KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2020
über Mischa Meier:
Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n.Chr.
Dieter Kramer
Völkerwanderung
Meier, Mischa: Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n.Chr. München: C.H.Beck 2019 (Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung) 1531 S. ISBN 978 3 406 73959 0,

Ethnogenese statt wandernde „Völker“

„Völkerwanderung“ ist die Bezeichnung für eine Phase der Geschichte einer spätantiken Migrationsgesellschaft, die zeitweise äußerst grausam war, aber mit der Vielfalt von Wanderungen und der Durchmischung von Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung eine kreative Lebenswelt voller Überraschungen geschaffen hat. Alles andere als homogene Bevölkerungen war die Folge, und das wirkt weiter bis in die Gegenwart, in der die Gemeinschaften global ähnlich kreativ durchmischt sind, scheinbar mit weniger offener Gewalt, aber für viele nicht weniger grausam.

Im 19. Jahrhundert, in der Zeit der Ausdifferenzierung der Nationalstaaten in Europa, avancierte das Konzept „Volk“ „zu einer zentralen Kategorie allgemeiner Aufmerksamkeit und bildete den Kern eines rasch um sich greifenden „Nationalbewusstseins“. Da stellte man sich „Völker“ „als festgefügte, in sich abgeschlossene und über die Jahrhunderte konstante Einheiten vor und projizierte sie soweit wie möglich in die Vergangenheit zurück, um für gegenwärtige Forderungen und Ansprüche (etwa auf Territorien) Legitimation zugewinnen.“ (S. 96 ) Aber: „Völker gelten mittlerweile als soziale Gebilde, die im Verlauf der Zeit vielfältigen Veränderungen unterlagen und sich nicht mehr als kohärente Einheiten durch die Jahrhunderte verfolgen lassen.“ (S. 102) Es sind „heterogene Gebilde, die vornehmlich durch subjektive Überzeugungen ihrer Mitglieder zusammengehalten wurden.“ (S. 105). „‘Völkerwanderung‘ ist ein perspektivischer Epochenbegriff, der in den zeitgenössischen Quellen nicht belegt ist.“ (S. 99)

Daran muss man alle erinnern, die heute von „Homogenität“ und „kultureller Identität“ der Bevölkerung träumen.

Diese Prozesse werden als „Ethnogenese“ bezeichnet - ein in diesem Buch viel gebrauchtes Stichwort. Er wird seit den 1950er Jahre in der deutschen Völkerkunde verwendet (Völkerforschung. Vorträge der Tagung für Völkerkunde … Berlin 1952. Berlin: Akademie Verl. 1954. Darin: Kothe, Hans: Die vordringlichsten Aufgaben der Ethnographie in der DDR, S. 78-91, S. 83), nicht erst, wie Wikipedia meint, in den letzten Jahrzehnten Mit ihm wird betont, dass Völker und Stämme keine biologisch determinierten Gemeinschaften sind, sondern Ergebnis der historischen Entwicklung.

Der Bonner Historiker Franz Steinbach schreibt schon 1926 zu den „als deutsche Stämme bezeichneten Einheiten“, ausgehend von der Sprach- und Dialekt-Forschung: „Kulturzentren, Lebensräume und Verkehrsströme späterer Zeit ersetzen schon heute mit Sicherheit für viele Erscheinungen des Sprachbildes der Gegenwart die Wanderungen und Siedlungen germanischer Stämme. Wo bisher durch gewaltsame Völkerverschiebungen einer dunklen Geschichtsperiode hergestellte Zustände vermutet wurden, sehen wir nun Wachstum und Bewegung bis in die Gegenwart.“ (Steinbach, Franz: Studien zur westdeutschen Stammes- und Volksgeschichte. 1. Aufl. Jena 1926, Nachdruck Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1962, S. 6) 1955, nach der „völkischen“ Brutalität, bestätigt Franz Steinbach: „Namen wie Sachsen, Franken, Alemannen selbst bezeichnen auch keine Abstammungsgemeinschaften, sondern politisch zusammengeschweißte Kriegerbünde der Völkerwanderungszeit.“ (Steinbach, Franz: West-Ostdeutsche Forschungsaufgaben. Die Wechselbeziehungen zwischen West- und Ostdeutschland als Forschungsaufgabe der Geschichtlichen Landeskunde Bonn. Bonn 1955 (Der Wegweiser), S. 7 Mischa Meier (er kennt Steinbach nicht) spricht auch von „Warlords“, wie sie aus dem Afrika des späten 20. Jahrhunderts vertraut sind (der Ethnologie Georg Elwert beschreibt sie).

