KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2018
über Akira Iriye und Jürgen Osterhammel (Hrsg.):
Geschichte der Welt. Band 1 Die Welt vor 600. Frühe Zivilisationen
Dieter Kramer
Geschichte der Welt – was fangen wir damit an?
Geschichte der Welt. C.H.Beck, Harvard Up. Band 1 Die Welt vor 600. Frühe Zivilisationen. Hrsg. von Hans-Joachim Gehrke. München 2017. 1082 S.
Dieser 2017 erschienene Band ist der jüngste in der auf sechs Bände geplanten, von Akira Iriye (Harvard) und Jürgen Osterhammel (Konstanz) seit 2012 erscheinenden Reihe. Jetzt fehlt nur noch der zweite für die Zeit Band 2: 600 – 1350 Mobilität und Diversität. Hrsg. Cemal Kafadar.

Ein großes Unternehmen gegen Eurozentrismus
Frühe Nachhaltigkeit: Viele Tausend Jahre Party am gleichen Platz
Hochkulturen und Untergänge
Die weltgeschichtliche Bedeutung der Antike
Alexander und die hellenistische Welt
China
Südasien und Südostasien

Ein großes Unternehmen gegen Eurozentrismus

Im „Journal meiner Reise im Jahr 1769“ entwickelt Johann Gottfried Herder den Plan einer zu schreibenden Universalgeschichte und ist fasziniert von der dabei zu erwartenden Vielfalt: „Welch ein Werk über das menschliche Geschlecht! den menschlichen Geist! die Kultur der Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte! Mischungen! Gestalten! ..." (S. 122) Er kannte nicht das, was seit seiner Zeit entdeckt, ausgegraben, erforscht wurde, und um wie viel mehr können die Leser der Gegenwart fasziniert sein von der Vielfalt.

In einer Zeit, in der die mehrhundertjährige Vorherrschaft der „Westlichen Welt“ zu Ende geht, erinnert die „Geschichte der Welt“ in allen Bänden daran, dass es in der Globalgeschichte keine lineare Fortschrittsgeschichte gibt, dass „der Westen“ nicht das Zentrum der Welt ist, und dass in anderen Teilen der Welt ähnliche Prozesse wie in Europa abliefen (siehe meine Rezension des Projekts hier in Kulturation unter http://www.kulturation.de/ki_1_rezi.php?id=155).

Das gilt auch für die „Welt vor 600“ . Hermann Parzinger (Stiftung Preußischer Kulturbesitz) schreibt: „… wer denkt schon darüber nach, welche grundstürzenden Entwicklungen sich in Afrika, Ostasien oder in der Neuen Welt vollzogen, als bäuerliches Leben in Mitteleuropa Einzug hielt? Und wer ist sich bewusst, dass zu einer Zeit, als in Mitteldeutschland die Himmelsscheibe von Nebra angefertigt wurde, die Indus-Zivilisation ihren Höhepunkt überschritten hatte, und mit der Ausbreitung der Lapita-Kultur eine entscheidende Phase in der Aufsiedlung der südpazifischen Inselwelt einsetzte? All diese Vorgänge ereigneten sich gleichsam zufällig ungefähr zur selben Zeit, ohne dass zwischen ihnen ein ursächlicher Zusammenhang bestanden hätte.“ (S. 252/253)

Unter „Kultur“ bzw. „Kulturen“ werden dabei immer im Sinne der UNESCO die von einer Gemeinschaft von Menschen geteilten materiellen (und, soweit erfassbar, ideellen) Merkmale verstanden. Es geht nicht um verschiedene, miteinander verwobener Wege zu einem gleichen Ziel, sondern um nichtlineare Prozesse. In den Bänden 3-6 (2 fehlt noch) stehen materielle und kulturelle Expansion, Kriege, Gewalt, Unterwerfung, Konkurrenz und Wettbewerb in jeglicher Form im Vordergrund. Band 1 für die Welt vor 600 kann mehr Gewicht legen auf die Vielfalt der Organisation gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Er hilft, über die „Errungenschaften“ der „Moderne“ angesichts der multiplen Krisen dieser Wachstumsgesellschaft radikal neu nachzudenken. In einer Evolutions- und Fortschrittsgeschichte verworfene Entwicklungslinien sind neu zu prüfen: Die Bausteine, die die Bauleute verworfen haben, können zu Ecksteinen werden, wie es im biblischen Bild heißt.

Die fünf Teile umfassen Vor- und Frühgeschichte (Hermann Parzinger), die frühen Hochkulturen Ägyptens und Vorderasiens (Karen Radner), die Welt der klassischen Antike (Hans-Joachim Gehrke), das alte China (Mark Edward Lewis), Südasien und Südostasien (Axel Michaels). Sie erschließen den Zugang zur Literatur in den wichtigen alphabetisierenden Schriftsprachen (außer Persisch und Arabisch – etwas anderes wäre zwar noch stärker global, hätte aber wenig Sinn bei einer Publikation, die vor allem im europäischen und angelsächsischen Bereich gelesen werden will. Wie aus heutiger chinesischer Perspektive die Weltgeschichte interpretiert würde, darauf dürfte man gespannt sein).

Versprochen wird in der Einleitung, dass alle Autoren Wert darauf legen, alle Schichten (auch „Unterschichten“) der jeweiligen Epochen zu behandeln (40). Aber das wird nicht so eingehalten, wie man es gern hätte; meist wird doch zu viel Herrschergeschichte dargestellt, und es gibt wenig Überblicksdarstellungen zu Naturstoffwechsel oder sozialen und materiellen Verhältnissen. Eingestreut in den Text sind Zeittafeln, spärliche Abbildungen und Karten – man tut gut daran, bei Lesen einen Geschichtsatlas präsent zu haben. Der erste Beitrag hat keine Anmerkungen, sondern nur ein detailliertes, nach Kapiteln aufgeteiltes Literaturverzeichnis, die anderen erschließen mit Anmerkungen, teilweise mit Anmerkungen und Literaturverzeichnis, die Forschung. Stärker als bei den anderen Bänden muss man damit rechnen, dass neue Forschungen und Entdeckungen manche älteren Aussagen ergänzungsbedürftig machen.

Man kann Globalgeschichte auch anders sehen: Eine „Weltgeschichte bis zur Herausbildung des Feudalismus. Ein Abriss. Verfasst von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Irmgard Sellnow. Berlin: Akademie-Verlag 1977“ zwingt die Weltgeschichte noch in das Prokrustes-Bett von „Gesetzmäßigkeiten“. Fr(iedrich) Chr(istian) Schlosser (1776-1861) hat im 19. Jahrhundert eine vielbenutzte „Weltgeschichte für das deutsche Volk“ (14. unveränderte Auflage 1870 ff) verfasst. Der politisch dem damaligen Liberalismus nahestehende, von Hegel beeinflusste Verfasser bekennt in seiner Vorrede: „Nur wo Fortschritt ist, kann Geschichte gedacht werden; an der chinesischen, türkischen, byzantinischen wird auch ein Thucydides zu Schanden.“ (Vierter Band, S. 6). An einem evolutionären Geschichtsbild orientierte Darstellungen dieser Art greifen heute nicht mehr (und nicht zufällig wird auch nur noch selten mit „Moderne“ verglichen).

