KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2018
über Sabine Kebir:
Frauen ohne Männer?
Dieter Kramer
Ungelöste Probleme und selbstbewusste Frauen in der DDR
Kebir, Sabine:
Frauen ohne Männer? Selbstverwirklichung im Alltag. Elfriede Brüning (1910-2014): Leben und Werk

Bielefeld: Aisthesis Verlag 2016, 954 S.

Dieses Buch ist für die feministische Diskussion interessant. Aber es ist auch wichtig für die Auseinandersetzung mit Populärliteratur und die Bedeutung der populären „autores minores“. Deren Studium ist aus der Sicht des Literaturwissenschaftlers Werner Krauss ebenso interessant wie das der für eine Epoche als repräsentativ betrachteten Autoren, denn dank dieser populärem „Massenliteratur“ konnte z. B. die Aufklärung erst zu einer breiten Bewegung werden (S. 18, Fn. 8).

Ob die Zuordnung zu dieser Literatur berechtigt ist, soll hier nicht entschieden werden. Jedenfalls gehört sie zum Kulturprozess in der DDR. Und daher kann man dankbar für diese ausführliche Darstellung sein. Sabine Kebir bekennt: „Tatsächlich hatte ich bei meiner Arbeit stets den von Bourdieu bekräftigten Grundsatz im Auge, dass die für die moderne Ethnologie geltenden wissenschaftlichen Grundsätze in der gesamten Kultursoziologie Anwendung finden müssen. Aus dieser Sicht ist leider zu vermelden, dass die DDR-Kultur in den Medien und oft auch in der Wissenschaft nicht mit denselben sorgfältigen Maßstäben betrachtet wurde, mit denen man z. B. einen Indianerstamm am Amazonas untersuchen würde. Der muslimischen Frau mit dem Kopftuch hat in den letzten Jahrzehnten mehr öffentliche und wissenschaftliche Aufmerksamkeit gegolten als den aus ihren Arbeitsplätzen vertriebenen ostdeutschen Frauen - und erst recht der Literatur über sie. Tatsächlich gilt Brüning vielleicht bestenfalls als ‚Folklore‘, was dann auch abwertend gemeint ist. Und nach alter kolonialistischer Manier wird an alles in der DDR der Maßstab der Bundesrepublik angelegt, wonach dann alles in der DDR katzengrau und einheitlich war.“ (Kebir in einem Brief an den Autor)

Diese Argumentation passt zu der die neuen Sicht auf die DDR-Kulturgeschichte, die Gerd Dietrich (Jena) vorschlägt (Dietrich, Gerd: Kulturgeschichte der DDR. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2018. Band I): Er entwickelt für die Darstellung der Kulturgeschichte dieser „kleinen DDR“, nur wenige Jahrzehnte kurzlebiger als die große Sowjetunion und ein durchaus einmaliger Kulturstaat, ein überzeugendes Konzept, das nicht auf der „Spielwiese der Interpreten“ der frühen Jahre nach 1990 einem Platz sucht, sondern Kulturgeschichte als Teil der Zeitgeschichte ernst nimmt: „Zeitgeschichte als Wissenschaft insistiert auf der Eigengesetzlichkeit der Vergangenheit“ (S. XVI). „Eine methodisch kontrollierte und theoretisch reflektierte Zeitgeschichte kommt mit einfachen moralischen Rastern nicht aus. Zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Ende der DDR wird ein differenzierter Blick in die Geschichte verlangt. Keine Perspektive, die einseitig Opfer- oder Tätererfahrungen artikuliert, sondern ein Interpretationsansatz, der entwicklungsoffen und historisch-kritisch die relative Normalität des Lebens in der DDR beschreibt, einer Gesellschaft, die nicht in der diktatorischen Herrschaft aufging und ihren Eigensinn und –wert besaß.“ (S. XIX)

„Die Kultur blieb ein Feld des Miteinander und der Gegensätze von Kulturproduzenten, Kulturvermittlern und Kulturkonsumenten, von Intellektuellen und Ideologen, ein Feld der Spannungen zwischen Personen und Gruppen, Strukturen und Institutionen. Das war immer auch ein Kampf um Hegemonie. … Während bisherige Darstellungen in der Regel davon ausgingen, dass die SED-Politik die kulturellen Entwicklungen dominierte und ihre Richtung bestimmte, was zu einem relativ einspurigen und simplen Schema führte, soll nunmehr eine Veränderung der Perspektive vorgenommen werden. Gegenüber der bisherigen Dominanz des Politischen wird ein kulturgeschichtlicher Ansatz favorisiert: Kulturpolitik als Teil eines kulturellen Feldes. Der Politik wird keine Schlüsselstellung eingeräumt, sondern Kultur und Politik werden in ihrer wechselnden Hegemonie und gegenseitigen Einflussnahme betrachtet. Ausgangspunkt ist der Prozesscharakter von Kultur, hineingestellt in die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit der DDR-Gesellschaft.“ (S. XXVI)

