KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 24 • 2021 • Jg. 44 [19] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2021
über Helmut Reinalter:
Arnold Ruge (1802-1880) Junghegelianer, politischer Philosoph und bürgerlicher Demokrat
Horst Groschopp
Loge des Humanismus
Helmut Reinalter
Arnold Ruge (1802-1880)
Junghegelianer, politischer Philosoph und bürgerlicher Demokrat
Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2020, 267 S. ISBN 978-3-8260-7120-1, 49,80 €


Die Überschrift zu dieser Rezension ist der Titel einer Broschüre des von Helmut Reinalter porträtierten Arnold Ruge (1802-1880) aus dem Jahre 1852. Zum Zeitpunkt der Publikation, nach intensivem Eingreifen Ruges in den Verlauf der Revolution von 1848/1849, befand sich dieser bereits im englischen Exil. Er verfasste dort ein Manifest, einen Aufruf an die Europäer, besonders die Deutschen, trotz der Niederlage Institutionen zu schaffen, die das humanistische Ideal bewahren, denn die Sache „der Humanität wird von den Völkern wieder aufgenommen werden“. (Loge, S. 9)

„Unsere Sache ist es nun, mitten in der Tyrannei die Loge des Humanismus zu stiften, die unsichtbare Kirche des Menschenthums, eine ungebundene Freimauerei für unsere Principien, eine offene Verschwörung für die Rettung aller Eroberungen des deutschen Geistes, und lebendig zu erhalten den Glauben an die Einheit und Freiheit unserer Nation, der Retterin aller andern.“ (Loge, S. 9)

Reinalter (Jg. 1943) geht in seiner Biographie immer wieder auf diese programmatische Schrift ein (z.B. 135 ff., 166 ff.), weil sie zum einen eine Art prägnantes Vermächtnis von Ruges Ideen darstellt. Zum anderen ist diese Schrift auch eine Art Trotzreaktion, die auf Karl Marx zielt, mit dem er sich während der Edition der „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ (1843-1845) unwiderruflich entzweite, unter anderem wegen seines eigenen Festhaltens an einem bürgerlichen Humanismus, im Gegensatz zu jenen, die sich sozialistischen und kommunistischen Ideen zuwandten. Ruge beharrt, auch in dieser Schrift, auf den Philosophien Kants, Fichtes und Helgels als noch zu verwirklichendes freiheitliches Denken. Auf dem Thema Humanismus in seinem Zusammenhang mit der frühen Freidenkergeschichte soll im Folgenden der Schwerpunkt dieser Besprechung liegen.

Die von Reinalter vorgelegte, dem biographischen Lebenslauf chronologisch folgende Studie über Ruges Aktivitäten und Werk ist wie die anderen vom Autor, einem ausgewiesenem österreichischen Ideenhistoriker, vorliegenden Geschichtsdarstellungen zugleich eine sehr gut lesbare kultur- und gesellschaftshistorische Betrachtung der Zeitumstände, politischen Verhältnisse und philosophischen Debatten.

Reinalter führt die Leserschaft ausführlich in die drei „Bereiche“ ein, die im Untertitel hervorgehoben werden. Er betrachtet Ruge als Junghegelianer, politischen Philosophen und bürgerlichen Demokraten. Das Buch enthält zudem hilfreiche Register und weiterführende Literatur- und Quellenangaben. Die Fußnoten sind präzise ausgewählt, geraten aber am Schluss der Studie, die Ruges fernere Wirkung und die Ruge-Forschung beschreibt, sehr opulent. Sie geben aber enggedruckt wichtige weitere Literaturhinweise. Am Ende des Buches finden sich (im Anhang als Faksimile gedruckt, vgl. S. 209-233) die Erinnerungen der Ehefrau Agnes W. Ruge von 1881 über ihr Leben in Brighton, der neuen Heimat.