Frühe Nachhaltigkeit: Viele Tausend Jahre Party am gleichen Platz

Band 1 der „Geschichte der Welt“ ist besonders interessant, werden doch in den frühen Zeiten die Möglichkeiten der Gattung Mensch variantenreich durchgespielt. Zwischen dem „alten Adam“ und seinen vielen Möglichkeiten öffnet sich ein weites Spektrum. Mehr als 2,7 Millionen Jahre alt sind die Funde von Geröllgeräten aus dem Tschad (S. 42, S. 46). Feuer wird seit 2 Millionen Jahren genutzt. Die Besiedlung Europas fand wohl vor 500.000 Jahren von Südosten aus (über Kleinasien) statt.

Im präkeramischen Neolithikum gab es Gemeinschaften von Sammlern und Wildbeutern, die teilsesshaft waren, aber, obwohl sie diese Lebensform kannten, nicht zu Ackerbau und Viehzucht übergingen, denn sie lebten mit ihrer Lebenspraxis im Überfluss (S. 57, S. 178, S. 182). Es gab keinen Zwang zum „Fortschritt“, dennoch waren Spezialisierungen möglich. Im Japan der Jomon-Zeit lebten seit 15.000 v. Chr. etwa 10.000 Jahre lang Wildbeuter ohne produzierendes Wirtschaften in Dauersiedlungen (S. 123, S. 175), in Australien Menschen vielleicht 50.000 Jahre ebenso. Ähnlich statische Lebensverhältnisse von Wohlstandsgesellschaften gab es auf dem amerikanischen Kontinent. Riesige Muschelhaufen als Zeugnisse von langlebigen Siedlungen Suffizienzkulturen gibt es an der Ostsee, in Ostasien, in Amerika. (ebd. S. 127, S. 181) Nach dem Rückgang der Eiszeit führten „Besitz, Kontrolle und Verteilung der neuen Rohstoffe … in Bajkalien und anderswo in Sibirien … nicht zwangsläufig zu einer gesellschaftlichen Schichtung; vielmehr lebten die Jäger-, Fischer und Sammlergemeinschaften weiterhin so wie seit Jahrtausenden.“ (S. 163)

In manchen dieser Milieus gab es, sagt man, kein Domestikationspotential für einen Übergang zur produzierenden (neolithischen) Lebensweise (S. 126). So wird interpretiert – aber vielleicht wollten es die Menschen auch nicht anders, weil ihnen ihre gewohnten sozialregulativen Standards des guten und richtigen Lebens lieber waren, so kann man spekulieren (sicher war auch das nicht ohne Konflikte und Emotionen; aber diese Freiheit muss man den Menschen lassen).

Auch anderswo belegen ausgegrabene Opferstätten (S. 204), dass dort über mehrere Jahrtausende hinweg (man stelle sich das für die heutige Zeit vor!) immer an der gleichen Stelle „Opferfeste“ stattfanden, und möglicherweise muss man „Opfer“ gar nicht so bedeutungsvoll nehmen: Oberhalb von Landeck/Tirol konnte man nachweisen, dass die Brandreste, die da über lange Zeit aufgehäuft wurden, nur Reste von jenen Teilen des Tierkörpers enthalten, die für den menschlichen Verzehr nicht gut geeignet waren: Das erhielten die Götter, so denn welche mitgedacht wurden, alles andere verzehrten die Menschen beim Opferfest, und da ist dann „Fest“ ernst zu nehmen: Ein Party-Exzess. Auch in Obermesopotamien gibt es einen Kultplatz, der mehrere tausend Jahre benutzt wurde (S. 60). Dort fanden in der Phase des Übergangs von der wildbeuterischen zur bäuerlichen Lebensweise „gemeinsame Ritualfeste“, „üppige Gelage“ (S. 61, S. 62) statt.

Bei diesen vieltausendjährigen Wohlstandsgesellschaften ohne großes Wachstum müssen die „Kosten“ berücksichtigt werden. Nur begrenzte Vergrößerung der Bevölkerung ist denkbar (niedrige Vermehrungsrate und Katastrophen können erklären, dass die Weltbevölkerung nicht schon viel früher so gewachsen ist wie seit 2000 Jahren, sagt die historische Demographie). Das ist kein Vorbild, aber nachdenklich kann man schon werden: Mehrere tausend Jahre Party immer am gleichen Platz? Da kann man sich an das Modell der „klassenlosen Urgesellschaft“ erinnern, oder an das „Goldene Zeitalter“, wie es viele Überlieferungen kennen. Man kann das nicht in die Gegenwart übertragen, aber es ist Stoff für die „Begriffsarbeit“ in einer Zeit, in der die Moderne, Aufklärung und Fortschritt unter Druck geraten sind und in der ein „aufgeklärter Eurozentrismus“ sich nicht nur der Herausforderung durch die eigenständigen Entwicklungen der anderen Weltteile, sondern auch durch die Menschheitsgeschichte stellen muss.
Mandevillle schreibt in der „Bienenfabel“:

Allein von Tugend kann auf Erden
Kein Staat groß, reich und mächtig werden.
Wollt ihr die Goldnen Zeiten wieder?
Da aß man Eicheln und war bieder.“
(Bernard Mandeville: Die Bienenfabel oder Private Laster als gesellschaftliche Vorteile. Leipzig, Weimar 1988, S. 26)

Es war „biederes“ Leben, aber in Luxus und Fülle nach den damaligen Standards. Und „starke“ Staaten gab es nach dem Ende des Paläolithikums zuhauf, ebenso viele Untergänge von so vielen Kulturen, die ähnlich wie die unsrige sich für die ganze Welt hielten und von „ewiger Dauer“ glaubten: Wie viel Ewigkeiten sah die Geschichte schon vergehen!

Verflechtungen
Der Neandertaler als später verschwindende Unterart aus der Zeit von 200.000 bis 35.000 „entdeckt“ das Jenseits mit Totenkulten (S. 50), vielleicht auch das Eigentum (S. 69). Werkzeuge wie erstaunlich effiziente Speere und Speerschleudern, aber auch Pfeil und Bogen, die Zähmung des Hundes, die Nutzung des Feuers, die Erfindung der Nähnadel und des Mörsers (S. 53) bedeuten Veränderungen des Lebens, deren Bedeutung man heute kaum ermessen kann. Vor 40.000 bis 12.000 Jahren im Jungpaläolithikum entstanden die Höhlen von Lascaux.

