KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 21 • 2018 • Jg. 41 [16] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2015
über Ulrich Pietzsch:
Der kleine Wadenbeißer
Isolde Dietrich
Ein Bildermaler bestellt sein Haus
Ulrich Pietzsch: Der kleine Wadenbeißer. Eine Kindheit zwischen Oberwartha und Dresden. Husum Druck- und Verlagsgesellschaft 2015, 399 S., 16,95 €
Ullrich Pietzsch. Der Bildermaler. Werkverzeichnis 1970-2015. Stand: 31. März 2015, 2. Auflage, 229 S.

Die Kriegskinder bestellen ihr Haus, nicht nur im Sinne von Testament, Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. Viele ziehen Bilanz, versichern sich in der Retrospektive ihrer eigenen Person. So auch der Maler Ulrich Pietzsch, Jahrgang 1937. Vor vier Jahren gab Manfred Fortmann einen prächtigen Bildband über Leben und Werk dieses Künstlers heraus (vgl. Kummerlose Kunst in Kulturation 2011). Nun meldet sich der Meister selbst zu Wort. Er veröffentlicht ein Verzeichnis seiner Werke und einen autobiografischen Roman über seine Kindheit.

Nicht zufällig erscheinen Werkverzeichnis und Kindheitserinnerungen zum selben Zeitpunkt, korrespondieren sie doch miteinander. Verkürzt ließe sich sagen: Pietzsch schreibt, wie er malt und er malt, wie er schreibt: kleinräumig, heiter, liebevoll fabulierend – überwiegend innerhalb ländlicher Szenen. Die Welt und das Leben in ihr sind ihm gleichsam ein Garten Eden, ohne Not, ohne Gewalt, ohne Schrecken. Was für die Bilder gilt und als sehnsüchtiger Gegenentwurf zur Realität gesehen werden kann, trifft in gewisser Weise auch auf die Autobiografie zu. Pietzsch resümiert: „Wir Kinder haben eine wunderbare Kinderzeit mitten im großen Krieg.“ (S. 192) Kein schmerzliches Vermissen des zur Wehrmacht eingezogenen Vaters, denn der schickt der Mutter zunächst aus Frankreich Pakete, nicht wie andere Väter mit schönen Kleidern, Pelzmänteln, Lederstiefeln, Seidenstrümpfen, Kaffee oder Schokolade, sondern mit herrlichen Militaria – Stahlhelm, Feldstecher, Trommel, Säbel – alles Dinge, an denen sich das Knabenherz erfreut und das zum Krieg Spielen gerade richtig kommt. Kein Entsetzen, als am Faschingsdienstag 1945, einen Tag nach seinem achten Geburtstag das nahegelegene Dresden bombardiert wird: „Mir kommt alles so vor, als würde ich ein riesiges Feuerwerk erleben, wie auf der Kötzschenbrodaer Vogelwiese…“(S. 263). Kein Schock, als der Vater nach fünfjähriger Abwesenheit als fremder, kranker Mann heimkehrt, nur die stille Frage: „Das soll mein Vater sein?“ (S. 329) Diesen kindlichen Blick hat sich der Verfasser offenbar bis ins Alter bewahrt, eine erstaunliche Gabe, die durch ein Philosophiestudium vielleicht kultiviert, aber nicht erschüttert werden konnte.

Wer die Beschreibung der Kinderjahre in einem sächsischen Dorf gelesen hat, erkennt auf den Bildern des Malers all die Gestalten, Situationen und Orte wieder, die dem kleinen Jungen seinerzeit begegneten – im täglichen Leben oder in der Phantasie. Er hat dort auch mögliche Erklärungen für eine derart poetische Weltsicht gefunden. Das Fehlen von Vater und Geschwistern – Pietzsch wächst als Einzelkind heran -, die schlichte Pädagogik der Mutter, die sich um alles allein kümmern muss und nur gelegentlich tröstend oder mit ein paar Backpfeifen eingreift, lassen dem einsamen, oft ängstlichen Sohn hinreichend Raum für kleine Fluchten. Bei wirklicher Gefahr duckt er sich weg, um sich im nächsten Moment in ein neues Abenteuer zu stürzen. Die Kindheit – und damit das Buch – endet mit dem zwölften Lebensjahr. Vater und Sohn begegnen einander schließlich auf Augenhöhe, nachdem der Junge auf einer ausgedehnten Radtour zu Verwandten mithalten konnte. 300 Kilometer in zwei Tagen auf geborgten Rädern, das nötigt beiden Seiten Respekt ab. Die letzte Nagelprobe ist eine Fahrt ins völlig unbekannte Westberlin. Dorthin wird der Halbwüchsige geschickt, um ein Care-Paket für die Familie zu erstehen. Das gelingt, weil er sich bei allerlei Versuchungen, Widrigkeiten und Hindernissen zu helfen weiß. Der Dorfjunge hat endgültig „verstanden, auf was es im Leben ankommt“ (S. 397).