„So hat die ‚Völkerwanderung‘ sich also schon früh zu einer Projektionsfläche für die Erprobung unterschiedlicher Modi der Konfrontation und Kohabitation entwickelt, und erst in den letzten beiden Jahrzehnten wurde die strikt dichotomische Sicht von Römern und Barbaren zugunsten komplexerer Modelle … aufgegeben. Sie alle basieren auf der fundamentalen Einsicht, dass Ethnizität kein naturgegebener Zustand ist, sondern Ergebnis von Zuschreibungsprozessen, die auf unterschiedlichen Ebenen und situativ in verschiedener Weise erfolgen können.“ (S. 1092/1093)


Das Buch

Mischa Meier beeindruckt in seinem Buch durch die profunde Nutzung der historischen Literatur (es gibt ein sehr langes Literaturverzeichnis, einen ausführlichen Anmerkungsapparat, mit dem man gern weiterarbeiten würde). Nachgewiesen und teilweise im Original zitiert sind die (spät-)antiken Quellen (sie sind für einen Nichtexperten überraschend reichhaltig, und gern hätte man auch etwas erfahren zur Überlieferungsgeschichte dieser Quellen). Er argumentiert sehr vorsichtig und versucht immer auch anderen möglichen Interpretationen gerecht zu werden.

Das Buch ist eine reichhaltige und differenzierende Darstellung der „Transformation“ „zwischen Antike und Mittelalter“ (S. 12). Vieles, was mir schon lange ein Rätsel war, wird so viel klarer (etwa die Rolle des Christentums oder die Frage, was bei diesem Übergang stabil blieb). Das Buch liefert ein Panorama, und man wird von einem Standort zum nächsten geführt. Dabei wird notwendigerweise die Chronologie vernachlässigt (gern hätte man eine zusammenfassende Zeittafel zum Rekapitulieren).

„Die germanische Welt war vielleicht die großartigste und dauerhafteste Schöpfung des politischen und militärischen Genies der Römer“. So lautet eine paradoxe Formulierung des britischen Historikers Patrick Geary. (zit. S. 106) Das Ende des römischen Reiches in der „Völkerwanderung“ bedeutet nicht das Ende der Strukturen dieses Reiches – über viele Zwischenschritte ragen sie in das europäische Mittelalter und in die Gegenwart hinein, vor allem auch durch die von ihm aus aufgebaute theologische (dogmatische) und administrative Struktur der Kirche.

Die „Desintegration des weströmischen Reiches“ (S. 367) bedeutet den Zerfall eines auf Gewalt und Unterwerfung ausgerichteten, nur wenige Phasen friedlicher Entwicklung beinhaltenden „Weltreiches“. Diese friedlichen Phasen mögen für manche Interpreten als Stagnation empfunden werden und damit als Hindernisse für den Fortschritt. Aber sie sind es, in denen einigermaßen friedliches qualitätvolles Leben möglich ist. Und sollte man sie als Möglichkeit nicht in jeder Gesellschaftsformation suchen? Auch die aus der Aufklärung hervorgegangene „Moderne“ hat ihre brutalen Formen und nur wenige friedliche Phasen, und nicht in Erfüllung gegangen sind auch die Versprechen des Sozialismus, den der Schweizer Jean Ziegler (Genossen an der Macht. Von sozialistischen Idealen zur Staatsräson. Frankfurt am Main 1988) als einen schönsten Traum der Menschheit bezeichnet hat. Rudyard Kipling wollte, dass der Kolonialismus mit seiner „zivilisatorischen Mission“ in Indien wenigstens Inseln des Friedens schaffen soll – es gab sie freilich allein für die Privilegierten eine Zeitlang. Die Demokratie verspricht, sie für mehr Menschen zu realisieren. Sie hat immerhin auch einige Fenster geöffnet. Aber durch den Wachstumsfetischismus des Markt-Kapitalismus wurden sie immer wieder geschlossen.


Der Übergang von Subsistenzgesellschaften in die Klassengesellschaften der „Warlords“