Nur um die Abfolge und die Intensität der Kontakte anzudeuten:
9600 – 8600 Jericho als älteste bekannte Stadtsiedlung (Zeittafel S. 132).
Im Frühneolithikum (7400 – 6200 v. Chr.) sind die verbreiteten Silex-Werkzeuge nur denkbar mit spezialisierten Produzenten und Handelswegen (S. 67).
Çatal Höyük (6500 – 5500 v. Chr. ) ensteht in Zentralanatolien als Stadtsiedlung, Mohenjo Daro im Industal gehört zu der Harappa-Kultur (4300-1900 v. Chr.) (S. 788).
Megalithgräber seit ca. 3500 v. Chr. (S.153), Ötzi 3350 v. C. (S. 151).
Akkad-Zeit in Mesopotamien 2350 – 2200 v. Chr., Altes Reich in Ägypten 2700-2200 v. Chr.

Nach 3700 v. Chr. gibt es ein Handelsroutennetz von Südmesopotamien aus über die gesamte bekannte Welt (S. 293). Ein überregionaler Transithandel des 3. Jahrtausend v. Chr. mit privaten Handelsfirmen, dokumentiert mit Keilschrift (S. 313), verbindet Mittelmeer (Levante), Ägypten, Mesopotamien (Persischen Golf) und Indusregion (S. 307). Aber die Kontakte zur Induskultur werden im 18. Jahrhundert v. Chr. aufgegeben und erst im 6. Jahrhundert wieder aufgenommen (S. 308). Später gab es auch in Rom weitreichende Kontakte: Zur Zeit von Augustus (27 v. Chr. – 14 n.C.) segelten regelmäßig Schiffe von Rom nach Indien durch das Rote Meer (S. 559/560), wohl auch nach China.

Für alle Bereiche gilt, was Axel Michaels für den von ihm behandelten Bereich Süd- und Südostasien in Erinnerung ruft: „Verflechtungen“, „Prozesse des Austauschs und der Vermischung von Personen, Ideen, Konzepten, Praktiken, Objekten und Bildern“ sind selbstverständlich. Begrifflich wird das für ihn am ehesten mit „Transkulturalität“ erfasst, „weil damit das Phänomen analysiert wird, dass Kulturen per definitionem schon vermischt sind und nicht aus festen, klar abgegrenzten Gebilden bestehen, die sich einander begegnen. ... Schaut man genau hin, sieht man, dass jedes einzelne historische Ereignis, jede Person, jedes Objekt kulturell verflochten und in diesem Sinne transkulturell ist“ (S. 764) - eigentlich eine Selbstverständlichkeit, und man kann „die kulturellen Verflechtungen als Ergebnis von Verhandlungen, Wettbewerb, Eroberung und anderen Kulturbegegnungen erkennen und Rückschlüsse auf Deutungshoheiten und Machtbeziehungen ziehen.“ (S. 765) Es ist „die Qualität der Austauschbeziehungen von großer Wichtigkeit. Mitunter sind es ökonomische Asymmetrien, die nach einer Balance streben, oder es sind gewaltsame Begegnungen, die Unterwerfung fordern. Andere Prozesse betreffen kulturelle Imitationen (Mimesis) und Anleihen, kulturelle Anpassungen wie Appropriationen, Akkulturationen oder Akkomodationen, reziproke oder zirkuläre Handels- und Tauschbeziehungen, oder das ‚Othering‘, welches die Distanzierung von anderen Gruppen zum Zwecke der eigenen Identitätsbildung meint, und vieles mehr.“ (S. 766) Was hier für die Begegnung zwischen Kulturen genannt wird, gilt innerhalb von (nationalen, staatlichen) Gemeinschaften auch für die Beziehungen zwischen Milieus (Klassen, Schichten).

Hochkulturen und Untergänge

„Wir bezeichnen mit ‚Hochkulturen‘ bestimmte hochkomplexe Formen von sozialer und politischer Organisation und kultureller Prägung. In solchen Strukturen und Wissensordnungen waren Menschen in der Lage, auf besondere Herausforderungen zu reagieren, und das über einen längeren Zeitraum hinweg - der im Übrigen die ‚Laufzeit‘ des sogenannten modernen Staates bisher noch leicht übertrifft. Wir sprechen von Jahrtausenden!“ (Gehrke S. 19) Sie geben Strukturen und Erinnerungen weiter, stiften Traditionen und gehören deswegen zum „Weltkulturerbe“. Pluralität, Multipolarität, Weltgeschichte sind nicht einfach das Ergebnis eines „europäisch-westlich gesteuerten Modernisierungsprozesses“ mit einem „Fortschrittsnarrativ“ (S. 20).

Mit den „Hochkulturen“ geraten Wachstum, Expansion, Herrschaft und Unterdrückung in die Lebenswelt – die „Sündenfälle“, mit denen das „Goldene Zeitalter“ endet und nur noch in der Idylle wiederbelebt wird. Zwischen 9000 und 6000 (dem 10. und 7. Jt.) entstehen die frühesten Keramik produzierenden Kulturen, zunächst in Aufbau-Technik (Bandkeramik), dann mit drehbarer Arbeitsplatte, schließlich mit der schnell drehenden Töpferscheibe (S. 133/134). Letztere ermöglicht erstmals Massenproduktion. Rad, Wagen, Hakenpflug und Zugtiere gibt es um 3500 (S. 147). „Die Anlage von Irrigationssystemen belegt (bald nach 6000 v. Chr.)…, dass ein Siedlerverband in der Lage war, sich differenziert zu organisieren, um auf diese Weise eine solch große Gemeinschaftsleistung überhaupt zu bewältigen“ (S. 69). Wildgetreide, zentral für den neolithischen Übergang zur „produzierenden Wirtschaft“, wird kultiviert (S. 59). Dort werden auch Rad und Wagen genutzt (S. 147, S. 164), um 3500 Pflug und Pferd (S. 152). Der Saatpflug wird im südlichen Irak erfunden (S. 293) Stadtwerdung spielt sich auch in Mesopotamien ab. Dort gab es eine „weitgehend einheitliche Kultur vom Norden Mesopotamiens bis hinunter an den Persische Golf“, dazu Verwaltungsinstrumente wie die Schrift (4. Jahrtausend v. Chr.). (S. 135) Schrift wird zeitnah parallel erfunden (S. 272), auch Alphabet-Schriften (S. 319, 269). Das ist Hochkultur S. 167). Ein frühestes Edikt zu Sozialreformen stammt von 2500-2300, ebenso ein Friedensvertrag (S. 297, auch S. 347, S. 351, S. 297)

Herrscher über die vier Weltgegenden (S. 320) nennt sich der König von Uruk um die Wende vom 3. zum 2. Jahrtausend. (S. 321) In öffentlich aufgestellten Steinmonumenten mit Gesetzessammlungen propagieren Hammurabi (18. Jahrhundert. v. Chr., s. Zeittafel 310/311) und Vorgänger die gemeinsame Rechtsgrundlage für ganze Babylon (S. 321, S. 329). Gesetzestafeln stellen so eine einheitliche Rechtsgrundlage her. Ähnliches findet sich in Indien (s.u.).

