KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2017
über Yuval Noah Harari:
Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen
Horst Groschopp
Hitler als Humanist
Yuval Noah Harari
Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen.
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn.
München: C. H. Beck Verlag 2017, 576 S. mit 57 zum Teil farbigen Abbildungen. ISBN 978-3-406-70401-7, 24.85 €

Wenn auf dem deutschen Buchmarkt ein Werk über Humanismus erscheint, dann hat das eine gewisse Seltenheit. Als am Thema interessierter Autor stürzt man sich förmlich darauf, zumal es ein Bestseller ist (im September 2017 bereits die 8. Auflage). Das verspricht kurzweilige Lektüre – und das ist es auch über gut zwei Drittel. Das Buch ist eine allgemeinverständlich geschriebene Philosophie. Der Autor, Professor an der Jerusalemer Hebrew University, legt eine historische Aufbereitung der gesamten Menschheitsgeschichte vor seit der Entstehung des Homo Sapiens und lässt keine Langeweile aufkommen, würzt seine Darstellung mit anekdotischen Gleichnissen und einer gehörigen Portion Religionskritik, besonders der Monotheismen – und all dies aus der Perspektive von „Humanismus“, wie er ihn versteht. Da für ihn alle Geschichte nur durch Geschichten verbürgt ist, legt Harari gleichzeitig eine Kritik der „Geschichtenerzähler“ vor (vgl. S. 213 ff.).

Der Verlag, dessen Name für Wissenschaft steht, kündigt allerdings an, es sei eine Art Fortsetzung des „Kultbuches“ vom gleichen Autor „Eine kurze Geschichte der Mensch-heit“ von 2015, inzwischen in vierzig Sprachen übersetzt. Das hätte stutzig machen müssen, denn das ist der Grundriss des Buches: Wie „der Humanismus zur vorherrschenden Weltreligion wurde und warum der Versuch, den humanistischen Traum zu verwirklichen, wahrscheinlich zu dessen Zerfall führen wird“ (S. 95).

Lassen wir dahingestellt, was der Autor wirklich versteht von den vielen naturwissenschaftlichen Befunden, die er ausbreitet und deutet. Das mögen die Anthropologen, Physiker, Chemiker, Mediziner, Psychologen, Hirnforscher usw. beurteilen. Aber diese Aussagen bilden den Untergrund für Hararis philosophische Weltanschauung.

Im Teil 1 erobert der Homo Sapiens die Welt und schafft das „Anthropozän“. Es ist die Evolution, die das besondere Tier hervorbringt. Hier eingebunden ist die Erfindung der „Seele“ und deren Eliminierung aus der Wissenschaft unter Erörterung der Problematik dessen, was „Geist“ genannt wird. Dass man diesen „Geist“ auch „Seele“ nennen könnte, spielt dabei keine Rolle.

In Teil 2 gibt der Homo Sapiens der Welt einen religiösen Sinn (mehrere), bis mit dem Kapitalismus die Weltmacht „Humanismus“ entsteht, der aber aktuell durch die „post-humanistische Religion“ ablöst wird (vgl. S. 272), denn der „Aufstieg des Humanismus enthält auch die Saat zu seinem Sturz“ (S. 94).

Am Ende der Epoche des „Humanismus“, heute, schließen die Menschen einen Pakt (einen „Deal“, vgl. S. 273), in dem sie zustimmen, auf Sinn gänzlich zu verzichten, des Machtgewinns wegen (S.273). So wollen „Homo Deus“ werden, Unsterblichkeit erlangen, Glück im Überfluss erleben und Göttlichkeit selbst anwenden. Dass der Mensch „wie Gott“ sein wollte, ist zwar selbst eine biblische Vorstellung und hat eine eigene polemische Geschichte. Diese kennt der Autor sicher und hat wohl gerade deshalb, auch aus guten Verkaufsgründen, den Titel für das Buch gewählt.