Das Buch ist in 14 Kapitel gegliedert, die jeweils Schaffensetappen erfassen und darstellen. Sie zeigen Ruges Werdegang als Philosoph, Journalist, Redakteur, Herausgeber von Jahrbüchern und Zeitungen, Hegel- und Religionskritiker, demokratischen Parlamentarier in der Paulskirchenversammlung, Aufklärer und Humanist. Reinalter erläutert Ruges politische Vorstellungen und beschreibt Kooperationen (etwa mit Julius Fröbel); das alles mit einer Betonung auf der Zeit, die Ruge in die Geschichtsbücher brachte (1837-1850).

Reinalter würdigt dessen zahlreiche Veröffentlichungen. Er spart auch nicht dessen zeitweilige Illusionen über Bismarck aus, inklusive Ruges durchaus peinlichen Briefe an diesen mit Ratschlägen, die dieser ausschlug; wie der Kanzler der Reichseinigung überhaupt keine Verwendung für diesen Demokraten hatte, aber ihm ab 1877 einen jährlichen „Ehrensold“ von 3000 Mark und die Erlaubnis gewährte, wieder nach Preußen einreisen zu dürfen (vgl. S. 189 f.).

Reinalters Darlegungen führen immer wieder auf Ruges Humanismus zurück, detailliert in Kapitel sieben. Er zeigt dessen politische Philosophie und setzt sie in Bezug zur Religionskritik Ruges (vgl. S. 87-96), die sich letztlich ab 1840 – nach anfänglicher Agitation in diese Richtung – vom Protestantismus und schließlich vom Christentum gänzlich abwendet. Dagegen setzt er Humanismus als neue Philosophie und Religion.

Dabei zitiert Reinalter auch andere Autoren ausführlich, so mehrfach Margarete Pohlmanns Schrift über den „Humanismus im 19. Jahrhundert“ von 1979. Der Titel ihres sehr informativen Buches (eine in ihrem Kern theologische Studie) überstrapaziert allerdings den engeren Gegenstand enorm. Sie behandelt wesentlich „Arnold Ruges Auseinandersetzung mit dem Christentum“ als eine Frage, ob es sich dabei um eine „neue Religion“ handle. Ein Blick auf den Humanismus im 19. Jahrhundert steht noch aus.

Reinalter führt aus, dass sich Ruges neue Philosophie des Humanismus sowohl an Hegel (dessen Vorstellungen von Geist, Freiheit und Vernunft) als auch an Feuerbach anlehnt und Humanität betont. Sie sollte zugleich eine Religion sein (was Pohlmann in ihrem Urteil bestätigt; weiter unten in dieser Rezension wird allerdings das Religionsverständnis problematisiert).

Ruges Ideen münden in ein demokratisches Programm, sozusagen in einen politischen Humanismus. Er habe davon allerdings keine systematische und umfassende, eher eine vage Darstellung gegeben. Auch der Begriff selbst sei nicht definiert. „Sein Humanismus war vor allem von der Idee der Freiheit bestimmt, wobei diese humanistische Freiheitsidee in der Aufklärung und in ihrem allgemeinen Menschheitsideal wurzelte.“ (S. 96) Pohlmann benennt die wahrscheinliche Ursache von Ruges Unbestimmtheit (vgl. Diess., S. 123). Sie liege in seiner besonderen „beruflichen“ Rolle. Er habe unablässig publiziert. Vor allem sei er Journalist gewesen und in ständiger Auseinandersetzung mit seinen Kontrahenten.

Reinalter übernimmt von Pohlmann deren sechs Charakteristika von Ruges Humanismusverständnis (S. 93 f., bei Pohlmann S. 125 ff.). Daraus und aus der Mitteilung der Unvereinbarkeit von Humanismus mit Kommunismus ergab sich die grundlegende Distanz zu Marx; aus der Entgegensetzung des Humanismus zum Materialismus resultierte der Abstand, den die spätere Freidenkerbewegung zu Ruge und dessen Humanismus hielt, bis ans Ende des 20. Jahrhunderts, genaugenommen bis heute.