In diese Widersprüche ordnet sich die Frauenemanzipation ein: Programmatisch gefordert, wird sie von der Realität nicht eingeholt. Das ist das Thema des Schreibens von Elfriede Brüning. Mehr als ein ganzes Jahrhundert, von 1910 bis 2014, lebt sie, und von erster schreibender Tätigkeit bis zur ihrem Tod 2014 ist ihre Arbeit eingeordnet in die verschiedenen gesellschaftlichen Systeme - Weimarer Republik mit dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS), Nationalsozialismus (sie wird auch Mitglied der NS-Reichsschrifttumskammer und benutzt dies zur Tarnung für Kurierdienste ins Ausland, S. 115), Sowjetische Besatzungszone, DDR und schließlich Bundesrepublik – aus der Perspektive einer Person so viele Unterschiede! (Das Dortmunder Fritz-Hüser-Institut hat den Vor- und Nachlass von Elfriede Brüning übernommen).

Geboren ist sie 1910. Sie lernt Empathie in ihrer Kindheit. Die Eltern kommen aus dem Oderbruch, haben 1907 geheiratet, gehören zum Berliner Kleinbürgertum, dominant ist die Mutter. Elfriede ist eine Leseratte (S. 28). Mit 16 Jahren schreibt sie 1926 die erste Reportage. Ihr erster Partner Hillers vergewaltigt sie (S. 39), regt sie aber zum Lesen politischer Literatur an (S. 42/43), und sie schreibt erste erfolgreiche Reportagen (man denkt an Egon Erwin Kisch, der auch genannt wird), dann Betriebsreportagen. Es geht mehr um Geschlechter- als Klassenkampf, wird sie im BPRS deswegen kritisiert (S. 77).

Sie führt lange ein wenig befriedigendes Eheleben. Mit dem später erblindeten Partner Joachim Barkhausen verbindet sie in der NS-Zeit eine Vernunftehe; er ist Vater der Tochter Christiane (S. 172). Sie entwickelt Verständnis für die sexuellen Nöte alleinstehener Frauen (der Kriege wegen herrscht „Frauenüberschuss“) (S. 213, 324). Thematisiert wird „weibliches Begehren“ (S. 58) und „in Fesseln liegende Libido“ (S. 60). Sie schreibt immer ohne sexuelle Einzelheiten, denn der „Import sowjetischer Prüderie“ (S. 337) sorgt für ein anderes Klima als in der Weimarer Republik bei den Linken. Es gibt in der DDR Disziplinierungen, Sexprozesse, Ehebruchprobleme auch für Erich Honecker. Sozialistische Geschlechtermoral. Liebesgeschichten in der Systemauseinandersetzung gehören später zu den Themen (S. 507).

„Dass sie als arbeitende Frau über und für arbeitende Frauen schrieb, bedeutete nicht nur, dass die biologische Bestimmung des weiblichen Körpers und auch die Bedingungen, unter denen Kinder arbeitender Frauen lebten, in ihren Texten eine entscheidend größere Rolle als gemeinhin in der Literatur spielen. Es bedeutete auch, die Welt aus der Perspektive doppelter Unterdrückung zu beschreiben.“ (S. 13) Diese gehört auch noch zum Alltag des sozialistischen Weltveränderungsprogramms der DDR, das sie kritischer als viele andere DDR-Autorinnen betrachtet. Auch in diesem Staat wird die Gesetzgebung zur Gleichberechtigung und Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsprozess nicht automatisch in Alltagswirklichkeit übersetzt. Die sich für Frauen ergebenden Widersprüche und Benachteiligungen sind in den ersten zwei Jahrzehnten der DDR für öffentliche Diskussionen höchstens ansatzweise freigegeben, aber sie werden von ihr in Romanen und journalistischen Arbeiten auch später immer wieder thematisiert.

