”, H.175/1989.
Habermas, J. (1990): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Neuauflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
Hobsbawm, E. (2003): Macht ohne Recht. In: “Die Zeit” vom 10.Juli 2003.
Oroczo, T. (2003): Männlichkeitskonstruktionen in der Carl-Schmitt-Rezeption. In: “Das Argument”, H. 250 / 2003.
Rosenfelder, A. (2003): Feind denkt auch. Partisanenkrieg in der Medienlandschaft. Eine Kölner Tagung. In: “Frankfurter Allgemeine Zeitung” vom 9. Juli 2003.
Schmitt, C. (1934): Der Führer schützt das Recht. In: “Deutsche Juristen-Zeitung” vom 1. 8. 1934.
Schmitt, C. (1985): Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. Duncker & Humblot, Berlin. Vierte Auflage.
Sombart, N. (1991): Die deutschen Männer und ihre Feinde. Hanser, München.
Sombart, N. (2003): Die Frau ist die Zukunft des Mannes. Aufklärung ist immer erotisch. Herausgegeben von F. Hager, Dielmann, Frankfurt am Main. (I)
Sombart, N. (2003): Journal intime 1982/83. Rückkehr nach Berlin. Elfenbein, Berlin. (II)


Dieser Text wird auch in der Zeitschrift Sexuologie, Jg. 2003, erscheinen.