Die „Völkerwanderung“ ist ein Prozess, in dem vielfach jahrhundertealte subsistenzorientierte Gemeinschaften mit geringer sozialer Differenzierung („Völker ohne Geschichte“) durch den direkten und indirekten Einfluss der benachbarten reichen Gesellschaft hineingezogen werden in Prozesse sozialer Ausdifferenzierung. „Reiche“ und „arme“ Gesellschaften stoßen aufeinander. „Mit den römischen Waren, die ins Barbaricum gelangten und dort als kostbare Prestigegüter galten, veränderten sich allmählich die sozialen Strukturen vor Ort. Wer in der Lage war, entsprechende Produkte zu erwerben oder zu akkumulieren, wer gar nach langjährigem Dienst in der römischen Armee mit Geld und einem reichhaltigen Erfahrungsschatz heimkehrte, genoss hohes Ansehen und stieg innerhalb der bäuerlichen, weitgehend durch Mangelwirtschaft gekennzeichneten Gemeinschaften auf.“ (S. 314) Diese Dynamik destabilisiert die subsistenzwirtschaftlichen „Grenzgesellschaften“, denen in manchen Fällen auch durch Naturkatastrophen oder Klimaveränderungen (die werden nur gestreift) oder durch andere Gemeinschaften die Lebensgrundlagen entzogen werden. In sehr vielen Fällen aber weckt schon allein die Nachbarschaft zu den reichen Gesellschaften den Wunsch nach Luxusgütern, und, so argumentiert Meier, mit ihnen entwickeln sich Herrschaft und Klassen. „Die sich ausdifferenzierenden Eliten versammelten Anhängerschaften um sich herum, um den eigenen Wohlstand zu demonstrieren bzw. zu vergrößern und durch die Umverteilung von Beute sowie militärische Erfolge innerhalb des sich verändernden Sozialgefüges weiter aufzusteigen.“ (S. 314/315) Um Raubzüge zu vermeiden, leisten die Römer Tributzahlungen („Stillhaltegelder“, S. 413; „Entwicklungshilfe“ würde man heute sagen). Gegebenenfalls werden sie eingefordert. Es lassen sich so die seit dem 3. Jahrhundert „zunehmend bezeugten Großverbände im Wesentlichen als Produkte römischer Politik bzw. direkter und indirekter römischer Einflussnahme auf die Verhältnisse im Barbaricum“ interpretieren. (S. 315) Die Pull-Faktoren waren der Reichtum, und so schufen die Römer Elemente ihres eigenen Unterganges. Die Parallelen zur „imperialen Lebensweise“ sind nur indirekt zu ziehen.

Heute sehen wir in solchem Nebeneinander von Reich und Arm die Ursachen kaum aufhaltbarer Flüchtlingsströme. In der „Völkerwanderung“ lief die Begegnung oft mit äußerster Gewalt ab. Die Pull-Faktoren in der aktuellen Globalisierungswelt wirken ähnlich, auch wenn strukturelle und nicht direkte Gewalt vorherrscht. In diesem Buch vermeidet es der Autor, Parallelen zu ziehen; er versucht es an einem anderen Ort (Meier, Mischa: Die ‚Völkerwanderung‘ In: Geschichte für heute 10.2 [2017], S. 5-31)

Rom muss sich mit „Barbaren“ auseinandersetzen, aber die werden seit der griechischen Antike klischeehaft definiert. (S. 37, 51). Mit Stereotypen werden „Ethnogeneseprozesse und Transformationen“ verdeckt: (S. 60, 64) Erst die Begegnung mit Rom macht die Barbaren. „Es hat sich gezeigt, dass die wesentlichen Formierungsprozesse, die unter anderem zu den Großverbänden der Franken, Alemannen und Goten geführt haben, sich im direkten Kontakt mit dem Imperium Romanum vollzogen und Ergebnis vielfältiger Interaktionsprozesse waren, in deren Konsequenz es im Barbaricum zu folgenreichen sozialen und politischen Neukonfigurationen kam.“ (S. 979)

Vielfältige materielle und personelle Kontakte mit Rom bedeuteten für „eher einfache, egalitär aufgebaute bäuerliche Gesellschaften, die sich zumeist am Rande des Existenzminimums bewegten (‚Mangelgesellschaften‘)“ soziale Ausdifferenzierungsprozesse, Elitenbildung, Herrschaft, Begehrlichkeiten und Veränderungen des Bedürfnisniveaus. (S. 126) Damit bildeten sich Klassen, Großverbände, Herrschaft, neue Lebensweisen. Es erweiterte sich der Kreis jener Personen, „die in Plünderungs- und Beutezügen mögliche Perspektiven für das eigene Fortkommen sahen. In dieser Entwicklung wird man eine der Ursachen für die Entstehung größerer barbarischer Verbände seit dem 3. Jahrhundert sehen dürfen.“ (S. 131) Deutlich wird, dass „Zivilisationsgefälle“ und „Plünderungszüge“ zusammen gehören. (S. 132)

