KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2020
über Dieter Kramer::
Es gibt ein Genug.
Harald Dehne
Abschied vom Wachstum und Ankunft im Glück – möglich ist es
Dieter Kramer: Es gibt ein Genug. Lebensqualität, Enkelgerechtigkeit und die kulturellen Dimensionen zukunftsfähigen Lebens. Oekom-Verlag 2019, 296 S.


Gewiss, es gibt ein Genug, muss es geben – heute und für uns alle – die wir augenscheinlich kaum genug kriegen können von allem. Das passt – im Kopf. Aber wie können wir es finden – dieses Genug, für wen passt es genau, für wessen Alltag im aktuellen und langfristigen und kaum überblickbaren Lebenskreis? Was müssten wir alle denn ändern an unserem Verhalten? Innehalten… Umdenken… Zurück zur Vernunft?

Wo fangen wir an, wenn wir uns neu orientieren wollen – angesichts apokalyptischer Szenarien in den Medien und beunruhigender Erfahrungen im eigenen Alltag? Schauen wir für einen Moment der Hoffnung zurück – in die Vergangenheit, die nichts weniger ist als eine, nein, unser aller Menschheitsgeschichte, und aus der wir mehr lernen können, als wir gemeinhin denken – wenn wir den Willen dazu entfalten…

Der hiermit angesprochene gewaltige historische Raum wird von Kramer in diesem Buch weiträumig und permanent detailreich eröffnet – mit dem Ziel, uns Einblicke in die Vielfalt menschlicher Überlebensstrategien zu vermitteln. Aus seiner und unser aller Wahrnehmung der akuten globalen Erd- und Menschheitsprobleme leitet er eine unerwartet positive Blickrichtung ab und endet mit einem „Wir können das schaffen“. „Dass bis jetzt es den Menschen gelungen ist, einigermaßen zu überleben, soll ein bisschen Zuversicht verbreiten.“ (S. 21) Und ein grundlegender Quell unserer in der Zukunft existentiellen Überlebensfähigkeiten könnte eine historische Zusammenschau früherer Erfolge sein. Verbunden aber in jedem Fall mit sehr viel Hoffnung und Zuversicht – so könnte man den Tenor der Ausarbeitung nennen.

Anfangs definiert er seine grundlegenden Begrifflichkeiten: Lebensqualität meint ein Sichselbstfragen, was für einen denn wirklich wichtig ist, aber auch die Toleranz gegenüber den Lebensstilen der anderen. Enkelgerechtigkeit bezieht sich auf die Verantwortung der Vorgeborenen, die Lebensqualität der Nachwachsenden zumindest bestmöglich zu sichern. Und das Genug will nicht Genügsamkeit propagieren, sondern reflektiert auf das, was ausreichend ist oder sein kann, um die eigene und bewusst hinterfragte Lebensqualität zu garantieren. Analog dazu könnte der Begriff Suffizienz verwendet werden, wenn er eine „Ökonomie des Maßhaltens, des guten Lebens und des ‚Genug für alle‘“ (Enquête-Kommissionn des Deutschen Bundestags, Schlussbericht 2013, S. 798) meint.

Der Bogen öffnet sich und wird plötzlich riesengroß, reicht fast ins Unermessliche… Da versucht
der Ethnologe und Kulturhistoriker Dieter Kramer kaum weniger als eine neuerliche Vermessung der Welt – vielleicht mit einem neuen Urmeter versehen.

Ach, schon die Urgesellschaft war eine Überflussgesellschaft? Na ja, zumindest gelegentlich, wenn man nicht wusste wohin mit den erlegten tierischen Nahrungsmitteln oder anderen Erntebergen. Dann war es – temporär – so etwas wie eine Wohlstandsgesellschaft, die auch einen Überfluss hatte – und dann mussten Feste gefeiert werden – vor mehr als 10, 12000 Jahren schon. Um den Überfluss produktiv (hoffentlich) zu vernichten und hiernach zur (qualitativ neuen?) Normalität zurückzukehren: Suche nach neuen „Spielfeldern“ zum Nutzen der individuellen Reproduktion?

