KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2/2003
über Wieland Becker, Volker Petzold:
Tarkowski trifft King Kong. Geschichte der Filmklubbewegung der DDR.
Lutz Haucke
Zwischen Basisdemokratie und Zentralismus: Filmklubs in der DDR
Berlin: Vistas 2001, 464 Seiten 30,-€
In der DDR existierte seit Mitte der 50er Jahre eine Filmklubbewegung mit verschiedenen Trägern (Kulturbund, FDJ, DSF u.a.), die ihre ersten Höhepunkte zwischen 1964 und 1968 (AG Filmklubs mit Fred Gehler als Vorsitzenden beim Club der Filmschaffenden) hatte und einen bedeutenden quantitativen Anstieg 1973 bis 1977/78 (ZAG Filmklubs beim Ministerium für Kultur als Leitungsorgan) aufwies ( zur quantitativen Entwicklung der Filmklubbewegung vgl. S.447). Anfangs bestanden Überlegungen, ein Nationales Zentrum der Filmklubbewegung zu gründen, was aber Ende der sechziger Jahre aufgegeben wurde als der Verband der Film- und Fernsehschaffenden und der Kulturbund sich der Filmklubbewegung, wenn auch mit Vorbehalten annahmen. In den 80er Jahren wurden erstmals die Aufgaben, die rechtliche Stellung und die Finanzierung im Rahmen eines Gesetzes über die Filmklubs (1980) verankert. Damit war eine Unterordnung unter die HV Film des Ministeriums für Kultur und die Räte der Bezirke notwendige Folge und die Zentrale Arbeitsgemeinschaft der Filmklubs wurde, wie die Autoren schreiben, zu einer „Unterabteilung der HV Film“ (S.324). Trotz dieser Zentralisierung durch den Staatsapparat setzte die reich differenzierte Landschaft der Filmklubs durch eine Vielzahl zentraler Weiterbildungsveranstaltungen, meistens in Trägerschaft des Bundessekretariats des Kulturbundes, aber auch des Zentralrats der FDJ, wertvolle Akzente, so dass man durchaus von einer weit ausstrahlenden Wirksamkeit der Filmklubbewegung sprechen kann. Die 300 – 500 Filmklubs der 80er Jahre verstanden sich allerdings selbst oftmals als Fluchtpunkte der Nischenkultur in der DDR. Sie unternahmen eine Vielzahl von Aktivitäten, um das durch die staatliche Einkaufspolitik monopolisierte Filmangebot von Progress zu umgehen. Sei es durch die Nutzung der Bestände des Staatlichen Filmarchivs oder solcher von Botschaften bzw. Kulturhäusern osteuropäischer Staaten (übrigens ist darin ein Grund zu sehen, warum in der Filmklubbewegung der DDR von den 60er bis zu den 80er Jahren ein vorrangiges Interesse am osteuropäischen Film und weniger am westeuropäischen Film favorisiert wurde). Während die Filmklubs sich als Alternative zum regulären Kinobetrieb und als öffentliche Diskussionsklubs verstanden, wurde seitens von Progress und auch staatlicher Leitungsebenen immer wieder eine Bestimmung als Ergänzung des regulären Kinobetriebes angestrebt und gefordert. Dies schuf viele Interessenkonflikte, setzte aber auch seitens der Filmklubs kluge Ideen alternativer Programmgestaltung an der Basis in Bewegung (vgl. hierzu S.63-82; S.210-223; S.405f.; S.420f.).

Hinzu kam, dass durch die Mitgliedschaft in der internationalen Föderation der Filmklubs (FICC), die von Großbritannien, Frankreich und Italien dominiert war und der die Sowjetunion nicht angehörte, die DDR-Filmklubbewegung international wirksam werden konnte. So entfaltete Kurt Maetzig als Vorsitzender der ZAG Filmklubs in den 70er Jahren in der FICC gewichtige Aktivitäten in seiner Funktion als Vizepräsident im Exekutivkomitee und als späterer Ehrenpräsident. Durch die Kooperation der DDR mit Polen innerhalb der FICC wurden Aktivitäten der osteuropäischen Gruppe erstmals möglich. Ausgangspunkt war das von der DDR 1975 ausgerichtete 1. Regionalseminar der osteuropäischen Länder der FICC und die Generalversammlung 1976 in Potsdam. In den 80er Jahren war die Filmklubbewegung der DDR , vertreten durch Kurt Maetzig, Erika Richter und Wolfgang Kernicke, intensiv an der Arbeit der FICC beteiligt (u.a. 4 internationale Weiterbildungsseminare 1981,1983,1985,1988 und Gastgeber der Generalversammlung der FICC 1989 in Reinhardsbrunn/Thüringen). Die Autoren betonen, dass diese internationalen Repräsentanzen nicht über die reale internationale Wirkung der Filmklubs hinwegtäuschen können. Auf die internationale Arbeit, die in der DDR hohe kulturpolitische Wertschätzung erhielt, hatten die Filmklubs an der Basis keinen Einfluss. Die Filmklubbewegung in der DDR, die quantitativ und qualitativ einen hohen Standard der Filmkultur und des öffentlichen Meinungsstreits erreichte, war von Beginn an von dem Widerspruch gekennzeichnet zwischen basisdemokratischer Eigenorganisation und zentralistischer Verfügungsgewalt, insbesondere durch den kulturpolitischen Dirigismus des Ministeriums für Kultur und seiner Hauptverwaltung Film. Die Versuche seitens der Filmklubs, ein zentrales Forum, die Zentrale Arbeitsgemeinschaft der Filmklubs (der erste Anlauf erfolgte 1963, dann erneut 1973) zu schaffen, um Programmarbeit, Weiterbildung und Information und Publikation besser koordinieren zu können, war immer letztlich diesem Dirigismus ausgesetzt. Das ging soweit, dass in den frühen 80er Jahren der stellvertretende Direktor von Progress, Rudolf Winter, zum Leiter der Arbeitsgruppe Programmgestaltung berufen wurde: „ein Mann, der gar nicht anders konnte (und wollte) als die staatliche Filmpolitik wie auch die praktische Spielplan- und Einkaufspolitik des Verleihs mit aller Konsequenz zu vertreten“(S.329).

