KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
RezensionKulturation 2017
über Birgit Mandel:
Teilhabeorientierte Kulturvermittlung
Dieter Kramer
Innovative öffentliche Kulturpolitik
Birgit Mandel (Hg.) Teilhabeorientierte Kulturvermittlung. Diskurse und Konzepte für eine Neuausrichtung des öffentlich geförderten Kulturlebens. Bielefeld: Transcript 2016 (Reihe Kultur- und Museumsmanagement) 288 S., ISBN 978-3-8376-3561-4, 27,99 €.

Für alle Kulturpolitiker, die Anregungen zur Neugestaltung der öffentlichen Kulturpolitik suchen, ist dies mit den einführenden Texten von Birgit Mandel und den Beiträgen zahlreicher Autoren ein wertvolles Kompendium.

Es gibt 2017 kaum noch eine Kulturinstitution, die „nicht über innovative Formate der Vermittlung versucht, neue Besucher anzusprechen: Mittels populärer Flashmobs wird auf neue Weise (Zufalls-)Aufmerksamkeit geschaffen, Outreach-Formate machen klassische Kultur open air und im öffentlichen Raum neu erlebbar, Virtual-reality-Anwendungen und immersive Inszenierungen zeigen Kunst in außergewöhnlichen Perspektiven, ‚Bürgerbühnen‘ eröffnen aktive ästhetische Erfahrungen und Zugänge.“ (9)

Institutionellen Selbstverteidigung der Institutionen ist ein wichtiges Motiv für solche Innovationen. Der „Rechtfertigungskonsens“ (36) für die Kulturpolitik ist gefährdet, wenn Besucherzahlen sinken oder bedeutende Teile der Bevölkerung nicht teilhaben. In vielen Fällen mag hinter den neuen Praktiken die blanke Angst vor der Kürzung der Subventionen stehen.

Max Fuchs (in Mandel 2016: 51-58) erinnert an den ökonomischen Zwang der Kulturinstitutionen in den USA, zwecks Finanzierung ein Publikum zu finden. In angelsächsischen Ländern werden „staatliche Fördergelder an Strategien geknüpft, mit denen es nachweislich geeignet gelingt, bestimmte bislang unterrepräsentierte Zielgruppen zu erreichen.“ (20) Daraus ist Audience Development (AD) entstanden, eine besonders interessante Innovation. „Der in den angelsächsischen Ländern geprägte Begriff des ‚Audience Developments‘ bezeichnet die Generierung und Bindung neuen Publikums für Kultureinrichtungen in der strategischen Kombination von Kulturnutzerforschung, Marketing, PR und Kulturvermittlung“. Nutzungszahlen-Analyse und soziale oder ethnische Differenzierungen (22, 24), Einflussfaktoren und Barrieren (25) sind wichtig, die Besucher können als Subjekte, nicht nur als Kunden verstanden werden (29) und zu eigenen Aktivitäten motiviert werden, Keyworker (31) vermitteln, die Institutionen selbst können sich verändern (30, 36). AD ist langfristig anzulegen. Anne Torregiani bezieht sich in einem Beitrag zu 40 Jahre AD auf die Grenzen und die mögliche Erweiterung z. B. mit “place based partnerhip in towns” (S. 122).

Zu den benutzten Instrumenten zählen die üblichen Techniken und Formen, aber auch „Aufmerksamkeitsmanagement und Markenbildung in PR und Marketing“. Damit erhalten Sprache und Denkweise der Betriebswirtschaft Eingang in die Kulturpolitik. Auch von einem „meritorischen Kulturleben“ (11) ist die Rede – ein Begriff, der sich abwendet von der in Deutschland als „freiwillige Pflichtaufgabe“ verstandenen Kulturförderung als Teil von Daseinsfürsorge und Implementation der sozialen Grundrechte.

Auf Deutschland ist AD nicht ohne weiteres zu übertragen: Da können wegen der Intendanturfreiheit mit der Förderung nur sehr bedingt Auflagen für die Institutionen verbunden werden. Für Armin Klein mit seinem eng auf die Freiheit der Künste zugeschnittenen Kunstbegriff (bei dem die Einbindung der künstlerischen Produktion in soziale Prozesse nur ungenügend berücksichtigt wird) „galt bislang das Credo, dass künstlerische Produktionen und Programme nicht strategisch an den Interessen potenziellen Zielpublikums auszurichten seien, um die künstlerische Freiheit und Qualität nicht zu gefährden“ (Mandel 2016: 33, bezogen auf Klein 2001: 308). So eng hat das früher niemand gesehen, wenn es etwa um die Handlungsmöglichkeiten des Kulturpolitikers ging (s. Hilmar Hoffmann 2006, zit. in Kramer: Kulturpolitik neu erfinden. Bonn: Kulturpolitische Gesellschaft 2011: 139).