Vielleicht hatten wir einstmals so etwas wie ein Goldenes Zeitalter, das wohl eher beschrieben als erlebt worden war. Stichwörter wären Paradies, Elysium, Schlaraffenland usw. Dann folgte das Eherne Zeitalter, etwa mit den Städten der Renaissance. Hier bildete sich (bei wem, würde Brecht fragen) ein Überfluss, der u.a. in materialisierten Schönheiten gipfelte, das wir heute als kulturelles Erbe der Menschheitsgeschichte reklamieren.

Welche Vorstellungen von einer erreichbaren und befriedigenden Lebensqualität prägen denn die vorindustrielle resp. ländliche Ständegesellschaft? Der Blick auf uns nähere Geschichtsräume zeigt etwa Bauernwirtschaften, in denen Bescheidenheit angesichts kargen Ressourcenflusses eine lebensnotwendige Tugend war, z.B. bei Bergbauern. Sie jammerten wenig über ihre kümmerliche Subsistenzwirtschaft und waren glücklich, wenn sie „über die Runden“ kamen. Mussten sie anspruchslos sein? Wie groß und auch wie zuverlässig war ihr realer Spielraum für individuelle Selbstverwirklichungschancen? Er war mit Sicherheit eingeengt durch verschiedenartige Abhängigkeitsverhältnisse, von herrschaftlichen Zumutungen bis hin den Launen der Natur. Hungererfahrungen prägten Generationen ebenso wie Ernteausfälle und Naturkatastrophen. Es war ein permanenter Kampf ums nackte Überleben. (Diese Herausforderung bleibt den meisten Menschen in der westlichen Welt heute und zu ihrem Glück erspart.) Mangel und Überfluss wechselten einander unerwartet ab. Wachstumserfolge und Gewinne im Wohlergehen wurden dankbar angenommen. Es ist also nicht ganz klar, welche Seiten der diversen Überlebensstrategien in traditionellen Gesellschaften der Vormoderne wir als im Vordergrund erscheinend wahrnehmen dürfen, dafür sind auch die historiografischen Befunde häufig zu widersprüchlich. Einer „Entwertung der Geschichte“ (S. 43ff.) allerdings kann zu Recht mit Blick auf die vielfältigen Überlebensstrategien der einfachen Leute entgegengetreten werden.

Das vierte Kapitel thematisiert Gemeinnutzen und Gemeinwohl als herrschende Prinzipien von Überlebenssicherungen zu Zeiten von Grundherrschaft und Allmende. Wie gestalten sich die Beziehungen zwischen Wachstum und Gemeinwohl und der Aufgabe, die soziale Gemeinschaft zu sichern? Beispiele für gemeinschaftliche Selbstorganisation stellt Kramer mit umfangreichen volkskundlichen Befunden über mehrere Jahrhunderte vor. Merke: Bergvölker wissen ihr gegenseitiges Aufeinanderangewiesensein besonders wertzuschätzen, und sie definieren ihren Reichtumsbegriff bescheidener weil lebensweltlich optimiert: Sie können Selbstbegrenzung praktizieren ohne sie Verzicht nennen zu müssen.

Gemeinwohl wird in der bürgerlichen Gesellschaft anfangs des 19. Jahrhunderts auch zu einer staatstragenden Orientierung, die einerseits Armenfürsorge und Wohlfahrt reformiert, andererseits aber hegemonialen Eliten es auch erlaubt, sich mit ihrem angehäuften Reichtum aus der Verantwortung für die anderen zu stehlen. Dieses Dilemma, das auch unsere Gegenwart prägt, lässt die Idee von der Suffizienz blass erscheinen, stattdessen schieben sich „die Unfähigkeit zur Selbstbegrenzung und der Fluch der Unersättlichkeit“ (Goethes Faust, zit. S. 94) in den Vordergrund. Mit diesem Egoismus der Wachstumsprofiteure gehen zugleich „soziomoralische Ressourcen“ (S. 118) der sozialen Gemeinschaftssicherung verloren.