Dieses Feld der Interessenkonflikte zwischen Selbstorganisation der Klubs und staatlichem Dirigismus ist der durchgängige rote Faden, den die Autoren in ihrem Buch verfolgen und um den sie mit Akribie und unter Ausnutzung aller zugänglichen Quellen (10 Archive wurden ausgewertet u.a. die Archivunterlagen des Ministeriums für Kultur, vor allem der HV Film, des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden, der Zentralen Arbeitsgemeinschaft der Filmklubs in der DDR , der FICC u.a.) das Material gruppieren. Beide Autoren sind ausgewiesene langjährige Kenner der Filmklubbewegung der DDR. Wieland Becker war in verschiedenen filmpolitischen Gremien seit den 70er Jahren tätig. Volker Petzold war von 1986 bis 1991 beim Bundessekretariat des Kulturbundes der DDR für die Filmklubarbeit zuständig.

Beide haben die Überleitung der Filmklubbewegung der DDR in den Interessenverband für Filmkommunikation im Jahre 1990 begleitet und damit klingt das Buch auch aus („Schritte in die Selbständigkeit[1989-1990]“, S.374 -81). Angemerkt werden muss aus heutiger Sicht, dass trotz aller Widersprüche zwischen basisdemokratischer Organisation und zentralistischem Dirigismus in der DDR die Filmklubbewegung in der DDR breiter und lebendiger war als dies für die Entwicklung des Interessenverbandes für Filmkommunikation in der BRD gesagt werden könnte. Der IVFK befindet sich 2003 kurz vor seiner Auflösung. Die Filmklubbewegung der DDR hat also nicht als Erbe und nicht als Tradition weiterwirken können. Sie ist ein einmaliges Phänomen der Kulturarbeit und Kulturpolitik in der DDR geblieben.

Es ist den Autoren zu danken, dass sie einen Aufbau für das Buch wählten, der dieses Phänomen bis in die Einzelheiten akribisch analysiert. So gliedert sich das Buch zum einen in einen historischen Teil, in dem die verschiedenen Etappen der Filmklubbewegung dargestellt werden wie „Von den Anfängen der filmkulturellen Arbeit in der SBZ und der DDR (1945-1962)“ (S.24-99), „Auf der Suche nach einem filmkulturellen Selbstverständnis (1963-1970)“ (S.108- 191), „Neugestaltung mit Forderungen nach Öffentlichkeit und Demokratie (1971-1978)“ (S.200-269), „Verstaatlichung der Filmklubbewegung und Selbstbehauptung in der Nischenkultur(1979-1989)“ (S.292-356). Diese historischen Darstellungen werden jeweils eingeleitet von einem Überblick über die kulturpolitischen Konstellationen in der jeweiligen Periode in der DDR. Das ermöglicht dem Leser, wichtige kulturpolitische Schnittpunkte als Rahmenbedingungen der Filmklubbewegung mitzudenken (z.B. Formalismus-Debatte und Bitterfelder Weg [S.24-30], die Entwicklung nach dem Bau der Mauer [S.108-114], die Filmpolitik und die DEFA-Entwicklung zwischen 1971-78 [S.200-208] und 1979-1989[S.292-299]). Andererseits gab es Fragen der Spezifik der Filmklubbewegung, die ohne eine exkursive Darstellung nicht zu bewältigen waren. So findet der Leser in jedem Kapitel einen informativen Exkurs zu einem Problemfeld. Es seien aufgezählt: Exkurs 1: Das Lichtspielwesen der DDR (S.100-104) , Exkurs 2: Die Filmclubbewegung der BRD (S.192-197), Exkurs 3 zur wechselvollen Geschichte des Berliner Filmkunsttheaters CAMERA, einer wichtigen Institution der Filmklubbewegung der DDR (S.270-289), Exkurs 4: Kinderfilmklubs und Medienpädagogik (S.357-371), Exkurs 5: Die Bezirksarbeitsgemeinschaften Filmklubs (S.382-386).