Für Birgit Mandel sind auch Aspekte wichtig, die in der neoliberal geprägten Kulturpolitik gern vernachlässigt werden. „Die soziale Homogenität des Publikums klassischer öffentlich geförderter Kultureinrichtungen bei gleichzeitigem Anspruch öffentlicher Kulturpolitik, mittels Kunst und Kultur gemeinsame gesellschaftliche Identität und Gemeinschaft zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen, fordert zu neuen Ansätzen der Kulturvermittlung heraus.“ (Mandel 10, Hervorhebung Vf.) Ebenso bezieht sich Max Fuchs auf die Lebensrelevanz der ästhetischen Praktiken für bürgerliche Identität und Distinktion (54, man könnte auch von einer Wertegrundlage für die Gesellschaft reden).

Seit dem Nationenbildungsprogramm der deutschen Aufklärung und den Ideen des „Nationaltheaters“ beziehen sich Kulturinstitutionen programmatisch auf (zwar bürgerliche, aber allgemein verstandene) Inklusion ohne soziale Schranken. Dieser Anspruch wird in den jeweiligen (herrschafts- und klassenpolitisch) motivierten Programmen der Kultur- und Bildungsinstitutionen (besonders ausgeprägt in den Schul-Lesebüchern) umgesetzt. Auch Nationalmuseen waren mit Selbstverständlichkeit Agenturen der nationalstaatlichen Mythenpflege und Identitätsbildung.

Was bedeutet „Gemeinschaft stiftend“ (10) zu handeln in der Klassengesellschaft, hätte man früher kritisch gefragt. Aber inzwischen geht der Zusammenbruch gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten so weit, dass der sozial-moralische Konsens des demokratischen und sozialen Rechtsstaates (den zu verteidigen der Politologe Wolfgang Abendroth auch von den sozialistischen Linken immer wieder forderte) in seinen Grundlagen gefährdet ist; in der internationalen Politik zerbrechen zur gleichen Zeit die Selbstverständlichkeiten der „zivilisierten“ Staaten).

In diesem Kontext ist auch kulturelle Bildung zu nennen. „Sozial integrative Kulturvermittlung öffentlich geförderter Kulturinstitutionen zwischen Kunstmissionierung und Moderation kultureller Beteiligungsprozesse“ formuliert Birgit Mandel nachdenklich (125-140). Da klingt „kulturelle Bildung“ als top down-Programm an. „Kunst zugänglich und anschlussfähig machen“ ist ein Aspekt, für sie „Verständnis zu schaffen“ (125) ist ein Ziel, das breitesten Konsens findet. Die meist damit verbundene kulturelle Bildung neigt dazu, bildungsbürgerliches Verstehen (bei dem der Sinn außerhalb des Subjekts gesetzt wird) mehr oder weniger kanonisierter Objektivationen zu fördern. Interessanter sind jene Formen der kulturellen Bildung, bei denen nicht vorgegebenes Bildungsgut vermittelt wird, sondern in denen es um persönlichkeitswirksame subjektive Aneignung geht. Das ist mehr als nur Vermittlung. Bei Aneignung setzen sich die Individuen in ihren sozialen Kontexten aktiv mit kulturellen Objektivationen auseinander. Die Nutzer werden als Partner akzeptiert und nicht als Objekt von Bildungsprozessen verstanden. Aneignend macht der Nutzer sich zu eigen, was das Werk, das Objekt über den (die) Menschen und die Interpretationsmöglichkeiten seiner Existenz sagen kann. Was bedeuten die Werke und die Zeugnisse der Geschichte für mich (uns)? Erkenne ich mich darin mit meinen Fragen oder wenigstens einigen von ihnen wieder? Dahinter kann das Ziel der Erziehung eines kritischen, urteilsfähigen Bürgers stehen, der die Bedingungen seiner sozialen Existenz erkennt und sich ihnen entsprechend zu verhalten weiß.

