KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2021
über Gunnar Decker:
Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR
Gerd Dietrich
Das Unabgegoltene
Gunnar Decker: Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR, Aufbau Verlag Berlin 2020, ISBN 978-3-351-03740-6, 432 S., 28,00 €


Der Titel ist Christa Wolfs „Kein Ort. Nirgends“ entnommen, das von der fiktiven Begegnung Heinrich von Kleists mit Karoline von Günderrode erzählt. „ Zwischen den Zeiten“, heißt es da, „ist zwielichtiges Gelände, in dem verirrt man sich leicht und geht auf geheimnisvolle Weise verloren“. Zwielichtig seien gewissermaßen die letzten Jahre der DDR gewesen. Nachdem mit der Biermann-Ausbürgerung ein Exodus von Künstlern und Schriftstellern in den Westen eingesetzt hatte und Melancholie aufkam, setzte mit Gorbatschow ein neues Tauwetter von Osten her ein und die Utopie kehrte zurück, die vor allem Intellektuelle und Aussteiger aller Art lebten. Darum steht auch als Motto dem Buch voran: „…wir alle hatten uns an diesen Zustand zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit gewöhnt“. (Christa Wolf: Sommerstück) Zwielichtig natürlich auch, weil diese Zeiten höchst unterschiedlich erinnert werden und weil dem westlichen Siegerblick nach 1990, der die Geschichte der Ostdeutschen bis heute dominiert, dieser Emanzipationsprozess entgangen ist, der lange vor 1989 einsetzte,. „Umso mehr scheint hier eine Korrektur nötig“. Decker geht es um nichts anderes als einen neuen Blick auf die 80er Jahre, um „die Aneignung der eigenen - höchst widersprüchlichen – Geschichte durch die Akteure dieser Geschichte“. (S. 13)

Das Buch „will keine soziologische Studie sein, auch keine Politik-, nicht einmal eine Kulturgeschichte, obwohl diese Bezeichnung das Folgende noch am ehesten träfe“, beschreibt Decker sein Konzept. „Ich suche nach Bildern für die Schlussphase der DDR – und damit korrespondierend immer auch für jene der Sowjetunion. Da geht es um hochfliegende Menschheitshoffnungen, die von tiefen Ängsten begleitet werden, um mühsame Versuche Einzelner, den Widerspruch zwischen Anspruch und Realität, Wahrheit und Lüge auszuhalten. Es geht auch um Verrat und Verbrechen“. (S. 23/24) „Für diese Gemengelage - die man auch die Utopie vom Anderswerden nennen kann – suche ich keine strenge Chronologie, sondern symbolische Kreise, die für die späten Jahre der DDR stehen“. (S. 26)

Insonderheit handelt es sich hier um eine Intellektuellen-, eine Ideen- und Milieugeschichte der 80er Jahre, denn im Mittelpunkt stehen Schriftsteller, Filmemacher, Theaterregisseure und bildende Künstler aus der DDR und der Sowjetunion. „Mir war auf dieser Reise durch die Zeit vor allem wichtig, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Franz Fühmann, Heiner Müller, Christoph Hein, Jurek Becker, Klaus Schlesinger, Volker Braun, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer zu folgen … parallel dazu von den Russen Michail Bulgakow, Tschingis Aitmatow, Daniil Granin, Valentin Rasputin, Michail Schatrow, die Regisseure Andrej Tarkowski, Tengis Abubadse in den Fokus zu rücken“ und vor allem Michail Gorbatschow selbst“. (S. 401). Aber auch Philosophen wie Rudolf Bahro, Ernst Bloch und Gerd Irrlitz spielen eine Rolle und viele andere. Decker begibt sich auf eine Zeitreise in eine „Endzeit, in der meine Generation den Glauben an den Sozialismus verlor, um ihn 1985 … für kurze Zeit wiederzufinden. Dann dominierte erneut die Skepsis“. (S. 18) Literatur und Kunst werden nicht allein als Lebens- sondern vor allem als Überlebensmittel beschrieben. Die Stellung der Autoren in der DDR-Gesellschaft war gewissermaßen „königsgleich“. (S. 233)