In Teil 3 verliert die Menschheit auf dem Weg zum „Homo Deus“ die Kontrolle über sich, womit der Humanismus endgültig an sein Ende kommt, weil alle „Gedanken, Emotionen und Sinneswahrnehmungen lediglich biochemische Algorithmen sind“ und demzufolge letztlich doch Biologen „sämtliche Wechselfälle menschlicher Gesellschaften erklären können“ (S. 208). Harari wendet seinen biologischen Blick im Wesentlichen auf den Menschen und desses Inneres, weniger auf die biologischen Tatsachen etwa des Klimawandels. Zwar endet das Buch vorsichtshalber mit der rhetorischen Frage, was nun aus unserer Gesellschaft werden soll (S. 537), doch wird diese Klärung eher als abschließende Rückversicherung einführt: Da Gott tot ist, fragt sich der Mensch als „Homo Deus“, warum er sich selbst verlässt.

Zu kritisieren ist zuerst das einvernehmende „Wir“, dass Harari durchgängig benutzt. „Wir“, das ist die Menschheit. Der Autor nimmt uns Leser an die Hand und führt uns durch unsere Geschichte, erklärt uns „unsere“ Menschwerdung, unsere Entdeckungen, Gesellschaften und Irrtümer. Wir sind beteiligt und lernen mittels der hinweisen-den Begleitung durch den Autor, was wir alles geschafft haben, obwohl immer wieder viele von uns, ja Millionen, draufgingen, aber eben nicht „wir“, die Menschheit. Wir bekommen erklärt, wie Religionen zu allem, was geschah, den „Sinn“ lieferten. Doch der Mensch spielt nun selbst Gott, wird „Homo Deus“. Dieser unterscheidet sich vom Menschen der Moderne in weit größerem Maße als dieser „humanistische Mensch“ vom Neandertaler.

Immer gaben bisher Religionen dem Menschen „Sinn“. Mit dem Ende des Mittelalters kam ein neuer „Sinn“ auf: „Humanismus“ wurde der Menschen neuer Glaube. Harari erzählt nun eine sehr eigenwillige Geschichte über Humanismus, die weit entfernt ist von dem, was ein Historiker oder ein Philosoph von dieser kulturellen Bewegung wissen kann. Mit dem, was er unter Siegeszug des Humanismus versteht, arbeitet sich der Homo Sapiens, selbst ein Tier, aus dem Tierreich heraus, wieder unterstützt von Religionen, die ihn über das Tier setzen.

„Ließ die landwirtschaftliche Revolution die theistischen Religionen entstehen, so brachte die wissenschaftliche Revolution humanistische Religionen hervor“ (S. 137). Humanisten beten den Menschen an (vgl. ebd.); Humanismus ist „die Anbetung der Menschheit“ (S. 94). Die eigenen Gefühle und Erfahrungen der Menschen werden zu Kriterien für „Sinn“ erhoben. „Das ist das Hauptgebot, das uns der Humanismus mit auf den Weg gegeben hat: Gib einer sinnlosen Welt einen Sinn.“ (S. 302)

„Der orthodoxe Zweig behauptet, jedes menschliche Wesen sei ein einzigartiges Individuum“ (S. 336). Auf dieser Basis bilden sich historisch drei „Hauptzweige“: Der „liberale Humanismus“ ist eine Folge des Liberalismus in der Ökonomie. Dagegen wenden sich der „sozialistische Humanismus“, der in der Konsequenz ein Kommunismus ist, und der auf Darwin aufbauende „evolutionäre Humanismus, dessen bekannteste Vertreter die Nationalsozialisten waren“ (S. 337), die aber „nur eine Extremform des evolutionären Humanismus darstellen“ (S. 349). „Zwischen 1914 und 1989 tobte ein mörderischer Religionskrieg zwischen den drei humanistischen Splittergruppen.“ (S. 356)

Auf die erst zwei- bis dreihundertjährige Herrschaft des „Humanismus“ folgt im 21. Jahrhundert eine Art „Transhumanismus“. Dieser hat zwei Komponenten, den unsicheren „Techno-Humanismus“, weil nicht klar ist, wie mächtig er wird, etwa mittels Anwendung von Biochemie („die richtige Dosis der richtigen Chemikalie“, S. 492) und Hirnbeeinflussung, um den „Homo Sapiens so umzumodeln, dass er ewige Freude empfinden kann“ (S. 63) und den wahrscheinlich erfolgreicher voranschreitenden „Dataismus“, die „Daten-Religion“ der Zukunft – „von einer homozentrischen zu einer datazentrischen Weltsicht“ (S. 526): „‘Hör auf die Algorithmen! Sie wissen, wie du dich fühlst.’“ (S. 530) Aus den Individuen werden „Dividuen“ (vgl. S. 444 f.).

