KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 23 • 2020 • Jg. 43 [18] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
 Start  Reports  Themen  Texte  Zeitdokumente  Kritik  Veranstaltungen 
 Editorial  Impressum  Redaktion  Forum  Suche 
RezensionKulturation 2015
über Hans-Joachim Schädlich:
Volker Gransow
Auf der Suche
Auf der Suche nach Catt


Von Volker Gransow



Rezension zu: Hans-Joachim Schädlich: „Catt . Ein Fragment. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Krista - Maria Schädlich." Leinen mit Lesebändchen, Verbrecher Verlag, Berlin 2015, 112 S. , 19 € , ISBN 978-3-95732-123-7 (auch als E-Book).


Die (Ost-) Deutsche Demokratische Republik ist institutionell der (West-) Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union seit Jahrzehnten beigetreten. Aber kultur- und zeitgeschichtlich führt sie weiter ein Eigenleben. War die DDR-Kulturpolitik eine „Propagierung des Banausentums“, wie ein Freund des Rezensenten einmal schrieb? Oder sollten im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands Fehler des Stalinismus teilweise vermieden werden ? Und gleichzeitig eine kulturelle Alternative zum (je nachdem) kapitalistisch – katholischen – konservativen – faschistoiden – parlamentarisch-demokratischen - bürgerlichenWest-Deutschland der Adenauer und Globke, aber auch des Willy Brandt und der Hildegard Hamm-Brücher geboten werden? Mitten hinein in diese Fragen führt das vorliegende Büchlein.


Dazu gehört, dass die Nachbemerungen fast so umfänglich sind wie der eigentliche Text. Krista Maria Schädlich, seinerzeit Ehefrau von Hans-Joachim Schädlich und heute Herausgeberin der Schädlich-Werkausgabe, erzählt die spannende Geschichte des Romanfragments. Warum konnte der Text nicht erscheinen? Welche Rolle spielten die inoffiziellen ost – westdeutschen Schriftstellertreffen vor und nach der Ausbürgerung eines damals eher links-alternativen, heute rechts-konservativen Liedermachers 1976? Das Nachwort vermittelt einen Eindruck von der Entstehungsgeschichte des „Romanfragments“ („Novelle“ wäre wohl auch passend) und den Bemühungen des Autors, das Manuskript in Ostdeutschland herauszubringen. Dabei ist Krista – Maria Schädlich vielleicht ein wenig unfair gegenüber jenen Rostocker Lektoren, die brieflich (es gab noch keine Email) und mündlich mit dem Verfasser diskutierten, der spät vom Linguisten zum Prosaisten geworden war. Sie schreibt von den „Verbiegungen... die die DDR von einem Schriftsteller,wenn er verlegt zu werden wünschte, gefordert hat“ (S.67). Krista-Maria Schädlich zeigt unter Umständen aber entgegen ihren Intentionen, wie sich das Lektorat um seinen Autor sorgte. Das führt vielleicht zum Vergleich mit heute, wo Lektorinnen und Lektoren eine aussterbende Spezies sein mögen und analog zum Selfie jede/r etwas ins Internet stellen und unter Umständen auch korrigieren kann bzw. muss – der aber erfolglos ist oder der Macht des „Marktes“ und von Big Business ausgesetzt sein kann.


Es geht in dem in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstandenen Konvolut, das heute als Vorlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt wird, um eine junge Taxifahrerin in Ostberlin. Namens Catt.­ Sie ist eigentlich Schriftstellerin, fährt die Droschke mehr als Job. Sie sucht Freundin Janina, Assistentin am Kunsthistorischen Institut. Die ist plötzlich verschwunden. Catt schreibt Janinas Geschichte. Aber forscht sie nur nach Janina? Vielleicht auch nach Catt selbst ? Dabei gelingen treffende Beobachtungen des ostdeutschen Alltagslebens , wo keine/r unter Brücken schlafen musste , aber „Leute beglaubigte Bünde schließen , weil sie Wohnungen brauchen“ (S.62). Catt bekommt heraus, dass Janina einen Geliebten in Westberlin hatte, der den Behörden – Beamten im Kalten Krieg ein Dorn im Auge war. In diesem Sinn beschreibt Schädlich kafkaeske Situationen mit einer lakonischen Sprache, die ihresgleichen sucht. An Kafka erinnert auch der fragmentarische Charakter des Textes, obwohl Schädlich anders als Kafka in einer deutschen Sprachumwelt lebte bzw. lebt. Das Buch ist sehr lesens- und empfehlenswert.


Ein Teilstück wurde bereits an anderer Stelle publiziert. Das Fragment wird in alter Rechtschreibung wiedergegeben, das Nachwort hingegen in neuer. Lektorat (Kristina Wengorz) und Satz (Christian Walter) wirken sorgfältig, desgleichen Druck und Bindung. Der Gratulation zum 80. Geburtstag des Verfassers möchte sich der Rezensent anschließen. Er lernte Schädlich bei eine Konferenz in Washington (DC/USA) kennen, wo dem Dichter erst einmal die Lederjacke gestohlen wurde (1).


Fußnote


(1) Vgl. Volker Gransow: Provinzialismus oder Weltliteratur? DDR-Literaturgeschichte in Washington. In: „Deutschland Archiv“, H.4 / 1989 (Zitat: „Dann aber trug der ehemalige DDR-Autor Hans-Joachim Schädlich (jetzt West-Berlin) seine Analyse eines Textes aus einem DDR-Lexikon vor, die an Schärfe nichts zu wünschen ließ. Für Schädlich gab es am diktatorischen Charakter nichts zu deuteln. Peinliches Schweigen folgte...“, S.437).