Barbaren und Römer sind mannigfach miteinander verflochten. „Die meisten Barbaren strebten nach Integration in das Römerreich“ (S. 88) „Die Anwerbung preiswerter barbarischer Soldaten ersparte unerfreuliche Rekrutierungsmaßnahmen in den Provinzen und versorgte die Regierung mit zusätzlichem Geld, da Landbesitzer nunmehr keine Rekruten mehr aus ihren wertvollen Arbeitskräften zu stellen brauchten, sondern eine finanzielle Ersatzabgabe (aurum tironicum) leisten konnten.“ (S. 341) Es gab Geschenke, Einlass in römische Zirkel, Heiraten: „… die Kluft verlief hier also nicht entlang der Linie Römer – Barbar, sondern zwischen gebildeten Eliten und dem Rest der Bevölkerung.“ (S. 342) Es sind „Ethnogeneseprozesse bei den Barbaren, die allmählich zu dem wurden, was die Römer in ihnen sahen.“ (S. 345) „Aus dieser Perspektive lässt sich die gesamte ‚Völkerwanderung‘ als permanenter Aushandlungsprozess um Zugehörigkeit und Abgrenzung – kurz: um Identitätsbildung und –stabilisierung interpretieren.“ (S. 362)


Das Beispiel der Slawen

Nicht alle „Grenzgesellschaften“ werden auf die gleiche Weise beeinflusst. Einen besonderen Pfad beschreiten die Slawen. Sie leben, so der antike Autor Prokop, „seit alters in einer demokratischen Ordnung. Deshalb entscheiden sie auch selbst über Wohl und Wehe ihrer Angelegenheiten.“ (zit. S. 975; es sind akephale oder segmentäre Gesellschaften, s. Fn. 76 S. 1346) Müßig ist auch bei ihnen die Frage nach der Urheimat, da „jedes ‚Volk‘, jede politische und kulturelle Einheit historisch gewachsen ist und im Verlauf dieses Formierungsprozesses zahllose Veränderungen und Neukonfigurationen durchlaufen hat.“ (S. 977)

„Trotz der vielfachen Kriegszüge, die slawische Gruppen unternahmen, blieb ihr Kultur- und Gesellschaftsmodell prinzipiell bäuerlich ausgerichtet. Slawische Krieger kehrten nach Abschluss eines Beuteganges wieder in ihre Dörfer zurück, und auch Nichtslawen scheinen problemlos in diese Gemeinschaft integriert worden zu sein“ (S. 1011) „Diese Lebensweise –das slawische Kulturmodell – entwickelte … ihre Attraktivität aus ihrer Einfachheit heraus, in Zeiten genereller Instabilität und Unsicherheit ein durchaus gewichtiger Faktor. Damit verbunden waren freilich auch hohe Kosten.“ (S 1011) Meier misst diese Kosten an modernen Parametern: „Denn das einfache (früh-)slawische Kulturmodell benötigte eine hochentwickelte Infrastruktur oder ein funktionierendes Steuersystem ebenso wenig wie urbane Zentren, ausgeprägte soziale Hierarchien und damit einhergehende arbeitsteilige Ökonomie. All dies brach folgerichtig in den slawisch dominierten Gebieten zunächst fort – von betroffenen Bauern vermutlich weithin begrüßt, von sozialen Eliten als Verfallssymptom gedeutet und in späteren Jahrhunderten gerne zum Argument für antislawische Polemik gewendet. Doch sollte sich das slawische Kulturmodell auf lange Sicht als weitaus zäher und langlebiger erweisen als die letztlich kurzfristigen poströmischen regna im Westen, die zwar römische Strukturen kontinuierlich fortschrieben und in neue Kontexte überführten, denen aber – mit Ausnahme des Frankenreiches – in der Regel keine allzu lange Lebensdauern beschieden war.“ (S. 1011) Auch hier kann gefragt werden, ob Phasen der „Stagnation“ nicht auch solche eines friedlichen qualitätvollen Leben sind.

Die Subsistenzwirtschaft mit kleinen Siedlungen bedeutete Anpassungsfähigkeit und ermöglichte kurzfristige Ortsverlagerungen. „Die Hinweise bei Prokop … auf einen nur geringen Grad sozialer Stratifizierung werden also durch den archäologischen Befund bestätigt.“ In dieser Lebensform dürfte auch einer der Gründe „für die besondere Aufgeschlossenheit der Slawen gegenüber Fremden liegen“; denn diese konnten Anführer werden und durften sich niederlassen. (S. 981)

Anderswo wird eine andere Dynamik erkennbar: Ein befestigtes, stadtartiges Gut Petra erbaut im vandalische Nordafrika ein gewisser Sammac um 363/364 und feiert es in einer Inschrift als „Bollwerk ewigen Friedens“. Schon zehn Jahre später, 373 wird es in einem Bürgerkrieg zerstört (S. 239, S. 242) So kurz können nicht zuletzt infolge der „skrupellosen Selbstbereicherung römischer Amtsträger“ in den Provinzen die Lebenszeiten der ewigen Denkmäler und Verträge sein. (S. 241)