Die mit dem späteren Neolithikum im „fruchtbaren Halbmond“ entstehenden expansionistischen Großreiche („Hochkulturen“ nennen sie sich mit ihrer Grausamkeit) reichen vom Mittelmeer bis zum Persischen Golf, so das assyrische Reich (S. 394). Es feiert im 10. Jahrhundert aufwändige und grausame Siegesrituale, und Assurnasirpal II. (883-859 v. C.) feiert ein Fest mit 69.574 Gästen (S. 387): Luxus pur, aber immer mit einem Herrschaftssystem und auf Kosten anderer. Bei Bodrum an der türkischen Südküste wurde 1982 ein 28 m langes gesunkenes Schiff aus der Zeit um 1390-1352 v. Chr. entdeckt, beladen mit Kupfer, Zinn, farbigem Glas und Luxusgütern des zwischen Ägypten und Mesopotamien vorherrschenden damaligen internationalen Stils (S. 357/358): Wer Damian Hirst und seine Schau „Treasures from the Wreck oft he Unbelievable“ bei der Biennale Venedig 2017 gesehen hat, muss daran denken.

Mesopotamische Königreiche wie Akkad konnten sich mit Recht als „Weltreiche“ (S. 300, S. 419) verstehen, und Naram-Sin (S. 304) fühlte sich als „König der vier Weltgegenden“ (um 2200 v. Chr., S. 302). So viele „Weltreiche“ sind untergegangen, möglicherweise in einer Phase, in der sie sich auf ihrem Höhepunkt sahen. Manche von ihnen verlieren am Ende der Bronzezeit an Bedeutung, weil das vorteilhaftere, an vielen Stellen zu findende, aber schwerer zu verarbeitende Eisen (S. 375) in den Vordergrund rückt.

Die Flut, von der laut mesopotamischer Überlieferung die erste menschliche Zivilisation zerstört wurde und auf die im 26. Jahrhundert v. Chr. das Reich Kisch folgte, wird nur beiläufig erwähnt (S. 295).

Die weltgeschichtliche Bedeutung der Antike
Die benachbarten frühen Hochkulturen übten Einfluss auf die Griechen aus: Standards wie Verwaltungsstruktur und Schriftgebrauch waren bereits für die „redistributive“ Kultur von Mykene (13. Jh. v. Chr.) und Kreta selbstverständlich, ebenso die Kenntnis von Bewässerungssystemen (S. 424) und der hethitischen und ägyptischen Prestigekulturen (S. 422). Der Zusammenbruch mehrerer dieser bronzezeitlichen Zivilisationen um 1200 v. Chr. durch Migrationsbewegungen oder die ominösen „Seevölker“ (S. 425) ist nach wie vor rätselhaft. Es ist nicht eine einzige Katastrophe, sondern ein Prozess, der sich anscheinend „über 150 bis 200 Jahre“ (S. 426) hinzog. Die griechische Antike kennt die angeblich von Riesen erbauten „Zyklopenmauern“ wie die nach den Katastrophen des 11./12. Jahrhunderts v. C. übriggebliebenen Ruinen von Mykene (S. 434), der ersten griechischen Hochkultur (S. 420).

Wirklich weltgeschichtliche Bedeutung billigt Gehrke erst der zweiten griechischen Hochkultur zu: Gemeinschaften, wie Athen beanspruchen das Recht auf ein Leben in eigener Würde und Verantwortung in den griechischen Stadtstaaten. Nach dem „Ionischen Aufstand“ von 500 v. Chr. und den Siegen über die Perser bei Marathon (490 v. Chr.) und den Niederlagen der Perser bei Salamis und Plataiai (479 v. C.) entstand die griechische Polis-Demokratie. Es ging dabei „um die Spannungen zwischen dem kompetetiven Elan der Eliten mit ihrem Machtstreben und den daraus resultierenden Verelendungstendenzen auf der einen Seite sowie der Solidarität der Dorf- und Kriegergemeinschaften auf der anderen, zugespitzt gesagt, zwischen Individuum und Kollektiv, Tyrannis und Selbstbestimmung.“ Die Spannung wurde kanalisiert durch „Regeln, die von der Gemeinschaft gesetzt und garantiert wurden und die darauf zielten, vor allem die Mächtigen in die Pflicht zu nehmen“, und sie betrafen nicht nur verbindliche Streitschlichtung, sondern auch religiöse – damit sozialkulturelle, sozialmoralische – Angelegenheiten (S. 462). Über 1000 solcher Polis-Gemeinschaften („Nomokratien“) gab es schließlich, und die Strukturen waren schon lange vorher in den Siedlungen eingeübt(S. 437; s. Schmitz, Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland. Berlin 2004): Das weltweit, auch in Mitteleuropa, verbreitete Prinzip der Selbstorganisation auf der Ebene der einfachsten (gemeindlichen oder großfamiliären) Produktionseinheit ist die Grundlage.

So entstand die griechische Demokatie. „Aber ob wir heutzutage eine derart exklusive Ordnung für demokratisch halten würden, in der nur die erwachsenen männlichen Bürger politische Rechte haben, rund 10 bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung? In der Frauen zwar einen Status als Bürgerin hatten und im kultischen Leben – und damit für das Wohlergehen des Staates – eine wichtige Funktion wahrnahmen, aber von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen waren? In der ansässige Ausländer, sogenannte Metöken, zwar gegen eine Sonderabgabe Schutz genossen und Militärdienst zu leisten hatten, aber nicht über volle bürgerliche Rechte verfügten? Und in der schließlich ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung in der Sklaverei völlig rechtlos, ja Eigentum andere Menschen war?“ (S. 476)

Und von den „Banausen“, die von ihrer Hände Arbeit leben und nicht an den öffentlichen Entscheidungen teilnehmen dürfen, ist in dem Text von Gehrke ohnehin nicht die Rede.

Alexander und die hellenistische Welt
Von Milet im Osten bis Massilia (Marseille) im Westen reicht das Band der Griechischen Siedlungen, die durch ähnliche Ordnungen, Feste und Überlieferungen wie die Dichtungen Homers als Kulturnation zusammengehalten werden.

