KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2017
über Wolfgang Leyn:
Volkes Lied und Vater Staat. Die DDR-Folkszene 1976-1990
Ute Mohrmann
Eine kreative Szene der Jugendkultur
Wolfgang Leyn: Volkes Lied und Vater Staat. Die DDR-Folkszene 1976-1990
Ch. Links Verlag, Berlin 2016, 378 S., zahlr. Abb. und CD zum Buch, 35,00 €.

Der „Szene-Chronist“ Wolfgang Leyn, einer der Pioniere des Folk-Revivals in der DDR, legt mit diesem bisher wenig bekannten Kapitel der DDR-Kulturgeschichte ein außerordentlich interessantes Buch vor. Es wird seinen Platz in der Kulturgeschichtsschreibung behaupten. Dabei ist sein Erscheinen durchaus auch für die gegenwärtige Kulturpraxis aktuell, zumal jährlich zehntausende Besucher im Sommer zum Folk- und Tanzfest (TFF) nach Rudolstadt pilgern. Den Wenigsten wird die differenzierte Vorgeschichte des Festivals, vor allem auch die Entstehung des internationalen Folk-Revivals und insonderheit der Folkszene in der DDR bekannt sein. Mit dem Buch ist deren Geschichte bewahrt. Der Autor wertet das Verhältnis von Selbständigkeit und Abhängigkeit, von Eigensinn und Popularität der Folkszene im Kontext der sich wandelnden DDR-Kulturpolitik sachlich. Verzichtet wird auf theoretische Erörterungen und politische Pauschalisierungen, vielmehr macht die lesbare, lockere Beschreibung des Wirkens dieser kreativen Szene der Jugendkultur in der DDR den außerordentlichen Wert des Buches aus.

Wolfgang Leyn begann die Aufarbeitung mit Unterstützung vor allem des „Vordenkers der Szene“, Jürgen B. Wolff. 1997 fand die erste Ausstellung zum Thema satt. Mehrfach erweitert konnte sie - wie auch das gerade druckfertige Buch - 2016 zum Festival in Rudolstadt präsentiert werden.
Die Publikation behandelt die Geburtstunde und den Werdegang der DDR-Folkszene seit Mitte der 1970er Jahre, deren Repertoire und Instrumentarium sowie den Folktanz-Boom im letzten DDR-Jahrzehnt, implizit das ambivalente Verhältnis zu den Behörden, Förderung und Gängelung zugleich, sowie Chancen und Grenzen des öffentlichen Wirkens der „Folkies“, Auftritte, Zugang zu Rundfunk und Schallplatte. Zwei Mitautoren bringen Ergänzendes ein. Ralf Gehler, Volkskundler und Folkmusikant, schreibt sehr informativ über Dudelsackspiel und -bau. Der Szenekenner Reinhard Ständer stellt 70 Folk-Gruppenporträts vor. Ihnen folgen 9 Interviews von Akteuren, so u. a. von Stephan Krawczyk (Liederlich), Matthias Kießling (Wacholder) und Jürgen B. Wolff (Folkländer). Die Interviews gehören als eindrucksvolles Ergebnis zu einer Recherche, die Wolfgang Leyn 2009 mit einer Fragebogenaktion begonnen hatte. Den dokumentarischen Charakter der Publikation prägen darüber hinaus zwei Anlagen. Ein Lexikon enthält Stichwörter von A wie Amateur-Pappe über K wie Künstlerisches Volksschaffen und L wie Liederhefte bis zu Z wie Zentralhaus für Kulturarbeit. Eine Chronik der Jahre 1976 - 1990 ordnet Bandgründungen, Auftritte sowie Verbote, Festivals, Werkstätten, Auszeichnungen, Platteneinspielungen u. a. zeitlich ein.
Der Anhang beinhaltet über das Übliche hinaus z.B. Diskografie, Personenregister und eine umfassende Bibliographie. Zu Letzterer wäre ggf. ein Quellenverzeichnis hinzu zu fügen gewesen, aus dem z.B. explizit hervorgeht, dass das Schriftgut des Zentralhauses für Kulturarbeit der DDR im Archiv der Akademie der Künste aufbewahrt wird.

