KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 22 • 2019 • Jg. 42 [17] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 1/2003
über Hanna Haupt / Gunnar Winkler:
Sozialreport 50+ 2002: Daten und Fakten zur sozialen Lage von Bürgern ab 50 Jahre in den neuen Bundesländern
Harald Dehne
Die Ostdeutschen im „rentennahen“ Alter sind arm dran
Die Ostdeutschen im „rentennahen“ Alter sind arm dran

Hanna Haupt / Gunnar Winkler: Sozialreport 50+ 2002: Daten und Fakten zur sozialen Lage von Bürgern ab 50 Jahre in den neuen Bundesländern, Berlin (Trafo-Verlag) 2002, 151 S., 74 Abb., 43 Tabellen, 15,80 Euro.

Von Harald Dehne (Berlin)

Anders als vor noch gar nicht so vielen Generationen ist das Alter heutzutage nicht unbedingt mehr ein Fluch – immerhin genießen die Alten doch ein gewisses Ansehen und darüber hinaus auch eine grundlegende soziale Sicherung. Seit den halbkreisförmigen grafischen Darstellungen der Lebensabschnitte, wie wir sie aus der Frühen Neuzeit kennen, wissen wir auch, dass der fünfzigste Geburtstag stets den Höhepunkt im Lebenslauf eingeleitet hat – danach geht’s unabwendbar bergab ins Alter.

Von den älteren Bürgern der neuen deutschen Bundesländer ist hier die Rede, von ihrer Lebenslage und von ihren Erwartungen. Hanna Haupt und Gunnar Winkler, beide vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg (SFZ), präsentieren mit Unterstützung des Bundesverbandes der Volkssolidarität und der Hans-Böckler-Stiftung Ergebnisse der Untersuchungsreihe „Leben in den neuen Bundesländern 50+“ aus dem Jahre 2002. Die Ergebnisse basieren auf schriftlichen Befragungen von 1455 Bürgern über 50 Jahre; sie wurden der Alters- und Geschlechtsstruktur in den neuen Bundesländern (einschließlich Ostberlin) entsprechend gewichtet. Die vier Kapitel thematisieren Zufriedenheitsaussagen dieser Generationen zum Leben in den neuen Bundesländern, ihre Einkommensentwicklung, die Aussichten der „künftigen“ Alten sowie schließlich einige Aspekte aus dem Zusammenhang zwischen Alltag und Alter.

Allgemein werden Gewinne (besonders Warenwelt und Reisemöglichkeiten) und Verluste (vor allem Werte wie Sicherheit und soziale Gerechtigkeit) seit der Wende gegenüberstellt. Hinsichtlich den Chancen, die die bürgerliche Demokratie für die eigenen Angelegenheiten bietet, sind die persönlichen Erwartungen dagegen eher gedämpft. Will man die Renten in den alten und in den neuen Bundesländen vergleichen, so darf man nicht nur die Zahlungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung berücksichtigen, sondern, gerade im Westen, auch weitere Einkünfte – aus Kapitalanlagen ebenso wie aus betrieblichen Zusatzzahlungen. Bei den durchschnittlichen Zahlbeträgen ergibt sich für 1999 folgendes Bild (West zu Ost): bei den Männern 2190 zu 2162 DM, bei den Frauen 882 zu 1300 DM (S. 68) Dass der gemittelten Versorgung einer West-Beamtin mit 4348 DM in den neuen Bundesländern keine einzige Pensionärin gegenüber steht, sei nur am Rande bemerkt.

An anderer Stelle werden auch Armutsentwicklungen in den ostdeutschen Bundesländern thematisiert. „Sie resultieren überwiegend aus der Art und Weise sowie der Dauer der Nicht-Erwerbsbeteiligung während der Erwerbsphase, den öffentlichen und den individuellen Möglichkeiten von Wissenserwerb und Qualifikationsaneignung einerseits und der aktuellen Privatisierung von Gesundheitspflege wie den hohen Zuzahlungen bei Medikamenten, Heilmitteln sowie dem Anstieg der Pflegekosten und den durch den Anstieg der Lebenshaltungskosten bedingten Einschränkungen an gesellschaftlicher Teilhabe andererseits.“ (S. 92 f.) Davon vor allem betroffen sind lebenslange Niedrigverdiener, Frauen, die über Jahre verkürzt gearbeitet oder langfristig wegen Kinderbetreuung pausiert haben, sowie ehemals mithelfende Familienangehörige. Daraus ergeben sich gegenwärtig 15 Prozent aller Altersrenten in einer Höhe unter 500 Euro. In einer grafischen Darstellung ragen Arbeitslose mit ihren Einkünften besonders negativ heraus (selbst gegenüber Rentnern), ferner die Altersgruppe 50- bis 59jährige sowie Frauen; „besser dran“ sind auch hier diejenigen, die über siebzig Jahre alt sind.

