KULTURATIONOnline Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik
Nr. 18 • 2015 • Jg. 38 [13] • ISSN 1610-8329
Herausgeberin: Kulturinitiative 89
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RezensionKulturation 2015
über
Gründungsinitiative Stiftung Königsheide (Hrsg.):
Ein Heim – und doch ein Zuhause? Heimkinder und Zeitzeugen erzählen
Philipp Sonntag
Das größte Kinderheim der DDR
Gründungsinitiative Stiftung Königsheide (Hrsg.): Ein Heim – und doch ein Zuhause? Heim-Echo Band I: Heimkinder und Zeitzeugen erzählen. Beggerow Verlag, 352 Seiten; brosch.; 2015; ISBN-Nr. 978-3-936103-38-0; 14,90 €.

Das Buch berichtet über das Kinderheim Königsheide/A. S. Makarenko in Berlin-Johannisthal, das größte Kinderheim der DDR. Dort waren über vier Jahrzehnte laufend etwa 600 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 18 Jahren. Es galt als Vorzeigeheim der DDR. Es umfasste ein etwa 12 Hektar großes Gelände mit vier Wohnhäusern, einem Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude, einem Ambulatorium und einer Säuglings- und Kleinstkinderstation, zwei Schulen, einer Turnhalle, einem Sportplatz, einem Planschbecken, einer Freilichtbühne, einem kleinen Heim-Zoo und weiteren Gebäuden.

Das Leben in Heimen (weltweit) wird in der Gesellschaft, besonders in der Wissenschaft höchst kontrovers diskutiert. Vom Leben eines Heimkindes in der DDR war bisher kaum etwas bekannt. Mutmaßungen zu diesem Thema in den Medien geraten leicht zwischen verwirrend und ideologisch vor-verurteilend. Da kann vor allem ein Buch hilfreich sein, in dem eine Fülle von Zeitzeugen in einem behutsamen Umfeld frei von Ideologie spontan berichten, was sie selbst erlebt haben. Sie erzählen von ihrer Kindheit und ihren Erlebnissen - vom Glück, Leid und/oder der Bedrängnis ihrer jeweils individuellen Heimsituation. Schicksale, Vorgeschichten, subjektive Erlebnisse werden spontan geschildert. Aus der Gesamtheit vermutbare objektive Wahrheiten lassen sich erahnen, bedürfen weiterer Recherchen – und aufmerksamer Wissenschaft.

Heimkinder, Erzieher und Lehrer hatten einen Verein „Königsheider Eichhörnchen e. V.“ gegründet. Die „Gründungsinitiative Stiftung Königsheide“ hat dann mit enormem Engagement, mit einer Vielzahl von Recherchen dafür gesorgt, dass eine große Anzahl von Berichten überhaupt gelingen konnte. Gute und schlechte Erfahrungen stehen ungehindert nebeneinander. Das Resultat zeigt realistisch: So wie sich das Leben in der gesamten DDR im Laufe ihres Bestehens veränderte, so veränderte sich auch das Leben im größten Kinderheim dieses untergegangenen Staates.

Beeindruckend wird deutlich, was viele engagierte und tüchtige Erzieher trotz gesellschaftlich enger Vorgaben und geringer Finanzmittel geschafft haben. Ebenso ist erschreckend, wie es mehrfach geschehen konnte, dass verschreckte Kinder auf unverständige Erzieher trafen, welche keineswegs die ersehnte Geborgenheit geben konnten. Die Traumata, die langfristig stark wirkenden Frustrationen früherer Heimkinder sind atemberaubend. Ursachen sind die Umstände und es sind die betreuenden Menschen als Individuen. Viele negative und positive Auswirkungen beruhten auf mehr oder eben minder Verständnis von Erziehern, Lehrern, Betreuern. Der Erfolg hing nicht nur ab von beklemmenden Gewohnheiten und teils ideologisch geprägten Lehrmeinungen bei Verwaltungen – sondern immer auch vom individuellen Einsatz und dessen pädagogischen Vorgaben – eine globale Erfahrung. Noch dazu konnten selbst bei den Kindern bestimmte Erfahrungen „gemischte Gefühle“ auslösen, so heißt es (S. 284) bei der Betrachtung von Fotoalben:

So entdecke ich ängstliche und fröhliche Kinder in einem Hubschrauber: „Ja“, sagt er (Peter Kersten, ein Erzieher der Bilder aufbewahrte), „das war der Gewinn von einem Wettbewerb zum Thema Umweltschutz. Die ganze Gruppe war sehr stolz, dass sie einen Hubschrauberflug gewonnen hatte. Als dann jeder einzelne in den Hubschrauber stieg, war ihm doch mulmig, denn selbst für mich war es der erste Flug.“

Im Buch sind „Geschichten der Herausgeber“ aufschlussreich, dazu gehört ein Erfahrungsbericht von Marion Baumann (S. 295 ff.) „Unglaublich, aber wahr“. Sie recherchiert „was da eigentlich bei einer Adoption auf unterschiedlichen Ebenen passiert“. Und sie adoptiert und betreut selber Kinder. „Knapp 40 Jahre später“ berichtet sie, wie sie selbst in der Jugendhilfe arbeitet und sie gibt

„Einblick in das Seelenleben der Mütter, die ihre Kinder aus unterschiedlichsten Gründen abgeben“, … junge Mütter, die scheinbar unbemerkt von der Drehscheibe abgekommen sind … irgendwie haben sie es nie wieder geschafft, da wieder raus zu kommen. Sie können zu nichts und niemandem mehr Vertrauen aufbauen. Ihren Schmerz betäuben sie mit Drogen und anderen Suchtmitteln. Sie lieben ihre Kinder und es ist ihnen sehr wichtig, dass es ihnen gut geht, haben aber jeden Bezug zu ihnen verloren.“

Und was können die betroffenen Kinder? Marion Baumann hat oft versucht zu vermitteln: „Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich wütend oder gelähmt vor Hilfs- und Fassungslosigkeit war, was diese Mütter ihren Kindern eigentlich angetan haben, aber ihre Kinder sollten ihre Wurzeln kennen, damit ihnen Flügel wachsen können.“

Heimkinder wären in der Regel überfordert, wenn sie selbst über ihre Erfahrungen berichten sollten. Viele mutige Autoren haben sie interviewt, haben ihnen einfühlsam zugehört und authentische Berichte geschrieben. Das ist eine seelische Anstrengung, welche für einfühlsame Menschen die Grenzen des Erträglichen durchaus überschreiten kann, so noch dazu ein zweites Mal beim Umsetzen des Gehörten in einen lesbaren Text. Eine harte Arbeit!

In unserer Gesellschaft werden Manager von Sachverhalten hoch bezahlt, hingegen verständige Sozialarbeiter, Betreuer die den Kindern nahe sind vergleichsweise dürftig – oder sie müssen sich ehrenamtlich in der Freizeit einsetzen. Ein Beispiel berichtet Marion Baumann ebenfalls bei „Geschichten der Herausgeber“ über „Sabrina Knüppel – Einsatz für die Königsheider – Engagement und Vision“: Sie hilft geduldig früheren Heimkindern in der Sprechstunde des Vereins Königsheider Eichhörnchen e. V. (S. 315):

„Sei es bei der Beantragung von Leistungen aus dem Heimfonds, der Suche nach Verwandten, Einsicht in ihre Heimakte oder der Suche nach Gruppenangehörigen aus ihrer Heimzeit. Immer wieder treten Situationen auf, da gibt sie Kraft, da gibt sie Hoffnung, da fängt sie Verzweiflung auf oder erteilt einfach nur einen Rat.“

Sabrina Knüppels Fazit (S. 314):

So mannigfaltig die tausenden Geschichten dieses größten Kinderheims der DDR sind, so unterschiedlich auch die Erinnerungen.“

www.philipp-sonntag.de