Der Buchinhalt zeigt Problematisierungen auf, die den Untersuchungsgegenstand in allgemeine Zusammenhänge der Kulturgeschichte, vor allem der politischen Kultur, einbetten. Der internationale Folk-Revival ging von den USA aus und beeinflusste seit den 1960er Jahren die Folk- und Protestsongs vor allem linksorientierter Studenten und Intellektueller in Europa. Ihr Rückgriff auf tradierte Volkslieder war eine kritische Rezeption, die Selektion, Umsingen und Aktualisierung sowie eine lebendige Vortrags- und Spielweise einschloss. Sind die Protagonisten Pete Seeger und Bob Dylan, auch die bundesdeutschen Folk- und Liedermacher von Franz Josef Degenhardt bis Hannes Wader als Initiativpersonen bekannt, so ist es das Verdienst Wolfgang Leyns, die DDR-spezifische Geschichte der Szene, mit Verweis auf ihre Vorgeschichte, in einer spannend verfassten Analyse vorgestellt zu haben. Sie beginnt mit den spontanen Gründungen der Singegruppen Mitte der sechziger Jahre und der schnell wachsenden Singebewegung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) mit ihrem Höhepunkt zu den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 in der DDR-Hauptstadt. Im Folgenden entstand eine zunächst informelle Liederszene unterschiedlicher Richtungen, darunter die an „Volkslied- und Volksmusik“ orientierten Folk-Gruppen, wie die Leipziger „Folkländer“ oder der Erfurter „Brummtopf“. In Folkwerkstätten und Folkfestivals wie in den örtlichen Spielstätten, den Studenten- und Jugendklubs, entfaltete sich eine breite, dabei differenzierte „Freizeitkunst“, die auch eine beachtliche professionelle Szene hervorbrachte. Die staatliche finanzielle Förderung war gegeben, paarte sich allerdings mit politischen Tabus, Kontrolle und Verboten, wie z.B. mit der Schließung des Clubs Malzhaus in Plauen.
Die Folksänger und -musiker wollten von „unten“ agieren, sich auflehnen, verändern helfen, dem Land etwas geben, was verloren gegangen war. Zu ihrem Standart-Repertoire gehörten sozialkritische Lieder, die sie aus dem Fundus überlieferter Volkslieder ausgruben. Schließlich stießen sie auf das zweibändige Werk von Wolfgang Steinitz „ Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten“, 1954 und 1962 in Berlin (Ost) erschienen. Die entdeckten aufmüpfigen Gesellenlieder, bitteren Bauernklagen oder Deserteurslieder trafen das Anliegen der Folkgruppen. In Ost und West galt der „Steinitz“ als „Bibel“ der Folkloristen, die die Überlieferungen in ihrer Doppelbödigkeit aktualisierten und mit einem originären Instrumentarium, mit Bandoneon, Gitarre, Mandoline, Fiedel, Hackbrett und Dudelsack folkloristisch „rückeroberten“. Die gesellige, vor allem die ästhetische und politische Wirkung blieb nicht aus. Wolfgang Leyn charakterisiert treffend den drastischen Gegensatz dieser kreativen Praxis zur offiziellen Folklorewelle. Der Rückgriff auf regionale Folklore und deren Förderung waren seit Mitte der 1970er Jahre in der DDR politisches Konzept, gerichtet auf Identität, regionale Verortung und Geborgenheit. Ein meist tümelnder Folklorismus konnte „fröhliche Urständ“ feiern. Die Folkszene war teils involviert, bot vor allem aber mit ihrem musikalischen Kontrastprogramm und dem aufgelebten Volkstanzboom ein völlig neues und willkommenes Freizeitangebot besonders für ein junges Publikum.
Mit dem Ende der DDR verschwanden die Träger der Kulturarbeit in Kommunen und Großbetrieben, so auch „Fördertopf und Gängelband“ wie es Wolfgang Leyn für die Folkloristen beschreibt. Die Folkszene wurde eine andere. Bemerkenswert, dass das Rudolstädter Festival 1991 gemeinsam mit der westdeutschen Szene neu konzipiert werden konnte. Es entwickelte sich bald zum größten Festival für Folk und Weltmusik in Deutschland und zu einem der wichtigsten in Europa.
Der Autor schenkt den Akteuren der DDR-Folkmusik mit dem Buch ein Stück Erinnerung an ernsthaftes künstlerisches Tun, an Muße, Kommunikation und Geselligkeit, an einen kreativen Teil ihres gelebten Jugendlebens.