Bei der Lektüre drängt sich unwillkürlich der Vergleich mit anderen Künstler-Kindheitserinnerungen auf. Man denke nur an Albert Ebert, Theodor Fontane, Erich Kästner oder Hans Fallada. Alle bestätigen, was auch Ulrich Pietzsch beschreibt: Die entscheidenden Prägungen erfolgen in dieser Zeit, allerdings weniger durch vordergründige „Erziehung“, als vielmehr durch das Ausbleiben derselben oder im Widerstand gegen sie. Pädagogen mögen da anderer Auffassung sein. Wie dem auch sei: Alte Menschen neigen dazu, sich in Gedanken ihrer Kinderzeit zuzuwenden. Das gehört zum Abschied nehmen. Künstler machen da keine Ausnahme, und Ulrich Pietzsch legt mit seinem autobiografischen Roman ein lesenswertes Zeugnis davon ab, wie in den ersten Lebensjahren schon unbewusst alles Spätere angesteuert wird. Freilich geht er damit großzügig um. Wenn er etwa vermutet, die Liebe zur Natur sei ihm bereits bei der Zeugung einverleibt worden, weil es seine Eltern bei einem Waldspaziergang überkam und sie nicht mehr den Heimweg abwarten wollten. Doch das ist eben Ulrich Pietzsch, wie er leibt und lebt: naiv, witzig, skurril, frivol.

Noch verblüffender als die Niederschrift der Kindheitserinnerungen ist das Erstellen eines Werkverzeichnisses durch den Künstler selbst, tatkräftig unterstützt durch seine Frau Lydia Wolgina und durch etliche Sammler. Für einen, der immer seine Distanz zum offiziellen Kunstbetrieb betont hat, ist dies erstaunlich, meldet man doch mit solch einem traditionellen, quasi akademischen Instrument seinen Platz in der Kunstlandschaft an. In einem Werkverzeichnis steckt viel Wissen, Zeit und Energie. Jeder der einmal mit dieser Materie befasst war weiß, was dies für eine Sisyphusarbeit ist. Wenn plötzlich aus dem Nichts etwas Undatiertes auftaucht, gerät die mühsam geschaffene Ordnung ins Wanken, und man muss wieder von vorn beginnen. Oft erscheinen Werkverzeichnisse erst posthum, mitunter beschäftigen sie eine ganze Riege von Wissenschaftlern. Pietzsch hat diese Kärrnerarbeit auf sich genommen – nur böse Zungen behaupten: aus Geschäftsinteresse. Wahrscheinlich stand dahinter vor allem das Bedürfnis, sein Lebenswerk geordnet zu hinterlassen und sich dabei des eigenen Tuns zu vergewissern.

Das Werkverzeichnis führt für die Jahre 1970 bis 2015 etwa 3000 durchnummerierte Arbeiten auf, überwiegend Öl- und Acrylbilder, Aquarelle und Pastelle. Die gute Hälfte davon wird durch farbige Fotos dokumentiert – glücklicherweise nicht nur in Briefmarkengröße -, so dass man den Band auch als großartiges Bilderbuch zur Hand nehmen kann. Die beschriebenen Stücke tragen Titel und sind meist kleinformatig, nur ausnahmsweise stößt man auf Abmessungen über 100 Zentimeter. Soweit der Verbleib bekannt ist, werden die Besitzer genannt. Nachgewiesen werden ferner Weihnachtskarten und Plakate sowie 74 Ausstellungen (bis 2014).

Spätestens an dieser Stelle gerät der Leser ins Grübeln, weiß er doch, dass nach März 2015 weitere Ausstellungen liefen und laufen werden und dass auch Ulrich Pietzsch gewiss nach wie vor malt. So schön es ist, in den farbigen Seiten zu blättern – wünschenswert und sinnvoll wäre es, das Werkverzeichnis im Internet verfügbar zu machen. Es ließe sich dann jederzeit ergänzen und korrigieren, würde auch weit mehr Menschen erreichen als die Papierform.

Ulrich Pietzsch und seinem Werk gerecht zu werden, ist ein schwieriges Unterfangen. Kritiker kreiden ihm an, dass er in einer Welt voller Bedrohungen und Grausamkeiten billigen Trost spendet, indem er die Idylle malt. Andere monieren das Ewiggleiche seiner Themen und Techniken, die Scheu vor Experimenten. Wohlgesonnene sehen gerade in diesem Festhalten an naiver Schönheit und gleichsam kindlicher Lebensfreude, eben an einer „kummerlosen Kunst“, den großen Vorzug seiner Arbeiten. Die Szenen berühren den Betrachter und machen bewusst, was es zu verteidigen gilt. Vielleicht müssen diese Fragen gar nicht entschieden werden. Vertrauen wir einfach auf die Kraft der Bilder. Sie zu erschließen erleichtert uns Ulrich Pietzsch durch die nun vorgelegten Kindheitserinnerungen und durch sein Werkverzeichnis.