Die in der Zeitschrift „Neue deutsche Literatur“ 1967 abgedruckte Romanerzählung „Septembereise“ über die „patriarchal-egoistische Lebenshaltung eines aus dem antifaschistischen Widerstand hervorgegangenen Funktionärs“ wurde so scharf kritisiert, dass sie erst sieben Jahre später als Buch erscheinen konnte (S. 14). Altgenossen kommen darin als Spießer vor (S. 549), und immer wieder erscheinen Männer als Trottel (S. 511). So etwas lesen die Patriarchen, auch die aus der Emigration zurückgekehrten, nicht gerne. Da wird schon dekonstruiert, was dann nach 1990 als Heldentat in der Literatur gefeiert wird. Mit der Erörterung der Frage „Sind Rosen Kitsch?“ (S. 401) wird Anderes vorweggenommen, ebenso wenn gegen die Belästigung alleinstehender Frauen protestiert wird (S. 443).

Die frühe DDR plädiert für Gleichberechtigung, hat aber keine fortschrittliche Sexualpolitik, lautet ein Vorwurf (S. 321): Wer das kritisiert, der muss sich abarbeiten an dem was Brüning über Frauenalltag schreibt, besonders über die Rolle der Frauen mit Kindern.

Als Reporterin an der unzensierten Wiedergabe des Lebens interessiert, ist ihr der Alltag wichtiger als die Parteidoktrin und die verordneten programmatischen Zielsetzungen. Ihre Texte werden gelesen von „Frauen mit geringer literarischer und wohl auch geringer politischer Vorbildung“, sie schreibt ohne Schönfärberei in der Tradition der „frauenemanzipatorischen Arbeiterbewegung“, immer auch mit Bodenhaftung im realen Alltag der DDR. „Frauenemanzipation über fünf Generationen. Die Bedeutung dieser Auseinandersetzung liegt darin, dass Brüning nicht nur die Kämpfe schildert, die diese fünf Generationen in ihrer patriarchalisch organisierten Umwelt führten, sondern auch die Konflikte, die sich aus dem Emanzipationsstreben heraus zwischen den verschiedenen Frauengegenrationen ergeben haben.“ (S. 20)

Kebir stellt fest: „… weil sie den von Frauen zu bewältigenden Alltag mit den als bereits erreicht geltenden hochtrabenden Zielen des Realsozialismus in Widerspruch sah, entkam ihr Werk dem mechanischen Fortschrittshegelianismus“ – bei dem Seghers verblieb, Christa Wolf und Heiner Müller jedoch ebenso wie Brüning nicht (S. 19). Erst mit dem 11. Plenum des ZK vom Dezember 1965 wird offen in kulturpolitische Prozesse eingegriffen (S. 585ff.)

Programmatisch für ein neues Selbstbewusstsein der Frauen ist der Roman „Ein Kind für mich allein“ (S. 200-203, S. 323). Gezeigt wird, wie die Protagonistin sich zu diesem Kinderwunsch durchringt (anderswo ist ein Kind zu bekommen eine Katastrophe, die nur mit einer wenig Glück versprechenden Heirat aufgefangen werden kann). Klischees und triviale Elemente sind nicht fern, aber das sich identifizierende Publikum ist begeistert, die Kritik dagegen ratlos (S. 331).

Der Text „Regina Haberkorn. Roman zu den Frauen im Lokomotivbauwerk Henningsdorf“ (S. 377) wird viel gelesen (S. 407): Es geht um Träume der Frauen von Versorgung in der Ehe (S. 381), an anderen Themen sind sie kaum interessiert. Ungleichbehandlung wird erkennbar; die Protagonistin verteidigt ihr Recht auf Arbeit gegen den Partner (S. 384, 385): „Durch ihre Arbeit kann eine Frau nicht nur allein für sich und ihr Kind sorgen, sie gewinnt auch die Freiheit, ihren Lebenspartner zu wechseln. Und Gelegenheit dazu bietet sich in der Arbeitswelt reichlich.“ (S. 385, s. S. 348)

In diesem Roman hat Brüning „eine mit kleinbürgerlichen Vorstellungen behaftete Arbeiterehe dargestellt“ (S. 403, S. 404), wird ihr vorgeworfen. Sie sei eine „rote Courths-Mahler“ (S. 417) und behandele „unbedeutende Themen“ (S. 410). Gesagt wird, es sei „leichte Unterhaltung“ (S. 331), ein Buch wird auch aus dem Verkehr gezogen (S. 359). Gönnerhaft wird ihr zugestanden, für „zurückgebliebene“ Teile der Bevölkerung zu schreiben. Die Verbreitung ihrer Bücher wird dadurch behindert, dass die Verlage nur unzureichende Papierzuteilungen bekommen (S. 411) und so die Auflage nicht beliebig erhöht werden kann. Vorgeworfen wird ihr, dass der antifaschistische positive Held fehlt. Im Hintergrund solcher Kritik steht die dogmatische Vorstellung, dass der angeblich bevorstehende Sieg des Sozialismus ein welthistorischer Automatismus ist. Die Kunst sollte das beinahe schon erreichte Ideal schildern – am besten mit der klaren Figur eines positiven Helden oder einer positiven Heldin (S. 364).