Das Beispiel der Hunnen

All die oft zitierten Raubzüge der Völkerwanderung werden in dem Buch detailliert nachvollzogen. Attila („Geißel Gottes“) (S. 406) konnte die „heterogenen und nur lose miteinander verflochtenen hunnischen Gruppen“ und die „von ihnen unterworfenen und absorbierten Verbände (Ostgoten, Gepiden, Rugier, Skiren usw.) nur über militärische Erfolge, Beuteverteilungen und das kontinuierlich zunehmende militärische Prestige des Anführers“ zusammenhalten. (S. 407) Für die Hunnen „war das Römerreich in erster Linie eines: ein gigantisches Reservoir an materiellen und menschlichen Beutestücken, die nur darauf warteten, geraubt oder erpresst zu werden.“ (S. 407) Das Reich Attilas reichte „von der Schwarzmeersteppe bis in die ungarische Tiefebene und das Gebiet um die mittlere Donau“. (S 434) Es war eine „ebenso variable wie lockere Kriegerkoalition“ mit unterworfenen bzw. integrierten Verbänden und mit geringen Ansätzen zu dauerhafterer Ethnogenese. Zuletzt versucht Attila sich in das Römerreich zu integrieren, heiratet im Jahr 453 eine (Burgundische?) Aristokratin, stirbt in der Hochzeitnacht betrunken an Nasenbluten. Sein Gewalthaufen zerfällt. (S. 461)

Ein Bündnis, das der oströmische Kaiser Herakleios im ersten Viertel des 7. Jahrhunderts mit den Türken geschlossen hat, ebnet diesen „den Durchbruch durch den Kaukasus nach Süden“ und öffnet „just jene eisernen Pforten“, „die der Legende zufolge einst Alexander der Große zum Schutz vor den Endzeitvölkern Gog und Magog errichtet hatte“( S. 1040). Der Weltuntergang scheint nahe. Der biblische Prophet Ezechiel (Hesekiel) gibt wieder, was ihm von seinem Gott verkündet wurde: „Und Gott sagt zu Gog, der im Lande Magog ist und der oberste Fürst in Mesech und Thubal: Siehe, ich will dich herumlenken und will dir einen Zaum ins Maul legen und will dich hinausführen mit all deinem Heer, Roß und Mann, die alle wohl gekleidet sind; und ist ihrer ein großer Haufe, die alle Tartsche und Schild und Schwert führen. Du führst mit dir Perser, Mohren und Libyer, die alle Schild und Helm führen“. (Hesekiel 38, Verse 2,4,5, Luther-Übersetzung; mit Tartsche ist eine Schildform gemeint, mit der gegnerische Speere abgewehrt werden können) Sie sollen in Israel einfallen und das Land verwüsten, aber Erdbeben und Pestilenz werden auch sie zerstören, und damit werden sie erfahren, „daß ich der Herr bin.“ (Vers 23) So gibt der biblische Autor einen Barbareneinfall mit seiner Vielvölkerschar wider.


Das Frankenreich und die Transformation

Es entstehen viele andere kurz- oder langlebigen „Reiche“. Im poströmischen Gallien sind Franken nicht wie Burgunder oder Westgoten als „Einzelverband im Rahmen einer punktuellen Maßnahme in einem fest definierten Gebiet angesiedelt worden, sondern Franken befanden sich in Form unabhängiger oder nur lose miteinander vernetzter Kleingruppen bereits seit Mitte des 4. Jahrhunderts in Nordgallien sowie diesseits und jenseits des Niederrheins“. Seit dem späteren 5. Jahrhundert hatte man sich mit ihnen „notgedrungen arrangiert“; sie „betrieben Ackerbau, Viehzucht und selbstverständlich auch weiterhin Kriegführung.“ Mit Resten des römischen Heeres kooperierten sie, allerdings mit latenten Konflikten. (S. 591)

Die Merowinger in Franken konnten sich halten, weil die Könige militärisch bewährt waren, als letzte Instanz einer durchsetzungsfähigen Staatsgewalt auftraten und schlagkräftige Anhängerschaften hatten. (eine „Hausmacht“, S. 901) Sie strebten die Stärkung regionaler Kräfte an, veranstalteten keine Blutbäder unter den Aristokraten, pflegten eine aktive Gesetzgebung und inneraristokratische Selbstkontrolle durch den König. (S. 909, 910) Ihr Königtum umgaben sie mit einer magischen Aura (eine Herrschaftssakralisierung nach dem Vorbild von Rom, S. 911) und strebten eine stabile Dynastie an. In Schlüsselpositionen gab es auch Frauen. (S. 905, im Nibelungenlied scheint das auf) Die vom König unterstützte Aneignung von Kirchenbesitz wird als „mutwillige Unterwanderung kirchlicher Armenfürsorge“ gebrandmarkt. (S.908) In Kirchenbau wird investiert, aber bei grundsätzlicher Stabilität des römischen Städtenetzes verkleinern sich die einzelnen Städte. (S. 618) Dies geschieht im Norden mehr als im Süden Galliens, wo man vielleicht von „Geisterstädten“ reden muss.