Gibt es dennoch Lichtblicke? Ja, sagt Kramer, wenn wir uns der guten alten Gemeinwohlideen von Humanismus und Aufklärung wieder erinnern und wenn die Errungenschaften bürgerlicher Sozialreformen nicht verloren gehen. Wenn die Beispiele der Wiederentdeckung der Allmende massenhaft Schule machen, nicht nur auf dem Land, sondern auch im digitalen Bereich (Open-Source-Bewegung). Und wenn der Genossenschaftsgedanke nicht „unter die Räder der neoliberalen Marktwirtschaft“ (S. 145) gerät.

Weltweit lassen sich Suchbewegungen danach ausmachen, wie sich Wohlstand und Lebensqualität vereinbaren lassen mit Zukunftsfähigkeit und Suffizienz (im Sinne von Genügsamkeit). Den Versuchsvarianten eines souveränen Umgangs mit Formen des Reichtums in der Wohlstandsgesellschaft widmet sich das siebente Kapitel. Darin geht es um „Fenster für Reformen, mit denen der Übergang in eine Postwachstumsgesellschaft möglich scheint.“ (S. 147) Hier wird die kulturelle Dimension dieser Aufgabenstellung deutlich: Wie definieren wir, was arm, was reich ist? Was brauchen wir wirklich, um glücklich und zufrieden zu sein? Und um ein gutes Gewissen gegenüber unseren Nachfahren bewahren zu können! „Lebensqualität ist nicht an Reichtum in Form von materiellem Wohlstand oder Wachstum gebunden.“ (S. 149) Kramer zitiert Enzensberger, der 1996 feststellte, dass Luxus auch Werte beinhaltet, die man nicht kaufen kann, etwa Ruhe, Zeitsouveränität, Kunstgenuss usw. (vgl. S. 156) Haben wir Ideen, wie wir einst, nach dem Ende der Arbeitsgesellschaft, mit einer neuen Form von Reichtum, mit Zeit im Überfluss umgehen können? Bei Marx war es „Mußezeit als Zeit für höhere Tätigkeit“ (Grundrisse 1858, S. 599) und „Raum zu menschlicher Entwicklung“ (Marx 1865, Lohn, Preis und Profit, MEW 16, S. 144f.) Sein Schwiegersohn Paul Lafargue kokettierte in einem Essay 1883 mit dem „Recht auf Faulheit“.

Auf Kosten der Lebensqualität wird Wachstum gerettet – so die Überschrift des achten Kapitels. Aber die Zeiten des selbstzweckhaften materiellen Wachstums zuungunsten unserer Zukunftsfähigkeit sollten heute vorbei sein. Allerdings sind die Gegenspieler sehr stark: Konsumismus, Marketing und Influencer, Trägheit und Fehlverhalten der Konsumenten usw. Das neunte Kapitel beschreibt Anfänge molekularer (modularer) Wandlungen, „die Konturen einer solidarischen Lebensweise erfahrbar machen“ (S. 193). Von hier aus müssten Pfade hin zur Politik eröffnet werden – so ungefähr sieht das kleine Pflänzchen derzeit wohl aus. Sätze wie „Nicht alle technischen Möglichkeiten müssen auch genutzt werden.“ (S. 193) verhallen da wohl eher noch.
Aber es gibt wohl zur Zeit keinen anderen Weg als Pfade zu entdecken, also „Gemeinwohlökonomie als soziale Innovation“ (S. 198) nachzuahmen und ermutigende Anfänge von Selbstorganisation zu verbreiten. Kleine Schritte in Richtung Nachhaltigkeit sind etwa Repair-Cafés u.ä. Experimente, aber auch die Zukunft der Arbeit könnte sich grundlegend und nachhaltig verändern: „Lebensplätze statt Arbeitsplätze“ (S. 212), also ein informeller Arbeitssektor („Schattenwirtschaft“) zur Subsistenzsicherung. „Ein solcher Lebensplatz ist gleichzeitig mehr und weniger als ein Arbeitsplatz. Er ist mehr, wenn zu seiner Qualität nicht nur materielle Sicherheit (im Rahmen der jeweiligen kulturspezifischen Standards) gehört, sondern auch ein befriedigendes Maß an Souveränität über die eigenen Lebensverhältnisse und die Anerkennung der Würde der Persönlichkeit wie der Menschenrechte. Er ist weniger als ein Arbeitsplatz, weil er den (mehr oder weniger) sicheren Lebensunterhalt für dass Individuum und die Familie nicht, wie im klassischen Muster der Industriegesellschaft, aus einem festen gesicherten Arbeitsplatz bezieht.“ (S. 215)

