KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 
über Peter Gostmann/Peter-Ulrich Metz-Benz (Hrsg.):
Humanismus und Soziologie
Horst Groschopp
Humanistische Soziologie?
Wiesbaden: Springer Fachmedien Verlag 2018, 333 S.
ISBN 978-3-658-21796-9, 59,99 €

Der Band war lange angekündigt. Er will zur Unterscheidung von bloß soziologischen Meinungen und wirklichen Erkenntnissen beitragen. Dafür seien, da die Soziologie selbst inzwischen eine eigene längere Historie hat, bestimmte Lektüren neu zu lesen. Zu diesem Zweck enthält der Band fünf Aufsätze, darunter je einen der beiden Herausgeber, die dieses Ziel umzusetzen beabsichtigen und entsprechenden umfänglichen Stoff anbieten. Peter Gostmann lehrt in Frankfurt am Main Philosophie der Sozialwissenschaften und Peter-Ulrich Merz-Benz in Zürich Soziologie. Beide kündigen in ihrer Einleitung (S. 1-51) an, eine humanistische Soziologie befördern zu wollen.

Soziologie sei eine besondere Form der Erkenntnis des „Sozialen“. Sie habe sich aus einer ursprünglichen Bürgerkunde (Kunde über die Bürger einer Gesellschaft) herausgebildet, die eine humanistische gewesen sei. Diese frühe Bürgerkunde kennzeichnete bereits, was sich danach kultivierte: Der „Zusammenzug der in Seminaren erprobten, in Gedankenprotokollen manifestierten Einzelvorgänge einer fortgesetzten Selbst- und Weltkunde [werden] zu einem Gewebe des Vielfältigen“ verdichtet. (S. 36)

Die Soziologie erreichte eine Institutionalisierung sondergleichen, sei geradezu eine „Staatsbürgerkunde“ geworden. Die in viele Teilgebiete zerfaserte Soziologie erfasse die sozialen Gegebenheiten in Begriffen und Studien, besitze durch ihre Auskünfte und Einrichtungen enorme Einflussmöglichkeiten, diene der Politikberatung, präge die „soziologische Kultur“ ebenso wie die „Kultur der Soziologie“. Überhaupt sei ein modernes Kulturverständnis für eine humanistische Soziologie inzwischen unerlässlich. Sie dürfe sich jedoch nicht auf eine Soziologie der „Zähmung des Tigers“ beschränken, wie sie Eagle Russet Anfang der 1980er Jahre in Bezug auf die Vereinigten Staaten und die Rezeption des Darwinismus auf den Punkt gebracht habe (vgl. 33 ff.).

Auf dem Weg zu ihrer weltweiten Interpretationsmacht habe die Soziologie aber den Humanismus verloren. Vor der „Verstaatlichung der bürgerlichen Gesellschaft“ habe es, wie oben erwähnt, eine „Selbstkunde der ersten Bürger“ gegeben. Diese „diffuse gesellschaftliche Gruppe“ – diese „erste Bürgerschaft“ – sei Humanisten genannt worden. (S. 10 f.) Diese hätten noch nicht das Ziel gehabt, zu Staatsbürgerkundigen zu werden, sondern arbeiteten (in ihrer Briefkultur) an einer „humanistischen Bürgerkunde“, weil es ihnen um den Menschen ging, noch nicht um den „Staatsmenschen“. (S. 12 f.)

Bereits Petrarca habe 1366 in seiner Schrift über die „Heilmittel gegen Glück und Unglück“ (De remediis utriusque fortunae) anthropologische Konstanten formuliert. Hier liege der Ursprung des „Humanismus als humanistische Praxis: Das ist der Weg in die selbstgewählte Einsamkeit, der Rückzug“ an einen/seinen der Natur gemäßen Ort, „ohne dass das Menschliche durch einen flachen Szientismus entstellt“ wird. (S. 15).

Das Humanismusverständnis der Herausgeber hat hier seinen Dreh- und Angelpunkt und führt sie auf die Suche nach einer „humanistischen Phänomenologie des erfahrenden Denkens“. (S. 14) Bei ihren Nachforschungen gehen sie – darauf wurde schon hingewiesen – den Weg des gründlichen Neu-Lesens, wobei die Frage nach der Kultur des unmittelbaren Erlebens und ihrer theoretischen Verarbeitung leitend ist und zu Lektüren von Autoren führt, die in der soziologischen Literatur und darüber hinaus bekannt sind, so dass auf ihren schöpferischen Beitrag zur Kulturbildung geschlossen werden kann.

Merz-Benz (Die Kultur und das Schöpferische. Studie zu Alfred Weber und Karl Mannheim; S. 53-116) widmet sich der Kultursoziologie von Alfred Weber, dessen Anleihen bei Wilhelm Dilthey und seiner Kritik an der Wissenssoziologie Karl Mannheims unter Bezugnahme auf Emil Lask.

Alexandra Ivanova (Wer analysiert wen und zu welchem Zweck oder Ist der Freudianismus ein Humanismus? Ein Beitrag zur Ideengeschichte der Kritischen Theorie der Gesellschaft; S. 117-159) sucht den Humanismus Max Horkheimers durch Rückgriff auf den Wiener Kreis zu ergründen (Sigmund Freud, Hans Kelsen, Ernst Mach), Fortläufe bei Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Karen Horney auszumachen und glaubt, eine „Soziologisierung der Psychoanlayse“ (Adorno) zu erkennen, innerhalb der sich verschiedene H
Niels Brockmeyer (Die Wiederentdeckung der Zeitlichkeit. Rational Choise, Poststrukturalismus und die Bedeutung Georg Simmels; S. 183-246) behandelt den Rational Choise-Ansatz in der Soziologie anhand von Schriften von Hartmut Esser und sucht nach Gemeinsamkeiten dieser Lehre mit dem Poststrukturalismus, um dann die humanistische Anlage der Texte von Georg Simmel zu würdigen.