Nicht nur die römischen Kaiser und einfallende Barbaren sind verantwortlich für Märtyrer des sich durchsetzenden christlichen Glaubens. Auch die Verfolgung von innerchristlichen „Häresien“, abweichenden Interpretationen der Dreieinigkeit bei Athanasianern und Arianern, sind verantwortlich für manche der zahlreichen Märtyrer, die den katholischen Heiligenkalender bevölkern. (S. 686, S. 693, S. 696).

Die fränkische Herrschaft in Gallien war „geschickt in den ‚Substrukturen‘ des Imperium Romanum verankert“, und zwar „in den Städten (civitas) und den allmählich aus ihren Territorien ausgekoppelten ländlichen Siedlungen (pagi)“, verbunden mit einer „auf dem römischen Steuersystem aufsetzende(n) Ressourcenabschöpfung für die Könige“, sie trugen auch „etwa durch die nunmehr lokale Verankerung der Militärorganisation und Münzprägung dem fortschreitenden Prozess der Ruralisierung , d.h. der Neuorientierung größerer Bevölkerungsteile von den Städten in Richtung der Landgemeinden, Rechnung.“ (S. 898) Ähnliches war den Westgoten in Afrika nie gelungen. Eine neue Diözesanstruktur entstand, Importe, ebenso neue Kunststile, eine zunehmende Bevölkerung und „wachsende Bedürfnisse der neuen Eliten und ihres demonstrativ aufwendigen Lebensstils“. (S. 961)

Mit der neuen Aristokratie gibt es „Fürstengräber“ mit reich ausgestatteten Grabbeigaben. (S. 945)

Auch im südlichen Skandinavien entsteht eine neue Kriegeraristokratie, erkennbar an den seit dem 6. Jahrhundert entstehenden aufwendigen Grabhügeln. Etwa 600 sind bekannt, viele davon haben reiche Beigaben. (S. 951/952) Das erinnert daran, in welch großem Ausmaß in der Zeit der „Völkerwanderung“ Reichtumsvernichtung stattfindet, und zwar nicht nur physisch durch Brandschatzung, Zerstörung, luxuriöse Feste, Verschleppung und Vernichtung von menschlichem Arbeitspotential. Reichtum verschwindet auch in Form von vergessenen und manchmal viel später wiederentdeckten Depots oder mit untergehenden Schiffen, aber auch in ganz direkter Form durch Begräbnisfeiern und in „Fürstengräbern“ mit manchmal sehr umfangreichen Grabbeigaben (man kennt freilich nur solche, die nicht in der Vergangenheit schon geplündert wurden und die mehr oder weniger zufällig ausgegraben wurden).

Mit dem Christentum werden auch andere Formen der Neutralisierung von Reichtum möglich. Kirchenvater Hieronymus, in Bethlehem residierend, empfiehlt um 407 der gallischen vornehmen Witwe Geruchia, statt neu zu heiraten solle sie sich angesichts des Elends ihrer Zeit doch besser ganz aufs Seelenheil konzentrieren (und ihr Eigentum der Kirche schenken). (S. 377/378)


Afrika und Spanien

Nicht immer gelingt der Übergang. Das postvandalische Nordafrika wurde wieder in den (ost-)römischen Bereich einbezogen, aber nie wirklich gewonnen (S. 853). Es wurde „rasch umgetopft“, ausgestattet „mit Männern aus dem Osten, was den lokalen Eliten wertvolle Aufstiegsmöglichkeiten versperrte, dafür aber bald das Odium einer Besatzung verbreitete“ (S. 852) Und die Berber wurden nicht integriert: „Es dürfte eine Mischung aus hochmütigem Dünkel gegenüber den Barbaren … und mangelndem Wissen um ihre symbiotische Existenz mit der römischen Provinzbevölkerung gewesen sein, aus der heraus die oströmischen Autoritäten die Anliegen der Berber, die ihre Position auf Kosten der Barbaren erheblich ausgebaut hatten und nun zumindest auf einen Interessenausgleich hofften, rundweg ablehnten und damit Übergriffe und Konflikte provozierten.“ (S. 854) Die Aufstände der Jahre 739 – 743 zeugen davon. So kann man Chancen verspielen.

