KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2021
über Yana Milev:
Entkoppelte Gesellschaft - Ostdeutschland seit 1989/90, Band 3: Exil
Gerlinde Irmscher
Ostdeutsche im Exil?
Yana Milev,: Entkoppelte Gesellschaft - Ostdeutschland seit 1989/90, Band 3: Exil, Peter Lang, Berlin, 2020

Das hier zu besprechende Werk gehört zu einem teils bereits realisierten, teils noch geplanten Zyklus von neun BĂ€nden, mit dem das Ziel verfolgt wird, anhand von soziologischen Daten wie medialen Zeugnissen darzustellen, wie und warum Ostdeutschland heute vielfach als „entkoppelte Gesellschaft“ erscheint. Neben der Zeitdiagnose solle auch die politische Bildung befördert werden. Diese Aufgabenstellung ergibt sich aus den Interessen der Förderer des Projekts, zu denen neben akademischen auch Institutionen wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. mit eher praktisch-politische Interessen gehören. Das Projekt, dem Yana Milev vorsteht, reiht sich damit in eine Reihe von Bilanzierungs- und ErklĂ€rungsversuchen ein, die dreißig Jahre nach dem Ende der DDR einfordern, die altbekannten Wege der Diffamierung der DDR zu verlassen (die im Übrigen komplementĂ€r die westdeutsche Geschichte zu einer reinen Erfolgsstory verklĂ€rt haben). Am Ende soll ein „umfassendes Kompendium der neoliberalen Entkopplung am Beispiel (Ost-)Deutschlands“ vorliegen (S. 25). Der Terminus „Kompendi-um“ verweist auf die vorherrschende Untersuchungs- und Darstellungsweise, die zwar „eine politische Theorie, eine politische Soziologie und eine politische Psychologie der sogenannten ‚Wiedervereinigung‘“ (S. 24) bieten soll, letztendlich aber dazu dient, umfassendes Datenmaterial zu sichten, zu ordnen und zu bewerten. Man könnte auch von einer Theorie geleiteten Dokumentation mit politischem Anliegen sprechen.

Nach 1990 passierte etwas, womit die meisten Ostdeutschen nicht gerech-net hatten: ein fundamentaler Wandel, ja eine Zerstörung ihrer alltĂ€glichen Lebenswelt, der SelbstverstĂ€ndlichkeiten und des SelbstverstĂ€ndnisses. Sie entwickelten unterschiedliche Strategien, um damit fertig zu werden, um wieder belastbare Grundlagen ihres Lebens aufzubauen. Das gelang vielen mehr schlecht als recht. Den Ostdeutschen wurde manches auferlegt, das Milev streitbar als Annexions-, Vertreibungs- und Assimilationspolitik charakterisiert. Das sind politische Strategien, die fĂŒr koloniale Unterwerfung charakteristisch sind und Rassismus generieren. Im Ergebnis wurden und werden die „Eingeborenen“ diskriminiert, inferiorisiert und ethnisiert.

ZunĂ€chst behandelt Milev staatliches Handeln seitens der Bundesbehörden, die unter Negierung von Widerstand und AlternativvorschlĂ€gen aus einem Industrieland ein Entwicklungsland gemacht hĂ€tten. Letztere werden ausfĂŒhrlich dokumentiert und belegen, dass viele Ostdeutsche engagiert fĂŒr ihre Interessen eintraten - allerdings ohne Erfolg. Im Zentrum der Betrachtung steht das Wirken der Treuhandanstalt, die tatsĂ€chlich in einem „Abwick-lungsfeldzug“ (S, 265) nach nur vier Jahren „eine flĂ€chendeckende Vernichtung des Produktivvermögens der DDR und einen sozialen Niedergang in bisher nicht gekanntem Ausmaß“ hinterließ.

Die „Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur“ und die Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) gelten Milev als „Schwesterbehörden“ der Treuhand-Anstalt: Liquidierung und Nihilierung seien nur zwei Seiten derselben Medaille.