Als wertvoll erweisen sich die Anlagen zu den Kapiteln. Die Autoren stellten hier auf über 50 Seiten eine Vielzahl von Dokumenten, Statistiken, Übersichten zu Filmangeboten in der DDR, zur Verleihtätigkeit des Staatlichen Filmarchivs, zu umstrittenen Konzepten von Weiterbildungsseminaren und Übersichten zu den Filmklubs (von denen es in den 80 Jahren bis zu 500 in der DDR gab) zusammen. Eine Zeittafel zur Geschichte der Filmklubbewegung beschließt den Band.

Als 1981 und 1986 das 20 bzw. 25jährige Bestehen der Filmklubbewegung in der DDR feierlich begangen wurde, wurden gewichtige und umstrittene Kapitel – insbesondere die Entwicklung um 1967/68 und das Scheitern der AG Filmklubs und der ersten von Fred Gehler und Michael Hanisch entwickelten Weiterbildungskonzepte – ausgeklammert. Die Vorgänge, die in die Zeit der Auseinandersetzungen um die CSSR 1968 fielen, endeten mit einem Berufsverbot für Fred Gehler und führten zu Hanischs Rückzug aus der Filmklubbewegung. Es ist das Anliegen der Autoren, mit einer akribischen Prüfung der Archivakten die damals verhängnisvollen Vorgänge im Ministerium für Kultur bzw. der HV Film, aber auch im Verband der Film- und Fernsehschaffenden zu rekonstruieren (vgl. S.158-178; S.410-417).

Während für die DEFA die Verbote des 11.Plenums des ZK der SED (1965) verheerend waren, gelang es der AG Filmklubs im Rahmen ihrer Weiterbildungsseminare in Meißen-Siebeneichen noch die Filme der Tschechischen Neuen Welle vorzuführen (1966). Die Tschechische Neue Welle wurde in der Zeitschrift FILM, die von der AG Filmklubs von 1964-1968 herausgegeben wurde, kontinuierlich als Neuerung in Osteuropa verfolgt, was dann zum Verbot der Ausgabe von FILM 68 führte. Die Verfasser machen deutlich, dass ursprünglich für die Meißner Tagungen 1968 Themen wie Traditionen der DEFA und für 1969 DEFA+progressive Traditionen, aber auch Expressionismus, Neorealismus, Renoir (vgl.S.159) in der Diskussion waren. Beim Erarbeiten einer Dokumentation schwankten schließlich die Konzepte zwischen Sozial- und Gesellschaftskritik im deutschen Film 1922-1932 und Film im Klassenkampf. Beiträge zur Geschichte der proletarisch-revolutionären Filmarbeit 1918-1945. Während Gehler und Hanisch einen weiter gefächerten Blick auf die Filmgeschichte der Weimarer Republik geltend machten und damit an einem nationalgeschichtlichen Konzept der deutschen Filmgeschichte festhielten- auch mit Blick auf die Traditionen der DEFA, wurde von dem ehemaligen Kulturbund-Funktionär Karl Tümmler die Eingrenzung auf die proletarisch-revolutionäre Filmtradition durchgesetzt, wobei Tümmler mit einer inszenierten Intrige innerhalb des Ministeriums für Kultur mit dem Vorwurf des Revisionismus gegen Gehler und Hanisch zu Felde zog.

Bezeichnend für diese Auseinandersetzungen ist, dass in der Filmklubbewegung der DDR zwischen 1967/68 Kontroversen ausgetragen wurden, die längerfristig in der filmhistorischen Forschung in der DDR auszumachen sind. Die Verfasser sprechen zwar auf S.162 (Fußnote 181) von einer Ablehnung des Instituts für Filmwissenschaft Berlin an der Mitarbeit an der von der AG Filmklubs geplanten Dokumentation. Sie übersehen aber, dass nach dem 11.Plenum (1965) die 1960 von Heinz Baumert, dem Direktor des Instituts für Filmwissenschaft, vorgetragene Forderung nach einem nationalgeschichtlichen Konzept und einem Projekt zur Filmgeschichte der Weimarer Republik fallen gelassen wurde und im Gefolge eine verengte Sicht auf die sozialistischen Traditionen verfolgt wurde. Wie folgenreich diese Weichenstellung in der filmwissenschaftlichen Forschung der DDR war, zeigen die Forschungsprojekte der 70er Jahre an diesem Institut: Film und revolutionäre Arbeiterbewegung in Deutschland 1918-1932.Dokumente und Materialien zur Entwicklung der Filmpolitik der revolutionären Arbeiterbewegung und zu den Anfängen einer sozialistischen Filmkunst in Deutschland, Bd.1, Bd.2, Berlin: Henschel 1975 (hieran arbeitete Karl Tümmler mit) und Film- und Fernsehkunst der DDR. Traditionen, Beispiele, Tendenzen. Berlin: Henschel 1979.