Manche Ergebnisse haben wir längst gewusst: Die älteren Rentner scheinen die „Gewinner“ der Wende zu sein: Sie erhalten eine höhere Rente und haben im Ausstattungsgrad der Haushalte gegenüber ihren westlichen Pendants rasch aufgeholt, zumindest beim Telefon und beim Auto, das sie sogar überwiegend fabrikneu erwerben. Der Vorsprung der Westdeutschen hinsichtlich Vermögen (auch als zusätzliche Alterssicherung gedacht) ist von den Ostdeutschen nicht aufzuholen. Im Vergleich zu den alten Bundesländern verfügt man im Osten über weniger Wohneigentum (nur 28 Prozent, und damit sind vor allem ländliche Anwesen gemeint) und Vermögen überhaupt. Und dass hier häufiger aus der Arbeitslosigkeit heraus in die Rente gegangen wird, was erhebliche Einbußen in der Rentenhöhe nach sich zieht, wurde ebenfalls empirisch bestätigt. Aber was ist mit den Menschen im „rentennahen“ Alter? Das meint diejenigen, die ein wenig jenseits der Fünfzig, aber noch sehr entfernt vom Renteneintrittsalter sind.

Allein im Jahre 1993 waren 900.000 Menschen in den Vorruhestand gegangen. Inzwischen nimmt das Durchschnittsalter in den neuen Bundesländern rasant zu, beschleunigt durch den Wanderungsverlust gerade von jungen Menschen. Sicher ist: Der Anteil älterer Menschen steigt, ebenso die allgemeine Lebenserwartung, und ein wachsender Teil der Menschen im arbeitsfähigen Alter ist arbeitslos. Ein gravierender Nachteil für die „Vorrentnergeneration“ (zwischen 50 und 60) besteht darin, dass sie einerseits von Langzeitarbeitslosigkeit gezeichnet sind, andererseits jedoch keine Chancen der Frühverrentung mehr wahrnehmen können.

Diese „Vorrentnergeneration“ macht nach Zahlen von Ende 2000 für die 50- bis 60jährigen 1,9 Millionen und für die 60- bis 64jährigen weitere 1,1 Millionen Menschen aus. (S. 101) Nur etwas mehr als die Hälfte dieser Altersgruppen stand 2002 überhaupt noch im Erwerbsleben. In Haushalten von Ehepaaren bzw. in Partnerschaft lebenden Personen zwischen 50 und 59 Jahre sind nur noch bei 36 Prozent beide Partner erwerbstätig, während bei 38 Prozent einer von beiden arbeitslos ist oder sich in einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme befindet. Bei sieben Prozent sind sogar beide arbeitslos.

Zum Zeitpunkt der Befragung (Juni 2002) waren in Ostdeutschland 362.000 Menschen im Alter zwischen 50 und 64 Jahre als arbeitslos registriert, etwa jeder zweite von ihnen bereits länger als ein Jahr. Noch einmal soviel befanden sich in einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme des Arbeitsamtes. (S. 107) Anders gesagt: Insgesamt eine dreiviertel Million der genannten Altersgruppe waren ohne jegliche Erwerbstätigkeit. Ihre Perspektive ist alles andere als rosig, und die Überlegungen der derzeitigen Regierungskoalition zur Reform des deutschen Sozialstaats hat erneut Verunsicherungen ausgelöst. Zwar lautet die Vorgabe, das System der Sozialversicherung zu reformieren, es sieht aber so aus, als ob sowohl das ihr seit Bismarcks Zeiten zu Grunde liegende Prinzip der Solidarität als auch der in der Bundesrepublik seit 1957 geltende Generationenvertrag zur Disposition gestellt wird. Dieser hatte seinerzeit gewaltige Summen aus den Rentenkassen in die Staatskasse gespült – seitdem müssen alle, die irgendwann Rentenansprüche erwerben oder einlösen, auf das Funktionieren der intergenerativen Transferleistungen und auf die „Wohlfahrt“ durch den staatlichen Apparat vertrauen.

Aber wie das so ist bei Umfragen – sie überraschen immer wieder. Nicht nur, dass selbst von den Arbeitslosen die Hälfte die Aussage unterschreiben würde: „Wer arbeiten will, findet auch Arbeit“, so erstaunt es ebenso sehr, dass von den befragten Ab-Fünfzig-Jährigen sich nur 28 Prozent gesund und leistungsfähig fühlten, während der Rest in unterschiedlicher Weise gesundheitliche Beeinträchtigungen ins Feld führte. Somit führt diese Bestandsaufnahme zu Daten und Fakten „rentennaher“ Bürger eben auch unerfreuliche Einstellungen vor: Es entstehen Bilder, als fühlten sich manche wie abends kurz vor dem Schlafengehen. Vielleicht hätte auch nach einem möglichen Potenzial souveränen Handelns gefragt werden sollen.

Man wünscht diesem Sozialreport eine weite Verbreitung, nicht zuletzt auch in denjenigen Bundesländer, in denen die teuren Seniorenresidenzen im Vergleich mit Gesamtdeutschland überproportional vertreten sind.