Alexander der Große verursacht in seiner knapp 13jährigen Herrschaft einen „Umsturz“ von „weltgeschichtlicher Bedeutung“ (Hitler hat nicht länger gebraucht, aber Schlimmeres bewirkt; Napoleon brauchte nur ein paar Jahre mehr): Die Vereinigung der beiden Weltteile, der griechischen und der persischen Welt (499/500) war die Voraussetzung. Persönlicher Antrieb, charismatische Wirkung, Respekt vor der gewachsenen Tradition, dazu Qualität und Loyalität seiner Truppen, Kontingenz kamen hinzu (S. 501). Die Massenhochzeit seiner Soldaten zielte auf ein multikulturelles Gebilde. Der Perserkönig Darius wird bald nach der Niederlage von Issos 333 v. Chr. ermordet (S. 502). Der jugendliche Kopf des siegreichen Alexander aus dem einige Jahrhunderte später entstandenen pompejanischen Mosaik ist eine „Ikone“ „abendländischer Kultur“, Alexander-Iskander ist auch für die muslimische Welt eine bedeutende Gestalt. 323 stirbt er mit 32 Jahren, wohl an einer Malaria, es folgen die „Diadochenkämpfe“.

Interaktionen und Symbiosen sind die Folge des Alexanderzugs (S. 504/505; Axel Michaels betont dies auch für Zentral-und Südasien): „In diesem Zeitraum aber wurden die komplexen interkulturellen Kontakte zwischen griechischen und je anderen – indigenen – Zivilisationen zum Signum einer Epoche und einer Welt, die im Kern von den griechischen Gebieten im Westen bis an den persischen Golf und zeitweise bis nach Zentralasien hinein reichte. Zugleich strahlte diese Kultur nach allen Seiten aus, auch in Gebiete, die sie politisch nicht im Geringsten kontrollierte, im Westen nach Karthago und Rom sowie zu keltischen Gruppen, im Osten bis nach Indien.“ (S. 504; für Indien s. S. 856/857) Hellenismus bedeutet Wechselwirkungen und Rückkoppelungen, reziproke Akkulturation. „Auch die griechische Kultur hat sich unter dem Einfluss der näheren und stetigen Kontakte mit anderen soziokulturellen Milieus verändert.“ „Das traf nicht auf alle Ecken und Winkel zu, führte aber letztendlich zu unvermeidlichen und wirkmächtigen Strukturen in kulturell dominanten Milieus“ (S. 504) - vor allem dort, ist zu betonen. Immer wieder erinnert die „Geschichte der Welt“ daran, wie intensiv Kulturen (Zivilisationen) miteinander in Kontakt stehen, sich austauschen und wechselseitig beeinflussen und dabei „kosmopolitische“ Milieus sich bilden: Der Gewinn ist Vielfalt und, konkret, Krisenelastizität – in Zukunft vielleicht wichtiger denn je.

Militär spielte keine zentrale Rolle: „Griechenland wirkte durch seine Zivilisation und seinen Stil, wie sie in seinem stadt-staatlichen Leben, seiner Bildung, Kunst, Agonalität, Sportlichkeit ausgeprägt waren“ (S. 505). Das wirkt auch dort, wo keine Übermacht vorhanden war, wie in (Nord-)Afrika oder Italien. Man war offen: „Als Grieche galt, wer an der griechischen Sprache und Bildung teilhatte, wer den griechischen Stil praktizierte. „Es entwickelte sich kein vollkommener melting pot, keine völlige Mischkultur, wie man die hellenistische Epoche früher gerne charakterisierte. Vielmehr gab es diverse Formen und Grade von Interaktion und Konvivenz, mit starken regionalen Unterschieden.“ Und: „Die Attraktivität des Greek way of life war unerhört, ein im Grunde unerklärliches Phänomen, das wir zu konstatieren haben“ (S. 505)

Die Römer waren erfolgreich, weil sie „dank ihrer gerade in Konflikten wachsenden inneren Solidarität, ihrer überlegenen Organisation, ihrer erfahrungsgesättigten Beharrlichkeit und ihrem flexiblen Umgang mit Unterlegenen selbst schwerste Rückschläge überwinden und immer wieder neue Ressourcen und Kombattanten mobilisieren konnten.“ (S. 494) Die Idee des „bellum justum“ wurde konstruiert mit Hilfe von defensiver Zurückhaltung und dem Rekurs auf Rechtsgründe (S. 495).

Rom darf sich zeitweise als Herrin der Welt fühlen (S. 526). Der in der Krise als Integrationsmittel eingeführte Kaiserkult ist der Auslöser dafür, dass die ihn nicht praktizierenden Christen unter Diocletian (S. 576, S. 578) verfolgt werden. Damit kann der bis heute für die katholische Kirche wichtige Märtyrerkult samt Reliquien entstehen. Als das Christentum Staatsreligion wird, findet auch Christianisierung oft mit Gewalt statt (aber Märtyrer sind nur die Christen). Konzilien erheben den Anspruch, Weltreligions-Angelegenheiten zu regeln (S. 583).

Wenn in den Zerfallsprozessen Mehrkaisertum sich nicht vermeiden lässt, dann versucht man es wenigstens zu organisieren (S. 577). Es bleiben schließlich nur Byzanz und Rom, ost/griechisch, west/lateinisch übrig (S. 587).

Der Sieg von Konstantin gegen Maxentius (28.10. 312) an der Ponte Molle (Milvischen Brücke, S. 579) und die Einführung des Christentums als Staatsreligion sind „entscheidend“ für die Geschichte der Welt oder nur sehr wichtig? (S. 580): Ist das Eurozentrismus?

Mit der Parallelität von (römischen) Bischöfen und Kaiser (der sich dem Urteil der Bischöfe unterordnen muss, S. 583) beginnt der Streit zwischen weltlicher und religiöser Macht. Am Ende des Reiches etablierten sich „zwischen den Reichen und in den Randgebieten von Wüste und Steppe … arabische Stämme unter Königen, die gleichsam Vasallen oder Stellvertreter der Großmächte waren, die Ghassaniden auf Seiten Roms und die Lahmiden als Alliierte der Perser. Gerade in solchen Zwischenzonen entwickelte sich eine besonders vielgestaltige Mixtur von Kulturen. Arabisches, hellenistisches und persisches Gedankengut traf aufeinander, die verschiedensten religiösen Vorstellungen begegneten sich, jüdische und zoroastrische, manichäische und christliche in all ihren Varianten und mit den schönsten Geschichten, die Volksfrömmigkeit sich ausdenken kann und die dann hin und her gingen.“ (S. 594) Da entsteht der Islam, dessen weltgeschichtliche Bedeutung im 2. Band erläutert werden muss.