Ein anderer Aspekt ist für Mandel ebenfalls wichtig: Sie will „die Kreativität des Einzelnen herausfordern und Anstöße für gelingendes Leben geben, Publikumsgenerierung oder neue Gemeinschaft(en) anstiften über gemeinsam erlebte und erfahrene Kunst und Kultur – die Bandbreite der mit Kulturvermittlung verbundenen Aktivitäten und Zielsetzungen ist vielfältig.“ (125) Eine Zwischenüberschrift lautet: „Vom autorisierten Kunstsprecher zum Anstifter für kulturelle Partizipation – Veränderungen im Rollenverständnis von Kulturvermittlern vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen“ (128): Das ist ein Programm. Es geht um Barrieren, um Paternalismus, um Sich einbringen (137), um Lernprozesse auf beiden Seiten (137), hinterfragende Destruktion von Erwartungen (z. B. bezüglich der Rolle des kulturellen Kapitals bei der sozialen Distinktion) (133/134),

Dafür werden Beispiele vorgeführt. Bei einem vorgestellten personalaufwendigen Projekt zur Vermittlung von Eintrittskarten an Geringverdienende in Berlin ist das persönliche Gespräch immer einbezogen (110). Alexander Henschel berichtet von dem Versuch des Bozener Museion, im italienischsprachigen Don-Bosco-Viertel von Bozen eine Filiale, freilich ohne ständiges Personal, zu installieren (141-153) – ein Beispiel für Lernen durch Scheitern. Kulturvermittlung wird dabei zum „Schlichtungsprozess zwischen zwei Parteien mit unterschiedlichen Interessen.“ (12) Ulrich Khuon und Birgit Lengers vom Deutschen Theater in Berlin (155) zeigen, wie die Schwelle zum Schlüssel werden kann. Das Zukunftslabor der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen verändert mit Musik die Gesellschaft: Schule und Orchester bilden eine „Wohngemeinschaft“ und sind so ein Beispiel für das, was als „lebendiges kulturelles Milieu“ mit Wirkung auf Community Building gern angestrebt wird (181). Stefan Fischer-Fels stellt Kindertheater als Modell für partizipative und sozial integrative Vermittlung von Theater vor (187-193). Die „stets bedachte Hinwendung zu seinem Publikum“ (189) gehört dazu, und es ist als Familientheater, „im Kern das Modell eines Theaters für alle Schichten und Kulturen“, besonders geeignet für die Kooperation mit Schulen (189). Susanne Keuchel wertet das „Jugend-KulturBarometer“ aus (79f.) und prüft seine Bedeutung für „nachhaltige Kulturvermittlung“ (85). Musikalische Interventionen im Alltag (ähnlich den Straßen-Theaterinterventionen von früher) stellt Jens Schmidt vor (197-207), und das Motto „Ermöglichen statt Vermittlung“ (205) deutet besondere Dimensionen an. In der Türkei werden Einkaufszentren zu „niedrigschwelligen“ Kulturorten als Ergänzung oder Ersatz zu den traditionellen religiös motivierten Angeboten entwickelt (Özlem Canyürek, 209-216). Vera Allmanritter fragt nach „Menschen mit Migrationshintergrund als Kulturpublikum“ (89) und empfiehlt eine „ernst gemeinte, interkulturelle Öffnung der Kulturinstitutionen im Rahmen eines umfassenden und langfristig angelegten ‚Change-Managements‘, das deutlich nach außen kommuniziert wird“. Sie empfiehlt mit Akteuren aus der „Herkunftskultur“ der Migranten „hybride“ Angebote mit Neuem und Vertrauten zu schaffen und die „Angehörigen der ‚intellektuell-kosmopolitischen Milieus‘ als Stammbesucher von Kulturangeboten in ihrem Umfeld als Mittler und Multiplikatoren“ einzubeziehen (98/99).

Ähnlich wichtig wie AD ist die „Nichtbesucherforschung“, zu der Thomas Renz einen Überblick des aktuellen Forschungsstands gibt und praktische Konsequenzen der Publikumsforschung in Deutschland erörtert (61-78). Fehlende Grundmotivation kann eine Rolle spiele - eine schlimme Ahnung beschleicht den Leser: Vielleicht wollen manche ja auch gar nicht ins Theater oder Museum, weil sie ihre eigenen Bühnen haben und ihre eigene Grundausstattung mit Symbolwelten anderswo her beziehen.

Konsequenterweise wird in mehreren Beiträgen Unterhaltung aufgewertet, so von Barrie Kosky (Komische Oper Berlin) im Gespräch mit Birgit Mandel (165 f.) Barbara Hornberger (Hildesheim, Osnabrück) meint zur die Bedeutung von populärer Kultur als integrativer Kulturpraxis: „Das Populäre sei die eigentlich integrative kulturelle Praxis der Gegenwart“ (13, 219-226),. Der Beitrag bestätigt die bildungsrelevante Rolle der populären Kultur für die Selbstvergewisserung. Er ist, wie mir scheint, der einzige, der auf die „Cultural Studies“ zur Alltagskultur eingeht (auch Kaspar Maase wird zitiert) und damit den Weg öffnet zu einer Interpretation des kulturellen Lebens mit kulturwissenschaftlich-ethnologischem Hintergrund, mit der die ganze Breite der ästhetisch-kulturellen Betätigung einbezogen wird. Daraus erwachsen dann auch ganz neue Strategien der „kulturellen Bildung“, bei denen die Vokabel selbst zum Problem wird.