Insofern strebt das Buch keine objektive und chronologische Darstellung an, sondern es ist eine subjektive Auswahl und Interpretation jener Intellektuellen, die für den Autor schon damals eine wichtige Rolle gespielt haben. Der war im Jahr 1990 fünfundzwanzig und Student der Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bas Buch ist somit auch ein Erinnerungs- und ein Generationenbuch, denn es ist aus „der Perspektive der dritten Generation“ (S. 25), die man auch die Generation der Hineingeborenen nannte, geschrieben. Im Unterschied zu den bürgerbewegten Basisgruppen innerhalb dieser Generation verortet sich Decker wohl eher im Diskurs der dritten SED-Reformergeneration. Einerseits ist das der Text eines Zeitzeugen und teilnehmenden Beobachters, andererseits hat er für das Schreiben dieses Buches vieles zum zweiten Mal gelesen, das auch dreißig Jahre später bleibenden Wert bewahrt hat, sowie manches neu entdeckt, wie z. B. Alfred Wellms „Morisco“.

Der Prolog setzt ein mit der Interpretation von Wolfgang Mattheuers Skulptur „Jahrhundertschritt“. Dem Text vorangestellt ist ein Kapitel, das die „Zeit der großen Beerdigungen" in der Sowjetunion von Breschnew bis zum Amtsantritt von Gorbatschow sowie die ökonomischen Entwicklungen als Rahmenbedingung behandelt. Dem folgen fünf Themenkreise, die hier nur stichpunktartig erfasst werden können.

Im ersten Themenkreis, „Der Preußische Ikarus“ überschrieben, geht es um kritische Ortsbestimmungen. Er beginnt mit der Biermann-Ausbürgerung im November 1976, Strittmatters „Wundertäter“ III und Monika Marons Roman "Flugasche", der das Problem Umweltverschmutzung in Bitterfeld aufgriff und nur im Westen erscheinen konnte. Der Abschnitt thematisiert die Suche nach der sozialistischen Nation in Geschichtswissenschaft, Kunst und Literatur und das Interesse an Luther, Friedrich II. und Bismarck, die mit den Enttäuschungen in der DDR erklärt werden. Ferner wird zeitgenössische Literatur vorgestellt, wie Günter de Bruyns "Märkische Forschungen" und Christine Wolters "Alleinseglerin", und gedeutet als Ausdruck individueller Bewältigungsversuche der politisch-gesellschaftlichen Situationen.

Der zweite Themenkreis „Schwarzsehen und Weitblick“ beginnt mit den Ausschlüssen aus dem Schriftstellerverband, widmet sich dann Christa Wolfs "Kassandra", die den antiken Mythos im Hinblick auf die damalige Zeit deutet, widmet sich russischer Literatur, die die Breschnew-Ära kritisch spiegelte, um dann die Hinwendung zur Romantik als subjektiven Fluchtweg bei Wolf oder Franz Fühmann vorzustellen. Literarisches Schreiben wird – so wie die Bücher von Jurek Becker – als Suche "nach Lebensalternativen in der DDR" (S. 150) oder Christoph Heins "Der fremde Freund" und "Horns Ende“ als existentielle "Selbstvergewisserung" interpretiert: "Wir wollten endlich wissen, wie es wirklich um uns stand." (S. 152) Christa Wolfs "Was bleibt" bezeichnet der Autor als Resümee angesichts der Schwierigkeiten der Autorin mit der sozialistischen Realität der DDR.

Der dritte Themenkreis „Reue und Renitenz“ setzt mit dem Umschmieden „Von Schwertern zu Pflugscharen“ ein, eine der wenigen Passagen, in denen die Oppositionsbewegung auftaucht. Im Zentrum des dritten Teils stehen Gorbatschow und seine Reformpolitik. Eingehend wird dessen Biografie dargestellt und nach den spezifischen Wurzeln seiner Politik gefragt. Der Autor verschweigt nicht die Fehler, Schattenseiten und Misserfolge der Reformpolitik – die Prohibition, die Reaktion auf Tschernobyl. Und doch ist Gorbatschow für ihn Realist und Utopist zugleich, der in besonderer Weise in der Kultur Resonanz und Unterstützung mobilisieren konnte, wie an einigen Beispielen gezeigt wird. Die „Intelligenz“ habe er, so formuliert Decker pointiert, als Subjekt der neuen Politik betrachtet.