China
Mark Edward Lewis zeigt in dem Kapitel zu China, wie sich ganz andere Herrschaftsformen als in der „alten Welt“ entwickeln. (S. 598) Bei beginnender Sesshaftigkeit um 5000 v.u. Z. folgt dort aus einer unkontrollierten Dynamik mit Expansion und Krieg die komplexe Longshan-Kultur (S. 260) und eine frühe erste Reichsgründung (Parzinger S. 262). Fünf Merkmale kennzeichnen den späteren Vielvölkerstaates: Eroberte Staaten werden zu integrierten regionalen „Kulturen“, ein Kaiser ist Mittelpunkt der politischen Ordnung, es gibt „eine literarische Kultur auf der Basis einer nichtalphabetischen Schrift, in der ein staatlich geförderter Kanon abgefasst wurde, welcher die Existenz des Staates unterfütterte“, ferner das Prinzip einer entmilitarisierten Gesellschaft im Innern, die nur an der Grenze und gegenüber Völkern am Rande militärisch aktiv war; die lokale Gesellschaft wurde durch mächtige Familien kontrolliert (S. 601).

Der Qin-Staat, unter dessen Kaiser die nach ihrer Entdeckung vielbeachtete Terrakotta-Armee in Lishan entsteht (S. 680), wird Hegemon, geht aber bald unter. Die nachfolgenden Han 154 v. Chr. (S. 663) bilden wieder ein einheitliches Reich (S. 659). Es ist eine Situation vielleicht ähnlich derjenigen der Athener nach dem Sieg über die Perser und die Konkurrenten: alles muss neu entwickelt werden. Aber es geschieht anders als in Griechenland: Geschaffen wird die Grundlage für einen riesigen Einheitsstaat. Standardisierungen und Zentralisierungen werden gewaltsam durchgesetzt, eine Schrift für die Bürokratie des ganzen Reiches wird entwickelt, sodass trotz unterschiedlicher gesprochener Sprache eine Kommunikation möglich ist (S. 661). Eine Bücherverbrennung und rigide Bücherverbote (ähnlich wie in Europa bei Justinian) sorgen in einem dramatischen Prozess für Vereinheitlichung (S. 660 f.). Das Reich wird auch mit ästhetisch-symbolischen Ausdrucksformen, Rituale und Musik eingeschlossen, zusammenzuhalten versucht. Auch Denunziationen sind Teil eines terroristischen Systems. Hier wüsste man gern, wieweit davon auch die einfachen Leute betroffen sind.

Es wächst auch hier wie in Griechenland der Wunsch, über den Zustand und die Entwicklung von Staat und Gesellschaft zu reflektieren: Konfuzius wird Hauptvertreter dieses Trends. (S. 657)

Im Wu-Staat (222 n.C.) galt nicht mehr das Prinzip, „den Staat reich und die Armee stark“ zu machen. Wenn die militärische Sicherung mit Söldnertruppen „externalisiert“ ist, kann sich Luxus, Intellektualität, Kunst und Lebensart entwickeln (anders als im Christentum mit seinen leib- und lustfeindliche Haltungen ist Erotik eingeschlossen). Jetzt bestand der „Zweck des Staates darin…, Ordnung durch die Unterstützung derjenigen Künste und Disziplinen zu wahren, die eine menschliches Gesellschaft ausmachten“, „der Kaiser legte somit den Grundstock für ein Verständnis des Staates als Verteidiger einer Hochkultur, deren Existenz unabdingbar war, wenn man verhindern wollte, dass die Menschheit auf das Niveau von Tieren herabsank“ (S. 667).

Cao Cao (196 n.C.) erfindet im Han-Staat das Beamten-Auswahl-System, weil die Beamten nicht in einer Stadt bleiben können (S. 693). „Zwar wurden die umliegenden Völker nicht ins chinesische Reich eingegliedert, prägten aber trotzdem Politik und Kultur des frühimperialen China nachhaltig. Die Spezifika nichtchinesischer Kulturen veränderten die Zivilisation Chinas völlig, und die nichtchinesischen Gemeinwesen spielten oft eine entscheidende Rolle in der chinesischen Staatsstruktur.“ Ein „sino-nomdisches Hybrid“ war das chinesische Reich (S. 740). Eine verlässliche Ordnung und ein integrierender Konfuzianismus konnten das Scheitern der Han-Dynastie nicht auf Dauer verhindern (184 n.C.).

Infrastruktur, Handelsbeziehungen (S. 750), Tributzahlungen und Gesandtschaften spielten in der Entwicklung der chinesischen Reiche eine wichtige Rolle: „Kaufleute aus den Oasenstaaten des chinesischen Zentralasiens“ wurden Mittler für den Seidenhandel: Nicht der Handel schuf Frieden, sondern der Frieden schuf Handel, kann man sagen. Das waren über sich selbst hinaustreibende Aktivitäten, die sozusagen im Selbstlauf die Seidenstraße schufen. „Auf diese Weise waren China, Zentralasien, Südasien, der Mittlere Osten und der Mittelmeerraum in einem Austauschnetzwerk für wertvolle Waren miteinander verbunden, obwohl niemand vom einen Ende der sogenannten ‘Straße‘ bis zum anderen reiste und die verschiedenen Länder von der Existenz der jeweils anderen nur höchst vage Vorstellungen hatten.“ (S. 751) Der 584 n.C. begonnene teure Bau des „Großen Kanals“ für den Transport von Massengütern aus dem produktiven Süden in die Hauptstädte des Nordens (S. 755, S. 758) legte die Grundlagen für das spätere vereinte China und vernetzte Nord und Süd. Er ermöglichte erst die Hauptstadt Beijing. Die teuren Paläste und der luxuriöse „Irrgarten des Verlangens“ des Kaisers Yang, ferner die nicht gelingende Expansion Richtung Türkei und Korea, die Spannung zwischen Nord und Süd, beschleunigten Niedergang und Zusammenbruch des ökonomisch überdehnten Sui-Teilreiches 589 n.C. (S. 760). Damit wird die erste Nord-Süd-Wiedervereinigung des Reiches nach drei Jahrhunderten möglich, und die wechselvolle Geschichte verschiedener Reiche und Herrschaftsformen von China mündet in eine neue Phase, die erst im nächsten Band zum Thema wird.