Welche positiven Tendenzen wir heute schon erkennen, durch die unsere Mobilität sich grundsätzlich wandelt (sanfter Tourismus, Widerstand der Bereisten, aber auch der Reformbedarf beim individuellen Autoverkehr), beschreibt das vorletzte Kapitel.

Im abschließenden elften Abschnitt geht es um Szenarien und Möglichkeiten einer sozialökologischen Transformation: der Übergang in die Politik. Schriftlich formulierte Ansätze für anscheinend pragmatische Zugänge gibt es genug, angefangen auf der Ebene der UNO 2001 mit einem Manifest Brücken in die Zukunft für einen Dialog der Kulturen unseres Globusses. Sie stehen für diverse Reformfenster, die aber leider nicht sicher offen gehalten werden, sondern deren Schließmechanismus sich scheinbar beliebig und unvorhersehbar verhält.

Am Ende des Buches bleibt eine deutliche Zuversicht stehen: eine Postwachstumsgesellschaft ist möglich! Ein Glücklichsein mit der positiv erlebten Lebensqualität und der passenden Zufriedenheit auch. Neben dem historischen Raum eröffnet Kramer einen Nachdenkraum. Es folgen detaillierte und anschauliche Beispiele aus der historisch akribischen Ethnologie, zugleich ein Wechsel zwischen zu Recht grobkörnigeren Draufsichten auf historische Gesellschaftsformationen und feingliedrigen Darstellungen von kulturhistorisch zentralen Epochen wie etwa der Renaissance. Allerdings: Auch die kenntnisreiche Auflistung einer Vielzahl dargestellter und positiv bewerteter Beispiele aus der Menschheitsgeschichte und aus der politischen Gegenwart reicht am Ende vermutlich nicht aus, um nichtakademische Menschen zu erreichen. Zumal: Wen erreichen wir mit einem solchen Buch, das 28 Euro kostet?

Eine hoffnungsvolle Quintessenz bei Kramer lautet: „Die Chance für eine solidarische Lebensweise gibt es, weil vielen Menschen Lebensqualität, Enkelgerechtigkeit und Suffizienz - also ein allgemeingültiges Wissen davon, dass es ein Genug gibt - so wichtig sind, dass sie zu den Grundlagen ihres Handels gehören.“ (S. 247) Aber reichen viele Menschen? Wie viel ist ein Viel, um ein Genug im Wachstum, in der eigenen Lebensqualität zu verwirklichen?

Eine Buchkritik kommt schwerlich vorbei an einer Nachfrage zu Schwierigkeiten und Problemen des Dargestellten: Schaffen wir denn ein Innehalten und eine teilweise Umkehr? Was sind die Negativ-, was die Positivbilanzen? Hoffen und Zaudern, Für und Wider liegen nicht weit von einander entfernt.