Im vierten Themenkreis „Prometheus verlässt den Raum“ werden die Perestroika-Folgen für die späte DDR dargestellt: Es beginnt mit Christoph Heins Rede gegen die Zensur auf dem X. Schriftstellerkongress 1987, umfasst Christa Wolfs "Störfall", russische Publikationen und ihre politisch umstrittene Rezeption in der DDR und endet mit dem Streit um Ernst Bloch und Friedrich Nietzsche in "Sinn und Form". Aus der Sicht Deckers hat Gorbatschow bei Kulturschaffenden der DDR, die im Gegensatz zur Politik der SED-Führung standen, das utopische Denken noch einmal angeregt, auch wenn es letztlich an der Wirklichkeit scheiterte.

Der fünfte Themenkreis „Flüstern und Schreien“ nähert sich dem Ende der DDR an. Rudolf Bahros radikales Reformprogramm "Die Alternative“ sowie das auf eine Erneuerung des Sozialismus zielende Projekt an der Humboldt-Universität um die Brüder Brie, Rainer Land und Dieter Segert werden angesprochen. Auch die "Umweltbibliotheken" lassen Bemühungen erkennen, das System erneuern zu wollen. Als charakteristische Phänomene werden die zwiespältige Figur des Kulturfunktionärs Klaus Gysi, aber auch das Verhalten der Theaterregisseure Frank Castorf und Alexander Lang angeführt, die die überkommene Revolutionsrhetorik museal erscheinen ließen: "An radikale Umwälzungen wollte man nicht mehr glauben – blind für jene Revolution vom Herbst 1989, auf die der unerträgliche Stillstand, in dem man gefangen war, hintaumelte" (S. 320). Von den interessanten Geschichten, die dieses über das Ende der DDR hinausgreifende Themenfeld umfassen, zählen die im Streit über das DDR-Erbe zerbrechende Freundschaft zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf sowie Walter Jankas Text "Schwierigkeiten mit der Wahrheit", der im Oktober 1989 eindrucksvoll auf den in der DDR nicht aufgearbeiteten Stalinismus verwies.

Gunnar Decker umreißt einen vielseitigen geistigen Raum, eine reiche Kulturlandschaft und ein Kaleidoskop des künstlerisch-intellektuellen Milieus der untergehenden DDR, die deutlich der Vorstellung von einer Zeit der Agonie widersprechen. Natürlich könnte man noch eine ganze Reihe von Namen und Werken nennen, die nicht erwähnt werden-. Decker verweist in einem PS selbst darauf. Zwei marginale Korrekturen sind angebracht: Richard von Weizsäcker war nicht unter den Anwesenden bei der Umschmiedeaktion im Lutherhof zu Wittenberg 1983, sondern, nach Friedrich Schorlemmer, als Teilnehmer des Kirchentags nur ganz in der Nähe. Und Konrad Wolf hat sich in „Solo Sunny“ (1980) nicht erstmals auf die Widersprüche der Gegenwart eingelassen, sondern schon sechs Jahre zuvor in dem wunderbaren Film „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ von 1974.

Im Epilog bekennt Decker: „In den letzten Jahren der DDR war ich zukunftsgierig und zukunftsängstlich zugleich. Man kann auch sagen, auf seltsam kraftvolle Weise melancholisch. Oder auch sehr jung und uralt zugleich“. (S. 397) Und er spricht sich deutlich gegen den medialen Rufmord an jenen Intellektuellen aus, die den Wende-Herbst geistig vorbereiteten. „Die Hoffnungsträger auf eine andere DDR wurden ab Anfang 1990 schlicht kaltgestellt, sollten ihrer moralischen Integrität beraubt werden“. (S. 156) Vor allem deshalb wendet sich dieses lesenswerte Buch „dem voreilig Begrabenen, das auf unheilvolle Weise umhergespenstert“ , mit großer Sachkenntnis zu. „Denn vielleicht ist auch ein Stück Zukunft mit begraben worden? ... Irgendwann bricht das lang Zurückgestaute wieder hervor“. (S. 20) Ernst Bloch nannte es das „Unabgegoltene“ in der Geschichte.