Südasien und Südostasien
Durch den Tourismus sind zwar Südasien, Indien, die südostasiatischen Regionen auch nicht mehr unbekannt, aber ihre ältere Geschichte, die Axel Michaels darstellt, ist gut für manche Überraschungen. 2.600 bis 1.900 v. Chr. währt die Blütezeit der Harappakultur (S. S. 768, S. 788), zu der Mohenjo-Daro als frühe Stadtkultur zählt: 1921 wurde sie von John Marshall „entdeckt“, nachdem 1857 die vieltausendjährigen gebrannten Ziegel beim Eisenbahnbau benutzt und die Reste von Mohenjo-Daro als nur etwa 200 Jahre alt eingeschätzt wurden. Aber sie repräsentieren eine Kultur, die sich mit ca. 5 Millionen Menschen über Pakistan, Afghanistan, Nordwestindien und Guharat erstreckte. Sie entwickelte sich „aus den einheimischen, neolithischen Ackerbaukulturen etwa ab dem 8. Jahrtausend“ (S. 771) und ist „eine der frühesten Zivilisationen, mit systematischer Stadtplanung, feingliedrigen Wegenetzen, Bewässerungssystemen sowie genormten Maßen und Gewichten.“ Man fand in Mohenjo-Daro „großflächige städtische Bewässerungssysteme mit Kanalisation und sanitären Anlagen hinter den Häusern, deren Abflussrohre in mit gebrannten Ziegeln angelegte Abwässerkanäle führten. Die vielen Wasser- und Badeplätze haben Anlass zu der Vermutung gegeben, dass die Harappakultur viele religiöse Reinigungsriten kannte, doch gibt es für diese These keine weiteren Beweise“ (S. 773). So würde man, von außen betrachtet, auch unsere Wassernutzung interpretieren können und würde in den „imperialen Lebensweisen“ von heute Anhänger von Sonnenkulten sehen, die es immer an sonnige Strände zieht.

Der Niedergang der Harappakultur setzt ab 1900 v. Chr. ein. Könnte es sein, dass sie nicht weiterlebte, weil sie an die Grenzen ihrer Entwicklung gelangt war (so wie die heutige imperiale Lebensweise)? Es gibt viele offene Fragen, z. B. weiß man nicht, weshalb die von 1750 bis 1200 v. Chr. währende die halbnomadische „frühvedische Periode“ mit der (zunächst nur mündlich überlieferten) „Rigveda“ „so wenig von dieser hoch entwickelten Stadtkultur aufgenommen hat, sondern im Grunde auf eine frühere Entwicklungsstufe ohne Städte und Schrift zurückfiel?“ (S. 769) Nicht ohne politische Instrumentalisierung wird über die Frage gestritten, „ob die beiden Kulturen unabhängig aufeinander folgten oder ob sich die eine aus der anderen entwickelt hat.“ (S. 770) Hindunationalistische Indigenisten, auf die Veden gestützt, versuchen die Harappa-Kultur für sich zu instrumentalisieren (802/803). Migrationisten setzen auf Wanderungsbewegungen. Auch die „Arier“-Frage wird politisch diskutiert. Die einzigen „wirklichen“ Arier aber sind die Roma und Sinti, „die noch heute eine indoarische Sprache sprechen“ (770)

Der indische Subkontinent hat deutlich beigetragen zur religiösen Vielfalt. Man könnte angesichts des immer wieder erwachenden Interesses an diesen eher weltflüchtigen indischen Weltanschauungen eine „weltgeschichtliche Bedeutung“ (Gehrke) Indiens in diesen Religionen sehen (zumal sie sich den Problemen von Überflussgesellschaften stellen): Buddhismus und Jainismus (begründet von Mahāvīra) sind ungefähr gleichzeitig entstandene asketische Bewegungen (S. 822) in der „südasiatischen Achsenzeit“ des 6./5. Jahrhundert. v. Chr. „Die großen Asketenbewegungen, aus denen der Buddhismus, Jainismus und in einzelnen Strömungen auch der Hinduismus entstanden, waren nur durch die Erwirtschaftung eines landwirtschaftlichen Überschusses möglich. Erst dieser ließ es zu, dass sich maßgebliche Teile der jungen, arbeitsfähigen, männlichen Bevölkerung in Wanderbrüderschaften, Sekten und Klöstern organisierten und von der Gesellschaft getragen, mithin versorgt werden konnten“ (S. 822) – während in den heutigen „imperialen Lebensweisen“ zerstörerischer Luxus im Vordergrund steht.

Der Jainismus (S. 834) versprach Erlösung vom Kreislauf der Geburten, war wie der Buddhismus anti-brahmanisch (S. 834) und begünstigte radikale Askese (S. 835). Die in dieser Zeit entstehenden Texte der Upanischaden thematisieren Grundfragen des Lebens (S. 829), die Leidhaftigkeit des Seins (S. 831). Die Vedischen Religiosität, gestützt auf Schriften, ist esoterisch und priesterlich; der Buddhismus dagegen hat für alle etwas zu bieten (ist deswegen für die populäre Literatur besonders wichtig – viele Märchenmotive stammen aus Indien) und war des Bettelns wegen auf den Kontakt mit der Bevölkerung angewiesen und nicht exklusiv (was auch die Ausbreitung über Indien hinaus möglich machte, S. 833).

Interessant ist das Maurya-Imperium (320-185 v. Chr.). Es umfasst fast den ganzen südostasiatischen Subkontinent (S. 845). Sein Kaiser Ashoka (269-232 v. Chr.) ist bekannt geworden durch seine Steininschriften auf Felsen, Säulen und in Höhlen. Eine davon (von etwa 260 v. Chr.) ist besonders eindrucksvoll: Der Kaiser bekundet schwere Reue angesichts der von ihm im Eroberungsfeldzug begangenen Gräueltaten, und er hat dies „eingemeißelt, damit meine Söhne und noch die Urenkel … nicht auf neue Eroberungen sinnen sollen. Werden sie aber wieder in kriegerische Handlungen verwickelt, so sollen sie Freude an milder Sinnesart und leichter Bestrafung haben. Sie sollen den Sieg des moralischen Gesetzes als den einzig wahren Sieg ansehen. Dieser Sieg trägt gute Frucht in dieser Welt und in der anderen Welt. Ihre einzige Freude sei die Freude an der rechten Anstrengung.“ (S. 846). Das wohlgeordnete Maurya-Reich kennt Markt, sogar mit Kreditwesen und Zinsen (S. 854, S. 874), der aber bleibt immer eingebunden in Herrschafts- und Sozialbeziehungen. Ähnlich beim Gupta-Reich (s.u.) und seiner Administration, Finanzverwaltung, Stadtverwaltung, mit Fernhandel, Verkehrsnetz und Marktordnung (S. 873/875),

Zwei große, heute noch nachwirkende Traditionsformen sind erkennbar, „zum einen der eher universalistische, bisweilen missionarische Buddhismus, der – zumindest der Lehre nach – das Kastenwesen und die aufwändigen, brahmanischen Rituale ablehnte und über ein mobiles Netzwerk von Mönchen seine Lehren weit über Südasien brachte“, daneben die eher lokalisierte, auf Verwandtschaft und personalisierten Beziehungsmustern beruhende vedisch-brahmanische Hindu-Religion, „die ihr (Ritual-)Wissen eher in großfamiliären, esoterischen Lehrer-Schüler-Beziehungen weitergab und daher nur sehr begrenzt und indirekt über Südasien hinaus wirkte. Allerdings haben sich beide Traditionen im Übergang zum Gupta-Reich stark beeinflusst.“ (S. 850). Durch Fremdherrschaften und Invasionen bilden sich „synkretistische Kulturen … in denen man nach indoiranischen Sitten, buddhistischer Religion und mit griechisch beeinflusster Kunst lebte“ (S. 852).