Im zwölften Abschnitt des mit den an Freud gemahnenden Begriffen „Trau-ma und Tabu“ ĂŒberschriebenen zweiten Teils wird das „Trauma“ unter RĂŒckgriff auf entsprechende soziologische Theorien nĂ€her als „Entkopplung und Entortung“ beschrieben. Dem entsprechen kulturelle Verwerfungen (von Milev als „politischen Psychologie“ eingefĂŒhrt), die letztlich das Selbst der NeubundesbĂŒrger in Frage stellen mĂŒssen. Die Rezensentin erinnert das an eine „Eulenspiegel“-Karikatur aus den frĂŒhen 1990er Jahren: Ein Ostdeutscher ĂŒbergibt jemandem seine Visitenkarte und bemerkt dazu, dass darauf fast nichts mehr stimmt, die Telefonnummer nicht, der Straßenname, die Berufsbezeichnung und so fort. Am Ende zieht er die Karte zurĂŒck, sie scheint ihn nicht mehr zu reprĂ€sentieren.

Diese Auflösung des Selbst wird massiv befördert durch das, was Milev die „christlich-demokratische SĂ€uberung“ (S.358) nennt, durch Antikommunis-mus, Antisozialismus und Antiatheismus im Verein mit der Abwertung von Sozialstaatlichkeit und Innovationen in der DDR. Das ist nicht ohne demo-grafische, psychosoziale und gesundheitliche Folgen abgelaufen, deren Darstellung zu Recht fast einhundert Seiten gewidmet werden. Sie werden noch lange gesellschaftliche RealitĂ€t sein, weshalb zum Abschluss des Bandes gefragt wird, ob es „eine Zukunft der Gleichbehandlung und des Wohlstands fĂŒr (Exil-)Ostdeutsche in Ostdeutschland“ geben könne (S. 505) und welche Wege zu beschreiten wĂ€ren.

Das sieht die Rezensentin eher pessimistisch und zwar aus folgendem Grund: Die (Exil-)Ostdeutschen, wenn man bei diesem Begriff bleiben will, leben in einem Land, das mehrheitlich von Westdeutschen bewohnt wird. Erst diese machen es sinnvoll, den Begriff des Exils ĂŒberhaupt zu gebrauchen. Sie haben der im vorliegenden Band kritisierten Vereinigungspolitik (fast) nichts entgegengesetzt, und zwar teilweise gegen die eigenen Interessen (siehe Neoliberalismus). Sie haben, bewusst oder unbewusst, daran mitgewirkt, dass die Autorin von den Ostdeutschen „als Einwanderer(n) und Fremde(n) im eigenen Land“ (S. 22) sprechen kann. Erst der Blick auf die reziproke Wahrnehmung schafft nach Auffassung der Rezensentin ein Gesamtbild. Hier könnte das Konzept der alltĂ€glichen Lebenswelt von Alfred SchĂŒtz eine theoretische Basis liefern, dessen Fruchtbarkeit ihr Schöpfer, ein österreichischer Jude und Exilant in den USA, selbst in einem Essay „Der Fremde“ aus dem Jahre 1944 vorgefĂŒhrt hat. Auch die strukturelle Ähnlichkeit der Lage von Ostdeutschen mit Migranten, wie sie Foroutan/Hensel diskutieren, wird aus dieser Perspektive evident. (Vgl. dazu u. a. : Foroutan, Naika; Hensel, Jana: Die Gesellschaft der Anderen, Berlin 2020 und Irmscher, Gerlinde: „Fremde im eigenen Land?“ Ein Angebot zur Interpretation, in: Kulturation. Online Journal fĂŒr Kultur, Wissenschaft und Politik, 33/2011.)

Leserinnen und Leser können gespannt sein, welche Ergebnisse die folgenden BĂ€nde noch zu Tage fördern werden - Yana Milev ist zu wĂŒnschen, dass dieses Projekt wie geplant vollendet werden kann.