In populären partizipativen Kulturformen wie Computer-Games findet experimentelles Probehandeln statt, damit auch „Vermittlung“ bzw. Einüben in ästhetisch-kulturelle Symbolwelten. In ihnen begegnen die Individuen nicht nur Versatzstücken aus Symbolwelten verschiedenster Zeiten und Religionen, so wie Produktwerbung für Alltagsprodukte gern ästhetische und akustische Zitate aus der abendländischen und globalen Lebenswelt bzw. ästhetischen Kultur verwendet: Wer keine Ahnung von Mozart hat, der hat über Werbebotschaften längst Melodien von ihm im Ohr.

Andere Autoren greifen noch weiter aus, und da können dann auch Lebensqualität, Stadtplanung und ideelle Lebensgrundlage einbezogen werden. „Creative Placemaking is a project that is generating a lively conversation between the arts, urban development, arts funding, equity, and social justice: all important ingredients for more livable places.” (Flood, Bill; Wolfram, Gernot 257-263) 262) Das kann können bei einer kulturbasierten Stadtentwicklungsplanung auch in Gentrifizierung münden, muss dies aber nicht. Die Autoren reden von Creative Place Keeping, weil es auch „in sozial prekären Stadtvierteln bereits vielseitige kulturell Ressourcen gibt, die aktiviert werden können durch Einbezug der unterschiedlichen Menschen vor Ort“ (Mandel Einleitung 14).

Ähnlich argumentiert Lutz Liffers (Bremen). Er „zeigt aus stadtsoziologischer Sicht, wie kommunale Bildungslandschaften gestaltet werden müssen, um gleichberechtigte kulturelle Bildungschancen für alle Gruppen zu ermöglichen in heterogenen Stadtquartieren, die angesichts des Zusammenlebens von Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturräumen und Milieus zunehmend als 'super diverse' zu bezeichnen seien.“ (14) Liffers weiss: „Die Geschichte der Migration ist auch eine Geschichte der Stadtteilkulturarbeit“ (248). Erst durch „gemeinsame künstlerisch-kulturelle Auseinandersetzung“ bildet sich „urban Citizenship“. Weg von gutmeinenden ethnischen Diskursen und „defizitorientierter Sozialarbeit“ (14) wird „Superdiversity - Steilvorlage für die künstlerische Bildung in globalisierten Stadtteilen“ (247-256) „Die von Armut und Migration geprägten Quartiere sind also keinesfalls ‚abgehängt‘, sondern mittendrin in den Entwicklungen und sozialen Verwerfungen der globalen Gesellschaft.“ Das war seit den 1970er Jahren selbstverständlich. Margarethe Goldmann im Ruhrgebiet, Jean Hurstel in Lothringen und die soziokulturelle Animation gingen so vor, und ein aktuelles Format dafür sind in Berlin die „Kultursalons“ von Katrin Rohnstock in Berlin.

Mit dem Hinweis auf (Bremen-)Gröpelingen weckt Liffers Erinnerungen an wichtige frühere Projekte von „Kunst im öffentlichen Raum“. Wolfgang Zacharias schlägt mit 45 Jahre Spielkultur in München Brücken von jahrzehntelangen Erfahrungen zur „neuen Kulturpolitik“ (237). Erinnern kann man sich auch an das, was Ende der 1970er Jahre aus den USA berichtet wurde, als im Zuge von Jugendkrawallen anscheinend erstmals Kulturangebote in Ferienzeiten entwickelt wurden, mit denen Jugendliche eingebunden werden sollten (Eichler, Kurt: Zwischen Disneyland und Broadway. Kunst- und Kulturpolitik in den USA. In: Tendenzen 123/1979, S. 28 - 34) – damals tendenziell kritisiert als ein Beschwichtigungsprogramm der herrschenden Klassen.

Zu einer „partizipativen, transparenten Kulturentwicklungsplanung“ mit dem Anspruch der „Ermächtigung ganz unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen“ und nicht nur der Bildungseliten machen sich Patrick Föhl und Gernot Wolfram Gedanken (265-279). Sie zitieren wie Birgit Mandel das Programm „Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik“ (278).

So werden in diesem Band anregende kulturpolitische Handlungsfelder sichtbar, über die weiter nachzudenken lohnend ist.

kramer.doerscheid@web.de