Im Jahr 488 setzte sich ein Goten-Tross mit Theoderich von der Donau in Richtung Italien in Bewegung. Nicht alle zogen mit; nicht alle Goten waren nur Soldaten, aber im 5. Jahrhundert waren sie, auch wenn sie längere Zeit ortsstabil siedelten, nicht in der Lage, sich „eigenständig aus dem Land zu ernähren“ und brauchten auch als „brandschatzende“ Gewaltgemeinschaften römische Subsidien. (S. 497/498). Die Autorität von Theoderich und „seine Fähigkeiten, die noch funktionierende Zivilverwaltung Italiens nicht nur als Instrument zur Abschöpfung wichtiger Ressourcen, sondern auch als Kontinuitätserweis gegenüber den einheimischen Eliten zu nutzen“ (S. 517), sorgte eine Zeitlang für Stabilität, aber sein Reich scheiterte an der nicht gelungenen Nachfolgeregelung nach seinem Tod 526 (S. 518)

Das gotische Spanien war zunächst mit permanenten Königsmorden instabil (S. 868; vom „morbus gothorum“, der „gotischen Krankheit“ sprach man) Es gab Bagauden-Aufstände und Morde an der Landbevölkerung. (S. 875) Erst vom 6. bis zum frühen 8. Jahrhundert (S. 867) gab es mit neuer Gesetzgebung einen Restabilisierungsprozess. (S. 876) Bis 1150 waren diese neuen Regelungen in Katalonien gültig, in Kastilien galten sie sogar noch länger als Grundlage für Aushandlungsprozesse vor allem mit und unter den Aristokraten. (S. 878) Vieles von der antiken Stadtkultur verlor sich, es gab wieder Siedlungen auf dem Land. (S. 887)

Immer wieder wurden wandernde Truppen von „Warlords“ angesiedelt (S. 523): Mischa Meier lässt erkennen, wie das ohne den Austausch der Bevölkerung geschah: Die Soldaten der ansiedlungsbereiten Gruppe („Stämme“) wurden „den Grundbesitzern zugewiesen“, dort erhielten sie „zunächst ein (mitunter zwei) Drittel der von den Landeigentümern zu entrichtenden Steuern (annona), später dann ein Drittel ihres Bodens“ (524). So gab es keine großflächige Verdrängung von Grundbesitzern von ihrem Land. Soldaten wurden durch den Rückgriff auf die Landgüter versorgt, aber der Besitz der ansässigen Eigentümer und das bodenbearbeitende Personal blieb im Prinzip erhalten. Die Existenz der römischen Zivilverwaltung (die ohnehin bis weit ins Mittelalter für eine gewisse Ordnung sorgt, auch in Verbindung mit der in römischer Zeit entwickelten Kirchenverwaltung) war Voraussetzung. (S. 527) Auch war im „Franken-, Westgoten- oder Burgunderreich, verglichen mit den römischen Strukturen nicht alles neu – ganz im Gegenteil: Diese Gebilde basierten sogar weitgehend auf fortexistierenden Elementen römischer Staatlichkeit, wie etwa dem Steuersystem, der Infrastruktur sowie zahlreichen sozialen und gesellschaftlichen Institutionen“. (S. 545)


Ostrom, Byzanz und der Islam

Ostrom lebt in direkter Fortsetzung des Römischen Reiches weiter (bis zur Eroberung von Konstantinopel 1453). „Der römische Osten hat also nicht nur aufgrund seiner höheren wirtschaftlichen Leistungskraft, einer strikten Trennung der militärischen und zivilen Administration sowie einer günstigeren geostrategischen Lage überlebt; er profitierte überdies davon, dass die Summe dieser Faktoren insgesamt gemäßigtere, weniger ressourcenzehrende Formen des Konfliktaustrags hervorgebracht hat.“(S. 794) Seit dem 7. Jahrhundert gibt es dort wieder überdauernde Kaiser-Dynastien. (S. 505f.) Beobachtbar ist bei ihnen die Sakralisierung und religiöse Fundierung der Herrschaft. (S. 506)

Byzanz leidet unter den demographischen Folgen der Pest. (S. 957, 961) Sie wird straftheologisch gedeutet (als Strafe Gottes für die Verfehlungen der Menschen). (S. 962) Viele Menschen sehen in den Jahren um 541/542 das Jüngste Gericht drohen (als es dann nicht eintritt, muss auch das erklärt werden). Bilderverehrung, Marienfrömmigkeit und Liturgisierung (Ausstattung der Herrschaft mit religiösen Elementen) bedeuten Durchdringung des Alltags und Immunisierung durch Selbstsakralisierung. (S. 796) „Aus heutiger Perspektive betrachtet, mutet die Liturgisierung wie die Einkrustung, ja Erstarrung einer ganzen Gesellschaft an. Für die Fortexistenz Ostroms bzw. des Byzantinischen Reiches war sie aber von elementarer Bedeutung, denn sie stabilisierte eine ins Taumeln geratene Gesellschaft und rüstete sie – was damals noch nicht absehbar war – zugleich für den Überlebenskampf gegen Perser und Araber im 7. Jahrhundert (deren Ausgreifen sie freilich selbst mitverursacht hatte).“ (S. 968)

