KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2020
über Manfred Folkers und Niko Paech:
All You need is Less
Dieter Kramer
Nicht lockerlassen - mai mollare - nüglia cedar- nitt lugg lossn
Folkers, Manfred; Paech, Niko:
All You need is Less. Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und budhhistischer Sicht. München: Oekom 2020. 254 S.

Nicht lockerlassen - mai mollare - nüglia cedar- nitt lugg --- so ein Wahlspruch aus Südtirol in Zeiten der Corona-Krise. Vielleicht ist es nötig, die Buddhisten auf ihre Verantwortung für globale Probleme aufmerksam zu machen, nachdem die Öffentlichkeit am Beispiel der Rohingas erfahren hat, dass nicht nur Christen und Muslime, sondern auch Buddhisten terroristisch vorgehen können. Aber mit solchem Buddhismus will Volkers ohnehin nichts zu tun haben. Ihm geht es um buddhistische Weisheits- und Lebensregeln, um buddhistische Motive für eine Überwindung der Gier-Wirtschaft, (S. 29) um das Genug. (S. 83)

Allgemeine Zivilisationstechniken für die Selbstfindung und den Umgang mit anderen und mit der Umwelt finden sich im Buddhismus, in allen Offenbarungsreligionen und in allen Weisheitslehren, auch denen antiker Philosophen. Überall gibt es Regeln, mit denen man danach fragen kann, was einem wichtig und wertvoll ist. Buddhismus und romantische Erfahrung sind da auch nicht so weit voneinander entfernt. (S. 33) Auch von den Benediktinern kann man sich inspirieren lassen, wenn es um die eigene Lebensqualität und die Verantwortung der Mit- und Umwelt gegenüber oder um Resilienz geht. (S. 36).

Da mag mancher bei der Lektüre des Textes von Folkers in buddhistischen Gedanken seine Motivation zur Suche nach Lebensqualität finden. Vieles ist Allgemeingut: Ein „ruinöser Konsumismus ist kein Menschenrecht. (S. 13) Reinhard Bütikofer wird zitiert: „Der Markt ist ja kein Naturereignis, sondern ein Kulturprodukt.“ (S. 22) Das kann man nicht oft genug wiederholen. Und zur Überwindung der Gier-Wirtschaft (S. 58) und ihren Peitschen (S. 110) gibt es Stellschrauben, nicht nur Moral-Appelle.

Dieter Klein erinnert mit Recht daran, dass auch ideengeschichtliche moralische Ressourcen wichtig sind, wenn es um die sozialökologische Wende geht. „Gar nicht zu überschätzen ist die Bedeutung von humanistischen Diskursinhalten, deren Vertreter … in den Auseinandersetzungen um politisch-geistige Hegemonie positive menschliche Werte zur Geltung bringen.“ (Klein, Dieter: Zukunft oder Ende des Kapitalismus? Eine kritische Diskursanalyse in turbulenten Zeiten. Hamburg: VSA 2019 S. 104). Hier haben auch die Religionsgemeinschaften ihren Platz.

Der Text von Manfred Folkers, Dharna-Lehrer und Lehrer für Qigong und Taijiquan ist der eine Teil des Buches. Der andere ist ein Text von Niko Paech. Der Siegener apl. Professor im Bereich Plurale Ökonomie an der Universität Siegen ist mit „Befreiung vom Überfluss“ Vordenker der Wachstumskritik und der Propagierung „genügsamer Lebensstile“. „Suffizienz als Antithese zur modernen Wachstumsorientierung“ titelt Paech seinen Beitrag. (S. 119). Nicht erwähnt wird, dass es eine Bundestags-Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ gab, in der ausführlich über „Suffizienz“ diskutiert wurde. (Schlussbericht Deutscher Bundestag Drucksache 17/13300. Berlin 2013)

Peach argumentiert in den interessantesten Teilen des Buches mit Wirtschaftsregeln, die erkennen lassen, was langfristiger Lebensqualität dienlich ist. Man wird mit diesen Hinweisen aufmerksam darauf, wie wichtig es ist, auch in der Politik Lebensqualität und nicht Wachstum als Selbstzweck ins Zentrum zu stellen. Im Prinzip weiß man das, und die Lektüre ist mit einer Wohlfühl-Veranstaltung zu vergleichen: Wenn wir doch alle so wären! Die Anstöße, die sich gewinnen lassen, gehen nicht hinaus über das, was man kennt, aber es ist wichtig, immer wieder daran zu erinnern. Auch die gängigen Abwehrreaktionen sind alle aus dem Alltag bekannt. (S. 179) Ebenso ist es mit den verschleiernden Tricks und Instrumenten der Politik. (S. 142)

Das bleibt unverbindliches Partygespräch: Jeder, wissend um die Einschränkungen und Begrenzungen und Ausreden (und die werden ausführlich dekonstruiert), verspricht Konsequenzen, und scheitert an der nächsten familiären Auseinandersetzung oder dem nächsten geschickten Verkaufsgespräch. Wenn die Corona-Krise mit ihren Einschränkungen in China, in Italien und wohl auch in Deutschland erkennbar zur temporären Luftverbesserung beigetragen hat, dann werden andere Stellschrauben erkennbar.

