KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2015
über Karin Manke und Philipp Sonntag (Hg.):
Zu Wahrheiten vereint
Volker Gransow
Eine fragwürdige Vereinigung - Zeitzeugnisse und Reflektionen
Karin Manke und Philipp Sonntag (Hg.): Zu Wahrheiten vereint. 4 Bände. Berlin (2009-2013). Beggerow Verlag. Bd. I 2008, 2. Aufl. 2009 (zitiert: I) ; Bd. II, 2011 (zitiert: II); Bd. III, 2013 (zitiert: III); Bd.IV, 2013 (zitiert: IV). Soll fortgesetzt werden.

Von Jahrzehnte nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten steht fest: institutionell hat die Symbiose weitgehend funktioniert, von Arbeitsamt bis Zuchthausverwaltung. Gesellschaftlich und kulturell könnte es aber etwas anders sein. So wird etwa bei der Lobpreisung der Tarifangleichung von Ost und West übersehen, dass in Ostdeutschland nur ein Fünftel der abhängig Beschäftigten überhaupt unter einen Tarif fällt. Implizit geht es dieser Schriftenreihe auch um so etwas, um eine fragwürdige Vereinigung – von zwei Staaten? Um ein Ostdeutschland, das seit 1945 zwischen Westdeutschland und Osteuropa eingeklemmt ist? Mit „deutschsprechenden Polen“, die aber nicht katholisch sind? Oder auch um die Beziehungen von Kulturen und Menschen mit gemeinsamen Vergangenheiten und Familien, aber nicht unbedingt – zumal im Wirbelwind kapitalistischer Globalisierungen?

Subjektive Wahrheiten?

1996 konstatierte Pfarrer Martin Richter aus Buckow, dass einige Menschen in Neu-Zittau und Gosen (Ostdeutschland) enttäuscht waren, weil es über sie keine Stasi-Berichte gab. Etwa gleichzeitig bemerkte Industriekauffrau Marlies Rüße aus Remscheid (Westdeutschland), dass der Ort Ribbeck im Havelland wirklich existiert. Das mag für viele Staatsfrauen und -männer irrelevant scheinen. Solche Beobachtungen beschreiben aber deutsche und internationale Realiät seit dem Epochenwandel 1989-92. Die Veränderungen der Mikrokosmen verdienen vielleicht genauso viel Aufmerksamkeit wie die globale Szenerie. Es ist das Verdienst der Herausgeber_innen und Autor_innen dieser Schriftenreihe, den Blick auf subjektive Wahrheiten zu richten. Karin Manke (Bibliothekarin aus Ost/Berlin-Treptow) hat im Tagebuch– und Erinnerungsarchiv Berlin – Treptow (TEA) Zeitzeugen aus Ost und West zusammengeführt und deren Beiträge zusammen mit Philipp Sonntag (Physiker aus West/Berlin-Friedenau) in bisher vier Bänden von „Zu Wahrheiten vereint“ dokumentiert .

Zeitzeugen und Historiker sind natürliche Feinde. Stimmt das? Carl Friedrich von Weizsäcker, Starnberger Mentor von Mitherausgeber Philipp Sonntag, bemerkte dazu: „Wenn ich einen Historiker sagen höre: 'Zeitzeugen lügen', so fürchte ich, dass er weitgehend recht hat. Nur sind Dokumente nicht besser. Auch sie lügen. Und sie sind insofern in einer schlechteren Lage als der lebende Zeitzeuge, als sie sich nicht wehren könne, wenn der Historiker sie falsch interpretiert. Schließlich ist der Historiker selbst oft die Quelle des Irrtums. Sein Standesethos verbietet ihm, bewusst zu lügen. Da er aber genau dieselben Motive zur Vereinfachung, zur Stilisierung, zur Unwahrheit angesichts unerwünschter Befunde hat, ist für ihn die Versuchung zur Selbsttäuschung sogar besonders groß“ [1].

Zu Wahrheiten vereint?

Der erste Band der Schriftenreihe ist, wie alle anderen auch, mit einem Vor- und Nachwort sowie Autoren-Kurzbiografien versehen . Er heißt „ Zu Wahrheiten vereint“ und beschreibt eine anhaltende Identitätskrise vor allem der ostdeutschen Autoren, die mit begrenztem Demokratieverständnis und Willkür in der DDR zusammenhängt, aber auch mit den Verlusterfahrungen am Ende der „Fürsorgediktatur“ (Konrad Jarausch). Im Blick zurück geht es etwa um den Sozialversicherungsausweis, das schwierige Einkaufen, die Erfahrung des noch in ARD, ZDF und DDR-Fernsehen (dann wieder DFF) geteilten Fernsehens (das Private TV, aber auch „arte“ kamen erst etwas später) oder der Technik im Osten. Neben kleineren Prosatexten stehen längere Berichte und Gedichte. Grenzmauer, Grenzüberschreitungen und Grenzöffnung werden breit thematisiert bis hin u.a. zum „Untergang meiner Insel Westberlin“. Dabei fand Ute Becker, eine Mitbegründerin des Grünen-Vorläufers „Alternative Liste“ in West-Berlin „meine Berliner Mitte wieder“ (I, S.286). Womöglich fanden andere ihren Wilmersdorfer oder Lichtenberger Kiez wieder – oder auch nicht mehr, etwa beim Bevölkerungsaustausch in Berlin–Prenzlauer Berg.