Im Kontrast zu Marx, löste Ruge Humanismus nicht im Kommunismus auf, sondern sah in ihm auch ein Programm des Sozialismus als „demokratischer bürgerlicher Gesellschaft“ (vgl. Loge, S. 40 ff.), verbunden mit Ausführungen über freie Gemeinden und demokratische Republik, Eigentum und Arbeit, Dienst und Lohnarbeit (die er beide abschaffen wollte). Letztlich entfaltete Ruge ein kulturpolitisches Konzept zu einer Zeit, als diese selbst erst im Entstehen war. „Die Anwendung des Princips der bewußten Selbstbestimmung auf gesellige Institutionen für Religion, Kunst und Philosophie führt zur Gründung der Gemeinden, Schulen und Academien des Humanismus.“ (Loge, S. 30)

Nachdem „Humanismus“ als deutsche Wortschöpfung 1808 durch Friedrich Immanuel Niethammer als bildungspolitischer Begriff eingeführt und entsprechend diskutiert wurde, war es keinesfalls selbstverständlich, diese Kategorie durch das neuhumanistische Verständnis von „Humanität“ (Herder) zu erweitern, darauf sogar den Schwerpunkt zu legen, wie es Ruge unternimmt. In späteren, nachrevolutionären Debatten über Humanismus bis in die 1920er Jahre verschwand dieser Aspekt, mindestens ging er deutlich zurück in Richtung Antikenverehrung und „Humanistisches Gymnasium“. „Humanismus“ wurde entpolitisiert.

In diesem Kontext sollte das Zerwürfnis mit Marx eine neue Lesart bekommen. Ruge hielt am gefundenen Ideal der allgemeinen Menschlichkeit fest, das er aus Hegel und Feuerbach ableitete und mit der Forderung nach Demokratie verknüpfte. Nicht hierin liegt die Diskrepanz zu Marx; auch nicht in der Ablehnung des zeitgenössischen Kommunismus, die er mit Marx teilte. Ruge verstand seinen Humanismus durchaus als Sozialismus (Belege dazu bei Pohlmann S. 278, Hinweise in Fn. 86; vgl. das Zitat im vorletzten Absatz dieser Rezension). Das Schisma ergab sich, weil Ruge sich weigerte, sein Programm der „sozialen Frage“ tatsächlich zu öffnen, statt nur einige gesellschaftskritische Thesen von anderen zu übernehmen.

Humanismus als eine neue Religion zu sehen folgte zeitgenössischem Denken. Nach Ansicht des Rezensenten vernachlässigen Pohlmann und Reinalter einige Hinweis auf den Hintergrund, aus dem Ruges Konzept einer neuen Religion praktische Hoffnungen schöpfte.

Marx warf Ruge vor, seine Unentschiedenheit hinter dem „Humanismus, jene[r] Phrase, womit alle Konfusionarier in Deutschland von Reuchlin bis Herder ihre Verlegenheit bemäntelt haben“, zu verstecken, als nicht nur die philosophischen Verhältnisse zu tanzen begonnen hätten. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben dies 1852 – zum nahezu gleichen Zeitpunkt wie Ruge die „Loge des Humanismus“ (vgl. MEW, Bd. 8, Berlin 1960, S. 235-335, hier S. 278 [kursiv auch im Original]).

Marx verwendete hier „Humanismus“ in der Lesart, die er bereits vor der Revolution in der Schrift „Die heilige Familie“ verwarf und die Losung ausgab, „Humanismus = Kommunismus“. Nicht den Humanismus Niethammers ließ er in den Kommunismus sich auflösen, sondern eine erweiterte, bürgerrechtliche Neufassung, gewonnen an Moses Heß, Max Stirner und wohl auch Arnold Ruge. In der 1845 publizierten Schrift „Die heilige Familie“ heißt es: „Die wissenschaftlicheren französischen Kommunisten, Dézamy, Gay etc., entwickeln wie Owen, die Lehre des Materialismus als die Lehre des realen Humanismus und als die logische Basis des Kommunismus.“ (MEW, S. 139)

Die satirische Schrift von Marx und Engels „Die großen Männer des Exils“ erschien erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg deutschsprachig, nachdem sie zuvor 1930 auf Russisch in Moskau erschienen war. Bekannt war sie allerdings der preußischen politischen Polizei, wo sie ein Spion ablieferte, statt sie zum Drucker zu bringen.