Peach denkt mit ökonomischen (betriebswirtschaftlichen) Vokabeln über Konsum nach: „Eine konsumförmige Handlung kann aus der Nutzerperspektive nur dann eine wahrnehmbare Wirkung entfalten, wenn ihr ein Minimum an Aufmerksamkeit zuteilwird“ (S. 168) Und: „Das für jede Konsumhandlung aufzubringende Zeitquantum entspricht der Summe zweier Komponenten. Es handelt sich erstens um ein Fixum, das pro Option zwecks Vorbereitung zu verausgaben ist, und zweitens um die mit der aktiven Verwendung variierende Nutzungszeit.“ (S. 169) „Die Ergiebigkeit einer Handlung nimmt mit der Dauer ihrer Ausführung zumeist dann zu, wenn dadurch Lernprozesse möglich sind oder dem Nutzer eine aktive Rolle abverlangt wird.“ (ebd.) „Variable Konsumzeit kann folglich eine besondere Qualität erlangen, wenn sie kreativ oder produktiv verausgabt wird.“ (ebd.) Das ist zu bedenken, wenn es um Lebensqualität geht. Es ist früher Thema der Freizeitpädagogik (2011 ist bei Peter Lang in Frankfurt am Main ein Buch von mir erschienen: Von der Freizeitplanung zur Kulturpolitik. Eine Bilanzierung von Gewinnen und Verlusten)

Zwischen Haben-Wollen und Verarbeiten-Können (S. 149) tut sich eine „Verwendungskonkurrenz“ auf. Es ist nützlich, sich das immer wieder klarzumachen. Konsumzeit und gelingender Konsum sind besonders bei der Mediennutzung ein Problem. (S. 159, 163, 168). Es gibt den frustrationsunfähigen „Konsumhypochonder“. (S. 154)

Das sind Erfahrungen, die von Betriebswirtschaft und Marketing aus dem Alltagsleben entnommen und mit komplizierten Formulierungen ausgedrückt wurden. Auch das Marketing formalisiert sie, um sie nutzen und relativieren zu können.

Wenn es um Geschichte geht, wird sehr vereinfacht argumentiert: Da ist nur von Sklaverei und Gewalt die Rede. (S.138) Es heißt, „Verbote und restriktive Freiheitsregulierungen waren für vordemokratische Strukturen typisch“, weil es keine technischen Möglichkeiten gab. (S. 138) Aber nicht erinnert wird an Organisationsformen und Kooperationsformen, mit denen einst Dauerhaftigkeit angestrebt wurde. (S. 104) „Früher wollten Menschen aus zwanghafter Schicksalsabhängigkeit ausbrechen, um sich frei entfalten und ökonomische Knappheit überwinden zu können. Heute klammern sie sich an eine konstruierte Schicksalsabhängigkeit, um ihre Ausschweifungen gegen den Imperativ zu schützen, für diese selbst verantwortlich zu sein.“ (S. 181)

Kulturkritik ist preiswert: Was „in einer überfrachteten Konsumumgebung an eigener Kompetenz übrig bleibt, ist nichts als müheloses Dahingleiten auf uniformierten Benutzeroberflächen, so als sei das erfüllte Leben gleichbedeutend mit einem allgegenwärtigen Touchscreen. ‚Lebenserleichternde‘ Automatisierung befreit von der Notwendigkeit, etwas Substanzielles zu können.“ (S. 163) Die Oberfläche kann man nicht für das Ganze nehmen, denn das ist viel komplexer. Man soll nicht so tun, als würden alle Strategien des Marketings Eins zu Eins in die Alltagswelt übertragen. Die Menschen sind nicht nur ausführende Organe der von den Marktforschern für die Konzerne ausgedachten Strategien und den von ihnen motivierten Influenzern. Es wird nicht daran gedacht, dass viele Menschen, insbesondere auch Jugendliche, ihre eigenen Strategien entwickeln, um kreativ mit den überreich angebotenen Möglichkeiten umzugehen. Die Menschen erscheinen als entwicklungslose Monaden, und die für den Konsum so wichtigen Alterskohorten-Unterschiede werden nicht beachtet. Wie bei profetischen Moralpredigern wird unterschieden: „Grundbedürfnisse oder dekadenter Luxus?“ (S. 183) Aber wer hat das Recht, das zu definieren?

Andere Thesen von Paech führen leicht auf Abwege. Er meint: „Angesichts des Versagens beziehungsweise der Nichtexistenz anderer Regularien erscheint ein neuer Begriff von ökologischen Anstand nötig, der die Verantwortbarkeit von Handlungen und Lebensführungen thematisiert: Welche materiellen Freiheiten können einem Individuum zustehen, ohne dass es ökologisch und damit gleichsam sozial über seine Verhältnisse lebt?“ (S. 200) Eine Ökodiktatur wird nicht angestrebt, aber der Weg dazu ist nicht so weit, wenn gesprochen wird von der „regulative(n) Idee, dass jedem Menschen nur ein bestimmtes Quantum an ökologischen Ressourcen zugestanden werden kann“ (S. 236) und wenn man die Kohlendioxyd-Äquivalente ausrechnen kann, über die jede Person verfügen darf. (S. 174, 175, 177) Das kann man nicht in Praxis umsetzen: Die übrige Welt wird sich selbst nach Corona nicht freiwillig China unterordnen.