Positiv denken ist und war immer gut - nicht erst heutzutage! Wir lesen Dieter Kramers Botschaft „Wir können statt Wir müssen“ und haben ein Dejavu auch aus unserer Kindererziehung: nicht verbieten, sondern hervorheben, was gut läuft. Oder für die Eltern: nicht von Apokalypse oder Dystopie reden, sondern von positiven utopischen Vorstellungen. „Oft wird gesagt, der Mensch ist ein habgieriges Mängelwesen, er kriegt nie genug. Aber: Wenn der Mensch wirklich so wäre…, hätte er nicht so lange überleben können.“ (S.19) Aber: Um welchen Preis haben diejenigen überlebt, die es wirklich geschafft haben? Wie viele anderen sind ihretwegen auf der Strecke geblieben, wurden ausgenutzt, ausgebeutet usw.? Welcher Hoffnungsglaube trägt uns denn wirklich? Derjenige an die Anpassungsfähigkeit und Selbstorganisationskräfte der Menschen? An die Menschheit an sich mit ihren guten Qualitäten – weil sie - durchaus - viel geleistet hat, und weil das Positive vielleicht auch überwiegt? Aber auch der an die Vernunft in der Welt? Die Vernunft der deutschen Aufklärung hat das ja irgendwie nicht hinbekommen. Von anderen Katastrophen unserer Nationalgeschichte ganz zu schweigen. Es braucht ein gerüttelt Maß an Optimismus und Zuversicht, um eine lichte Perspektive zu sehen.

Doch kehren wir zurück zur Universalgeschichte. Wir haben eine akkumulierte Menschheitserfahrung, da ist ontogenetisch kaum viel mehr als phylogenetisch eingebrannt in unser Hirn, in unser unhinterfragtes Alltagshandeln usw. Auch das ist aber unser lebensweltliches Kulturerbe! Dazu eine kleine zurückschauende Überlegung: Gehen wir davon aus, dass es uns Menschen seit etwa 300.000 Jahren gibt, dann lebten ca. 108 Mrd. Menschen vor uns und haben über mehr als 12000 Generationen unser heutiges Dasein herausgebildet – inhaltlich wie nicht zuletzt auch strukturell. Der Weg des Umdenkens kann also kein leichter sein! Andererseits: In der Geschichte der Menschheit ging es nicht immer und schon gar nicht von Anfang an um ein Mehr im Leben, um einen ständigen Zuwachs, wie wir das seit der Fortschrittsidee für selbstverständlich halten. Der Fortschrittsgedanke war ja nicht immer in der Welt. Da spüren wir wieder hoffnungsvolle Impulse. Andererseits: Es hat eine rasante Beschleunigung des Lebens und der Veränderungsvorgänge stattgefunden. Wohl können wir konstatieren, dass manche historische Gemeinschaften über Jahrtausende hinweg in derselben Gegend miteinander auskamen (wie es zumindest manche Quellen nahelegen), vielleicht sogar „Tausende von Jahren Party am gleichen Platz“ (S. 27) machten, ansonsten aber die Ressourcen ziemlich gleichmäßig in Anspruch nahmen und insofern so etwas wie eine öde Nachhaltigkeit praktizierten. Aber unser Geschichtsbild verzerrt sich, wenn wir nicht auch den Preis ihres Überlebens in Rechnung stellten: Unsicherheiten, Hungersnöte und andere Elendserfahrungen einerseits und die Gleichförmigkeiten ihres Lebenswandels andererseits. Was davon wäre denn auf heutiges normatives Verhalten übertragbar? Müssen wir da nicht auch andere Maßstäbe entwickeln? Unser Ressourcenverbrauch und unser Lebenstempo haben sich jedenfalls exponentiell beschleunigt.