Für die Ablösung des „Humanismus“ gibt es zwei Ursachen: Alte Plagen wie Hunger, Krankheit und Krieg sind beherrschbar geworden. Der Mensch stellt sich neue Ziele. „Humanismus“ war bis dahin die Religion des Kapitalismus, der nicht an ein Ende kommt, wie man irrtümlich annahm, der dem Fetisch „Wachstum“ huldigt (vgl. S. 284). Dieser alles durchdringende Kapitalismus, der neue Geschäftsfelder entdeckt wie die Nanotechnologie, führt aber dazu, dass „wir“ immer mehr Maschinen bauen, die alles besser können.

Unser unendliches Streben nach Glück und Macht erhebt uns nun über den alten Menschen, dies freilich mit der wahrscheinlichen Folge, dass immer mehr Eliten über nutzlos werdende Massen herrschen, weil sie in der Lage sind, sich die Errungenschaften anzuschaffen („optimierte Ungleichheit“, S. 467 ff.). Das letzte Drittel des Buches ist mit eher trockenen Erörterungen der Details dieser Zukunft, die eine Eingangsthese betätigen sollen: „Wenn menschliche Fiktionen in genetische und elektronische Codes übersetzt werden, wird die intersubjektive Realität die objektive Realität verschlingen und die Biologie wird mit der Geschichte verschmelzen.“ (S. 209)

Hararis Buch ist gefüllt mit flotten Sprüchen und waghalsigen Thesen, deshalb anregend, aber auch begleitet von ernsten Ärgernissen. Drei seien abschließend genannt:

Der Autor vermag erstens keine „gesellschaftlichen Verhältnisse“ zu denken. So sehr er immer wieder ökonomische Ursachen anführt, kennt er keine Sozialgeschichte, keine Widersprüche in den Religionen, die Ausdruck differenter sozialer Erfahrungen und Bedürfnisse sind.

Das ist für einen Berufshistoriker ungewöhnlich. Weltreiche stürzen durch Zufälle und Irrtümer. Über deren Beschränktheiten kann man nachträglich Witze machen. Da bei Harari der „freie Wille“ letztlich eine Illusion ist, sind die Menschen auch keine Subjekte, sondern grundsätzlich beherrschbar durch Religionen, die Eliten anwenden als herausgehobene Teile der gleichen Menschheit.

Zweitens ignoriert Harai die empirischen Kulturwissenschaften oder nimmt sie nicht ernst, gerade die angelsächsischen, die den Begriff Religion eingeschränkt anwenden und sie in Kulturen verorten. So meint er wohl „Kultur des Humanismus“, wenn er von „Religion des Humanismus“ spricht. Religion ist für ihn „jede allumfassende Geschichte, die menschlichen Gesetzen, Normen und Werten eine übermenschliche Legitimation verschafft.“ (S. 249)

Das dritte Ärgernis betrifft das Humanismusverständnis und ist schon angedeutet worden. Wenn ein Autor andere Ideen oder Lesarten von „Humanismus“ hat als die in der Literatur üblichen, dann gehört es zur Redlichkeit wissenschaftlichen Arbeitens, diese Unterscheidung kenntlich zu machen. So aber betreibt Harari Weltanschauungsproduktion in einer ziemlich bösartigen Variante. Er bedient einen hinterhältigen Antihumanismus, der nicht nur einfach konservative Sichtweisen untermauert, sondern alle „Erzählungen“ bekräftigt, die schon immer die freiheitlichen Folgen von Renaissance und Französischer Revolution als Selbstüberhöhungen des Menschen verurteilten und das „Abendland“ verteidigten. Harari setzt dem noch einen besonderen Punkt obenauf: Hitler als „Humanist“ (vgl. S. 349) und die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert als „humanistische Religionskriege“ (vgl. S. 354 ff.).