Der im April 1959 propagierte „Bitterfelder Weg“ (S. 493), der Autoren auffordert in die Betriebe zu gehen und Erfahrungen sammeln, ist nichts Neues für Brüning. Sie schreibt schon lange Reportagen aus Betrieben und zu Entwicklungen des Alltags (S. 494), so auch zu den vier Millionen Umsiedlern in der SBZ (S. 262, S. 254), über Umsiedlerlager und Umsiedler-Genossenschaften. Zivilinternierte, die aus der SU zurückkehren, sind tabu (S. 256), auch sie hat immer noch Illusionen zur SU. An die Reportage-Traditionen der Weimarer Republik wird offiziell nicht angeknüpft. Sie schreibt Reportagen zum Frauengefängnis und zur Fürsorge, indirekt dabei auch gegen die Justizministerin Hilde Bejamin (S. 240). Es gibt Reportagen zu Bildungschancen und zu jungen Frauen an den Arbeiter- und Bauern-Fakultäten (ABF): „Vor uns das Leben“ (1952) heißt ein Roman zur ABF, an der auch Studenten aus Westdeutschland studieren (S. 351). Stalin und sein Tod kommen nur am Rande vor (S. 475, 355), überhaupt sind tagespolitische Themen eher selten. Als am 13. August 1961 die Mauer gebaut wird, zeigt sie Verständnis (S. 517, 519): Manchmal weiss sie sich anscheinend nicht anders zu helfen als die offiziellen Formeln zu übernehmen.

Stichworte zu weiteren Reportagen und Themen sind: Leichtsinnige Mutter, sanfte Resozialisierung 1948/1949 (S. 588), Frauen im Beruf in Ost und West (S. 314), fehlende Ärzte, Nachbarschaftshilfe als gesellschaftliche Selbsthilfe (S. 593), die demoralisierende Wirkung der Anti-Baby-Pille 1968 (S. 592), Asozialität (S. 593), Sorgerecht und Erziehung außerhalb der Familie (S. 611/612, S. 431/432); auch im Haushalt ist die Frau legitim (S. 435), Scheidungsfolgen (S. 437), Kinder ohne Eltern (S. 604) und die unzureichenden zuständigen Institutionen wie die Jugendwerkhöfe (S. 434), über die in den letzten Jahren auch in der BRD diskutiert wurde. Es geht um Kinder aus gestörten Familien, Ost-West-Fälle und Jugendhilfe 1961 (S. 595/6): Durchaus gibt es im Sozialismus ungelöste Probleme (S. 584).

Mit den Reportagen setzt sie sich zwischen alle Stühle: Es ist keine für die BRD geeignete DDR-Kritik, für die DDR selbst sind sie zu realistisch.

Im „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ wurde „erst allmählich klar, dass das erwünschte Anknüpfen an die ‚bürgerlich-humanistische‘ Kultur einerseits und die strikte Ablehnung des bürgerlichen Liberalismus andererseits einen Widerspruch darstellte.“ (S. 228). Erkennbar wurde auch, „… dass eine sozialistische Perspektive weniger von der subjektiven Lauterkeit und Dynamik ihrer Verwalter abhängt, zu denen das ‚Du‘ zählte, sondern einen viel tiefer in der Gesellschaft verankerten Konsens benötigt.“ (S. 655) Die von Intellektuellen „gespürte Erschöpfung des sozialistischen Projektes in der DDR“ (S. 656) wird in ihren Texten erkennbar.

Brüning steht für die Anerkennung des weiblichen Begehrens und das Recht auf erfüllte Sexualität. Aber sie weiß auch, dass die Emanzipation der Frau nur gemeinsam mit der des Mannes gelingen kann (S. 742). Nicht umsonst ist im Katholizismus die Gottesmutter Maria (die als Schutzmantelmadonna sogar die strafenden Pfeile Gottvaters abwehren kann) Ziel inbrünstiger Verehrung der zum Zölibat verdammten Priester. Der Frau als (potenzieller, nicht unbedingt konkreter) Gebärerin neuen Lebens steht eine einzigartige Quelle für ihr Selbstbewusstsein zur Verfügung, aber die Männer müssen die dafür geeignete Umgebung von Zuwendung und Anerkennung schaffen.

Dieter Kramer Dörscheid/Loreleykreis Freitag, 21. Dezember 2018 (kurz vor Weihnachten) kramer.doerscheid@web.de