Die Idee von der Gemeinschaftlichkeit stellt in unserem Kontext ein zentrales Diktum dar: weniger Egoismus, mehr Toleranz, viel Pragmatismus und noch mehr Kampfesmut. Molekulare Prozesse sind inzwischen en vogue und vorbildhafte kleine Ansätze – aber woher kommen die Akteure, die Avantgardisten? Wer von den Starken mag sich um die Armen und Schwachen kümmern? Um die Zukurzgekommenen rund um den Erdball? Wie viele sind in dieser Freiwilligenarmee gegen soziale Ungleichheit? Die Probleme, mutige Akteure dafür zu finden, sind nicht wirklich kleiner geworden. Tauchen hier endlich unsere Pfadfinder auf? Das Gemeinwesen – zumindest im heutigen Moment - wartet noch auf seine Menschenansammlung – die massenhaft aktiv werden will – weil sie muss! Rufen wir sie zusammen! Wir haben die Erfahrung: Die Bewegung in die verkrusteten Strukturen hinein kommt, wenn sie denn kommt, von unten! Fünfzig Jahre nach 1968, also zwei Generationen, allein, wir haben Hoffnung.

Aber reicht das schon? Brauchen wir nicht doch so etwas wie den Neuen Menschen? Weil die wenigen Avantgardisten längst nicht ausreichen, um rasch mal die Welt zu retten…Wie wir wissen, war die Formel vom neuen Menschen keine Idee Sowjetrusslands, denn die Forderung, ein neuer, besserer Mensch zu werden, kommt schon im Neuen Testament vor, ist aber wohl noch viel älteren Ursprungs. Sind unsere Zeitgenossen bereit für ein Umdenken in Richtung Genug und Nachhaltigkeit? Oder gilt doch: allein, die Menschen, sie sind nicht so?
Wie heißt es in Brechts Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens (1928):
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht gut genug
Darum haut ihm eben
Ruhig auf den Hut!


Wieder geht es also letztlich um einen Neuen Menschen, den heute nicht mehr nur ein Land oder ein Kontinent, sondern die ganze Welt braucht! Sind wir jetzt aber bereits wieder im Bereich einer sozialen Utopie? Wer sagt uns, dass es kein Tag- oder Wachtraum ist?

Die Sache mit dem Genug betrifft leider die ganze Welt, nicht Deutschland oder Europa, wie bescheiden kann also unser Beitrag weltgeschichtlich sein? Haben wir überhaupt die passenden Ideen, um Menschen in Afrika, Asien, Amerika – alle jedenfalls zu erreichen? Und machen die denn dann auch hinreichend zahlreich mit? Werden Genügsamkeit und Nachhaltigkeit denn auch zu ihrem Anliegen, oder wollen sie erst Mal aufschließen zum equal footing, um überhaupt auf Augenhöhe anzukommen? Wie verknüpfen wir globales Geschehen mit molekularen Ansätzen?Hierfür brauchen wir einen interkulturellen Dialog im internationalen Maßstab, der aber noch in den Anfängen steckt.

Und nicht zuletzt: Wie viel Zeit bleibt uns denn überhaupt? Es gibt ein Genug – das müssen wir sehen, erkennen und verinnerlichen und danach imperativ handeln – nicht in Äonen, sondern hier und jetzt! Wir sollten euphorisch bleiben - gemäßigt oder „vernünftig“.

Gewiss sind all diese dargestellten Schritte klein, aber auf diese Weise entstehen Trampelpfade, und wenn viele sie gehen, werden daraus Wege. Vermutlich werden unsere Enkel noch ganz andere Pfade und Wege finden – in jedem Fall - immerhin - sind es glücklicherweise Wege, die wir alle dringend brauchen und die zu erkunden möglich ist. Und: Last but not least: Wir kämpfen doch auch heute um nichts Geringeres als um unser Überleben – nicht wie früher als Einzelne, sondern um das Überleben unserer Welt – die wir als einzigartig wahrnehmen und in der wir leben wollen und müssen! Wo denn sonst?


Es gibt das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe vom 9. Kapitel unter
https://www.oekom.de/_files_media/titel/leseproben/9783962381400.pdf