Vereint und geteilt?

Ist der Osten immer noch „befremdlich anders“-zumindest gemessen an westdeutschen Maßstäben [2]? Trotz staatlichem „Beitritt“ oder „Anschluss“ [3] scheint es für viele Menschen nicht nur in Ostdeutschland eine mental-kulturelle Teilung zu geben. Das ist der Anlass für die vorliegende Textsammlung. Man erzählt einander immer wieder Lebensgeschichten, die durch Lyrik und Reflektion abgerundet werden. Da finden sich u.a. Berichte über Grenze und Wende aus Duderstadt, Göttingen, Magdeburg, Neuenhagen, Salzwedel, Magdeburg und Zwickau. Wir erfahren etwas über Blickkontakte oder einen Ausflug nach Ecklingerode. Es geht inzwischen auch um „town stories“ und „telling Europe“ oder das Bundesverdienstkreuz, das gelegentlich anscheinend auch für kritisch- literarisches Nachdenken über Doppeldeutschland verliehen wird (II, S.122). Angeregt durch das größte europäische Tagebucharchiv in der Toskana beschlossen Autorinnen und Autoren inzwischen die Umwandlung und Ergänzung der „regulären“ Begegnungen in ein Archiv (TEA, Herrenhausstr. 19, 12487 Berlin, Tel. 030/5346673 Email ; II, S.188).

Soziologie mit Kafka – Marxismus mit Eagleton?

Ist Willkür in Ost und West äquivalent? Nach Ansicht des Rezensenten eher nicht. Es macht einen Unterschied, ob eine Gesellschaft politisch erzwungen werden soll oder ob wirtschaftlich-soziale Bedingungen die konstitutionell garantierte politische Freiheit zügeln. Tritt jemand freiwillig zurück (in den oberen Etagen, meist gelogen) oder ist sie oder er „zurückgetreten worden“ . Das ist das Thema des dritten Bandes. Hier geht es darum, wie man den Blick für kafkaeske Ungerechtigkeiten durch eine „Soziologie mit Kafka“ schult [4] oder überrascht feststellt, dass das Kommunistische Manifest aktueller sein könnte, als viele anzunehmen scheinen [5].

Mehr ehrlich als amtlich?

Die Aktivitäten des Treptower Archivs sind weitgehend ehrenamtlich. Das wird sich wohl auch mit dem in Arbeit befindlichen fünften Band der Schriftenreihe nicht ändern. Jeder Band kann für sich gelesen werden, auch der vierte mit dem Titel „Mehr ehrlich als amtlich“. Die manche Beobachter verblüffende Erkenntnis ist hier, dass viele Ehrenamtliche in Ost und West sich enorm einsetzen, während Institutionen und Behörden eher zurückhaltend sind – wenn nicht bremsend. So schließt der vierte Band mit einem Plädoyer für Grundeinkommen und Höchstlohn. Ist das realistisch oder utopisch [6]?

Perspektiven?

Es soll weitergehen: die nächsten Themen könnten u.a. sein: Kindheit und Jugend, künstlerische Identität, Frauenemanzipation, Migranten „oder was unseren Zeitzeugen – also euch – so einfällt ...“ (IV, S.138). Es geht also nicht nur um literarische oder zeitgeschichtliche Spitzenleistungen (die sind aber auch nicht ausgeschlossen), sondern um soziale und kulturelle Momentaufnahmen, nachdem hinreichend klar ist, dass Deutschland wieder eine Großmacht ist, wenn nicht gar eine „Weltmacht“-so heißt das Toilettenpapier in Heinrich Manns „Untertan“, zu besichtigen in Wolfgang Staudtes Ost-Verfilmung des Romans.

Anmerkungen

[1] Carl-Friedrich von Weizsäcker: Bewusstseinswandel, München 1988, S.304.

[2] Evamarie Badstübner: Befremdlich anders. Berlin 2000.

[3] Vgl. Jörg Roesler: Geschichte der DDR. Köln 2012.

[4] Vgl. Philipp Sonntag

[5] Vgl. Terry Eagleton: Why Marx was Right. New Haven 2011.

[6] Vgl. Richard Saage: Im Schatten Utopias. Utopische und kontraktualistische Elemente im Austromarxismus bei Max Adler und Otto Bauer. In: „perspektiven“ / 2009.