Für eine Interpretation der Geschichte der Freidenkerei und ihrer „humanistischen Wende“ in den späten 1980er Jahren, überhaupt ihrer historischen Haltungen zum Humanismus, ist Marx‘ Hinweis auf Ruge wichtig. Nahezu zeitgleich zum Streit mit Marx, Mitte der 1840er Jahre, entstanden die Gemeinden der Freireligiösen, die evangelischen Lichtfreunde und die Deutschkatholiken (beide wurden später weitgehend freidenkerisch).

Es ist dies ein Fingerzeig darauf, was Ruge unter „neuer Religion“ verstanden haben kann, nämlich die „freie Religion“ der abtrünnigen Gemeinden. Ihre Vertreter standen zudem in der vordersten Linie der Demokratiebewegung. Reinalter verweist auf Wigard (vgl. S. 158).

Marx urteilte bitter über diese Annäherung: Ruge habe begonnen, „nur noch bei den roheren Elementen der deutschen Bewegung als Philosoph par excellence aufzutreten, ein Schicksal, das ihn immer tiefer führte, bis er schließlich nur noch bei lichtfreundlichen Pfarrern ([Rudolph] Dulon), bei deutschkatholischen Pastoren [Johannes] Ronge) und bei Fanny Lewald [Schriftstellerin; Gruppe Junges Deutschland, HG] als Philosoph galt.“ (Die großen Männer, S. 277)

Ob und was man in den Gemeinden über Ruges Humanismus erfahren konnte und welche Vorstellungen Ruge 1843 mit der Idee verband, die „Kirche in die Schule zu verwandeln“, mit dem Militärwesen zu verschmelzen, um das gebildete und organisierte Volk zur Selbstregierung zu bringen (vgl. Pohlmann, S. 136, Fn. 135), dieses Wissen würde klarer aufzeigen können, was Ruge meinte, als er Humanismus zu einer „neuen Religion“ machen wollte; auch das Subjekt würde klarer sichtbar.

Zu beachten ist allerdings: Einen modernen Religionsbegriff gab es noch nicht, dafür aber galt Religion als Inbegriff von Kultur. Noch standen „Kultur“ oder „Weltanschauung“ begrifflich nicht zur Verfügung, Ruges Intentionen auszudrücken. Es blieb nur ein Religionsbegriff, der nicht nur „Geist“ einschließt, sondern auch Rituale und Verhaltensweisen mitzudenken versucht.

Dies bedenkend, gewinnt Ruges humanistisches Programm Konturen: „Die jetzige bürgerliche Gesellschaft, welche der blinde Nothstand ist, entspricht ganz dem Despotismus, welcher der Zwangsstaat, und der Religion, welche der blinde Glaube an die Autorität ist. Der Socialismus, welcher die Idealisierung der ganzen Verkehrswelt, die Sittlichkeit des Verkehrs selbst ist, entspricht der demokratischen Republik und der Religion des Humanismus.“ (S. 45 f.)

Bleibt zum Schluss, noch eine Verwunderung anzumerken. Reinalter hat mehrere Bücher publiziert zum Thema Freimaurer. Warum hat er den Titel von Ruges Buch „Loge der Humanismus“ nicht in dieser Richtung problematisiert? Der Frage nach der „Loge“ ist unbedingt nachzugehen, haben doch einige Freimaurer an der Wiege zur ethischen Kulturbewegung – einem organisierten praktischen Humanismus – nach 1887 und auch bei der Gründung späterer „Humanistengemeinden“ Pate gestanden (vgl. Gustav Maier: „Weltliche Freimaurerei“, ein „Beitrag zur humanistischen Bewegung“, 1888).