Mit Alexander dem Großen (356-323 v. Chr.) gibt es neue Kontaktfelder von „Indo-Griechen“. Ein Graeko-Buddhismus, ein graeko-baktrisches Königtum bilden sich 127-163 v. Chr. (S. 856/857). Danach kommt es in Indien zu einer weltgeschichtlich seltenen fast hundertjährigen Phase relativer Friedfertigkeit, „die vor allem den Künsten und Religionen guttat.“ (S. 859) Nicht Eroberungen oder Konversionen sind charakteristisch, sondern „kulturübergreifende Adaptionen und transkulturelle Prozesse, bei denen das jeweils Neue nicht eine bloße Zusammensetzung aus alten Versatzstücken ist. … Es gab hellenisierte Königtümer am oberen Indus, aber es gab auch ‚indisierte‘ Königtümer am Mekong, römische Handelsstationen an der Küste und indisch dominierte Häfen an der Malaiischen Halbinsel und Sumatra.“ (S. 859) In eurozentrischem Denken sieht man dabei lange Zeit gern „Zivilisierungsprozesse “ und Übernahmen (z. B. beim gräko-buddhistischen Stil, S. 861), auch wenn es um „Hochkulturen“ geht, die vielfach differenzierter sind als die europäischen.

Die Gupta-Dynastie (320-500 n.C.) ist die „klassische Zeit und die Formation des Hinduismus“ (S. 789, 869). Sie gilt als „Goldenes“ Zeitalter Indiens mit feudalistischen Strukturen und politischer Stabilität. In dieser Zeit entwickelt sich eine bedeutende Wissenschaft und Literatur (so entsteht auch das Kāmasūtra, S. 874) „Freilich dürfen diese Texte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das gemeine Volk wenig von der höfischen und aristokratischen Pracht profitierte. Vielmehr war die städtische Wirtschaft gekennzeichnet durch Fron- und Sklavenarbeit, Steuereintreibungen, eine strenge Marktaufsicht, die Normierung von Maßen, Gewichten und Münzen“ sowie kapitalistischem Geldwesen (S. 874, S. 869). Die Philosophie (sie beeinflusst die Arabische) blüht, ebenso die Literatur mit Mahāhbārata und Shakuntalā (S. 876). Der frühe Hinduismus verleibt sich alles ein (S. 877), Sanskrit ist Kunst- und Elitesprache. Neue Hindu-Gottheiten wie Shiva, Vishnu, Krishna, Devi Durga bilden sich im 4./5. Jahrhundert, Hindu-Tempel und Staatstempel sowie das Pilgerwesen (S. 878) entstehen, aber auch das Kastensystem entwickelt sich (S. 872/3) und hohe Abgaben oder Sklaven- und Fronarbeit belasten die ländliche Bevölkerung (S. 869).

Die Religiosität wandelt sich „von der vedischen Religion zum Hinduismus“ und (buddhistisch geprägten) „Tantrismus“, Buddhismus und Jainismus werden langsam zurückgedrängt“ (S. 869) Die Kastengesellschaft mit ihrer Rechts- und Sittenlehre (dharma) wird gehütet von hinduistischen Brahmanen-Priestern (S. 870). Das Kastensystem (Manusmriti, ein im 1./2. Jahrhundert n.C. entstandenes Buch begründet es): „Diese Ab- und Ausgrenzung sozialer Gruppen beruht auf einem ständischen Kastensystem, deren sozialer und wirtschaftlicher Kern großfamiliäre, durch eine gemeinsame Abstammung definierte Familienverbünde und Klans bilden. Derartige Familienverbünde verstehen sich aufgrund strikter sozio-religiöser, an brahmanischen Vorstellungen ausgerichteter Normen für Heiratsverbindungen, Berufsausübung, Essenskontakte und Rituale als Einheit. Eine solche umfassende Stilisierung, Disziplinierung und Ritualisierung des Alltagslebens durch Reinheitsnormen erinnert an den ‚Prozess der Zivilisation‘“ (S. 883/884), den Norbert Elias beschreibt. „Das Private wird öffentlich“. Die brahmanische Heilsbedeutung der Abstammung wird von den drei oberen Ständen betont und mit der Initiation in die Veda als „zweiter Geburt“ und eine getragene heilige Schnur symbolisiert (S. 884). Ein Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. abgeschlossener Text „Dharma“ umfasst rechtliche und religiöse Vorschriften, bezieht sich auf Recht und Sitte und gesellschaftliche Ordnung, Witwenverbrennung eingeschlossen. Die Frau und das Böse gehören eng zusammen (S. 886). Das Heilsideal ist das der Statik: Nichts tun ist besser als handeln, Ruhe besser als Dynamik, es gibt ein Sündenregister und Buße als Sühnemittel (S. 889).

Der Untergang des Gupta-Reiches (um 467) wird durch die Hunnen (S. 873) eingeleitet. Nach dieser Ära (ab 606) beginnt die Zeit der Regionalreiche mit politischer Uneinheitlichkeit, Segmentierung und polyzentrischer Aufteilung (S. 895).

Über die von Indien beeinflussten ost- und südasiatischen Regionen erfährt man in diesem Band nichts. Erwähnt werden nur der Einfluss Indiens und die Ausbreitung des Buddhismus und Hinduismus seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. So stammt Angkor Vat von dem Hindu König Suryavarman 1113- 1150 (S. 906), Sanskrit wird Elitensprache in diesen Regionen. Nur auf Bali hat sich der früher überall einflussreiche Hinduismus „in nennenswerter, aber gegenüber Indien höchst unterschiedlicher Form erhalten.“ (S. 908)

Damit endet Band 1 der „Geschichte der Welt“, bezogen auf die Zeit vor 600. Was fangen wir damit an? Wir bewundern Fülle und Reichtum dessen, was Menschen seit Urzeiten können. Wir sind fasziniert von den vielen Möglichkeiten, das Zusammenleben zu organisieren, sind erstaunt über die unterschiedlichen Formen, Menschsein sozialkulturell zu verstehen. Wir blicken mit Schaudern auf die Gewalt in der Geschichte und darauf, wie schlimm Menschen mit Ihresgleichen umgehen (können)! Und wir schauen skeptisch auf die aktuelle Situation der Welt: Wie wenig besteht Anlass zu westlicher Überheblichkeit angesichts der Probleme, die Staaten und Gemeinschafen vor sich herschieben!



Dienstag, 16. Januar 2018

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