Abgeleitet wird daraus ein „neues Moraldesign“, durchaus auch anknüpfend an noch vorhandene Traditionen. (S. 138, 87) Handeln und Lebensführung sollen hinein verlagert werden in die eigene Verantwortbarkeit Das landet bei Appellen an das individuelle Verhalten, allenfalls an die lokale Initiative. Aber da lauert für die neuen ökosozialen Milieus die soziale Kontrolle, vor der man sich fürchtet wie der Teufel vor dem Weihwasser.

Bei den Naturfreunden, der einzigen Organisation, in der nach 1945 in der BRD die Strömungen der Linken noch gemeinsam vertreten waren, haben mich schon immer Menschen beeindruckt, die konsequent anders lebten. Aber schon da schien mir ihr Beispiel weder massenhaft nachahmbar noch politikfähig. Paech hofft auf Suffizienzpioniere, denen Adapter folgen (wie im Marketing). (S. 208) Da wird sozialwissenschaftliche Diffusionsforschung genannt; dass es auch kulturwissenschaftliche Innovationsforschung gibt, wäre zu ergänzen (S. 222) Aber Vorsicht, beim Marketing folgt dann immer bald ein anderer Trend!

Wähler werden kritisiert, weil sie einerseits Klimaschutz einklagen, andererseits aber nicht durch Suffizienzleistungen dazu beitragen wollen. An die Politik zu appellieren „delegiert das Problem auf eine höhere Ebene, von der eine Systemreparatur oder die Kreation bequemer Ersatzlösungen erwartet wird. Wie durch einen Schutzschild wird so jeder mögliche Anspruch an die eigene Verantwortung oder gar Genügsamkeit kategorisch vermieden.“ (S, 201) Aber es gibt nicht DIE Politik (S. 221), wohl aber gibt es politische Bekundungen und Programme, für die sich einzusetzen lohnt, wenn Wege in die richtige Richtung vorgeschlagen werden (und solche gibt es ja immerhin). Auch DIE Wissenschaft kann nicht pauschal angeklagt werden. (S. 218) Arbeitet nicht Paech auch an einer Universität?

Es gibt politische Diskurse, in denen gesprochen wird von „molekularen Wandlungen“, in denen über „kleine Transformationen“ eine größere Transformation sich vorbreitet. Sie können aufgegriffen werden von einer Politik, die neue Pfade für eine sozialökologische Transformation einzuschlagen bereit ist. Diskutiert wird darüber in der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Dieter Klein: Das Morgen tanzt im Heute. Hamburg: VSA 2013; ders.: Zukunft oder Ende des Kapitalismus? VSA 2019). Dazu muss der Anschluss hergestellt werden.

Die Corona-Krise bewirkt ökologisch (vorerst) unschädliche Reichtumsvernichtung. (S. 150) Diejenigen, die Wandel nur von Krisen erwarten, können jetzt hoffen, dass nach der Corona-Krise und allem, was damit verbunden ist, ein Reformfenster geöffnet wird. In diesem Sinne hat Ute Scheub einen Vorschlag für eine mögliche Ansprache für einen ökosozialen Neustart veröffentlicht, die Kanzlerin Merkel nach Überwindung der Corona-Krise halten könnte. (Neustart Deutschland TAZ 27.03.2020) Es ist eine ganze Wunschliste der sozialökologischen Transformation (und diese Wunschliste müsste ähnlich im Programm einer Rot-Grün-Roten Koalition erscheinen). Sie reicht von der Rekommunalisierung der sozialen und sonstigen Infrastruktur über Klima- und Artenschutz, mehr Bürgerrechte statt Lobbyisten, einen Green-New-Deal, Reichensteuern, Bodenreform usf. Und für Ulrich Menzel beginnt mit der Corona-Krise das Finale der Globalisierung. (Blätter für deutsche und internationale Politik 4/2020, S. 37-44)

Paech wünscht sich „Lebensstile, die so suffizient und autonom sind, dass ökonomische Krisen ihren Schrecken verlieren, weil sie einem nicht viel anhaben können.“ (234) „Stellt euch vor, es herrscht eine Krise, und ihr merkt es nicht weil die Dinge, die nun nicht mehr verfügbar sind, gar nicht braucht.“ (238, Peach im Gespräch) Er meint vor der Krise: „Ein friedlicher und fröhlicher Aufstand der sich Verweigernden – besser noch: ein maßvoller Wohlstands- und Technologieboykott – verbleibt als letzter Ausweg. Die Zeit der Ausreden ist vorbei.“ (Klappentext und S. 218) Vielleicht gibt es da doch auch noch anderes



© Dieter Kramer Dörscheid/Loreleykreis

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