Peter Gostmann („Humanism is not enough“. Leo Strauss und die Soziologie; S. 247-333) widmet sich dem Soziologie-Skeptiker Leo Strauss und den Grenzen eines humanistischen Zugangs zur Soziologie am Beispiel der Studien an der Exilfakultät „New School for Social Research“ in New York und in Form eines Rückgriffs auf athenische Akademiker am Beispiel des Schülers von Sokrates Xenophon (4. Jahrhundert v.u.Z.).

Die Exegese von Strauss-Texten, inklusive der Äußerung, Humanismus genüge nicht (in: „Social Science and Humanism“, 1956), zeigt – wohl ungewollt – die Grenzen auf, die eine halbherzige Hinwendung zum (und Anwendung von) Humanismus hat, besonders wenn eine bestimmte Humanismus-Auffassung, wie die von Strauss, nicht in Beziehung gesetzt wird zu dem, woher dieser sein kritisches Urteil über Humanismus bezog. Gostmann schreibt resümierend, dass Humanismus selbst nicht die Antwort sei, weil man nach der Strauss-Lektüre feststellen müsse, dass im Falle des Genügens „der Humanist auf die Suche nach der Frage, die ihr vorausliegt, verzichtet hat“. (S. 333)

Das ist auf den Sammelband anzuwenden. Auch hier hätte die Suche eine tiefere Klärung des Begriffs „Humanismus“ erfordert, der dem Buch bzw. den einzelnen Texten unterlegt ist. Schon die Umkehrung des Buchtitels in „Soziologie und Humanismus“ wäre sinnfälliger, aber wohl weniger werbewirksam gewesen, geht es in dem Sammelband doch vor allem um Grundsatzfragen soziologischer Erkenntnisbildung, nicht um Humanismus. Die Umstellung hätte aber das Kernproblem einer Lösung nicht viel nähergebracht. Herausgeber und Autoren geben (mit Ausnahme des noch vorzustellenden Beitrages von Tom Kaden) ein sehr eigenwilliges Bild vom Humanismus. Er wird sehr engführend vorgestellt, was man bei einem Begriff, der im Buchtitel steht, so nicht erwartet hätte.

Tom Kaden ist wahrscheinlich durch seine religionswissenschaftliche Ausbildung, seine Max-Weber-Studien und sein Postdoktorat bei den Leipziger Kulturwissenschaftlern (Thema: „Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik“) auf andere Weise akademisch sozialisiert worden. Er geht mit einem empirisch nachvollziehbaren Humanismusverständnis an seinen Aufsatz heran (American Humanisms and Sociology of Religion; S. 161-181; engl.). Kaden behandelt Humanismus als eine regional verifizierbare kulturelle Bewegung, die ihre Phasen und Theoretiker hat und nach Befunden im „Sozialen“ fragt.

Erfreulich ist die selbstkritische Einlassung hinsichtlich des Unerforschten im amerikanischen Humanismus vor den Ereignissen und Ansichten, die Kaden dann beschreibt, vornehmlich die 1980er Jahre bis in die Gegenwart. Das ist auch insofern wichtig, als dieser unerforschte frühere Humanismus dem „säkularen“, den der Autor vorstellt, historisch weichen musste und dies nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande (vgl. mein Buch „Pro Humanismus“, 2016), weil er als „religiös“ galt. Das Urteil „religiös“ für diesen Humanismus ist eine kulturelle Feststellung, die vielleicht einem amerikanischen Verständnis davon entspricht, das die Unterscheidung von „Religion“ und „Weltanschauung“ im deutschen Sinne nicht kennt.

Hierzulande ist die Geschichte der „Humanistischen Manifeste“ weitgehend unbekannt oder durch andere Schriften (etwa Paul Kurtz) in die „säkularen Szene“ eingeführt worden. Auch die nach „Zivilreligion“ fragende Analyse von Horst Junginger findet sich etwas versteckt in dem von mir 2014 herausgegebenen Buch „Humanismus und Humanisierung“). Der besondere Zugang von Kaden zu Humanismus-Begriffen in den USA und die Behandlung von John Dewey, Julian Huxley und Erich Fromm zeichnet sich durch Bezüge zur Religionssoziologie von Talcott Parson, Bryan Wilson und José Casanova aus, aber auch durch die Behandlung der folgenreichen ultrakonservativen Angriffe auf den Humanismus durch Tim LaHaye und andere.

Die oben angeführte Kritik (fehlende Suche nach der Frage, die der Frage nach dem Humanismus vorausgeht) beruht auf der in diesem Sammelband feststellbaren konzeptionellen Voraussetzung, man wisse, was Humanismus ist, als habe dieser keine eigene Bedeutungsvielfalt (Barmherzigkeit, Bildung, Menschenwürde …), keine eigene Kultur und Geschichte, keine besonderen Methoden und Funktionen, keine Elaborate usw. Humanismus wird von den Herausgebern weitgehend auf das erfahrende Denken unter Beachtung der Frage nach der „Natur des Menschen“ reduziert, aber zugleich der Anspruch erhoben, nach seiner Bedeutung für die Soziologie generell zu fragen.

Nun kann man zur Verteidigung der Herausgeber anführen, dass die Beachtung der Vielfalt im Humanismus gar nicht ihren Intentionen entsprach und man nur das Buch besprechen könne, dass nun einmal vorliegt. Aber der Titel wie die Ankündigungen im Klappentext versprechen Auskünfte über „Humanismus und Soziologie“. Der Anspruch ist etwas zu weit gegriffen.