Die Liturgisierung fand auch bei der Kriegsführung statt. „In hoc signo vinces“ („In diesem Zeichen siege“) wurde Kaiser Konstantin 312 in der Schlacht bei der Milvischen Brücke versprochen. (S. 1044) Danach bekannte er sich zum Christentum und förderte dessen Einführung im Römischen Reich. Seitdem wurden Siege gern auf die Intervention himmlischer Mächte zurückgeführt. Impulse für Liturgisierung waren nicht verordnet, sie gingen auch von der Bevölkerung aus. Vor Waffengängen widmeten sich die Truppen Feldmessen, sangen Hymnen, das Kriegswesen wurde religiös aufgeladen. Die Hilfe Gottes und die Fürsprache von Maria spielten eine Rolle. Die Sakralität des Kaisers wurde gesteigert, jenseitiger Lohn versprochen. (S. 1035,1038)

So wurde „das Konzept eines Krieges im Zeichen des Glaubens“, wie es von den Großmächten der Zeit vertreten wurde, „am Vorabend der Entstehung des Islam“ beispielgebend. (S. 1039) Warum sollten das die Muslime dann nicht auch tun?

Nicht der Islam war ausschlaggebend für den Niedergang von Byzanz. „Eine weitaus gewichtigere Rolle scheinen mir ohnehin die demographischen Verluste gespielt zu haben, die durch die seit etwa 500 anhaltende Katastrophenserie – und hier insbesondere die Pest – bedingt wurden.“ (S. 1069) Klimaveränderungen im 6. Jahrhundert tragen wohl dazu bei, dass die Ressourcen der Byzantiner ebenso wie die der Perser nach Kriegen und Katastrophen erschöpft waren. Dies „gilt namentlich für die Finanzen und die dahinterstehende Agrarökonomie“. (S. 1063, 1067) Die „antike grundbesitzende Aristokratie“ verschwindet. (S. 1067)

„Die weitaus meisten Betroffenen finden indes keine Stimme in den Quellen, verschwinden in einer anonymen Masse hinter Andeutungen zu Opferzahlen oder bleiben der interpretatorischen Finesse der Historiker überlassen. … Das schriftliche Quellenmaterial ist elitenfixiert.“ (S. 1098) Auch die Geschlechterrollen werden nicht thematisiert (zu Gender S. 1099). Man hätte gern mehr über Demographie erfahren. Nur selten wird näher beschrieben, was es bedeutet, wenn in so vielen Kriegen, Folge von so oft auf ewige Zeiten geschlossenen Bündnis- und Friedensverträgen, so gewaltige Opfer an Militär- und Zivilpersonen zu verzeichnen sind. Wie hoch muss da die Fertilität sein?

Mischa Meier betont: „Historische Prozesse verlaufen in der Regel ziellos und kontingent, sie führen unterwegs immer wieder in unerwartete Richtungen und nehmen mitunter schwer erklärbare Windungen: ‚Anfang‘ und ‚Ziel‘ sind dabei keine überzeitlichen, metaphysischen Größen, sondern lediglich die Eckpunkte der jeweiligen Betrachterperspektive.“ (S. 941)

All das breitet der Autor materialreich und faktengesättigt vor dem Leser aus, und zwar in lesbarer Form. Manchmal wird der Leser erfreut durch flapsige Formulierungen (die vielleicht auch das Schreiben erleichtert haben): Ravenna und Italien sind „nicht lautlos vom Bildschirm der oströmischen Regierung“ verschwunden. (S. 534) Oder ein eher makabres Beispiel: Constantius (III.) stabilisiert seine Position in Nordafrika. Er hat dem „umtriebigen Olympus die Ohren langgezogen und bei dieser Gelegenheit auch abgeschnitten und den Konkurrenten dann totschlagen lassen“. (S. 254) Theoderich mahnt seinen fränkischen Verwandten und schickt einen Kitharaspieler mit einem Brief zu ihm, und will so seinem Wunsch „auch auf der audiovisuellen Ebene hinreichend Nachdruck verleihen.“ (S. 537)

Wer wird da nicht neugierig weiterlesen, weil vielleicht noch Ähnliches folgt?

© Dörscheid/Loreleykreis Freitag, Dienstag, 5. Mai 2020